Kann computerisiertes Training helfen, sexuellen und physischen Missbrauch zu verarbeiten?

Traumatische Erfahrungen, wie Missbrauchserfahrungen in der Kindheit, haben weitreichende Folgen auf das mentale Befinden. Zudem kann sowohl die emotionale, soziale und kognitive Entwicklung als auch die Hirnentwicklung negativ beeinflusst werden. Dieser Artikel gibt einen Überblick über derzeitig effektive Therapien. Ein Nachteil dieser Therapieformen ist aber, dass sie teuer sind und erfahrene PsychotherapeutInnen oder PsychiaterInnen voraussetzen. Abschließend präsentieren wir daher eine neue Idee eines computerisierten Therapieansatzes, der auf Kräftigung der kognitiven Selbstregulation beruht und von zu Hause aus durchgeführt werden kann.

In einer europaweiten Studie zum Thema Gewalt gegen Frauen gab jede dritte Frau in Deutschland an, einen sexuellen oder physischen Missbrauch erlitten zu haben. In anderen EU-Mitgliedstaaten wie Finnland, Frankreich, den Niederlanden oder Großbritannien lagen die Zahlen mit 44 bis 47 % sogar noch höher (EU Agency for Fundamental Rights, 2014).

Abbildung 1: Missbrauchsstatistik EU und USA. Quelle: Sven Mueller.

Erfahrungen von Missbrauch, Vergewaltigung oder sexueller Nötigung gelten in der Psychologie als traumatische Ereignisse, ähnlich wie der Verlust eines Familienmitglieds oder einesPartners bzw. einer Partnerin ebenso wie das Erleben von Terroranschlägen oder Naturkatastrophen. Unabhängig von der Art des traumatischen Erlebnisses gilt, dass solche Ereignisse die involvierte Person überfordern können. Wenn die psychischen Schutzmechanismen dann nicht erfolgreich greifen, resultiert daraus ein Trauma (griech. „Wunde“), das weitreichende mentale und körperliche Konsequenzen nach sich ziehen kann.

Was ist ein Trauma?

So verschiedenartig bedrohliche Ereignisse sein können, so verschieden sind auch die Reaktionen darauf. Während es manchen gelingt, das Erlebte erfolgreich zu verarbeiten, scheitern andere daran und entwickeln ein Trauma. Dabei wird das Erfahrene immer wieder durchlebt. Zum Beispiel werden bestimmte Auslöser, wie das Betreten des Gebäudes, in dem das Erlebnis geschah, mental immer wieder durchgespielt. Betroffene versuchen in der Regel, solche Auslöser so gut wie möglich zu vermeiden, wodurch es jedoch zu Schwierigkeiten im alltäglichen Leben kommen kann. Wenn das traumatische Ereignis beispielsweise am Arbeitsplatz stattfand, fällt es Betroffenen schwer, ihrem gewohnten Arbeitsalltag nachzukommen. Zudem kämpfen die Opfer oft mit Schlaf- und Konzentrationsproblemen. Ihr Körper hält sich dann ununterbrochen in Alarmbereitschaft, um auf eine neue (befürchtete) Bedrohung reagieren zu können. Betroffene befinden sich daher in einem Zustand ständiger Nervosität und Unruhe. Aufgrund dieser Symptome entwickeln viele Opfer ständige Ängste vor einer Bedrohung oder leiden an Depressionen. Sie fühlen sich niedergeschlagen, haben weniger positive Energie und Motivation, hegen Suizidgedanken, fühlen sich hilflos und machen sich selber verantwortlich für das Geschehene. Zudem können sie aber auch Ärger und Wut empfinden oder versuchen, sich durch den Konsum von Alkohol, Medikamenten oder Drogen zu beruhigen. In schweren Fällen entwickeln Betroffene dann eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), bei der diese und/oder andere Symptome für mehr als vier Wochen anhalten. Erschwerend kommt hinzu, dass eine solche Störung schwierig zu identifizieren ist, da die Beschwerden oft nicht direkt nach dem Ereignis auftauchen, sondern erst nach mehreren Wochen oder Monaten (bis zu einem halben Jahr später) zum Vorschein kommen können. Dadurch wird die Entscheidung für passende Hilfsmaßnahmen erschwert.

Derzeitige Therapiemöglichkeiten von Traumata

Intuitiv scheint es sinnvoll, Betroffene direkt nach dem traumatischen Erlebnis emotional zu betreuen und eine Nachbereitung und Besprechung des Ereignisses durchzuführen. Allerdings haben Studien gezeigt, dass diese Herangehensweise zu einer Verschlimmerung der Symptome führen kann (Sijbrandij, Olff, Reitsma, Carlier & Gersons, 2006). Es wird Bild von Sven Müllerangenommen, dass das Ausdrücken der emotionalen Empfindung während einer Nachbereitung, vor allem wenn Betroffene noch erhöhte Unruhe empfinden, die kognitive Verarbeitung der Symptome und Speicherung des Ereignisses im Gedächtnis negativ beeinflusst.

Bessere Heilungsaussichten als durch solch eine Nachbereitung des Ereignisses und emotionaler Betreuung ergeben sich durch eine fortlaufende Beobachtung in einem einfühlsamen und vorsichtigen Umfeld. Zusätzlich kann pragmatische Unterstützung angeboten werden. Beispielsweise kann es helfen, im Familienkreis oder bei anderen PsychologInnen um zusätzliche Unterstützung zu bitten. In der Tat versuchen derzeitige Therapiemöglichkeiten, genau ein solches Umfeld zu schaffen, um so einen möglichst positiven Heilungsverlauf zu garantieren. Dabei gibt es eine Unzahl verschiedener Therapiemöglichkeiten. Drei wichtige und oft eingesetzte Ansätze sind die „kognitive Verhaltenstherapie“, die „medikamentöse Behandlung“ und die „Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegungen“.

Kognitive Verhaltenstherapie

Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) kann bereits frühzeitig nach dem Trauma eingesetzt werden. Die Therapie wird erst ab der zweiten Woche empfohlen, da Betroffene vorher emotional zu aufgewühlt sein könnten, um den Ansprüchen der Therapie Folge zu leisten. Die KVT besteht aus mehreren Elementen und Techniken, die in der Traumatherapie gezielt kombiniert werden (Foa, Keane, Friedman & Cohen, 2009). Eine der Techniken ist die Konfrontationstherapie. Dabei werden PatientInnen aufgefordert, das Trauma mithilfe genauer Beschreibungen und bildlicher Vorstellungen noch einmal detailliert zu durchleben. Dies passiert unter Anleitung der Therapeutin bzw. des Therapeuten über einen längeren Zeitraum (45-60 Minuten) und in sicherer Umgebung.

Diese Technik beruht darauf, dass (wiederholte) Konfrontation mit einem bestimmten Reiz, wie zum Beispiel einer Erinnerung, einem Ort oder einem Gegenstand, die damit assoziierte Angst vermindert. Durch diese Wiederholung erkennt der Körper, dass von dem Reiz keine aktuelle Gefahr mehr ausgeht, wodurch er seine furchtauslösende Wirkung verliert. Dadurch lernen PatientInnen auch, mit dem Reiz richtig umzugehen. Andere Elemente der kognitiven Verhaltenstherapie basieren darauf, negative Gedankenprozesse zu erkennen, als nicht hilfreich einzustufen und zu stoppen, um sie durch logischere oder positivere Gedanken zu ersetzen. Tatsächlich glauben PatientInnen häufig, dass sie als Person nichts wert sind und es sich daher nicht lohnt, sich in einer sozialen Gruppe zu engagieren. Genau solche negativen Gedankenprozesse versucht die Therapie zu erkennen und dann in positivere Gedanken umzuwandeln. Andere Elemente der KVT fokussieren auf das persönliche Verhältnis zu Sicherheit und dem Umgang mit furchtauslösenden Signalen. Der Therapieplan sieht zwischen acht und zwölf individuelle Einheiten vor, die ein- oder zweimal in der Woche gehalten werden.

Medikamentöse Behandlung

In einem zweiten therapeutischen Ansatz verschreibt ein Arzt oder eine Ärztin bestimmte Medikamente, nämlich Psychopharmaka, die unter anderem auch bei der Behandlung von Depressionen eingesetzt werden. Normalerweise sind Botenstoffe (wie z. B. das Serotonin) im Gehirn verantwortlich dafür Signale weiterzuleiten. Während einer Depression bzw. nach einem Trauma können sich grundlegende biochemische Prozesse im Gehirn verändern, die Einfluss auf die Weiterleitung der Botenstoffe haben. So kann durch ein traumatisches Ereignis die Verfügbarkeit oder die Aufnahmefähigkeit eines Botenstoffs wie dem Serotonin reduziert werden. Das Ziel der medikamentösen Behandlung ist dann, diese Verfügbarkeit des Serotonins im Gehirn wiederherzustellen, was zu einer Reduzierung von Angst und depressiven Symptomen führen soll. Die besten Resultate wurden hier mit der Gabe von Antidepressiva über einen Zeitraum von acht bis zwölf Wochen erzielt, wobei sich noch stärkere Verbesserungen nach einem längeren Zeitraum (36 Wochen) einstellen können (Foa et al., 2009).

Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegungen

Ein dritter Ansatz erscheint auf den ersten Blick etwas ungewöhnlich, konnte aber sehr gute Resultate verzeichnen. Hierbei soll die betroffene Person nach ihrem Trauma die wiederkehrenden traumatischen Bilder beschreiben und angeben, wie sehr diese Bilder sie im Alltag beeinflussen. Dann werden Betroffene gebeten, dem Finger der Therapeutin bzw. des Therapeuten mit den Augen zu folgen und sich gleichzeitig eines der traumatischen Bilder und den gefühlten körperlichen Zustand vor ihr inneres Auge zu führen. Nach ein paar Minuten wird die oder der Betroffene instruiert, die Erinnerung fallen zu lassen und mögliche Veränderungen des Empfindens zu beschreiben. Diese Therapieform wird EMDR (auf Englisch „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“ oder auf Deutsch „Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegungen“; Shapiro, 1995) genannt. Die EMDR beruht auf der Theorie, dass verstörende Bilder, die nicht verarbeitet werden, Verhaltensänderungen hervorrufen können. Das Fokussieren auf die Augenbewegungen soll helfen, diese Bilder besser zu verarbeiten. Die Therapie beinhaltet acht verschiedene Phasen, wobei die Dauer des Programms von mehreren Faktoren, wie Anzahl der erfahrenen traumatischen Ereignisse oder der Empfindlichkeit der Patientin bzw. des Patienten für die Therapieform, abhängt. 

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