Gleiche Chancen für alle? Wie Stereotype den Erfolg von BewerberInnen beeinflussen

Klischees machen auch vor Bewerbungen nicht halt. Stereotype beeinflussen, wie geeignet wir BewerberInnen finden – unabhängig von ihrer Qualifikation.  Forschung über Stereotype offenbart, wie das Schubladendenken den Blick auf Personen verändert. Aber es gibt Wege, wie man eigene Stereotype hinterfragen und sich im Alltags- und Berufsleben weniger von ihnen beeinflussen lassen kann.

Die Karriere als Ergebnis persönlicher Leistung

Arbeit bedeutet den meisten Menschen mehr als die bloße Versorgung ihrer Grundbedürfnisse. Viele haben sich bereits als Kind ausgemalt, als starke Polizistin „Räubern und Ganoven“ das Handwerk zu legen. Oder sie wollten wie der Krankenpfleger sein, der ihnen den Verband wechselte und Mut zusprach. Auch wenn sich die Ziele später ändern, bleibt der Wunsch, unsere eigenen Potentiale entfalten zu dürfen. Wenn Menschen sich in einem Bewerbungsgespräch präsentieren, hoffen sie, dass sich dadurch Türen öffnen. Sie wollen allein auf Basis ihrer persönlichen Leistungen beurteilt werden. Vieles spricht aber dafür, dass Personen, die Einstellungsentscheidungen treffen, durch eigene Stereotype und Vorurteile beeinflusst sind. Eine Aussage bei der Bewertung von BewerberInnen könnte lauten: „Frauen sind körperlich schwächer als Männer und deswegen als Polizistin ungeeignet.“. Stereotype meinen starre Vorstellungen und vereinfachte Sichtweisen über Personengruppen. Sie können dazu führen, dass BewerberInnen berufliche Chancen und Karrierelaufbahnen verschlossen bleiben. 

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (kurz: AGG) wurde eingeführt, um Diskriminierung im Arbeitsleben zu verbieten. Es schreibt vor, dass „Benachteiligung aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauungen, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen“ sind. Personen, die aus diesem Grund ungerecht behandelt werden, können also ihr Recht einklagen. Das Gesetz bewirkt jedoch nicht, dass Stereotype und Vorurteile aus den Köpfen von Menschen verschwinden. Aber warum diskriminieren Menschen verschiedene Gruppen und bevorzugen andere? 

Die Sozialpsychologie widmet sich dieser Frage und entwickelt Maßnahmen, die Diskriminierung verhindern können. Dabei wird deutlich, wie Schubladendenken menschliches Handeln beeinflusst. Wir können erklären, warum wir es einigen Personen leichter und anderen schwerer machen. Stereotype sind wichtig – jedoch können sie gleichzeitig positive und negative Konsequenzen haben. Gerechtigkeit. Bild: WilliamCho via pixabay (https://pixabay.com/de/gerechtigkeit-statue-lady-justice-2060093/, CC:https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de).Gerechtigkeit. Bild: WilliamCho via pixabay (https://pixabay.com/de/gerechtigkeit-statue-lady-justice-2060093/, CC:https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de).

Stereotype verstehen heißt, Diskriminierung erklärbar zu machen

Wie wirken Stereotype? Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Sie sind am späten Abend nach einer Feier auf dem Heimweg und können entweder die längere Strecke um den Stadtpark gehen oder den kürzeren Weg direkt durch den Park wählen. Welche Strecke würden Sie wahrscheinlicher wählen, wenn im Park eine Gruppe schwangerer Frauen auf den Bänken laut lachend beieinandersitzt? Und wäre Ihre Entscheidung die gleiche, wenn der Blick stattdessen auf eine Gruppe breitschultriger Männer in Lederjacken fällt? In diesem Beispiel sieht man, dass Stereotype von Menschen genutzt werden, um schnelle Entscheidungen zu treffen. Sie dienen als Hilfsmittel, um in (potentiell gefährlichen) Situationen schnell und mit einfachen Faustregeln handeln zu können. 

Stereotype beruhen auf gesellschaftlichen Übereinkünften darüber, welche Merkmale und Verhaltensweisen Mitglieder einer bestimmten Gruppe haben. Sie blenden dabei individuelle Merkmale und Verhaltensweisen aus. Wenn menschliches Handeln unbedacht durch Stereotype beeinflusst wird, können sie den Blick auf Personen verfälschen. Werden Personen wegen ihrer Gruppenzugehörigkeiten ungleich behandelt, sprechen wir von Diskriminierung. Beispielsweise erfolgt diskriminierendes Verhalten, wenn Männer als Polizisten gegenüber Frauen bevorzugt eingestellt werden – nur, weil man sie für körperlich stärker hält. 

Eigene Stereotype können Sie leicht mit einem kleinen Selbstversuch testen: Wie stellen Sie sich eine typische Person vor, die in der Führungsabteilung einer deutschen Bank tätig ist? Wie sieht sie aus, wie verhält sie sich und wie spricht sie mit anderen MitarbeiterInnen? Die meisten Menschen stellen sich einen Mann vor, der einen Anzug trägt und in der Lage ist, sich gegen andere durchzusetzen. Er behält den Überblick und verfügt über ausgefeilte Strategien. Kritik gegenüber MitarbeiterInnen spricht er offen aus. SozialpsychologInnen umschreiben diese Eigenschaften mit dem Begriff der Handlungsorientierung. Das Stereotyp gegenüber Frauen weicht von diesen Eigenschaften ab. Frauen werden mit Berufen assoziiert, in denen Beziehungen zu anderen wichtig sind und in denen „Fingerspitzengefühl“ und Einfühlungsvermögen gefragt sind. Diese Eigenschaften werden in der sozialpsychologischen Forschung unter dem Begriff Gemeinschaftsorientierung zusammengefasst (Fiske, Cuddy, Glick & Xu, 2002). 

Hier kann man sich vor Augen halten, dass das Stereotyp über Männer Handlungsorientierung und das über Frauen Gemeinschaftsorientierung umfasst. Deshalb stellt man sich unter der Leitung einer Bank eher einen typischen Mann – und keine Frau – vor. Diese Stereotype können auch erklären, warum Frauen eher als Männer mit Pflege- und Lehrberufen in Verbindung gebracht werden. Das sind zudem häufig Berufe, bei denen die geringere Bezahlung auch eine geringere gesellschaftliche Anerkennung widerspiegelt. Stereotype umfassen also Erwartungen, dass Frauen eher in „typischen“ Frauen- und Männer eher in „typischen“ Männerberufen tätig sind. Nach der Theorie der sozialen Rollen stammen Geschlechterstereotype genau aus solchen Beobachtungen (z. B. Eagly & Karau, 2002): Weil Menschen Frauen als Pflegerinnen und Männer als Bankmanager beobachten, erwarten sie, dass Frauen besonders gemeinschaftsorientiert und Männer besonders handlungsorientiert sind. 

Hunderte von Studien haben untersucht, wann Frauen und Männer trotz vergleichbarer Leistungen als unterschiedlich geeignet für bestimmte Berufe angesehen wurden. Es existieren Studien, die die Ergebnisse vieler vorliegender Experimente im Vergleich untersucht haben (sog. „Metaanalyse“). Eine solche Vergleichsstudie zeigte, dass Frauen für typisch weibliche Berufe (wie Rezeptionistin, Krankenschwester) eher ausgewählt wurden als Männer. Männer hingegen wurden für typisch männliche Berufe (wie Versicherungsvertreter, Autoverkäufer) eher ausgewählt als Frauen (Davison & Burke, 2000). Führungspositionen zählen ebenfalls zu den typisch männlichen Berufen. Die geringere wahrgenommene Passung einer Person zu einer Stelle hat Auswirkungen auf Anstellungen, Einstiegsgehälter und weitere Entscheidungen in Bezug auf Gehaltserhöhungen und Beförderungen (Heilman 2012). 

Geschlechterstereotype werden jedoch nicht auf alle Männer und Frauen gleichermaßen angewandt. Beispielsweise werden weibliche Geschlechterstereotype verstärkt attraktiven Frauen und Müttern zugesprochen (vgl. Steffens & Ebert, 2016). Auch die sexuelle Orientierung beeinflusst, wie stereotyp eine Frau wahrgenommen wird. 

Von Bedeutung ist, ob man von einer bestimmten Frau Verhalten erwartet, das traditionellen Geschlechterstereotypen entspricht. Hierzu führten wir einige Studien im Kontext von Bewerbungen durch (Niedlich, Steffens, Krause, Settke & Ebert, 2015). Wir untersuchten, ob Stereotype einen Einfluss darauf haben können, wie Bewerberinnen beurteilt werden. Wir legten dafür Teilnehmenden den Ausschnitt eines Bewerbungsgespräches vor, in dem sich eine Bewerberin vorstellte. Dabei gab es zwei Versionen des Fragebogens, jedoch mit einem Unterschied: Für die eine Hälfte der Teilnehmenden erzählte die Bewerberin von einer Lebensgefährtin, während die Bewerberin der anderen Hälfte von einem Lebensgefährten sprach. Als Grund für die Bewerbung gaben die Bewerberinnen einen von zwei möglichen Gründen an: Sie sagte entweder, dass es an diesem Ort bessere Arbeitsmöglichkeiten für ihren Lebensgefährten/ihre Lebensgefährtin gibt. Oder, dass sie gerne gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin/ihrem Lebensgefährten in der Stadt leben möchte. Ansonsten antworteten sie völlig identisch auf die Fragen, die ihnen der Personalleiter stellte. Eine Frau, die sich in ihrem Beruf nach der Karriere ihres Lebensgefährten richtet, kann das Stereotyp der traditionellen Frau auslösen. 

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