Die Kontakthypothese: Wie Kontakt Vorurteile reduzieren und die Integration Geflüchteter fördern kann

  • Eine Zusammenarbeit an gemeinsamen Zielen wird beispielsweise durch eine schnelle Integration von Geflüchteten in das Arbeitsleben gewährleistet. Auch eine gemeinsame Gestaltung des direkten Lebensumfelds (z. B. die Gestaltung von Innenhöfen oder Parks) bedeutet, sich für gemeinsame Ziele zu engagieren. Gemeinsame Ziele können auch das Reparieren von Fahrrädern (siehe Bild 3) oder anderer Gegenstände in sogenannten RepairCafés sein.Abbildung 3: Zusammenarbeit an einem gemeinsamen Ziel: Der Berliner Verein Rückenwind e.V. (http://rueckenwind.berlin) repariert Fahrräder mit und für Geflüchtete. Quelle: http://rueckenwind.berlin/de/galerie/Abbildung 3: Zusammenarbeit an einem gemeinsamen Ziel: Der Berliner Verein Rückenwind e.V. (http://rueckenwind.berlin) repariert Fahrräder mit und für Geflüchtete. Quelle: http://rueckenwind.berlin/de/galerie/
  • Möchte man Kontakt auf gleicher Augenhöhe fördern, sollte man bei ehrenamtlichen Tätigkeiten eher auf Sprach-Tandems setzten, bei denen ein gegenseitiges Lernen möglich ist, als auf die Verteilung von Kleidung, bei der die Ehrenamtlichen automatisch einen höheren Status haben als die Geflüchteten. Ein Umdenken von abhängigkeitsorientiertem Helfen zu autonomieorientiertem Helfen könnte dafür hilfreich sein (Nadler, 2002). Bei abhängigkeitsorientierter Hilfe wird den Betroffenen die komplette Lösung für ihr Problem präsentiert. Diese Form von Hilfe erfordert keinerlei Beitrag der Betroffenen und hält deren Abhängigkeit aufrecht. Autonomieorientiertes Helfen beschreibt dagegen das Bereitstellen von Mitteln, damit die Betroffenen ihre Probleme selbst lösen können. Während die Verteilung von Kleidung, bei der die Geflüchteten häufig kaum Mitspracherecht haben, ein Beispiel für abhängigkeitsorientierte Hilfe ist, ist die Ermöglichung eines Studiums eine Form von autonomieorientierter Hilfe (Becker et al., 2016).
  • Unterstützung von Institutionen und Autoritäten ist beispielsweise durch eine öffentlichkeitswirksame Unterstützung von Kontaktprogrammen durch Regierungen, Behörden und angesehene Organisationen (z. B. Universitäten, Sportvereine oder Kirchen) gegeben. Auch den einzelnen Kommunen kommt eine besondere Verantwortung zu, Kontaktmöglichkeiten sinnvoll zu unterstützen. Dabei hat es sich als hilfreich herausgestellt, wenn Kommunen eine „zeitschonende“ Vernetzung der Ehrenamtlichen erleichtern und ihnen Freiheiten bei der Gestaltung der ehrenamtlichen Tätigkeit lassen, anstatt sie auf „ZuarbeiterInnen“ zu reduzieren (Aumüller, 2016).

Abbildung 4: Ein Beispiel für institutionelle Unterstützung: Der Kreis-Sport-Bund Paderborn (www.ksb-paderborn.de) setzt sich für gemeinsamen Sport von Geflüchteten und Einheimischen ein. Quelle: http://www.ksb-paderborn.de/nachrichten/nachrichtendetails.html?tx_ttnews[tt_news]=19&cHash=9a6baef0a6d4d5c00936a4b2d54c7183

Aber auch wenn diese optimalen Bedingungen nicht gegeben sind, kann Kontakt Vorurteile reduzieren (Pettigrew & Tropp, 2006). Überhaupt Kontaktmöglichkeiten zu schaffen, scheint daher die wichtigste Maßnahme zu sein, um Spannungen zwischen Gruppen zu vermeiden. Die Unterbringung einzelner Flüchtlingsfamilien in bestehenden Wohnhäusern (sogenannte dezentrale Unterbringung) ist demnach ratsamer als die Unterbringung in großen und vergleichsweise isolierten Flüchtlingsunterkünften (sogenannte zentrale Unterbringung).

Wenn man die bisher zusammengefasste Forschung betrachtet, scheint es, als könne man bei der Gestaltung von Kontaktinterventionen nicht viel falsch machen. Eine wichtige Bedingung für die vorurteilsreduzierende Wirkung von Kontakt gibt es aber doch: Der Kontakt sollte nicht als negativ erlebt werden. Zu negativem Kontakt (dasheißt Kontakt, der als negativ erlebt wird) führten Graf, Paolini und Rubin (2014) eine Studie mit 1276 europäischen Studierenden durch. Diejenigen, die negativen Kontakt zu einem bzw. einer VertreterIn eines Nachbarstaates berichteten, hatten eine besonders negative Einstellung gegenüber der gesamten Bevölkerungsgruppe. Auch Menschen in Deutschland, die über negativen Kontakt mit Geflüchteten berichten, haben besonders starke Vorbehalte gegenüber der Aufnahme von Geflüchteten (Landmann et al., 2016). Dies verdeutlicht, wie wichtig es ist, negativen Interaktionen vorzubeugen. Um negativen Kontakt zwischen Geflüchteten und MitarbeiterInnen in Flüchtlingsunterkünften und Verwaltungen zu vermeiden, könnten interkulturelle Trainings für MitarbeiterInnen und eine flächendeckende Supervision hilfreich sein. 

Was tun, wenn jemand keinen Kontakt möchte?

Ein Problem des direkten Kontakts (das heißt von persönlichen Interaktionen) ist, dass diejenigen, die besonders starke Vorurteile haben, normalerweise wenig aufgeschlossen gegenüber der Idee sind, Kontakt mit der entsprechenden Gruppe aufzunehmen. Die Wirkung von indirektem Kontakt (das heißt vermittelt über andere Personen oder Medien) ist daher besonders interessant. Tatsächlich können das Beobachten einer positiven Interaktion in den Medien oder der Bericht eines bzw. einer Bekannten über seine bzw. ihre persönlich erlebten Kontakte mit Geflüchteten auch Vorurteile reduzieren (Dovidio, Eller, & Hewstone, 2011; Lemmer & Wagner, 2015). Wahrscheinlich wirken Ehrenamtliche, die über ihre Erlebnisse mit Geflüchteten berichten, auf ihr soziales Umfeld wie MultiplikatorInnen. Bekannte und Verwandte, die zuhören, verändern ihre Meinung über Geflüchtete durch diesen indirekten Kontakt. Lehrkräfte in Schulen und Prominente in den Medien könnten dabei eine wichtige Rolle spielen. 

Kritisch angemerkt werden muss, dass nicht klar ist, ob durch Kontakt weniger Gewalttaten zu erwarten sind und ob Alltagsdiskriminierung merklich nachlässt. Die meisten Studien zur Kontakthypothese beziehen sich auf Vorurteile (z. B. Pettigrew & Tropp, 2006) oder Verhaltensabsichten (z. B. Wagner et al., 2008), aber nicht auf tatsächliches Verhalten. Es ist also zu erwarten, dass Kontakt zu Geflüchteten zu einer insgesamt positiveren Einstellung gegenüber Geflüchteten führt und es bleibt zu hoffen, dass sich diese positive Einstellung auch in tatsächlichem Verhalten zeigt. Zudem ist Kontakt nur eine von vielen Einflüssen auf Vorurteile. Daher kann man nicht davon ausgehen, dass durch Kontakt Vorurteile komplett verschwinden. Wahrscheinlicher ist, dass auch nach Kontakt mit Geflüchteten einige Menschen noch immer eine kritische Einstellung gegenüber Geflüchteten zeigen. Diese ist aber sehr wahrscheinlich positiver, als wenn kein Kontakt stattgefunden hätte. 

Zusammengenommen legt die Forschung zur Kontakthypothese nahe, dass Kontakt zwischen Deutschen und Geflüchteten gegenseitige Vorurteile reduzieren kann. Mit geeigneten Entscheidungen über die Unterbringung der Geflüchteten, die Integration in den Arbeitsmarkt, die Möglichkeit zur gemeinsamen Gestaltung öffentlicher Plätze, die Gestaltung ehrenamtlicher Tätigkeiten und die entsprechende Schulung von SozialarbeiterInnen und Verwaltungspersonal, kann die Stimmung gegenüber Geflüchteten maßgeblich verbessert werden. Und auch auf die Einstellung der Geflüchteten sollte sich dieser Kontakt auswirken. Denn Kontakt wirkt nicht nur auf die Aufnahmegesellschaft vorurteilsreduzierend, sondern auch auf die jeweilige Minderheit (Lemmer & Wagner, 2015; Tropp & Pettigrew, 2005). Das heißt, durch Kontakt zwischen Geflüchteten und Menschen, die schon lange in Deutschland leben, verändert sich auch die Einstellung der Geflüchteten gegenüber den Einheimischen. Es liegt nahe, dass dies die Integrationsanstrengungen der Geflüchteten verstärkt. Wenn wir möglichst viele positive Kontaktpunkte schaffen, sollte die Integration sowohl durch positivere Einstellungen der Einheimischen als auch der Geflüchteten wesentlich erleichtert werden.

Referenzen

Adesokan, A. A., Ullrich, J., van Dick, R., & Tropp, L. R. (2011). Diversity beliefs as moderator of the contact–prejudice relationship. Social Psychology, 42(4), 271-278. doi: 10.1027/1864-9335/a000058

Allport, G. W. (1954). The nature of prejudice. Oxford, UK: Addison-Wesley

ARD Deutschlandtrend (Oktober 2015). https://www.tagesschau.de/inland/deutschlandtrend-409.pdf

Aumüller, J. (2016). Kommunale Integration von Flüchtlingen: Konzepte und Praktiken. Neue Praxis, 2016(13), 106-114. Abrufbar unter http://sowiport.gesis.org/search/id/dzi-solit-000227640 

Becker, J., Ksenofontov, I., Benz, A., & Borgert, L. (2017). Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber Geflüchteten. In A. Rohmann, & S. Stürmer (Hrsg.), Die Flüchtlingsdebatte in Deutschland – Sozialpsychologische Perspektiven. Beiträge zur Angewandten Psychologie, Band 2. Frankfurt: Peter Lang. Manuskript im Erscheinen

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