Intergruppen-Kontakttheorie: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Außerdem ist positiver Kontakt mit weniger körperlichen Bedrohungsreaktionen gegenüber der Fremdgruppe (Blascovich et al., 2001) und mit geringeren Unterschieden in der Art und Weise der Gesichtsverarbeitung im Gehirn verbunden. Letzteres bedeutet, dass Kontakt dabei hilft, Wahrnehmungen von Ähnlichkeit zu erhöhen (Walker et al., 2008). Demnach hat Kontakt eine reale und konkrete Wirkung auf die Reduzierung von Vorurteilen – sowohl auf expliziter als auch auf impliziter Ebene. In der Tat ist die Rolle von Kontakt bei der Reduzierung von Vorurteilen inzwischen so gut belegt, dass es gerechtfertigt erscheint, von der Intergruppen-Kontakttheorie zu sprechen (Hewstone & Swart, 2011).

Wie funktioniert das?

Es wurden mehrere Mechanismen vorgeschlagen, um zu erklären, wie Kontakt Vorurteile genau reduziert. Dabei wurden insbesondere „vier Prozesse der Veränderung“ vorgeschlagen: etwas über die Fremdgruppe lernen, das Verhalten ändern, gefühlsbezogene Beziehungen herstellen und die Eigengruppe neu bewerten (Pettigrew, 1998). Kontakt wirkt sowohl über kognitive Mittel (d. h. etwas über die Fremdgruppe lernen oder neu bewerten, wie man selbst über die Eigengruppe denkt) als auch über das Verhalten betreffende Mittel (das eigene Verhalten ändern, um sich selbst für mögliche positive Kontakterfahrungen zu öffnen) sowie über affektive Mittel (gefühlsbezogene Beziehungen und Freundschaften herstellen und negative Emotionen reduzieren). Ein besonders wichtiger vermittelnder Mechanismus (d. h. der Mechanismus oder Prozess, durch den Kontakt seine Wirkung entfaltet) ist der von Gefühlen oder Affekt. Es gibt Belege, die nahelegen, dass Kontakt Vorurteile reduziert, indem er negative Gefühle (Furcht oder Bedrohung) abschwächt und positive Gefühle wie Empathie erzeugt (Tausch & Hewstone, 2010). In einer anderen Meta-Analyse konnten Pettigrew und Tropp (2008) diese Annahme bestätigen, indem sie die vermittelnden Mechanismen von Kontakt im Speziellen beleuchteten. Sie fanden, dass Kontaktsituationen, die positive Gefühle fördern und negative Gefühle verringern, am ehesten Erfolg bei der Reduzierung von Konflikten haben. Kontaktsituationen sind mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu geeignet, Beziehungen zwischen Gruppen zu verbessern, wenn sie positive Gefühle erzeugen. Sie sind mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht dazu geeignet, wenn sie negative Gefühle wie Angst oder Bedrohung erzeugen. Wenn wir uns wohlfühlen und keine Angst haben, wird die Kontaktsituation von Erfolg gekrönt sein.

Übertragung der Wirkung von Kontakt

Ein wichtiger Aspekt, den ich bislang jedoch nicht beleuchtet habe, ist, wie die positiven Erfahrungen nach einem Kontakt erweitert und auf andere Mitglieder der Fremdgruppe übertragen werden können. Obwohl Kontakt die Vorurteile einer Person gegenüber (zum Beispiel) dem/r muslimischen Kollegen/in reduzieren mag, ist sein praktischer Nutzen stark eingeschränkt, wenn er nicht auch Vorurteile gegenüber anderen Menschen muslimischen Glaubens verringert. Kontakt mit jedem einzelnen Mitglied einer Fremdgruppe, ganz zu schweigen von allen Fremdgruppen, auf die Vorurteile gerichtet sind, ist natürlich nicht machbar. Daher ist in der Intergruppenforschung die Frage von zentraler Bedeutung, wie sich die positive Wirkung übertragen lässt.

Bild von skeeze via Pixabay (https://pixabay.com/en/soldier-military-uniform-american-708711/), CCO (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Zur Erklärung der positiven Wirkung von Kontakt wurde eine Reihe von Ansätzen entwickelt, darunter das Herausragen der Gruppe kleinzuhalten, sodass die Menschen auf individuelle und nicht auf Gruppeneigenschaften achten (Miller & Brewer, 1984), das Herausragen der Gruppe zu vergrößern, sodass die Wirkung auf andere übertragen wird (Johnston & Hewstone, 1992), sowie eine überspannende gemeinsame Eigengruppenidentität herauszustellen (Gaertner, Dovidio, Anastasio, Bachman & Rust, 1993). Jeder diese Ansätze hat sowohl Vor- als auch Nachteile und jeder einzelne Ansatz mag jeweils in unterschiedlichen Stadien einer erweiterten Kontaktsituation am wirksamsten sein. Diesbezüglich hat Pettigrew (1998) ein dreistufiges Modell vorgelegt, das mit der Zeit abläuft, um erfolgreichen Kontakt und die Übertragung zu optimieren. Die erste Stufe ist die Stufe der Dekategorisierung (wie bei Miller & Brewer, 1984), in der die persönlichen Identitäten (nicht die Gruppenidentitäten) der Personen betont werden sollen, um Angst zu reduzieren und zwischenmenschliche Zuneigung zu fördern. In einem zweiten Schritt werden die sozialen Kategorien der Personen herausgestellt, um die Übertragung der positiven Gefühle auf die gesamte Fremdgruppe zu erreichen. Die letzte Stufe ist die Stufe der Rekategorisierung, in der die Gruppenidentitäten der Personen durch eine übergeordnete Gruppe ersetzt werden: Die Gruppenidentitäten werden von „wir versus ihr“ in ein integrativeres „wir“ geändert (Gaertner et al., 1993). Dieses Stufenmodell könnte sich als eine nützliche Methode zur Übertragung der positiven Wirkungen von Intergruppenkontakt herausstellen.

Erweiterungen der Theorie

Ungeachtet der Forschung zur Übertragung könnte die Erwartung, dass Gruppenmitglieder genügend Gelegenheiten haben, positiven Kontakt zu Fremdgruppenmitgliedern herzustellen, dennoch unrealistisch sein. Manchmal ist positiver Kontakt zwischen Gruppenmitgliedern äußerst schwer, wenn nicht gar unmöglich. Beispielsweise war auf dem Höhepunkt des Nordirlandkonflikts positiver Kontakt zwischen Protestanten/innen und Katholiken/innen nahezu unmöglich. Daher sind neuere Forschungsarbeiten zur Rolle von Kontakt zwischen Gruppen bei der Reduzierung von Vorurteilen von der Idee abgerückt, dass Kontakt unbedingt direkten (persönlichen) Kontakt beinhalten muss, und hin zu der Idee gekommen, dass indirekter Kontakt (z. B. vorgestellter Kontakt oder Wissen um Kontakt von anderen) auch einen positiven Effekt haben könnte.

Bild von PublicDomainPictures via Pixabay (https://pixabay.com/en/michelangelo-abstract-boy-child-71282/), CCO (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Ein erstes Beispiel für diesen Ansatz findet sich in der erweiterten Kontakthypothese von Wright, Aron, McLaughin-Volpe und Ropp (1997). Laut Wright et al. kann das bloße Wissen darüber, dass ein Mitglied der Eigengruppe eine enge Verbindung zu einem Mitglied der Fremdgruppe hat, die Einstellung gegenüber der Fremdgruppe verbessern. Tatsächlich konnte dies in einer Reihe von experimentellen und Korrelationsstudien bestätigt werden. Beispielsweise haben Shiappa, Gregg und Hewes (2005) den Beleg dafür geliefert, dass das Schauen von Fernsehsendungen, in denen Kontakt zwischen Gruppen dargestellt wird, mit einem geringeren Ausmaß an Vorurteilen verbunden zu sein scheint. Ein zweites Beispiel einer indirekten Herangehensweise an Kontakt kommt von Crisp und Turners (2009) vorgestellter Kontakthypothese. Diese besagt, dass tatsächliche Erfahrungen nicht notwendig sein müssen, um die Einstellungen zu anderen Gruppen zu verbessern, sondern dass einfach die Vorstellung von Kontakt zu Mitgliedern einer Fremdgruppe die Einstellung gegenüber dieser Fremdgruppe verbessern könnte. In der Tat ist dies in einer Reihe von Studien sowohl auf expliziter als auch auf impliziter Ebene bestätigt worden: hinsichtlich britischer Muslime/innen (Husnu & Crisp, 2010), alter Menschen (Abrams, Crisp & Marques, 2008) und homosexueller Männer (Turner, Crisp & Lambert, 2007).

Diese neueren Erweiterungen der Kontakthypothese liefern wichtige Hinweise dazu, wie man am wirkungsvollsten die Vorteile einer Kontaktsituation übertragen kann und wie man sich die Ergebnisse der Studien zu vermittelnden Mechanismen zunutze macht. Es scheint, als ob direkter persönlicher Kontakt nicht immer notwendig ist und positive Ergebnisse schon erreicht werden können, indem Freundschaften über verschiedene Gruppen hinweg positiv in den Medien dargestellt werden und sogar indem man sich einfach nur vorstellt, mit einem Mitglied einer Fremdgruppe zu interagieren.

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