Nur ein Kompliment? Warum auch positive Geschlechter-Stereotype sexistisch sein können

Was ist das Problem an „positiven Vorurteilen“?

Die beiden Formen unterscheiden sich in ihrem Inhalt und ihrer Funktion also weniger als die Bezeichnungen “feindlich” und “wohlwollend” suggerieren. Dennoch gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen ihnen. Dieser liegt darin, dass der hostile Sexismus offen und vergleichsweise leicht zu erkennen ist. Hingegen bleibt der benevolente Sexismus oft unerkannt, da er sich als positive Einstellung tarnt. Männer, die benevolent sexistische Einstellungen haben, sehen sich meistens selbst nicht als Sexisten. Auch Frauen fallen entsprechende Äußerungen oder Verhaltensweisen oft nicht negativ auf (Barreto & Ellemers, 2005). Sie können allerdings trotzdem negative Auswirkungen haben. Tatsächlich kann benevolenter Sexismus manchmal sogar problematischer sein als offener, hostiler Sexismus.

Dardenne et al. (2007) haben das genauer untersucht. Die Teilnehmerinnen ihrer Studie durchliefen ein Bewerbungsverfahren in einem Betrieb mit bisher ausschließlich männlichen Mitarbeitern. Die Bewerberinnen wurden mit einer entweder neutralen, hostilen oder benevolent sexistischen Aussage des zukünftigen Chefs konfrontiert. Danach mussten sie einen Leistungstest absolvieren. Der hostil-sexistsche Chef beschwerte sich über Regulierungen, die ihn zwängen, Angehörige des „schwächeren Geschlechts“ einzustellen. Seiner Meinung nach werde die Benachteiligung von Frauen in der Branche von Feministinnen übertrieben, um Frauen Vorteile zu verschaffen. Die Teilnehmerinnen nahmen die Bemerkung als sexistisch wahr und fühlten sich dadurch angespornt, in dem Test gute Leistungen zu erbringen. Tatsächlich schnitten sie anschließend genauso gut ab wie die Frauen, die eine nicht-sexistische Aussage gehört hatten. Der benevolent-sexistische-Chef erklärte hingegen die zukünftigen Kollegen seien sich einig, dass ihr Betrieb vom besseren Geschmack und Sinn für Anstand einer weiblichen Mitarbeiterin profitieren würde. Die Teilnehmerinnen, die diese Aussage hörten, schnitten im Leistungstest signifikant schlechter ab. Ihre Konzentration war durch Zweifel an der eigenen Kompetenz beeinträchtig. Egal ob die Aussage hostil oder benevolent-sexistisch war, alle Frauen nahmen die Situation ähnlich unangenehm wahr. Während die einen jedoch eine externe Quelle - den sexistischen Chef - für die negativen Gefühle ausmachen konnten, äußerten sie sich in den Frauen, die benevolentem Sexismus ausgesetzt waren, in Selbstzweifeln anstatt in Verärgerung.Das Bewusstsein um Geschlechterstereotypen kann einen Einfluss auf das Abschneiden von Frauen, zum Beispiel in Mathetests, haben. Bild: JESHOOTS.COM via Unsplash. (https://unsplash.com/photos/5EKw8Z7CgE4, License:https://unsplash.com/licenseDas Bewusstsein um Geschlechterstereotypen kann einen Einfluss auf das Abschneiden von Frauen, zum Beispiel in Mathetests, haben. Bild: JESHOOTS.COM via Unsplash. (https://unsplash.com/photos/5EKw8Z7CgE4, License:https://unsplash.com/license

Um die Quelle dieser Selbstzweifel zu identifizieren, hilft es, sich vermeintlich positive Geschlechterstereotype über Frauen genauer anzusehen. Eigenschaften, die als weibliche Stärken gelten, liegen in der Regel im zwischenmenschlichen Bereich. Dazu gehören zum Beispiel die vermeintlich höhere soziale Kompetenz und emotionale Intelligenz von Frauen. Merkmale, die mit Macht und Leistung assoziiert sind, werden hingegen eher als männliche Domäne gesehen, die Frauen von Natur aus weniger liegt. Natürlich wissen Frauen um diese Wahrnehmung und das kann in Situationen, in denen solche Fähigkeiten gefragt sind, die sogenannte „Stereotypbedrohung“ auslösen. Dabei wirkt sich die Angst, dem negativen Stereotyp zu entsprechen, auf die Leistung aus. Das lässt es wiederum so aussehen, als träfe das Stereotyp tatsächlich zu. So fällt es zum Beispiel Frauen schwerer, mathematische Aufgaben zu lösen, wenn sie vorher die Information erhalten, dass Männer in diesem Bereich bessere Leistungen erbringen. Dies wird darauf zurückgeführt, dass ein Teil ihrer Konzentration darauf verwendet wird, diese Bedrohung für den eigenen Selbstwert abzuwehren. Folglich steht er nicht mehr für die eigentliche Aufgabe zur Verfügung (Spencer et al., 1999).

Dass die benevolent-sexistische Aussage im Vorstellungsgespräch ebenfalls diesen Effekt hatte, liegt daran, dass die Stereotypbedrohung nicht nur durch die Konfrontation mit negativen Stereotypen ausgelöst wird. Auch Frauen, die positiven Geschlechterstereotypen ausgesetzt sind, können anschließend beispielsweise schlechtere mathematische Leistungen zeigen (Kahalon et al., 2018). Dahinter steckt der sogenannte „Kompensationseffekt“ (Kervyn, Judd & Yzerbit, 2009). Soziale Gruppen werden auf zwei grundlegenden Dimensionen bewertet: Die Wärme-Dimension beschreibt, ob die Gruppe als freundlich oder feindselig gilt. Die Kompetenz-Dimension erfasst, ob die Gruppe als fähig oder inkompetent wahrgenommen wird. Dabei wird eine niedrige Bewertung auf einer Dimension oft durch eine höhere Bewertung auf der anderen Dimension ausgeglichen und umgekehrt. Im Fall von Frauen, die als warme, fürsorgliche Gruppe gelten, heißt das, dass sie durch diese Zuschreibung automatisch als weniger kompetent wahrgenommen werden. Siy und Cheryan (2016) haben herausgefunden, dass die Zielgruppen von Stereotypen sich dieses Effekts bewusst sind: Frauen erwarten, dass ein Mann, der positive Vorurteile über Frauen äußert, auch negativen zustimmen würde. Ein Kompliment, das auf einem positiven Geschlechterstereotyp basiert, kann also ausreichen, um auch die negativen mit der Geschlechterrolle assoziierten Vorurteile zu aktivieren. Das bedeutet nicht, dass Komplimente per se negativ sind. Diese Effekte entstehen dann, wenn nur stereotyp-konforme Eigenschaften komplimentiert werden. Sie lassen sich vermeiden, wenn stattdessen Komplimente sowohl für Wärme als auch für Kompetenz gemacht werden – beispielsweise indem Frauen nicht nur für ihr Aussehen oder ihr Einfühlungsvermögen, sondern auch für ihre beruflichen Leistungen oder handwerkliches Geschick anerkannt werden.Benevolenter Sexismus führt bei vielen Frauen zu selbstkritischen Gedanken über ihr Aussehen. Bild: Mikail Duran via Unsplash (https://unsplash.com/photos/iUptTiA0eHQ, License:https://unsplash.com/license).Benevolenter Sexismus führt bei vielen Frauen zu selbstkritischen Gedanken über ihr Aussehen. Bild: Mikail Duran via Unsplash (https://unsplash.com/photos/iUptTiA0eHQ, License:https://unsplash.com/license).

Die Auswirkungen von benevolentem Sexismus auf Frauen zeigen sich allerdings nicht nur in der Verschlechterung der Leistung in traditionell männlichen Domänen, sondern auch darin, dass sie die Bedeutung von traditionell weiblichen Domänen verstärken. Frauen, die auf subtile Weise benevolentem Sexismus ausgesetzt sind, machen sich beispielsweise anschließend mehr und kritischere Gedanken über ihr Äußeres (Calogero & Jost, 2011). Die positiven Aussagen scheinen also gesellschaftliche Erwartungen bezüglich des Aussehens von Frauen zu aktivieren. Diese bringen sie dazu, den Schönheitsnormen entsprechen zu wollen, sich also dem traditionell weiblichen Rollenbild anzupassen.

Diese Befunde zeigen deutlich, dass die Unterscheidung zwischen „wirklich sexistischen“ und „gut gemeinten“ oder „harmlosen“ Verhaltensweisen, die den Kern der Kritik an der #metoo-Debatte bildet, irreführend ist. Niemand würde Catherine Deneuve darin widersprechen, dass Galanterie keine chauvinistische Aggression ist. Der Fehler liegt jedoch in der Annahme, dass „Galanterie“ deswegen nicht dazu beitragen könne, Ungleichheit zwischen Männern und Frauen aufrechtzuerhalten. Im Gegenteil, benevolent sexistische Verhaltensweisen wie ebendiese Ritterlichkeit erlauben es Männern, auf subtile Weise traditionelle Geschlechterrollen zu festigen ohne dabei von sich selbst oder anderen als Sexisten wahrgenommen zu werden. Eine Debatte darüber, wie diese Verhaltensweisen im Einzelfall gemeint oder aufgefasst werden, ist daher nicht zielführend, wenn es darum geht, Sexismus auf gesellschaftlicher Ebene zu verstehen und abzubauen. Solange die meisten Machtpositionen von Männern besetzt werden und traditionell männliche Attribute als Voraussetzungen für diese Positionen gelten, existiert ein Kompliment über das Aussehen oder die Fürsorglichkeit einer Frau nicht in einem Vakuum. Es erfüllt eine Funktion und trägt zur Aufrechterhaltung dieser ungleichen Geschlechterbeziehungen bei. Gesetzlich ist die Gleichberechtigung der Geschlechter mittlerweile eine Norm und auch gesellschaftlich erfährt sie breite Unterstützung. Dennoch scheitern wir in vielen Bereichen immer noch daran, traditionelle Geschlechterrollen in unserem Verhalten zu überwinden. Die sozialpsychologische Forschung spricht dafür, dass neben negativen auch vermeintlich positive Geschlechterstereotype entscheidend dazu beitragen, dass sich dieser Wandel so schwierig gestaltet.

 

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