Nachahmen macht Freu(n)de

Ein weiteres Indiz, das für Mimikry als Harmonieförderer spricht sind Beobachtungen, die Zajonc, Adelmann, Murphy und Niedenthal (1987) machten. Sie fanden heraus, dass sich Paare immer stärker gleichen und immer ähnlicher aussehen, je länger sie zusammen sind. Die Autoren gehen davon aus, dass dieser Effekt insbesondere durch wiederholte Mimikry zu erklären ist. In der Tat kann davon ausgegangen werden, dass in gut funktionierenden Partnerschaften eine hoch adaptive Form von Mimikry besteht. Dabei ist allerdings zu beachten, dass es nicht förderlich ist, jegliche Verhaltensweise seines Ehepartners nachzuahmen. In einer kürzlich veröffentlichten Studie haben Häfner und Ijzerman (2011) getestet, inwiefern sich gut und schlecht funktionierende Partnerschaften in ihrem Nachahmungsverhalten unterscheiden. Auffallend dabei ist, dass Paare in gut funktionierenden Beziehungen traurige Gesichtsausdrücke stärker nachahmen als Paare in weniger gut funktionierenden Beziehungen. Das Nachahmen von Trauer dient hier als Zeichen von Empathie und Mitgefühl und kann so die Beziehung stärken. Interessanterweise finden die Autoren genau das Umgekehrte für Emotionen, die mit Ärger einhergehen. Hier tendieren Paare in gut funktionierenden Beziehungen eher dazu, gegenteilige Gesichtszüge (z.B. ein leichtes Lächeln) zu erwidern. Die Autoren interpretieren diesen Befund dahingehend, dass in solchen Situationen ein Partner adaptiv auf die andere Person eingeht und durch das Lächeln den Ärger gar reduzieren kann.

Adaptiv eingesetzte Mimikry scheint also tatsächlich ein angenehmes Klima zu schaffen, das Personen einander näher kommen und dadurch eine möglichst lange Beziehung aufrechterhalten lässt. Dies deutet darauf hin, dass bewusst eingesetztes Mimikry unserem Polizisten im anfänglichen Beispiel tatsächlich helfen müsste, ein Geständnis von seiner verdächtigten Person zu erlangen.

Durch geschickt eingesetzte Nachahmung fühlt sich die verdächtige Person dem Polizisten zugehörig. Sie erlebt den Polizisten und die Kommunikation als angenehm. Dieses positive Klima kann nun zu einem vollumfänglichen Geständnis führen. Wenn Mimikry das Verständnis füreinander stärkt, wäre es zudem denkbar, dass es noch weitere positive Konsequenzen in der Verhörsituation mit sich bringen kann. Versucht ein Polizist beispielsweise die Emotionen einer verdächtigen Person nachzuahmen, dann sollte er sich viel besser in die Situation des Verdächtigen hineinversetzen können und so besser deuten können, was in der Person gerade vorgeht. Falls dies tatsächlich der Fall ist, dann sollten nachahmende Polizeikräfte auch besser darin sein, lügende Täter zu entlarven. Genau dieser Vermutung sind Stel, Dijk und Olivier (2009) nachgegangen. In ihrem Versuch wurden die Versuchspersonen mit verschiedenen Personen konfrontiert, die entweder die Wahrheit sagten oder eine Lüge auftischten. Während die eine Hälfte der Versuchspersonen den Personen ganz normal zuhörte, sollten die andere Hälfte der Versuchspersonen die anderen Personen nachahmen. Überraschenderweise fanden die Forscher genau das Gegenteil von dem, was zu erwarten war. Die nachahmenden Probanden konnten die lügenden Personen viel schlechter entlarven als die Probanden, die nur zuhörten. Wie kann das sein? Nun, die lügenden Personen haben versucht ihre Emotionen so gut wie möglich zu verstellen, damit niemand ihre Lüge bemerkt. Auf diese gefälschten Emotionen fielen in der Folge insbesondere jene Probanden hinein, die Mimikry betrieben. Da Mimikry zu mehr Sympathie führt und das Verständnis füreinander erhöht, war es für die nachahmenden Versuchspersonen viel zu schwierig, die Lügner zu identifizieren.

Obwohl Mimikry ein automatisch und unbewusst ablaufender Prozess ist, hat sie also sehr viele positive soziale Konsequenzen. Für Polizisten kann das bewusste Einsetzen der Mimikry dadurch die Erlangung eines Geständnisses unter Umständen sogar erleichtern. Wie wir aber gesehen haben, kann Mimikry in gewissen Situationen auch kontraproduktiv sein. Wollen wir zum Beispiel unseren verärgerten Partner aufbauen oder potentielle Lügner identifizieren, dann heißt es „Finger weg von Mimikry“!

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