Die Bedeutung der menschlichen Intelligenz im 21. Jahrhundert

Wissenschaftlich nicht haltbar ist auch der Mythos, besonders begabte Menschen hätten mehr soziale oder psychische Probleme als ihre Mitmenschen bzw. wenn besonders Hochbegabte tatsächlich als sozial unangepasste „Nerds“ erscheinen, ist das in der Regel als Folge unverständiger Reaktionen der Umwelt auf das Verhalten Hochbegabter und nicht als Begleiterscheinung einer sehr hohen Intelligenz zu interpretieren (siehe Winner, 1998). Inzwischen zeigen viele Studien, dass selbst Hochbegabte – von wenigen Ausnahmen abgesehen – ihren Weg gleich gut oder oft sogar besser durchs Leben finden als andere. Besonders beeindruckend ist in dieser Hinsicht die amerikanische Längsschnittstudie „Study of Mathematically Precocious Youth (SMPY)“ von David Lubinski und Kolleginnen/Kollegen (Lubinski, Benbow, Webb & Bleske-Rechek, 2006), die selbst im Vergleich Hochbegabter (oberste 2 %) mit Höchstbegabten (oberste 0.1 %) noch zeigen konnten, dass diese Unterschiede noch für den späteren Berufserfolg relevant sind. Dies widerlegt die häufig postulierten „Schwellenmodelle“ der Intelligenz: Nach einer Version solcher Modelle sei Intelligenz nur bis zu einem IQ von 120 relevant, darüber hinaus würden andere Faktoren wichtiger werden (Wissen, Fleiß, etc. s.o.). Nach einer anderen Schwellenmodellvariante würde der Zusammenhang zwischen Intelligenz und Kreativität nur bis zu einem Schwellenwert bestehen, das heißt Intelligenz wäre eine Voraussetzung für Kreativität nur bis IQ 120, darüber hinaus würde ein Mehr an Intelligenz kein Mehr an Kreativität mehr bedeuten. Auch dieser Einwand wurde jüngst empirisch entkräftet (Jauk, Benedek, Dunst & Neubauer, 2013): Wenn man nicht einfach kreative (Alltags-)Aktivitäten, sondern tatsächlich erreichte und bedeutsame kreative Leistungen (Publikationen, Kompositionen, Ausstellungen, Erfindungen, Patente, etc.) betrachtet, spielt Intelligenz auch im Bereich über 120 noch eine bedeutsame Rolle.

4. Das Zusammenwirken von Genen und Umwelt macht den Unterschied

Die Wissenschaft hat noch nicht alle Rätsel der Intelligenzentwicklung gelöst, aber schon eine ganze Reihe. Inzwischen ist unstrittig, dass Intelligenzunterschiede in hoch entwickelten Gesellschaften zu einem großen Teil auf Unterschiede in der genetischen Ausstattung zurückzuführen sind (für einen Überblick siehe Deary, Johnson & Houlihan, 2009). Es gibt nicht das Intelligenz-Gen, aber ein Orchester von Genen bestimmt maßgeblich unsere geistigen Fähigkeiten. Die Gene legen unser Intelligenzpotenzial fest. In welchem Ausmaß es zum Tragen kommt, entscheidet die Umwelt. Hier ist die Analogie zur Pflanzenwelt hilfreich: Auch Weizensamen produzieren genetisch bedingt unterschiedlich große und ertragreiche Weizenähren. Diese genetisch bedingten Unterschiede werden aber gering ausfallen, wenn die Umweltbedingungen hinsichtlich Sonne, Wasser und Bodenqualität ungünstig sind, hingegen werden die Unterschiede zwischen genetisch unterschiedlichen Weizensamen umso unterschiedlicher ausfallen, je günstiger diese Umweltbedingungen sind. In Zwillingsstudien wurde ermittelt, dass die Unterschiede zwischen Menschen in der Intelligenz in etwa zu 50 bis 80 Prozent durch Unterschiede in den Genen erklärbar sind; der verbleibende Rest auf 100 Prozent ist durch die unterschiedlichen Umwelteinflüsse zurückzuführen. Zu der großen Bandbreite dieser prozentualen Einflüsse kommt es aufgrund von Unterschieden in den untersuchten Gruppen. Je mehr k© Deutsche Verlags-Anstaltognitive Entwicklungsmöglichkeiten die Teilnehmerinnen/Teilnehmer einer Studie hatten bzw. je mehr die Umweltbedingungen fair und gleich für alle waren und sind, desto stärker zeigen sich genetisch bedingte Intelligenzunterschiede. Wenn alle Menschen die exakt gleichen Chancen hätten, ihr genetisches Potenzial in Bezug auf kognitives Lernen umzusetzen, dann wären die immer noch beobachtbaren Unterschiede in der Lernfähigkeit der Menschen zu 100 Prozent durch ihre genetische Ausstattung bedingt (siehe Stern & Neubauer, 2013, Kap. 4).

Die Vererbung der Intelligenzunterschiede führt aber nicht dazu, dass einzelne Familien oder Gruppen immer intelligenter oder immer weniger intelligent würden. Von Generation zu Generation werden die Gene neu gemischt und dabei gibt es eher eine Tendenz zur Mitte als zu den Extremen. Deshalb ist die Angst, weniger intelligente Zuwanderer könnten unseren Genpool gefährden, unbegründet.

5. Die Bedeutung der Frühförderung wird gleichzeitig überschätzt und unterschätzt

Während der Schwangerschaft und – wenn das Umfeld nicht gestört ist – auch im Säuglingsalter sorgt die Natur in beeindruckender Weise für eine intelligenzförderliche Entwicklung des Nachwuchses. Der Hype um die Frühförderung ist unseres Erachtens weit überzogen, empirisch lassen sich hier bislang keine verlässlichen Effekte nachweisen (Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, 2014). Kleine Kinder brauchen Nahrung sowie körperliche und emotionale Wärme von sprechenden Bezugspersonen. Die leider auch von manchen Wissenschaftlerinnen/Wissenschaftlern verbreitete Angst, es würden sich früh sogenannte Entwicklungsfenster schließen, hat sich als grundlos erwiesen. Mangelnde Fürsorge aber kann sich fatal auswirken. Kinder, um die sich bis zum Alter von zwei Jahren niemand gekümmert hat, das zeigen Studien mit osteuropäischen Waisinnen/Waisen, können ihr Intelligenzpotenzial auch in fürsorglichen Adoptionsfamilien später nicht mehr voll entfalten (Nelson, Fox & Zeanah, 2013). Auch im Kleinkindalter ist kein spezielles Intelligenztraining vonnöten. Emotional dem Kind zugewandte Personen, die mit ihm spielerisch die Welt erkunden, reichen aus. Als sinnvoll haben sich Unterstützungsprogramme für Kinder in sozialen Brennpunkten erwiesen, die die Eltern einbeziehen. Von etwa vier Jahren an, das zeigen Studien zur Intelligenzentwicklung, profitieren die Kinder von einer intellektuell reizvollen Umgebung. Weiterhin spielerisch kommen die Kinder geistig voran, wenn man mit ihnen Mensch-ärgere-Dich-nicht und Memory spielt oder Geschichten vorliest. Von einem kindgerechten Bildungsangebot in einem guten Kindergarten profitieren sowohl Kinder aus sogenannten bildungsfernen Familien als auch Kinder aus Bildungsbürgerfamilien. Die einen bekommen auf diesem Weg überhaupt die Chance, bestimmte Kompetenzen zu erwerben, während die anderen soziale Lerngelegenheiten erhalten, die eine Kleinfamilie nicht bieten kann. 

6. Der Schulunterricht macht den Unterschied

Alle Menschen brauchen schulische Bildung, um ihre Intelligenz, so wie wir sie in westlichen Gesellschaften definieren, zu entwickeln. Die Schule entscheidet letztendlich darüber, wie gut ein Kind sein genetisches Intelligenzpotenzial entfalten kann (Stern & Neubauer, 2013, Kap. 4). Daher muss das Lernen in der Grundschule genauso überdacht werden wie der Zeitpunkt des Übergangs aufs Gymnasium oder andere weiterführende Schulen. Inhaltlich anspruchsvoller Unterricht von fachlich und didaktisch gut ausgebildeten Lehrerinnen/Lehrern ist für alle Kinder, unabhängig von ihrer Intelligenz, unabdingbar (Hattie, 2009). Obgleich es Sinn macht, dass bis zu diesem Zeitpunkt (und ggf. noch etwas länger, bis zum 14. Lebensjahr) alle Schülerinnen/Schüler gemeinsam unterrichtet werden, müssen Lehrerinnen/Lehrer trotzdem die unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten im Blick haben, den weniger intelligenten Kindern mehr Zeit lassen und den intelligenteren Kindern mit Zusatzaufgaben mehr Denkfutter geben.

Sowohl aus Sicht der Intelligenzforschung als auch der Neurowissenschaften wäre die Trennung der Kinder in Gymnasiasten und andere Schüler frühestens ab der siebenten Klasse sinnvoll, weil es sonst Spätentwicklerinnen/Spätentwickler womöglich nicht aufs Gymnasium schaffen, während „getrimmte“ Kinder zu Unrecht dort landen. Eine Verlängerung der Grundschulzeit in Deutschland und Österreich setzt aber voraus, dass a) die Lehrerinnen/Lehrer geschult werden, konstruktiv mit der Diversität umzugehen und b) die Grundschullehrerinnen/Grundschullehrer fachlich gut genug ausgebildet sind, um auch Sechstklässlerinnen/Sechstklässlern anspruchsvollen Unterricht zu erteilen (Stern & Neubauer, 2013). Eine bloße Ausweitung der Grundschulzeit nützt gar nichts.

Bildungsdebatten fokussieren immer noch zu sehr auf (organisatorische) Rahmenbedingungen. Äußerlichkeiten wie zum Beispiel Gesamtschule versus gegliedertes Schulsystem dominieren immer noch zu sehr die öffentlichen Debatten. Viel wichtiger für die Kompetenzentwicklung der Schülerinnen/Schüler ist ein anspruchsvoller Unterricht von Lehrerinnen/Lehrern, die an den individuellen Fähigkeiten der Schülerinnen/Schüler anknüpfen können. Erst wenn der Unterricht stimmt, kann man überlegen, unter welchen Bedingungen er sein Optimum entfalten kann. Das Geheimnis der finnischen Schulen ist nicht etwa, dass sie eine Gemeinschaftsschule ist, sondern eine strenge Selektion beim Lehrerstudium: Nur etwa jede/jeder zehnte Interessentin/Interessent wird zugelassen (Sahlberg, 2011). Auch wenn man das in den deutschsprachigen Ländern nicht einfach nachahmen kann, sollten durch entsprechende Eignungstests vor dem Studium Personen mit eindeutig kontraproduktiven Persönlichkeitseigenschaften, wie zum Beispiel hohe Introvertiertheit oder emotionale Labilität (Hanfstingl & Mayr, 2007) vom Lehrerstudium ferngehalten werden.

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