Gewalt erzeugt Mediengewalt - oder umgekehrt? Über den Zusammenhang von Aggression und der Nutzung digitaler Spiele

Unklare Befundlage und verhärtete Fronten – Was nun?

Um die Forschungslücken zu schließen, muss die Forschung zuerst die Defizite in ihrem eigenen Vorgehen erkennen. So besteht gerade im Feld der Aggressionsforschung eine offensichtliche Diskrepanz zwischen den Verhaltensausprägungen, die Psycholog/innen gewöhnlich in ihren Laboren messen, und jenen, über die sich die Öffentlichkeit Sorgen macht. Die Forschung hat sich bislang vor allem mit basalen oder abstrakten Formen der Aggression befasst und sie ist dadurch nur bedingt in der Lage, die Frage nach der Schädlichkeit von Gewalt in Computerspielen für die Gesellschaft zu beantworten. Die Entwicklung neuer und verlässlicher Methoden zur Messung von Aggression sowie weitere Studien zur Erprobung und Verbesserung vorhandener Verfahren sind nötig, um die Ergebnisse der aktuellen Forschung besser bewerten und einordnen zu können.

Gleichermaßen besteht eine Diskrepanz zwischen den Befunden aus empirischen Studien und der Darstellung ihrer Bedeutung, sowohl durch Forscher/innen als auch durch Medien und Politik. Kaum belegbare und letztlich unseriöse Behauptungen – zum Beispiel dass Mediengewalt für 30% aller Gewalt in der Gesellschaft verantwortlich sei (Strasburger, 2007) oder eine strikte Kontrolle von Gewalt im Fernsehen zu einer jährlichen Abnahme von 10000 Morden, 70000 Vergewaltigungen und 700000 Körperverletzungen allein in den USA führen würde (Centerwall, 1992) – bereichern eine Debatte nicht, sondern heizen sie unnötig auf und vermindern letztlich die Glaubwürdigkeit von Medienwirkungsforschung in der Öffentlichkeit.
Der momentane Forschungsstand deutet nicht auf einen allgemeinen, substanziellen und langfristigen Effekt von Gewalt in Computerspielen auf die Aggressivität der Spieler/innen hin. Es ist aber durchaus möglich und plausibel, dass bestimmte Personengruppen ein erhöhtes Risiko für negative Effekte haben. Was zum Beispiel den Zusammenhang von Mediengewalt und Kriminalität anbelangt, weist Forschung aus der Kriminologie darauf hin, dass Medien von Gewalttäterinnen für das Ausleben sogenannter „prädeliktischer Phantasien“ (Robertz, 2011) genutzt werden. Auch die Befundlage aus der Forschung zu Mediengewalt weist darauf hin, dass der Konsum gewalthaltiger Medien niemanden zur Gewalttäterin oder zum Gewalttäter macht – wohl aber Personen mit entsprechender Disposition zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt dienen kann. Gewalthaltige Medien bedingen also keine Gewalttaten, können aber bei bestimmten Personen einen Einfluss haben und auch die Ausübung von Taten in ihrem Ablauf verändern.

Die Zukunft für Forschung zur Wirkung von Gewalt in Spielen sehen wir in der Identifikation von relevanten Risiko- und Schutzfaktoren wie beispielsweise Familienverhältnissen oder der psychischen Stabilität und Gesundheit. Zudem sollten sich die Untersuchungen nicht nur auf die Wirkung der gewalthaltigen Inhalte beschränken, da Menschen Computerspiele auf unterschiedliche Art und Weise und mit unterschiedlichen Zielen spielen. So könnte die Unterscheidung von „normalen“ und „problematischen“ Nutzungsmustern oder das wiederholte Erleben von Erfolgen und Misserfolgen im Spiel durchaus von größerer Bedeutung sein als die Spielinhalte selbst. Auch die Frage, wie sich die Wirkungen von Gewaltspielen auf Erwachsene, Jugendliche, und Kinder unterscheiden, ist weitgehend unerforscht.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass häufig kurzfristige Effekte im Labor mit artifiziellen Messverfahren gefunden werden, langfristige Effekten auf realweltliche Gewalt aber bislang kaum nachgewiesen werden konnten. Andere Faktoren wie zum Beispiel biologische Dispositionen und persönliche Erfahrungen mit Gewalt in der Familie und dem sozialen Umfeld scheinen deutlich relevanter zu sein. Zwar ist ein Ende der Debatte über die Risiken von Mediengewalt sowohl in der Wissenschaft als auch der Öffentlichkeit nicht in Sicht, jedoch können unvoreingenommene sowie methodisch und theoretisch elaboriertere Forschungsprojekte in diesem Bereich einen wichtigen und nützlichen Beitrag leisten. Möglicherweise kommen solche Arbeiten zu weniger eindeutigen Aussagen, aber dafür können diese durch wissenschaftliche Fakten – und nicht durch ideologische Überzeugungen – untermauert werden kann.

Referenzen

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