Bist du ein „ganzer Mann“? Wie Männer ihren Männlichkeitsstatus verdienen und beweisen.

Dennoch gibt es wenigstens ein paar Bereiche, in denen auch Weiblichkeit verloren werden kann? Elternschaft scheint ein möglicher Bereich zu sein. Laut dem Mutterschaftsauftrag (Russo, 1976) tragen Frauen Kinder aus und ziehen sie groß, eine Erwartung, die über historische Epochen und Kulturgrenzen hinweg gleich ist. Daher haben wir uns gefragt, ob eine Frau, die keine Kinder hat, ihre Weiblichkeit in den Augen anderer verlieren kann – in der gleichen Weise, wie Männer ihre Männlichkeit verlieren können.

Bild von beachbodydc via Pixabay (https://pixabay.com/de/modell-fitness-muskeln-k%C3%B6rper-abs-1877208/), CCO (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Um diese Frage zu beantworten, haben wir US-CollegestudentInnen gebeten auszuwählen, welches von mehreren visuellen Bildern am besten das psychologische Profil eines Erwachsenen, der keine Kinder haben kann, darstellt (Vandello et al., 2008). Die Hälfte unserer TeilnehmerInnen las zuerst die Beschreibung einer Frau, Anne, die nicht schwanger werden konnte. Die andere Hälfte las über einen Mann, John, der nicht zeugungsfähig war. Nach dem Lesen der Beschreibung wählten die TeilnehmerInnen ein Bild aus, das Anne oder John darstellen sollte. Die Menge der möglichen Bilder enthielt einen attraktiven und einen unattraktiven Erwachsenen, so wie ein Kind; alle hatten das gleiche Geschlecht wie die/der zuvor beschriebene Erwachsene (Anne oder John). Die anderen Bilder waren abstrakt und in beiden Bedingungen gleich. Unser hauptsächliches Interesse galt der Häufigkeit, mit der die Menschen das Bild des Kindes auswählten, um die unfruchtbare Frau zu repräsentieren. Das heißt, wenn eine Frau ihren Mutterschaftsauftrag nicht erfüllen kann und somit keine echte Frau mehr ist, sollte sie von anderen als ein Mädchen charakterisiert werden. Im Gegenteil, der größte Prozentsatz der TeilnehmerInnen (28 %), die das Profil von Anne gelesen hatten, repräsentierten sie mit dem Bild einer unattraktiven Frau. Nur 16 % wählten das Bild des Mädchens. Bei denen, die das Profil von John gelesen hatten, wählte hingegen der größte Prozentsatz (40 %) das Bild eines Jungens aus, um ihn zu repräsentieren. Dies deutet darauf hin, dass Frauen, die ihren Mutterschaftsauftrag verletzen, womöglich als mit Makeln behaftet angesehen werden – das heißt, körperlich unattraktiv, – aber sie werden trotzdem noch als Frauen anerkannt. Zu beachten ist, dass es interessant ist, dass die TeilnehmerInnen das Bild einer unattraktiven Frau wählten, um eine unfruchtbare Frau darzustellen. Dieser Trend könnte eine implizite Tendenz widerspiegeln, nämlich körperliche Schönheit von Frauen als Anzeichen für Fruchtbarkeit zu interpretieren (Buss, 1989), oder eine generelle Tendenz, das Auftreten von Frauen mit ihrem Gesamtwert und ihrer Würde gleichzusetzen (Fredrickson & Roberts, 1997). Unabhängig davon sind unsere Befunde mit der Vorstellung vereinbar, dass der Weiblichkeitsstatus nicht so mühsam ist wie der Status des Mannes, selbst wenn es um Bereiche geht, die als sehr wichtig für Frauen betrachtet werden.

Auswirkungen auf aggressive Verhaltensweisen

Egal, von welcher Seite man es betrachtet – Morde, Rate der Gewaltverbrechen, im Labor erzeugte Aggression, – Männer sind körperlich aggressiver als Frauen (Bettencourt & Miller, 1996; Eagly & Steffen, 1986). Obwohl die Gründe für diese Disparität komplex und mannigfaltig sind, nehmen wir an, dass Männer bisweilen körperliche Aggressivität nutzen, um ihre Männlichkeit wiederherzustellen. Um diese Annahme zu testen, bedrohten wir die Männlichkeit einiger Männer, indem wir sie dabei filmten, wie sie eine typisch weibliche Tätigkeit, das Flechten des Haares einer Schaufensterpuppe, ausübten (Bosson, Vandello, Burnaford, Weaver & Wasti, 2009). Andere männliche Studienteilnehmer wurden bei ähnlichen, nicht die Männlichkeit in Frage stellenden Tätigkeiten gefilmt (Flechten von drei Seilsträngen). Danach gaben wir ihnen die Möglichkeit, eine Aktivität ihrer Wahl auszuüben – entweder eine Denksportaufgabe zu lösen oder auf ein Schlagpolster einzuschlagen. Falls Männer Aggressivität zeigen, um ihre bedrohte Männlichkeit zu schützen, sollten Männer, die Haare geflochten haben, häufiger das Schlagpolster wählen als Männer, die ein Seil geflochten haben. Das ist exakt das, was wir beobachteten. Während 50 % der Männer, die das Haarstyling ausübten, als Folgeaufgabe das Schlagpolster wählten, entschieden sich nur 22 % von denen, die das Seil geflochten hatten, für die Schlagtätigkeit.

Eine bedrohte Männlichkeit motivierte Männer nicht nur zu körperlich aggressiven Verhaltensweisen. In einem Folgeexperiment schlugen Männer tatsächlich härter auf das Schlagpolster ein, wenn dies auf die Männlichkeitsbedrohung (Hairstyling-Aufgabe) folgte, verglichen zu einer nicht bedrohlichen vorhergegangenen Aufgabe. In einer weiteren Studie ließen wir US-Collegestudenten die Hairstyling-Aufgabe durchführen und die Hälfte von ihnen auf ein Schlagpolster einschlagen. Die andere Hälfte machte die Hairstyling-Aufgabe und wartete dann mehrere Minuten ohne eine weitere Aufgabe. Schließlich füllten alle Männer einen Fragebogen zur Erfassung von Ängsten aus. Die Ergebnisse zeigten, dass Männer, die das Schlagkissen nach der Männlichkeitsbedrohung hauen durften, geringere Werte auf der Angst-Skala hatten als diejenigen, die nicht schlagen durften. Dies deutet darauf hin, dass körperlich aggressives Verhalten die Angst bezüglich des Verlusts der Männlichkeit, resultierend aus der Ausübung femininer Tätigkeiten, lindern kann. Insgesamt deuten diese Ergebnisse darauf hin, dass körperlich aggressive Verhaltensweisen ein wirksames Mittel sind, um verletzte Männlichkeit wiederherzustellen. Natürlich gibt es zahlreiche andere potenzielle Gründe für männliche körperliche Aggressivität, wie biologische Faktoren, gesellschaftliche Gründe und anderer situativer Druck. Dennoch, die Erinnerung daran, dass Männlichkeit zuweilen unsicher ist, könnte Männer dazu motivieren, körperlich aggressiv zu werden, selbst wenn keine anderen Gründe dazu verleiten.

Bild von PublicDomainPictures via Pixabay (https://pixabay.com/de/baby-kinder-niedlich-vater-papa-22194/) , CCO (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Schließlich ist es wichtig zu beachten, dass die Studienteilnehmer in all unseren Studien eine ziemlich homogene Gruppe darstellten. Sie waren in der Regel im Alter zwischen 18 und 30 Jahren, und fast 90 % von ihnen identifizierten sich als „ausschließlich heterosexuell“. Darüber hinaus waren 60 % weiß (etwa 15 % schwarz, 15 % lateinamerikanisch und 5 % asiatisch-amerikanisch). Wenn möglich, haben wir die Antworten von Männern verglichen, die sich in Alter, sexueller Ausrichtung und ethnischer Zugehörigkeit unterschieden und fanden nur wenige Abweichungen zwischen den Gruppen. Es ist jedoch möglich, dass unsere Studienteilnehmer einfach zu homogen waren, um wirkliche Unterschiede erkennen zu können. Deshalb können wir weder mit Sicherheit sagen, dass die Überzeugung, dass Männlichkeit unsicher ist, universell ist – noch wissen wir, wie Männer mit unterschiedlichem Alter, Sexualität, Rasse/ethnischen Gruppen auf Bedrohungen ihrer Männlichkeit, wie wir sie nutzten, reagieren. Mit dieser Frage muss sich weitere Forschung beschäftigen.

Einige Erklärungen

Bis jetzt bin ich davon ausgegangen, dass Männlichkeit prekärer als Weiblichkeit ist, aber ich vermag keine Erklärung dafür zu liefern, warum dies der Fall sein könnte. Leider ist das eine sehr komplizierte Frage, die meine MitarbeiterInnen und ich nicht beantworten können und zu der wir nur Vermutungen anstellen können. Eine Möglichkeit ist, dass Überzeugungen über Männlichkeit Anpassungen an ein früheres soziales Umfeld widerspiegeln, in dem Männer miteinander um fruchtbare weibliche Partnerinnen konkurrierten (Buss & Schmitt, 1993; Trivers, 1972). Evolutionstheorien postulieren, dass der Reproduktionserfolg unserer Ahnen eng mit ihrem sozialen Status in der Gruppe zusammenhing, aber dieser Status konnte leicht durch stärkere und besser qualifizierte KonkurrentInnen angezweifelt werden. Daher entwickelten Männer einen Hang zur intensiven Beschäftigung mit dem Erreichen und Erhalten des sozialen Status, weil die Vorfahren, die besonders achtsam mit ihrem sozialen Status waren, erfolgreicher attraktive GeschlechtspartnerInnen anwarben. Eine andere Möglichkeit ist, dass die Wurzeln der unsicheren Männlichkeit in der traditionsreichen geschlechtlichen Arbeitsteilung liegt (Eagly & Wood, 1999). Da Männer geschichtlich gesehen soziale Rollen belegen, die Statusstreben und Ressourcenakquise involvieren, neigen Menschen dazu, Männlichkeit mit Fähigkeiten wie Konkurrenzdenken, Verteidigung und Bemühungen, ihren Status „zu beweisen“, zu verbinden. Das heißt, der Status der Männlichkeit wird erfüllt, wenn Männer Fähigkeiten verkörpern, die sie benötigen, um die ihnen zugewiesenen gesellschaftlichen Rollen zu erfüllen. Natürlich rechtfertigen diese Perspektiven nicht die Legitimität der Überzeugung, dass Männlichkeit unsicher ist. Wenn überhaupt geben sie nur eine mögliche Erklärung dafür, warum wir als Kultur weiterhin Jungen und Männer lehren, dass sie dafür kämpfen müssen, ein Mann zu werden und ebenso darum, ein „echtes“ Mitglied ihres Geschlechts zu bleiben.

Fazit

Der Alltag ist voller Beispiele für die Angst der Männer, ihre männliche Geschlechterrolle zu verletzen. Freunde und Ehemänner weigern sich, „Frauenfilme“ im Kino zu sehen; Pop-Musik-Fans verheimlichen ihre Vorliebe für bestimmte Künstler („Ich habe viele männliche Freunde, die Adam Lambert mögen, aber sie wollen nicht, dass Leute denken, sie seien homosexuell“); und viele Männer vermeiden entschieden Hobbys und Berufe wie Stricken, Backen und Mode. Wenn wir mit diesen Alltagsbeispielen konfrontiert werden, kann es verlockend sein, die einzelnen Menschen für ihre Ängste verantwortlich zu machen. Aber wie der Artikel hier nahelegt, könnte es jedoch sein, dass uns der Blick auf das große Ganze dabei fehlt. Männer – sogar diejenigen, die sich in ihrer Männlichkeit „sicher“ fühlen, – wissen, dass Männlichkeit unsicher ist und dass sie ihren Männlichkeitsstatus zu jedem Zeitpunkt in den Augen anderer verlieren können. Bis der weitverbreitete Glaube, dass Männlichkeit schwer zu halten und vergänglich ist, sich ändert, ist es unrealistisch zu erwarten, dass der durchschnittliche Mann Geschlechtsrollennormen ohne Sorge verletzen wird.

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