Ohne Verpflichtungen: Sind „Freunde mit gewissen Vorzügen“ im echten Leben so kompliziert wie im Film?

Eine Sache, die klar ist, ist, dass im Falle heterosexueller Formen von „Freundschaft Plus“ die Geschlechter unterschiedliche Bedeutungen mit diesen Beziehungen verknüpfen. Man schaue sich eine aktuelle Studie von Lehmiller, VanderDrift und Kelly (2011) an, in welcher 411 Erwachsene im Alter von 18 bis 65 Jahren befragt wurden. Alle Probanden/innen befanden sich zum Befragungszeitpunkt in einer „Freundschaft Plus“ (nebenbei bemerkt: Diese Altersspanne sagt uns, dass nicht nur Collegestudierende „Freundschaften Plus“ haben!). Als sie gefragt wurden, warum sie diese Form der Beziehung begonnen haben, gaben die meisten Männer und Frauen den Sex als Hauptgrund an, was vielleicht nicht überraschend ist. Allerdings nannten die Männer (72 %) signifikant häufiger als die Frauen (56 %) den Sex als Hauptgrund. Ebenso gaben signifikant mehr Frauen (37 %) als Männer (25 %) an, dass ihr primärer Beweggrund für den Beginn einer solchen Beziehung die emotionale Verbindung mit einer anderen Person sei. Außerdem gaben die meisten Frauen (69 %) bei der Frage, was sie sich für die Zukunft ihrer „Freundschaft Plus“- Beziehung erhofften, den Wunsch an, dass die Beziehung sich in irgendeiner Form verändere, sei es, dass eine feste Beziehung daraus entstünde, man wieder einfach Freunde werde, oder dass sowohl die freundschaftliche als auch die sexuelle Beziehung beendet werde. Im Vergleich dazu äußerten die meisten Männer (60 %) den Wunsch, dass die „Freundschaft Plus“ in der Zukunft gleich bleibe. Diese Befunde legen nahe, dass ein Grund dafür, dass heterosexuelle „Freundschaften Plus“ häufig so kompliziert werden, darin besteht, dass Männer und Frauen nicht immer die gleichen Vorstellungen teilen, wenn es um die Beziehung und deren Zukunft geht. In vielen „Freundschaften Plus“ scheint es also so zu sein, als gäbe es in Wirklichkeit so einige Verpflichtungen.

Warum werden „Freundschaften Plus“ so kompliziert?

Die Tatsache, dass Männer und Frauen zuweilen abweichende Beweggründe und Erwartungen haben, wenn es darum geht, eine „Freundschaft Plus“ aufzunehmen, ist sicherlich eine Ursache für die Komplikationen, zumindest in den Fällen von heterosexuellen „Freundschaften Plus“. Allerdings werden „Freundschaften Plus“ häufig auch aus einem anderen Grund kompliziert: Mangelnde Kommunikation sowohl innerhalb als auch außerhalb des Schlafzimmers. Zunächst ist es so, dass viele Menschen in einer „Freundschaft Plus“ berichten, dass es ihnen nicht gelingt, jegliche Art von Regeln für die Beziehung zu vereinbaren (Bisson & Levine, 2009). Wenn nicht völlig klar ist, welches Verhalten erlaubt ist und welches nicht (z. B. Sex mit anderen Personen zu haben, anderen von der Beziehung zu erzählen), wird es sehr leicht, die Gefühle des/r anderen unabsichtlich zu verletzen. Außerdem reden „Freunde/innen mit gewissen Vorzügen“ nicht so häufig über Sex, wie man vielleicht erwarten würde. Obwohl die Darstellungen der Massenmedien nahelegen, dass „Freunde/innen mit gewissen Vorzügen“ im Vergleich zu festen Paaren mehr Freiheiten haben, um über ihre sexuellen Bedürfnisse zu reden und nach dem zu fragen, was sie wollen, entspricht das nicht der Realität. Tatsächlich verglich eine Studie (Lehmiller, VanderDrift & Kelly, 2014) die sexuellen Kommunikationsmuster einer Stichprobe von 190 Menschen, die aktuell in einer „Freundschaft Plus“ lebten, direkt mit einer Stichprobe von 186 Menschen, die in einer festen Beziehung lebten. Die Ergebnisse offenbarten, dass Personen in einer „Freundschaft Plus“ weniger dazu neigten, ihre sexuellen Bedürfnisse und Wünsche zu diskutieren, sexuelle Grenzen einzuführen und über sexuell übertragbare Krankheiten oder Verhütung zu sprechen. Der einzige Aspekt der sexuellen Kommunikation, bei dem die Personen innerhalb einer „Freundschaft Plus“ den Personen in festen Beziehungen überlegen waren, bestand darin, über sexuelle Erfahrungen zu reden, welche sie mit anderen Menschen haben. Personen innerhalb einer „Freundschaft Plus“ neigten auch mehr dazu, über die Notwendigkeit von Kondomen zu sprechen, wenn sie zusätzlich Sex mit anderen hatten.Bild von Stokpic via Pixabay (https://pixabay.com/de/paar-herummachen-jung-gl%C3%BCcklich-731890/), CCO (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)

Warum mangelt es an Kommunikation in „Freundschaften Plus“? Ein Faktor, der eine Rolle spielen mag, ist die Tatsache, dass der Konsum von Alkohol mit Berichten über die Erfahrung einer „Freundschaft Plus“ zusammenhängt (Owen & Fincham, 2011). Tatsächlich treffen sich viele „Freunde/innen mit gewissen Vorzügen“ nur, wenn sie trinken. Während Alkohol Hemmungen vermindert und Hindernisse zur sexuellen Aktivität abbaut, könnte er jedoch auch die Kommunikation behindern. Nicht nur das, Alkoholgebrauch hängt auch damit zusammen, weniger durchdachte Entscheidungen in Bezug auf Beziehungen zu treffen (Owen & Fincham, 2011). Folglich könnten „Freunde/innen mit gewissen Vorzügen“, die sich treffen, während sie trinken, weniger dazu neigen, die Dinge zu durchdenken. Bemerkenswert ist auch, dass, unabhängig von Alkoholkonsum, einige „Freunde/innen mit gewissen Vorzügen“  vor Kommunikation zurückschrecken könnten, weil sie Angst davor haben, dadurch zu viel Intimität zu erzeugen oder sich darüber Sorgen machen, dass das Errichten von Regeln und Grenzen ihre Vereinbarung verkomplizieren könnte.

Wie sind die „Vorzüge“?

Forschung, die „Freundschaften Plus“ und feste Beziehungen miteinander vergleicht, hat gezeigt, dass es keine Unterschiede bezüglich der sexuellen Praktiken zwischen beiden Beziehungsformen gibt (Lehmiller et al., 2014). In anderen Worten: Personen innerhalb einer „Freundschaft Plus“ gehen im Großen und Ganzen ähnlichen sexuellen Aktivitäten nach wie Personen in festen Beziehungen. Worin sie sich jedoch unterscheiden, ist die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs und die sexuelle Befriedigung. Demnach berichten Personen innerhalb einer „Freundschaft Plus“, dass sie seltener miteinander schlafen als Paare in festen Beziehungen. Dies ergibt auch Sinn, wenn man bedenkt, dass Personen innerhalb einer „Freundschaft Plus“ typischerweise nicht zusammenleben und daher weniger Möglichkeiten zum Sex haben. Außerdem berichten Personen, die eine „Freundschaft Plus“ führen, dass sie weniger sexuell befriedigt sind als Personen in festen Beziehungen. Zur Klarstellung: Das heißt nicht, dass Personen innerhalb einer „Freundschaft Plus“ von Natur aus unzufrieden mit dem Sex sind, den sie haben – das ist auf gar keinen Fall so! Tatsächlich sind Personen in „Freundschaften Plus“ durchschnittlich sehr befriedigt, nur eben nicht in dem Ausmaß wie Personen in festen Beziehungen. Woher kommt das? Ein Faktor könnte wahrscheinlich die mangelnde Kommunikation über Sex sein. Wenn man seinem Partner oder seiner Partnerin nicht erzählt, was man mag und genießt, dann ist es weniger wahrscheinlich, dass man einen Orgasmus bekommt oder maximales Vergnügen empfindet. Ein anderer Faktor könnte sein, dass Personen in „Freundschaften Plus“ mit höherer Wahrscheinlichkeit Kondome verwenden als Personen in festen Beziehungen. Für manche verringern Kondome jedoch das sexuelle Vergnügen. Ein weiterer Faktor, der schließlich eine Rolle spielen könnte, ist die Tatsache, dass man umso mehr lernt, was die Person mag und wie man die Person befriedigen kann, je mehr Sex man mit dem gleichen Partner oder der gleichen Partnerin hat. Dadurch, dass Personen innerhalb einer „Freundschaft Plus“ weniger Sex haben als Personen in festen Beziehungen, haben sie weniger Möglichkeiten zu lernen.

Was geschieht mit „Freundschaften Plus“ auf lange Sicht?

Bild von Netcolon via Pixabay (https://pixabay.com/de/frau-man-junge-frau-sch%C3%B6ne-frau-1514510/), CCO (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Wie bereits erwähnt, entwickeln sich „Freundschaften Plus“ in Filmen oft zu festen Beziehungen. Was geschieht im wahren Leben? Bis heute wurden keine Längsschnittstudien veröffentlicht, welche den typischen Verlauf von „Freundschaften Plus“ erforschen. Aber eine Studie, die Collegestudierende, welche zuvor oder aktuell in einer „Freundschaft Plus“ lebten, bezüglich des Ausgangs der Beziehung befragte, zeigte, dass die Beziehungen sich in viele unterschiedliche Richtungen entwickelt hatten (Bisson & Levine, 2009). Genauer gesagt berichteten 28,3 %, dass sie weiterhin in einer „Freundschaft Plus“ seien, 35,8 % berichteten, dass sie aufgehört hätten, miteinander zu schlafen und Freunde/innen geblieben seien, 9,8 % gaben an, dass sich die „Freundschaft Plus“ in eine feste Beziehung entwickelt habe und 25,9 % gaben an, dass die Beziehung komplett beendet worden sei. In einer anderen Studie wurden Collegestudierende zu ihrer jüngst vergangenen und beendeten „Freundschaft Plus“ befragt (Owen & Fincham, 2013). Etwa die Hälfte gab an, dass sie keine Freunde/innen mehr seien oder sich weniger nahe stünden als zuvor. Hingegen gab die andere Hälfte an, dass die Freundschaft genauso stark bzw. stärker sei als zuvor. Demnach kann alles wieder so werden, wie es vor der „Freundschaft Plus“ war, allerdings ist das nicht garantiert.

Artikelautor(en)

Newsletter

Abonnieren Sie unseren Newsletter, um über neue In-Mind Artikel, Blog Beiträge und vieles mehr informiert zu sein.

Facebook