Ohnmacht – Über das Gefühl, das Leben nicht im Griff zu haben

Ohnmacht als Motor der Angst

Ohnmacht ist das Gefühl, das Leben nicht im Griff zu haben – also auch eine gefühlte Unfähigkeit, Bedrohungen aus dem Weg zu gehen oder wirksam zu begegnen. Das kann Angst auslösen. Die Bedrohung durch Terroranschläge versetzt die ganze Welt in Angst und Schrecken – spielen auch hier Ohnmachtsgefühle eine Rolle? Eine Befragung im terror-geplagten Israel spricht dafür (Cohen-Louck, 2016): Die Befragten berichteten große Angst vor Anschlägen sowie Gefühle von Kontrollverlust und Hilflosigkeit – unter anderem wegen der Unfähigkeit, Bedrohung vorherzusagen. Gefühlt keine Kontrolle über die eigene körperliche Sicherheit zu haben, könnte einen chronisch erhöhten Angstpegel zur Folge haben. Chronische Angst kann sich auf die Gesundheit negativ auswirken.

Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Ohnmacht und körperlicher Gesundheit finden sich bei Tieren (Myers, 2010): Ratten wurden durch leichte Stromschläge gestresst. Manche Tiere erhielten die Möglichkeit, die Stromschläge abzustellen – und damit Kontrolle; die anderen Tiere waren den Stromschlägen ausgeliefert. Der Clou: Die Stromschläge waren so eingestellt, dass „mächtige“ und „ohnmächtige“ Tiere genau gleich viele Schläge erhielten. So war sichergestellt, dass alle Tiere objektiv gleich viel Stress hatten. Wäre der objektive Stress entscheidend, müssten „mächtige“ und „ohnmächtige“ Ratten gleich gesund oder krank sein. Das war aber nicht der Fall: Das Immunsystem der „ohnmächtigen“ Ratten war geschwächt und sie erkrankten eher an Krebs als die Tiere, die Einfluss auf die Stromschläge nehmen konnten. Macht und Ohnmacht können die Gesundheit von Ratten beeinflussen – warum nicht auch die von Menschen?

Ohnmacht – Was tun?

Ohnmacht ist unangenehm, kann in Gewalt umschlagen, Depressionen und Ängste hervorrufen und ist womöglich an der Entstehung von körperlichen Krankheiten beteiligt. Was kann man gegen Ohnmacht tun? Zunächst scheint es wichtig, sich der Ohnmacht bewusst zu sein. Das Problem zu kennen, ist häufig der erste Schritt zur Besserung. Wie schon erwähnt, plädiert beispielsweise Konrad Grossmann dafür, die Erwartungen an die eigene Wirksamkeit herunterzuschrauben. Nicht alles im Griff zu haben, sollte normal sein und kein Grund, sich unzulänglich oder gar ohnmächtig zu fühlen. Dafür bedürfte es letztlich eines Kulturwandels – hin zu einer Gesellschaft, in der Unzulänglichkeiten normal und menschlich sind und ein „gelungenes“ Leben weniger an objektiven Errungenschaften gemessen wird. Dankbarkeit und Demut gehörten ebenso dazu wie das Akzeptieren der eigenen Grenzen.

Grossmann setzt damit an den überzogenen Erwartungen an die eigene Wirksamkeit an, die gerade den Menschen in der westlichen Welt das Leben schwermachen. Andere Ansätze zielen darauf ab, Wirksamkeit bzw. das Gefühl von Wirksamkeit zu erhöhen: So schlägt Sennett (2008) vor, Arbeitsumgebungen so zu gestalten, dass sie ein Gefühl von Wirksamkeit fördern – beispielsweise durch Zielsetzungen, die zwar fordern, aber erreichbar bleiben.

Abbildung 3. Die Selbstwirksamkeit am Arbeitsplatz oder auch im täglichen Leben wird von vielen Wissenschaftlern als Weg aus dem Gefühl der Ohnmacht gesehen, hin zu einem selbstbestimmten Leben. Foto: StartupStockPhotos via Pixabay (https://pixabay.com/en/write-plan-business-startup-593333/, CC:https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.en), Esther KühnForschungsarbeiten des Psychologen Albert Bandura sprechen für die Wirksamkeit solcher Ansätze: Das Setzen von klaren, erreichbaren Zielen verringerte die Anfälligkeit für depressive Stimmungen, ebenso wie Selbstregulations-Trainings (Bandura, 1991). Unter Selbstregulation fasst die Psychologie die Wirksamkeit „nach innen“ zusammen: Die Steuerung der eigenen Aufmerksamkeit, von Gefühlen, Impulsen und Handlungen – schließlich kann man sich nicht nur äußeren Umständen, sondern auch eigenen Gefühlen oder Impulsen hilflos ausgeliefert fühlen. Selbstregulation kann sogar die Symptome der sogenannten posttraumatischen Belastungsstörung verbessern (Benight & Bandura, 2004) – eine oftmals schwere psychische Krankheit, die nach außergewöhnlich belastenden Erlebnissen auftreten kann.

Ohnmacht spielt auch bei der Volkskrankheit Burnout eine zentrale Rolle: Die Betroffenen haben oft das Gefühl von geringer Wirksamkeit – obwohl sie Tag und Nacht arbeiten, erscheinen die Ergebnisse immer dürftig (Maslach et al., 2001). Kognitives Verhaltenstraining, Beratungsgespräche, Training von berufsbezogenen Fähigkeiten, soziale Unterstützung, Entspannungsübungen, Kommunikationstraining und Musiktherapie – verschiedene Strategien können Burnout-Gefühle wirksam reduzieren (Awa et al., 2001). Das Gefühl, das Leben wieder in den Griff zu bekommen, dürfte dabei eine wichtige Rolle spielen.

Ohnmacht – das Gefühl, das Leben nicht (mehr) im Griff zu haben – präsentiert sich vielschichtig und befällt uns nicht nur in lebensbedrohlichen Situationen. Ohnmacht floriert vielmehr gerade in der „sicheren“ westlichen Welt, die den amerikanischen Traum verinnerlicht hat: Angeblich ist alles möglich – wenn man nur will und hart genug arbeitet. Enttäuschungen sind vorprogrammiert, denn unser Einfluss ist begrenzter als der Traum suggeriert. Gefühle von Kontrollverlust und Ohnmacht können sich breit machen und unterschiedliche Folgen haben: Von Gewalt über Ängste, Depressionen und Burnout, bis hin zu körperlicher Krankheit. „Taking back control“ – der Brexit-Slogan fasst zusammen, was sich „Ohnmächtige“ oft wünschen. Ein subtiles, weit verbreitetes Gefühl wurde hier geschickt ausgenutzt. Das subjektive Gefühl von Kontrolle ist wichtig – und lässt sich beeinflussen. Dazu wendet man sich am besten an seriöse Therapie- und Beratungsstellen, die die eigene Lebenssituation verstehen helfen und das Bewusstsein schärfen – und verlässt sich nicht auf die neueste Variante politischer Heilsversprechen.

Literaturverzeichnis

Awa, W., Plaumann, M., & Walter, U. (2010). Burnout prevention: A review of intervention programs. Patient Education and Counseling, 78, 184-190. doi:10.1016/j.pec.2009.04.008

Bandura, A. (1991). Social cognitive theory of self-regulation. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 50, 248-287. doi:10.1016/0749-5978(91)90022-L

Benight, C. C., & Bandura, A. (2004). Social cognitive theory of post-traumatic recovery: The role of perceived self-efficacy. Behaviour Research and Therapy, 42, 1129–1148. doi:10.1016/j.brat.2003.08.008

Bibliographisches Institut, & Brockhaus, F.A. (2006). Dudenredaktion, Wissenschaftlicher Rat. Duden: Die deutsche Rechtschreibung. Mannheim: Dudenverlag

Cohen-Louck, K. (2016). Perception of the threat of terrorism. Journal of Interpersonal Violence. Advance online publication. doi:10.1177/0886260516646091

Ekman, P. (1978). Facial expression. In A. W. Siegman & S. Feldstein (Eds.), Nonverbal behavior and communication (pp. 97-116). New Jersey: Lawrence Erlbaum Association.

Grossmann, K. P. (2006). Macht und Ohnmacht. Von der Schwierigkeit, das eigene Leben zu beeinflussen. Systemische Notizen, 6, 4-6.

Herlosohn C. (1834). Damen Conversations Lexikon. Leipzig, Erster Band.

Maslach, C., Schaufeli, W. B., & Leiter, M. P. (2001). Job Burnout. Annual Review of Psychology, 52, 397-422. doi:10.1146/annurev.psych.52.1.397

Myers, D. (2010). Psychology. New York, NY: Worth

Seligman, M. E. P. (1975). Helplessness. On depression, development and death. San Francisco: Freeman and Comp.

Sennett, R. (2008). Handwerk. Berlin: Berlin-Verlag

Späti, J., Chumbley, J., Doerig, N., Brakowski, J., Grosse Holtforth, M., Seifritz, E., & Spinelli, S. (2015). Valence and agency influence striatal response to feedback in patients with major depressive disorder. Journal of Psychiatry & Neuroscience, 40, 394-400. doi10.1503/jpn.140225.

Sutterlüty, F. (2002). Gewaltkarrieren. Jugendliche im Kreislauf von Gewalt und Missachtung. Frankfurt am Main und New York: Campus Verlag

Sutterlüty, F. (2006, April 6). Dynamik der Gewalt. Zeit Online, p. 15.

von Pierer (1857). Pierer’s Universal-Lexikon der Vergangenheit und Gegenwart. Erster Band. Altenburg: Pierer.

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