Kann computerisiertes Training helfen, sexuellen und physischen Missbrauch zu verarbeiten?

Zusätzlich zu den oben genannten Therapieformen finden sich viele Betroffene langfristig in Selbsthilfegruppen zusammen, um über ihre Erfahrung zu sprechen. Den Betroffenen hilft es in der Regel, sich mit anderen auszutauschen, weil sie erkennen, dass sie nicht alleine sind. Auch dies kann helfen, mit dem Trauma umzugehen und es zu verarbeiten, da die Folgen des Traumas oft Jahre oder Jahrzehnte nachwirken. Dies ist insbesondere wichtig, weil die oben genannten Therapieformen der KVT oder des EMDR oft nur wenige Wochen oder Monate dauern, da sie relativ teuer sind. Denn all den oben beschriebenen Therapieansätzen ist gemein, dass eine Therapeutin bzw. ein Therapeut präsent sein muss bzw. ein Arzt oder eine Ärztin eingeschaltet werden muss. Es stellt sich also die Frage, ob es auch weitere Ansätze gibt, die kostengünstiger sind und den Betroffenen unabhängig oder ergänzend zu gängigen Therapieformen in der Verarbeitung ihres Traumas helfen.

Die Idee einer neuen Therapieform – Das computerisierte Training von Selbstregulation

Seit kurzem besteht die theoretische Idee eines neuen, noch nicht umgesetzten, Behandlungsprogramms, das Betroffene von zu Hause aus über einen längeren Zeitraum am Computer durchführen können. Natürlich wird das Programm keine gute Therapeutin und keinen guten Therapeuten ersetzen, aber es könnte eine wertvolle Ergänzung parallel und/oder vorbereitend zu anderen Therapieformen darstellen. Der Vorteil dieses computerisierten Therapievorschlags ist, dass Betroffene „kognitive Kontrolle“ (oder Selbstkontrolle/ Selbstregulation) selbstbestimmt und in bekannter Umgebung lernen und üben können – nämlich im eigenen Zuhause.

Mit „kognitiver Kontrolle“ oder Selbstregulation sind Fähigkeiten gemeint, die uns im täglichen Leben helfen, unser Verhalten zu regulieren und zu kontrollieren. Solche Fähigkeiten kommen beispielsweise zum Einsatz, wenn wir uns eine Telefonnummer merken müssen oder wenn wir schnell und flexibel an einer gelben Ampel vom Gas auf die Bremse wechseln. Eine Kontrollfunktion, die im Zusammenhang mit Traumata bedeutend ist, ist das Zurückhalten von automatischen Reaktionen. Eine automatische Reaktion wäre zum Beispiel vor einer Spinne zurückzuschrecken. Sich diesem Impuls zu widersetzen und sich bewusst der Spinne zu nähern, um die Angst vor ihr zu verlieren, erfordert ein hohes Maß an Kontrolle. Mehrere Studien belegen, dass Menschen mit Trauma- und Missbrauchserfahrung oder PatientInnen mit Depressionen Probleme mit diesen Kontrollfunktionen haben (Cromheeke, Herpoel & Mueller, 2014; Hart & Rubia, 2012; Harvey et al., 2005; Mueller et al., 2010). In einer aktuellen Studie, die wir im ehemaligen Bürgerkriegsland Uganda durchgeführt haben, konnten wir zeigen, dass Jugendliche, die einen oder beide Elternteile verloren hatten, nicht nur in ihrer Selbstregulation beeinträchtigt waren, sondern dass diese Beeinträchtigung direkt mit posttraumatischen Symptomen zusammenhing (Mueller, Baudoncq & De Schryver, 2015).

Interessanterweise scheint es so zu sein, dass man solche Kontrollfunktionen trainieren kann. So haben in den USA Forscherinnen bereits vorgeschlagen, Kontrollfunktionen in (gesunden) Kindern und Jugendlichen zu trainieren, um die Entwicklung dieser Funktionen zu beschleunigen (Diamond & Lee, 2011). Basierend auf dieser Idee wurden Kontrollfunktionen auch in ersten klinischen Studien trainiert. Die Ergebnisse zeigten vielversprechende Verbesserungen. So konnte depressiven PatientInnen (Calkins, McMorran, Siegle & Otto, 2015) oder Kindern mit Essstörungen (Verbeken, Braet, Goossens & Van der Oord, in press) durch das Training von Kontrollfunktionen erheblich geholfen werden.

Ein Training von Kontrollfunktionen umfasst täglich kurze (30-60 Minuten) Übungseinheiten am Computer über einen Zeitraum von sechs bis acht Wochen, um verschiedene kognitive Fähigkeiten zu stärken. Hierbei werden die verschiedenen Kontrollfunktionen, wie zum Beispiel das Kurzzeitgedächtnis oder Wechselaufgaben, in separaten Einheiten getestet. In einer solchen Einheit müssen Personen beispielsweise eine Taste drücken, wenn ein bestimmter Buchstabe am Computerbildschirm erscheint. Sobald aber ein Ton erklingt, muss schnell auf eine andere Taste gewechselt werden. Derzeit sind viele dieser Programme relativ langweilig, wodurch die Motivation sinkt, solchen Trainingseinheiten über einen längeren Zeitraum zu folgen. Grafisch ansprechendere, motivierendere und interaktivere Programme sind deshalb unbedingt notwendig, um die Effektivität bei der Vorbeugung von mentalen Problemen nach traumatischen Erlebnissen zu testen und zu erhöhen. Ein gutes Beispiel, wie ein solch ansprechenderes Training aussehen könnte, ist das sogenannte „Braingame Brian“ (http://www.gamingandtraining.nl/). In diesem für Kinder entwickelten Programm erkundet man eine virtuelle Umgebung und muss dann an verschiedenen Orten, wie zum Beispiel in einem Maschinenraum, verschiedene Übungen ausführen, die explizit Kontrollfunktionen trainieren. So wird beispielsweise das schnelle Reagieren und Unterdrücken von automatischen Reaktionen durch Anhalten von laufenden Maschinen trainiert. Das Kurzzeitgedächtnis wiederum wird durch das Nachzeichnen von schnell vorgegebenen Mustern, die sich ständig ändern, geübt.

Warum könnte Training von Selbstregulation nach einem traumatischen Ereignis helfen?

In Abbildung 2 ist das Gehirn abgebildet.Abbildung 2: Darstellung des präfrontalen Kortex in rot. Quelle: Sven Mueller.Abbildung 2: Darstellung des präfrontalen Kortex in rot. Quelle: Sven Mueller.

Unsere Fähigkeit zur Selbstregulation und Selbstkontrolle wird zu einem großen Teil (aber nicht ausschließlich) vom seitlichen frontalen, das heißt vom vorderen, Teil des Gehirns bedient (der frontale Kortex, hier in Rot angedeutet). Dieser Teil des Gehirns wird aber auch mit gesundem Befinden assoziiert und einige ForscherInnen gehen davon aus, dass ein „gesunder“ frontaler Kortex uns dabei hilft, mit mentalen Problemen umzugehen (Cole, Repovs & Anticevic, 2014). Ein intakter frontaler Kortex ist also quasi ein „schützender Faktor“, der uns mehr psychische Widerstandsfähigkeit gibt. Bildgebende Studien am Gehirn zeigen, dass verminderte Kontrollfunktionen mit einer Dysfunktion genau dieser Gehirnstruktur zusammenhängen. Darüber hinaus wurde festgestellt, dass diese Dysfunktion höchstwahrscheinlich durch das traumatische Ereignis verursacht wurde (Hart & Rubia, 2012; Mueller et al., 2010).

Studien aus anderen Bereichen der Hirnforschung zeigen nun, dass es möglich ist, die Struktur und Funktionalität von bestimmten Hirnregionen (wieder) zu stärken. Bei der Idee des computerisierten Kognitionstrainings sollen nun eben diese Funktionen, die durch den frontalen Kortex ausgeführt werden, also die Selbstregulation und -kontrolle, unterstützt und gestärkt werden. Basierend auf neurowissenschaftlichen Befunden soll das Training von Kontrollfunktionen den vorderen Teil des Gehirns „trainieren“, dadurch psychische Widerstandsfähigkeit (auch Resilienz genannt) und Wohlbefinden stärken sowie Angst und depressive Symptome schwächen. Aufgrund der Tatsache, dass Selbstregulation essentiell für das tägliche Leben ist, ermöglicht ein solches Programm viele Anwendungsfelder. Denn der Aufbau von psychischer Widerstandsfähigkeit ist nicht nur relevant bei traumatischen Ereignissen wie Missbrauch oder dem Verlust der Eltern, sondern kann auch allgemein Menschen mit psychischen Problemen wie Depressionen oder Angststörungen helfen, den Alltag wieder zu bewältigen. Inwiefern Trainings von Kontrollfunktionen bei der Therapie helfen, ist Gegenstand aktueller Forschung.

In eigener Sache

Obwohl Universitäten Forschungsgelder für Projekte von professionellen Institutionen oder von privaten Stiftungen erhalten, wird nur eines von zehn Projekten unterstützt. Viele interessante Projekte können aus finanziellen Gründen nicht umgesetzt werden, so wie das eben vorgestellte. Wenn Sie unsere Idee unterstützen wollen, finden Sie nähere Informationen (auf Deutsch), sowie ein zusammenfassendes Video (auf Englisch) auf http://107seconds.com/video.

Zusammenfassung

Derzeit sind in unserer Gesellschaft eine Vielzahl von traumatischen Ereignissen, wie (öffentliche) sexuelle Nötigung, Flucht aus einem Kriegsland, Gefahr und Überleben von Terroranschlägen, aber auch häusliche Gewalt und der Missbrauch von Kindern, omnipräsent. Das Erleben eines solchen Ereignisses kann weitreichende und langanhaltende psychische Folgen haben. Diese Folgen können sich auf das soziale, kognitive und emotionalen Verhalten auswirken. Auch wenn noch viele Fragen ungeklärt sind, gibt es derzeit mehrere sehr verschiedene und effektive Therapieansätze. Diese beinhalten eine medikamentöse Behandlung, verschiedene Formen der Psychotherapie oder der EMDR und viele weitere, die der Hilfe von PsychologInnen bedürfen. In diesem Artikel wurde eine zusätzliche, aber noch ungetestete Idee beschrieben, wie solche Therapien erweitert bzw. ergänzt werden könnten. Möglicherweise hilft es, Selbstkontrollfunktionen zu trainieren, um dadurch die psychische Widerstandsfähigkeit zu stärken.

Referenzen

Calkins, A. W., McMorran, K. E., Siegle, G. J. & Otto, M. W. (2015). The effects of Computerized Cognitive Control Training on community adults with depressed mood. Behavioural and Cognitive Psychotherapy, 43, 578-589.

Cole, M. W., Repovs, G. & Anticevic, A. (2014). The frontoparietal control system: A central role in mental health. Neuroscientist, 20, 652-664.

Cromheeke, S., Herpoel, L.-A. & Mueller, S. C. (2014). Childhood abuse is related to working memory impairment for positive emotion in female university students. Child Maltreatment, 19, 38-48.

Diamond, A. & Lee, K. (2011). Interventions shown to aid executive function development in children 4 to 12 years old. Science, 333, 959-964.

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