Ohnmacht – Über das Gefühl, das Leben nicht im Griff zu haben

In Ohnmacht fallen oder sich ohnmächtig fühlen – gemeinsam ist beiden Ohnmachten der Verlust von Kontrolle: Über den Körper, den Geist, die Lebensumstände oder – im Falle der Bewusstlosigkeit – alles auf einmal. Die Psychologie interessiert sich vor allem für das Gefühl von Ohnmacht und findet: Gefühle von Ohnmacht befallen uns nicht nur in lebensbedrohlichen Situationen, sondern sind ständiger Begleiter in der westlichen Welt – mit weitreichenden psychischen, sozialen und politischen Konsequenzen. Welche Gesichter kann Ohnmacht im Alltag annehmen? Welche Folgen hat Ohnmacht auf Erkrankungen wie Depression und Burnout? Wie kann man Ohnmacht begegnen?

Die meisten von uns leben in gesicherten Verhältnissen und kennen Naturkatastrophen und tödliche Gewalt nur aus den Medien. Warum sollten wir uns also ohnmächtig fühlen? Klimawandel, Globalisierung, Arbeitsplatz(un)sicherheit, politischer Extremismus – diese Themen komplexer Gesellschaften beschäftigen viele. Sie verunsichern, machen Angst und scheinen häufig unkontrollierbar. „Taking back control“ – der Slogan der Brexit-Befürworter fasst es treffend zusammen. Was aber hat das mit Ohnmacht zu tun? Ohnmacht entsteht nicht nur in lebensbedrohlichen Situationen. Für ein Kind kann schon ausreichen, wenn die Eltern standhaft die Gummibärchen verweigern; das ist genauso wenig lebensbedrohlich, wie wenn bei der Jobsuche eine Absage nach der anderen ins Haus flattert – und doch fühlen sich die Betroffenen irgendwie ausgeliefert, macht- und hilflos. So gesehen betrifft Ohnmacht irgendwann – und immer wieder – jede*n von uns. Aber was genau ist Ohnmacht? Und was ist die passende Reaktion darauf?

Ohnmacht: Ein vielschichtiges Gefühl

Freude, Überraschung, Trauer, Furcht, Wut, Ekel und Verachtung – unter den sieben Grundemotionen (Ekman, 1978) sucht man die Ohnmacht vergeblich. Und auch einen für die Grundemotionen charakteristischen Gesichtsausdruck hat sie nicht, deAbbildung 1. Das Gefühl der Kontrolle kann in verschiedenen Lebenssituationen verloren gehen. Foto: Esther Kühnn jeder Mensch intuitiv verstehen würde. Ohnmacht setzt sich zusammen aus „ohne“ und „Macht“ (Dudenredaktion, 2006); seinen Ursprung hat der Begriff in der Medizin. Bis ins 19. Jahrhundert hatte Ohnmacht nur eine Bedeutung: vorübergehender Verlust des Bewusstseins (Herlosohn, 1834; von Pierer, 1857). Die psychologische Bedeutung des – gefühlten oder tatsächlichen – Kontrollverlusts bzw. der Machtlosigkeit kam erst später hinzu. Wie aber fühlt sich diese psychologische Ohnmacht an? Machtlosigkeit kann verschiedene Gefühle auslösen: Angst und Aggression, Trauer und Depressivität. Dann ist es auch nicht verwunderlich, dass Ohnmacht mit Burnout, Stress und körperlicher Gesundheit zusammenhängt.

Ohnmacht als gesellschaftliches Problem

Der Soziologe Richard Sennett (2008) sieht Ohnmachtsgefühle auf dem Vormarsch: Zeitverträge und Globalisierung machen die berufliche Situation immer unsicherer, Gefühle von Hilflosigkeit sind häufig die Folge. Der Psychologe und Psychotherapeut Konrad Grossmann (2006) vermutet in „Macht und Ohnmacht: Von der Schwierigkeit das eigene Leben zu beeinflussen“, dass gerade die aufgeklärte Welt anfällig ist für Ohnmachtsgefühle: Gottheiten entfallen zunehmend als Ursachen für Lebensumstände und -verläufe; stattdessen ist angeblich jede*r des eigenen Glückes Schmied – der/die „Self-Made-(Wo)Man“ steht im Zentrum der Gesellschaft. Dass wir durch „richtige“ Handlungen unser „Wunschleben“ herbeizaubern könnten, hält Grossmann jedoch für eine Illusion: Selbst wegweisende Handlungen – wie Partnerwahl oder Fortpflanzung – entspringen seiner Ansicht nach weniger einem freien Willen; er sieht sie vielmehr als Produkt unserer Gene, unserer Herkunft, unbewusster Denkprozesse und nicht zuletzt von (zufälligem) Glück und Pech. Der „amerikanische Traum“ verkümmert damit zum leeren Heilsversprechen: Wer vom Tellerwaschen in die Riege der millionenschweren Reichen aufsteigt, hängt eben nicht nur von Einsatz und Willen ab. Enttäuschungen sind vorprogrammiert, unterschwellige Ohnmachtsgefühle oft die Folge. Der Wunsch nach einem „Self-Made-Life“ scheint aber so enorm, dass er uns nur noch anfälliger macht für (falsche) Versprechungen – wenn diese nur eine Linderung der Ohnmacht in Aussicht stellen. Aggressive Wahlversprechen vermögen so womöglich die politische Landschaft umzukrempeln.

Ohnmacht ist nicht nur unangenehm, da man sich als Opfer der Zustände fühlt, sondern kann weitreichende Folgen haben. Und das alles nur, weil die Gesellschaft uns vorgaukelt, wir könnten alles erreichen, wenn wir nur wollten? Konrad Grossmann plädiert jedenfalls dafür, dieses Bild zu korrigieren. Das erscheint umso wichtiger, da Betroffene nicht selten versuchen, Ohnmacht mit Gewalt zu kompensieren, in depressive Passivität verfallen oder unter Ängsten leiden.

Gewalt als Kompensation

Das Gefühl von Ohnmacht ist so unangenehm, dass Menschen alles Mögliche zu glauben und tun bereit sind, um ein Gefühl von Kontrolle zurückzugewinnen. Was, wenn Ohnmachtsgefühle über längere Zeit andauern – beispielsweise, wenn jemand regelmäßig zuhause ohnmächtiges Opfer oder Zeuge körperlicher Gewalt wird? Dann sind wir womöglich zu noch mehr bereit, um Abhilfe zu schaffen. Das Gefühl von Kontrolle bzw. der eigenen Wirksamkeit erhöht sich – zumindest scheinbar – durch Macht über andere. So gesehen ist es nicht verwunderlich, dass Opfer von Gewalt oft selbst gewalttätig werden. Sie nutzen Gewalt als Mittel, die Ohnmacht zu besiegen. Betroffene beschreiben diesen Wechsel aus der ohnmächtigen Opferrolle zur Machtausübung oft als Wendepunkt im Leben, der ihre Identität als wehrhaftes Ich wiederherstellt (Sutterlüty, 2002).

Aus sporadischer kann systematisierte, kriminelle Gewalt werden, wenn gewalttätige Handlungen immer wieder als wirksam erlebt werden, Ohnmacht in Macht zu verwandeln. Der Sozialforscher Ferdinant Sutterlüty (2006) erklärt so beispielsweise die gewalttätigen Ausschreitungen an der Berliner Rütli-Schule im Jahr 2006: Oft selbst Opfer häuslicher Gewalt, griffen Schüler*innen ihrerseits zu Gewalt und Demütigung, um ihrer Ohnmacht zu entkommen – tragischerweise, indem sie Ohnmachtsgefühle in Mitschüler*innen und Lehrer*innen erzeugten. Die Gewaltspirale eskalierte soweit, dass Lehrerinnen und Lehrern jegliche Kontrolle entglitt und die Schule unter Polizeischutz gestellt werden musste.

Ohnmacht und Depression

In anderen Fällen führt Ohnmacht zu einem beinahe widersprüchlich anmutenden Phänomen: Statt aktiv gewalttätig zu werden, verfallen die Betroffenen in depressive Passivität. Die Ursache ist jedoch die gleiche: Kontrollverlust. Im Zusammenhang mit Depressionen spricht man auch von erlernter Hilflosigkeit: Wird eine Handlung wiederholt in keinem Zusammenhang zu folgenden Ereignissen erlebt, zweifeln die Betroffenen an der Wirksamkeit der Handlung und stellen das Handeln ganz ein (Seligman, 1975). Die resultierende Passivität kann kurzfristig durchaus sinnvoll sein: Ist Handeln wirkungslos, spart man seine Kräfte, um bei besserer Gelegenheit wieder aktiv zu werden. Bei erlernter Hilflosigkeit funktioniert das nicht mehr: Die Betroffenen bleiben auch dann passiv, wenn sie wirksam handeln könnten. Eine übergreifende Ohnmacht hat sich Abbildung 2. Die erlernte Hilflosigkeit ist ein Teufelskreis, an dessen Ende das Gefühl steht, sich durch eigene Handlungen nicht aus negativen Situationen befreien zu können. Dies kann zur Depression führen. Bild: Esther Kühnbreitgemacht. In der Passivität verstreichen Gelegenheiten ungenutzt, die den Betroffenen zeigen würden, dass sie Herausforderungen aus eigener Kraft meistern können. Das verstärkt das Gefühl von Ohnmacht noch mehr.

Bei erlernter Hilflosigkeit wird passives Verhalten gezeigt – egal, ob Handeln wirksam wäre oder nicht. Das zeigt sich auch im Gehirn: Späti und andere (2015 beobachteten, wie die Gehirne von Depressiven und Gesunden auf Gelderwerb reagierten – verursacht entweder durch die Teilnehmer*innen (selbstverdient) oder durch andere (extern zugewiesen). Für die Gehirne der Gesunden machte das sehr wohl einen Unterschied: War das Geld selbstverdient, war mehr Aktivität im sogenannten Striatum zu finden – einer Hirnregion, die mit Belohnung im Zusammenhang steht. Bei Depressiven unterschied sich die Striatum-Aktivität dagegen nicht; für sie schien es keine Rolle zu spielen, ob das Geld selbstverdient oder extern zugewiesen war. Anders als bei Gesunden springt offenbar bei Depressiven das Belohnungszentrum nicht an, wenn eigene Handlungen positive Folgen bewirken. Ohne Belohnung keine Motivation – das könnte erklären, warum Depressive „unmotiviert“ sind, Herausforderungen aktiv anzugehen. Depressionen verstärken das Ohnmachtsgefühl, nichts an der eigenen Situation ändern zu können, was wiederum die Depression verstärkt. Und so weiter. Das anhaltende Gefühl der Ohnmacht scheint oft der erste Schritt in eine Abwärtsspirale zu sein – sei es der Gewalt, der Depression oder auch der Angst.

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