Geschlecht als individuelles Merkmal oder als soziale Kategorie?

Ein weiterer Forschungsansatz untersucht den Einfluss von männlichen und weiblichen Verhaltensmodellen in der Familie, der Gruppe der Gleichaltrigen oder in den Medien. Durch die Beobachtung von anderen Jungen und Mädchen (Männern und Frauen) werden allgemeine Regeln über das für das jeweilige Geschlecht situationsangemessene Verhalten und die damit verbundenen Verhaltenskonsequenzen gelernt (Bandura, 1986). So erkennt z. B. ein heranwachsendes Mädchen im Verhalten seiner Mutter, seiner Lehrerin, seiner großen Schwester und weiterer weiblicher Verhaltensmodelle eine Reihe von Gemeinsamkeiten, die es aufgrund der gleichen Geschlechtszugehörigkeit der Modelle als weibliches Verhalten anzusehen lernt und, da es sich selbst als weiblich einordnet, als eigenes Verhalten übernimmt. Einen ähnlichen Einfluss haben die männlichen und weiblichen ProtagonistInnen in Kinder- und Jugendbüchern.

In einem Längsschnittprojekt von Trautner (1992) wurden die Mütter und Väter der untersuchten Grundschulkinder außer nach den Erziehungszielen für ihre Söhne und Töchter unter anderem auch nach der häuslichen Arbeitsteilung und nach den gemeinsamen Aktivitäten mit ihren Kindern gefragt. Während die Erziehungsziele nicht ausgeprägt geschlechtsspezifisch verschieden waren, war die berichtete Rollenverteilung der Eltern, die die Kinder tagtäglich mitbekamen, durchgehend stark mit dem Elterngeschlecht verknüpft.

Die Konzepte und Einstellungen der Kinder sowie ihr Spielverhalten spiegelten entsprechend die täglich von den Kindern wahrgenommenen Rollenmodelle der Eltern direkt wider.

 

 (4) Geschlechterzusammensetzung interagierender Dyaden oder Gruppen

In einem weiteren Forschungsansatz werden Interaktionen von zwei Personen oder von Personengruppen untersucht und die Variation des Verhaltens der VersuchsteilnehmerInnen in Abhängigkeit von der Geschlechterzusammensetzung der Paare oder Gruppen analysiert. Die Salienz des Geschlechts ist in einer gemischtgeschlechtlichen Gruppe größer als in einer geschlechtshomogenen Gruppe.

In einer Untersuchung von Trautner (1995) wurde das Spielverhalten von jeweils zwei Vorschulkindern in Abhängigkeit von der Geschlechtszusammensetzung der Paare untersucht. Vier bis sechs Jahre alte Paare von Jungen, Paare von Mädchen und gemischte Paare von Jungen und Mädchen wurden beim Spiel mit Playmobil beobachtet. Erwartungskonform war das Spiel der Jungen generell geschlechtsstereotyper als das Spiel der Mädchen. Bei beiden Geschlechtern nahm die Stereotypizität des Spiels jedoch in gemischtgeschlechtlichen Paaren signifikant zu. Wurde das Spielmaterial so gestaltet, dass die verwendeten männlichen und weiblichen Spielfiguren und Gegenstände mehrfach vorhanden waren, näherte sich das Spiel der Jungen und Mädchen einander an. Außerdem wurden die Mädchen in ihrem Spiel durch die Anwesenheit eines Spielpartners generell weniger beeinflusst als die Jungen.

Athenstaedt, Haas und Schwab (2004) fanden bei erwachsenen Männern und Frauen Zusammenhänge zwischen dem Geschlechtsrollen- Selbstkonzept und der Geschlechterzusammensetzung von Dyaden. Männer und Frauen schrieben sich in einer gemischtgeschlechtlichen Dyade mehr positive maskuline Eigenschaften zu als in einer gleichgeschlechtlichen Dyade. Beide Geschlechter schrieben sich außerdem mehr negative maskuline Eigenschaften zu, wenn sie mit Männern interagierten, als wenn sie mit Frauen interagierten.

 

 (5) Geschlechtertrennung

Ab dem Kindergartenalter bis zur Adoleszenz entwickelt sich eine wachsende gegenseitige Abgrenzung und Trennung der beiden Geschlechter (Maccoby, 2000). Sie zeigt sichTrennung der Geschlechter. Foto: Private Aufnahme der Autoren. Isfahan, 2017.Trennung der Geschlechter. Foto: Private Aufnahme der Autoren. Isfahan, 2017. z. B. in den Spielgruppen im Kindergarten (die Bauecke für Jungen, die Puppenecke für Mädchen). Vierjährige spielen dreimal so häufig mit gleichgeschlechtlichen wie mit gegengeschlechtlichen Kindern, Sechsjährige bereits elfmal so häufig (Rohrmann, 2008). Das Phänomen der Geschlechtertrennung ist ein weiterer Beleg für die Konzeption des Geschlechts als soziale Kategorie, weil die Präferenz für die eigene Geschlechtsgruppe und die Abgrenzung von der anderen Geschlechtsgruppe sich weitgehend unabhängig von der individuellen Ausprägung der Geschlechtstypisierung entwickeln.

Reine Jungen- und Mädchengruppen unterscheiden sich in ihrer Größe und den Orten, an denen sie sich treffen, in ihren bevorzugten Aktivitäten und ihren charakteristischen Interaktionsstilen (Maccoby, 2000). Die in reinen Jungen- und Mädchengruppen sich entwickelnden Interaktionsstile tragen wesentlich zur Entstehung und Aufrechterhaltung einer Geschlechterdifferenzierung bei (Rohrmann, 2008). Das Ausmaß der Bevorzugung von PartnerInnen der eigenen oder der anderen Geschlechtsgruppe kann jedoch je nach der Art der Aktivität variieren. Geht es z. B. darum, gemeinsam Hausaufgaben zu erledigen oder Plätzchen zu backen, werden bevorzugt Mädchen gewählt. Ist eine Hütte zu bauen oder will man sich gemeinsam einen Gruselfilm ansehen, sind die Jungen bevorzugte Partner (Trautner, 1992).

Von besonderer Bedeutung ist die Geschlechtertrennung auch im schulischen Kontext. So werden z. B. sowohl das Selbstkonzept als auch die schulischen Interessen von Mädchen dadurch beeinflusst, ob sie in reinen Mädchenklassen oder koedukativ unterrichtet werden (Hannover, 2008).

 

 (6) Geschlechterverteilung

Besonders aufschlussreich für die Untersuchung von Geschlechtsunterschieden unter der Perspektive des Geschlechts als einer sozialen Kategorie ist auch die Betrachtung der prozentualen Anteile von männlichen und weiblichen Personen in verschiedenen sozialen Rollen und Kontexten, z. B. die auffällig unterschiedliche Verteilung der Geschlechter in naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Fächern, in technischen Berufen und Sozialberufen oder in Führungspositionen in Universitäten und in der Industrie.
Schon in den schulischen Kurswahlen zeigt sich diese Asymmetrie. Wenn beispielsweise ausschließlich Begabungs- und Leistungsunterschiede schulischen Kurswahlen zugrunde liegen würden, müssten sich Schülerinnen und Schüler etwa zu gleichen Anteilen in Mathematik- und Physik-Leistungskursen wiederfinden. Tatsächlich ist das Verhältnis in den Leistungskursen Mathematik und Physik an deutschen Gymnasien 1:3 bzw. 1:6 (Hannover, 2008, S. 346).

Ähnlich müsste bei der gegebenen Gleichverteilung weiblicher und männlicher HochschulabsolventInnen die Hälfte aller Professuren an deutschen Universitäten mit Frauen besetzt sein. Der Frauenanteil betrug im Jahr 2015 jedoch nur 23 % (Statistisches Bundesamt vom 14.07.2016). Die Unterrepräsentanz von Frauen in den genannten Bereichen steht zwar auch im Zusammenhang mit rollenkonformen Interessen und Motivationen von Mädchen und Frauen, dürfte aber, was die Berufsrollen betrifft, ganz wesentlich mit der nur schwer zu realisierenden Vereinbarkeit von Beruf und Familie zusammenhängen (Hollstein, 2004).
Einen Erklärungsansatz für die beobachteten Geschlechtsunterschiede in Berufen oder im Zusammenhang mit Tätigkeiten im Alltag liefert die Soziale-Rollen-Theorie von Alice Eagly (Eagly & Wood, 2011). Anstatt Frauen und Männern überdauernde Persönlichkeitseigenschaften zuzuschreiben, die sie dazu prädestinieren, unterschiedliche Rollen auszuführen, kehrt sie das Verhältnis von Persönlichkeitseigenschaften und Rollenmerkmalen um. Die Geschlechtsunterschiede in den genannten Bereichen werden nicht mit unterschiedlichen geschlechtstypischen Dispositionen von Frauen und Männern erklärt, sondern mit der im Laufe der Geschichte entstandenen unterschiedlichen Verteilung von Frauen und Männern auf soziale Rollen entlang der Dimensionen Status und Macht. Je höher das Prestige und das Einkommen des betreffenden Berufs sind, desto stärker ist der Beruf mit männlich stereotypisierten Eigenschaften und Fähigkeiten verknüpft und desto höher ist der Männeranteil in dem betreffenden Beruf. Erst durch die unterschiedliche Verteilung von Männern und Frauen auf soziale Rollen, wie z. B. auf bestimmte Berufe, passen sich die Geschlechter nach Eagly in ihren psychischen Eigenschaften an ihre „vorgegebenen“ Rollen an. Verbunden ist damit die Annahme, dass die psychischen Geschlechtsunterschiede, z. B. männliche Instrumentalität und weibliche Expressivität, bei einer Gleichverteilung von Männern und Frauen auf soziale Rollen mit hohem und niedrigem Status allmählich verschwinden müssten.

Ausblick

Es wurde gezeigt, dass Forschungsansätze, die das Geschlecht als eine soziale Kategorie betrachten, gegenüber Ansätzen, die von individuellen Dispositionen ausgehen, besser geeignet sind, die durch eine Status und Geschlecht. Foto: 089photoshootings via Pixabay (https://pixabay.com/photos/men-employees-suit-work-greeting-1979261/, CC: https://pixabay.com/service/terms/#license)Status und Geschlecht. Foto: 089photoshootings via Pixabay (https://pixabay.com/photos/men-employees-suit-work-greeting-1979261/, CC: https://pixabay.com/service/terms/#license)ausgeprägte Geschlechterdifferenzierung gekennzeichnete soziale Realität zu beschreiben und zu erklären. Dass meist Frauen den Haushalt führen und für die Kinderbetreuung zuständig sind, ist z. B. nicht primär ein Resultat individueller psychischer Voraussetzungen von Frauen, sondern eher ein Ergebnis der gesellschaftlich vorgegebenen Geschlechterrollen und der strukturellen Bedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Welche Frauen sich unter den gegebenen Bedingungen für den Hausfrauenstatus und welche sich für eine Verbindung von Beruf und Familie entscheiden, mag dann wiederum von individuellen psychischen Voraussetzungen abhängen, die aber nicht auf Frauen insgesamt verallgemeinert werden dürfen.