Posteingang (10.098) – Lesen Sie die Signale, die Ihr Körper Ihnen sendet?

Spüren Sie Ihren Herzschlag? Wenn nicht, könnte dies ein Hinweis auf geringe Interozeptionsfähigkeit sein. Die Fähigkeit, die inneren Signale des Körpers wahrzunehmen, scheint oft beeinträchtigt, wird aber als neuer Zugang zu Selbst- und Körperwahrnehmung gehandelt. Sie könnte zudem helfen, psychische Erkrankungen zu heilen.

Eigentlich wollte ich ja…“ Gestern zum Beispiel. Eigentlich wollte ich kurz einen Mitarbeiter sprechen und dann Mittagessen gehen. Anschließend stand ein längeres Meeting an. Aber es kam ganz anders. Der Sachverhalt war komplizierter als gedacht, das Gespräch hitzig und alles andere als kurz. Als ich wieder auf die Uhr sah, hatte das nächste Meeting bereits angefangen – und die Mittagspause war mal wieder ausgefallen. Schnell holte ich mir noch einen Schokoriegel aus der Kantine und rannte – mal wieder verspätet – Richtung Sitzungssaal.

Ein Beispiel aus dem Alltag – aber durchaus symptomatisch. Weil der berufliche Alltag uns vieles und bisweilen alles abverlangt, stellen wir oft unsere eigenen Bedürfnisse hinten an. Die Mittagspause wird verschoben, der Wunsch nach frischer Luft verdrängt und der Sport am Abend muss ausfallen, weil der letzte Termin mal wieder länger ging als gedacht. Doch wie geht unser Körper damit um, dass seine Wünsche und Bedürfnisse konsequent ignoriert werden? Verändert sich mit der Zeit unsere Sensibilität gegenüber dem, was unser Körper wirklich braucht? Und was geschieht, wenn die Wünsche unseres Körpers über Jahre keine Berücksichtigung finden?

Dies sind Fragen, die in der Psychologie zurzeit heiß diskutiert werden. Denn der Mensch ist durchaus mit der Fähigkeit ausgestattet, die Bedürfnisse seines eigenen Körpers wahrzunehmen. Bei vielen Menschen scheint diese Wahrnehmung jedoch nicht gut zu funktionieren. Die neuropsychologische Forschung versucht daher herauszufinden, wie die Fähigkeit zur Innenwahrnehmung unser Denken und Handeln beeinflusst, und ob es einen Weg gibt, sie zu trainieren.

Die Fähigkeit, nach innen zu schauen

Innenwahrnehmung wird im Fachjargon auch als Interozeption bezeichnet. Zur Interozeption zählt die Wahrnehmung des eigenen Herzschlags, aber auch die der Körpertemperatur, der Atmung, von Schmerz, Hunger und Durst. Unser Körper verarbeitet solche Signale zu jedem Zeitpunkt und registriert Abweichungen mit großer Genauigkeit. Doch wie gelangen diese Signale in unser Bewusstsein?

Der amerikanische Neuroanatomist Bud Craig gilt als Pionier der Interozeptionsforschung. Er beschrieb die neuronale Basis der menschlichen Interozeption und machte sie somit empirischer Forschung zugänglich (Craig, 2002, 2009). Bud Craig zufolge gibt es eine zentrale Region im Gehirn, die interozeptive Signale empfängt: die Insula. Die Insula liegt tatsächlich wie eine Insel im Zentrum des Gehirns (siehe Abb. 2) und empfängt sekündlich Signale, die unser Körper aussendet. Das klopfende Herz oder auch der hungrige Magen senden demnach Botschaften, die unsere Insula empfängt. Diese Botschaften können dann an Gehirnregionen weitergeleitet werden, die zu deren Bewusstmachung führen. Wir spüren dann unsere Aufregung oder merken, dass wir Hunger haben.

Setzen Sie sich nun einmal gerade hin, Hände zur Seite. Schalten Sie den Alarm Ihres Handys auf eine Minute und beginnen Sie, Ihren Herzschlag zu zählen. Zählen Sie nur diejenigen Herzschläge, die Sie von innen her spüren. Fühlen Sie nicht Ihren Puls! Wie viele Herzschläge haben Sie gezählt? Liegen Sie bei keinem bis etwa 20 Herzschlägen, weist dies auf mittlere bis schlechte Interozeptionsfähigkeit hin. Liegen Sie deutlich über 30 gezählten Herzschlägen, zeigen sie vermutlich gute Fähigkeiten, in das Innere Ihres Körpers zu schauen. Der exakte Interozeptions-Index lässt sich allerdings nur bestimmen, wenn die wirklichen gegen die gezählten Herzschläge aufgerechnet werden.

Das Herzschlag-Zählen ist eine oft verwendete Aufgabe, um Innenwahrnehmung zu untersuchen (Schandry, 1981). Der britische Forscher Hugo Critchley zeigte, dass Menschen, die ihren Herzschlag sehr gut spüren können, erhöhte Aktivität in der vorderen (anterioren) Insula aufweisen (Critchley,Wiens, Rotshtein, Öhman & Dolan, 2004). Demgegenüber zeigen Menschen, die ihren Herzschlag nur eingeschränkt oder gar nicht spüren können, verminderte Aktivität in dieser Gehirnregion. Aktivität in der hinteren (posterioren) Insula, die für den Empfang der Herzschlag-Signale verantwortlich ist, unterscheidet sich hingegen nicht zwischen den Gruppen. Die Ergebnisse legen demzufolge nahe, dass der Signaltransport von der posterioren zur anterioren Insula eine wichtige Rolle bei der Innenwahrnehmung spielt. Der Signaltransport könnte quasi entscheiden, ob empfangene Körpersignale, wie etwa der Herzschlag, weiter verarbeitet werden, oder aber ungelesen im neuronalen Posteingang verbleiben.

Eine neue Theorie vermutet sogar, dass ein veränderter Signaltransport zwischen der posterioren und anterioren Insula einer der Gründe dafür ist, warum sich Menschen in ihrer Innenwahrnehmung unterscheiden (Kuehn et al., 2015). Während bei manchen Menschen die Signale sozusagen ungelesen in der posterioren Insula verbleiben, werden sie von anderen gezielt abgerufen und in anderen Gehirnregionen weiterverarbeitet. Dies würde die Wichtigkeit der Insula für Innenwahrnehmung unterstreichen. Diese Theorie ist allerdings noch Gegenstand aktueller Forschung.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass wir Menschen uns darin unterscheiden, wie wir unseren Herzschlag verarbeiten. Eine interessante Frage ist nun, inwiefern diese Fähigkeit unseren Alltag beeinflussen kann.

Innenwahrnehmung beeinflusst unser Denken, Fühlen und Handeln

Neuropsychologische Forschung zeigt, dass es einen engen Zusammengang zwischen Innenwahrnehmung und Emotionswahrnehmung gibt (Critchley et al., 2004). Dies liegt vor allem daran, dass die anteriore Insula eine zentrale Rolle bei der Emotionsverarbeitung spielt (Gasquoine, 2014). Wie fühle ich mich gerade? Empfinde ich Trauer, Schmerz oder Freude? Solche Einschätzungen fallen Menschen mit guter Interozeptionsfähigkeit vermutlich leichter als Menschen mit verminderter Innenwahrnehmung. Sie haben sozusagen einen besseren Draht zu ihrem eigenen emotionalen Zustand.

Interozeption wird aber auch mit der Fähigkeit zu intuitivem Verhalten in Verbindung gebracht (Dunn et al., 2010). Wenn Versuchspersonen beispielsweise gebeten werden, an Risikospielen teilzunehmen, zeigt sich, dass erhöhte Innenwahrnehmung mit vorsichtigerem Verhalten einhergeht. Je besser Versuchspersonen in der Lage waren, ihren eigenen Herzschlag zu spüren, desto weniger waren sie bereit, Hochrisikoentscheidungen zu treffen (Sokol-Hessner et al., 2014). Versuchsteilnehmer/innen mit guter Innenwahrnehmung gewichteten mögliche Geldverluste höher und kamen somit zu risikoärmeren Entscheidungen. Die Autor/innen vermuten, dass dies mit der Wahrnehmung der Gefahrensignale zu tun hat, die unser Körper uns sendet. Die Fähigkeit, nach innen zu schauen, könnte uns die bewusste Wahrnehmung dieser Signale ermöglichen. Dies wiederum könnte dann dazu führen, dass wir bei der nächsten Entscheidung vorsichtiger agieren.

Mittlere bis gute Interozeptionsfähigkeit gilt nicht zuletzt dank dieser Befunde generell als positiv. Sie signalisiert ein gutes Gespür für innere Zustände und mögliche Gefahren. Unbewusst verarbeitete Signale des Körpers werden registriert und mit in die bewusste Handlungsplanung aufgenommen. Nur wer Hunger verspürt, wird sich genügend Zeit für eine Mittagspause nehmen. Und nur wer körperliche Belastung wahrnimmt, wird rechtzeitig kürzer treten. Dies könnte die Entwicklung langfristiger Stresssymptome verhindern.

Eine neue Theorie von Anil Seth vermutet sogar, dass es eine Verbindung zwischen verminderter Interozeptionsfähigkeit und der Entwicklung psychotischer Störungen gibt, wie etwa der Schizophrenie oder der Manie (Seth, 2013). Demnach könnten psychotische Patient/innen die Signale ihres Körpers nicht mehr lesen und verlören sich geradezu in ihren Gedanken, ohne ihren eigenen Körper noch spüren zu können. Als Evidenz führt Seth Berichte aus der klinischen Praxis an. So berichten Patient/innen oft, dass sie ihr Gefühl der körperlichen „Präsenz“ verloren hätten und sich nicht mehr als Teil ihres eigenen Körpers empfänden. Solche Berichte gelten als Warnsignal für psychotische Zustände. Ob verminderte Interozeptionsfähigkeit allerdings tatsächlich die Häufigkeit psychotischer Erkrankungen erhöht oder lediglich ein Symptom der Erkrankungen ist, ist noch Gegenstand aktueller Forschung.

Es ist also anzunehmen, dass Interozeption uns nicht nur erlaubt, unseren Alltag entsprechend den Bedürfnissen unseres Körpers zu gestalten und Risiken zu vermeiden. Interozeption könnte auch die Entwicklung von psychotischen Erkrankungen verhindern, bei denen die Vernachlässigung der körperlichen Wahrnehmung im Zentrum steht.

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