Geschlechterunterschiede in der Wahrnehmung sexueller Erregung

Viele Autoren gehen umgekehrt auch davon aus, dass es eine Prädisposition bei Männern gibt, motivational stärker auf sexuelle Reize zu reagieren als Frauen (z. B. Buss, 2015). Schließlich seien die evolutionären Kosten eines fehlgeleiteten Kopulationsversuchs für Männer deutlich geringer als einer verpassten Paarung. Ersterer kann jederzeit abgebrochen werden, wenn er nicht erfolgsversprechend ist, das Letztere führt zu einer verpassten Chance der Fortpflanzung. Da sich evolutionär die Strategien durchsetzen, die das Überleben und die Fortpflanzung sichern, ist also eine hohe motivationale Komponente bei der Sexualität bei Männern verständlich. Frauen tragen dagegen die deutlich höheren Kosten einer Kopulation. Der vollzogene Geschlechtsakt kann zur Schwangerschaft führen und damit zu einer Belastung für mindestens neun Monate, so dass eine selektivere Strategie für Frauen Sinn ergibt. Selbst wenn der evolutionär hoch konservierte Mechanismus der sexuellen Erregung anspringt, wenn ein attraktiver potentieller Sexualpartner auftaucht, ist es sinnvoll, dem sexuellen Impuls nicht sofort nachzugeben, sondern nochmals das Handeln kritisch zu hinterfragen. Daher ist eine Entkopplung der physiologischen und subjektiven Reaktion für Frauen evolutionär durchaus von Vorteil. Dies reduziert die motivationale Komponente der physiologischen Reaktion und ermöglicht eine flexiblere Partnerwahlstrategie.

Neben evolutionären Ursachen scheint ein weiterer Unterschied in der Anatomie der Geschlechter zu liegen. Während das männliche Genital extern angelegt ist und eine physiologische Veränderung vom Besitzer sofort registriert wird, ist dies beim weiblichen Geschlecht nicht der Fall. Mehr Durchblutung des Penis führt zu einer Erektion, die bei Kontakt mit Kleidung deutlich spürbar und je nach Kontext auch deutlich sichtbar ist. Die Assoziation von erlebter Erregung und genitalphysiologischer Veränderung wird dadurch mit jeder Erektion gestärkt. Eine Veränderung in der Vagina ist dagegen größtenteils intern und wird nicht in diesem Ausmaß gespürt und schon gar nicht gesehen. Das heißt, dass hier die Assoziation zwischen genitalphysiologischer und erlebter Erregung deutlich schwächer ist, da nicht jedes Auftreten einer physiologischen Reaktion sofort gespürt und bewertet wird (Pennebaker & Roberts, 1992).

Zusätzlich werden Männer kulturell ermutigt, Dinge, die sie sexuell erregend finden, zu benennen und diese Erregung zum Ausdruck zu bringen. Sie werden ermutigt mit (heteronormativer) Sexualität zu experimentieren und sich „die Hörner abzustoßen“. Frauen erhalten dagegen häufiger gemischte Rückmeldungen. Sie werden gleichzeitig ermutigt, sich „sexy“ zu präsentieren und dafür mit Attributen wie „leicht zu haben“ belegt, wenn sie es tun. Dieser Doppelstandard kann dazu führen, dass sexuelle Erregung, die individuell als positiv bewertet wird, auf gesellschaftlicher Ebene sanktioniert wird und ein Ausleben dieser Sexualität unterdrückt wird (Baranowski & Hecht, 2015). Zusätzlich kann diese Diskrepanz von gesellschaftlichen Erwartungen und innerem Erleben über das, was erregend ist, zu einer solchen Verunsicherung führen, so dass dem eigenen Körpergefühl nicht mehr getraut wird. Die Konsequenz kann eine stärkere Entkopplung von genitalphysiologischer und erlebter Erregung sein. Dies kann zusätzlich dazu führen, dass weibliche Versuchsteilnehmer in Experimenten aufgrund gesellschaftlicher Erwartungen falsche Angaben über ihren Erregungszustand machen, da Sanktionen in Form von negativen Bewertungen der VersuchsleiterInnen befürchtet werden (Alexander & Fischer, 2003). Die Folgen sind ein größerer Messfehler und eine noch geringere Konkordanz, als das bei einer unverfälschten Rückmeldung der Fall wäre.

Selbstberichte werfen daher die berechtigte Frage auf, wie nah diese Einschätzungen wirklich an die erlebte sexuelle Erregung kommen. In verschiedenen Studien werden unterschiedliche Instrumente benutzt, um erlebte Erregung zu erheben und besonders in einem so sensiblen Bereich wie der Sexualität gibt es Tendenzen zu sozial erwünschten Antworten. Trotz aller ausgefeilten Forschungsmethoden scheint aber das einfache Nachfragen immer noch die beste Annäherung an individuelles Erleben zu sein. Ein Design, das ehrliches Antworten unterstützt und die Zusicherung absoluter Anonymität sind dabei jedoch unabdingbar.

Entgegen der weitläufigen Meinung ist die Konkordanz bei Männern übrigens auch nicht 100 % und kann situationsabhängig stark variieren. Eine Metaanalyse, die den Zusammenhang zwischen physiologischer und subjektiver Erregung in 132 Studien verglich, fand eine Übereinstimmung der beiden Werte von 44 % bei Männern und 7 % bei Frauen (Chivers, Seto, Lalumière, Laan & Grimbos, 2010). Auch dieses Ergebnis zeigt noch einmal deutlich, dass die genitalphysiologische und erlebte Erregung durch zwei Systeme gesteuert wird, die bis zu einem gewissen Grad unabhängig voneinander operieren.

Am besten lässt sich der Geschlechterunterschied in der Konkordanz also so erklären: Der physiologische Erregungsprozess selbst scheint evolutionär hoch konserviert zu sein und sich bei Männern und Frauen kaum zu unterscheiden. Allerdings reagieren Männer auf Grund der evolutionär geringeren „Kosten“ motivational stärker auf sexuelle Reize, während Frauen zum Schutz innerer Geschlechtsorgane auf visuelle sexuelle Reize unabhängig von der eigentlich empfundenen Erregung mit Lubrikation reagieren. Durch die spezifische Anatomie und durch gesellschaftliche Einflüsse lernen Männer, ihre physiologische Reaktion und ihre erlebte Erregung besser in Einklang zu bringen. Frauen lernen dagegen schon früh, nicht ihren körperlichen Reaktionen zu trauen, da diese oft im Kontrast zu gesellschaftlich erwarteten Reaktionen stehen.

Zukünftige Studien werden sich stärker mit der berichteten Erregung und dessen Interaktion mit der Physiologie auseinandersetzen müssen. Während der rein physiologische Vorgang mittlerweile gut verstanden ist (siehe z. B. Viagra), ist das Entstehen der erlebten Lust und der beteiligten Komponenten immer noch unzureichend aufgeklärt. Ein besseres Verständnis würde Möglichkeiten der Intervention bei sexuellen Störungen, besonders bei deutlich erhöhtem ( Hypersexualität) und Mangel ( Hyposexualität) an sexuellem Verlangen, bieten.

Literatur

Alexander, M. G., & Fisher, T. D. (2003). Truth and consequences: Using the bogus pipeline to examine sex differences in self reported sexuality. Journal of Sex Research, 40, 27–35.

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Buss, D. M. (2015). Evolutionary Psychology: The New Science of the Mind(5thed.).Upper Saddle River, NJ: Prentice Hall.

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