Psychopathie zwischen Kriminalität und Kompetenz oder was wir von Psychopathen lernen können

Kompetenz trotz oder sogar wegen Kriminalität?

Sowohl Ted Bundy als auch Jack Unterweger waren für ihre (physische) Attraktivität, ihren Charme und ihre rhetorische Fähigkeit bekannt, so dass sich selbst bei diesen kriminalpsychologischen Extremfällen die Frage stellt, ob in der psychopathischen Persönlichkeit nicht auch Kompetenzen und Ressourcen liegen könnten. Bei genauerer Betrachtung der biographischen Entwicklung von Personen wie Ted Bundy oder Jack Unterweger liegt die Vermutung nahe, dass die psychopathische Persönlichkeit möglicherweise als ein Schutzmechanismus gegen (früh-)kindliche Traumatisierungen verstanden werden kann. Um sich als Kind vor Verlustängsten und Demütigungen zu schützen, werden Einfühlungsvermögen und Ängste zurückgedrängt und durch Größenphantasien ersetzt, die im Laufe der Entwicklung eine starke sexuelle Tönung erhalten können. Gleichzeitig besitzen Menschen wie Jack Unterweger oder Ted Bundy offensichtlich die Fähigkeit, innerhalb kurzer Zeit eine – zumindest von Anderen – als intensiv erlebte Beziehung aufzubauen, die auch als psychopathische Bindung bezeichnet wird (Babiak, Neumann & Hare, 2010). Die unbestreitbaren literarischen Fähigkeiten von Jack Unterweger können darüber hinaus mit wissenschaftlichen Erkenntnissen der Psychologie in Bezug gesetzt werden, wonach zwischen psychischen Auffälligkeiten (bis hin zu psychischen Störungen) und besonderen kreativen Leistungen ein Zusammenhang bestehen kann (Galang, 2010).
Die Diskussion um den Zusammenhang zwischen Kreativität, Psychopathie und Kriminalität wurden in den letzten Jahren auch innerhalb der akademischen Psychologie geführt. Dabei wurde die Psychopathie-Definition in der Tradition nach Robert D. Hare vor allem deshalb immer wieder kritisiert, weil bei ihr explizit auf kriminelles Verhalten Bezug genommen wird. Kritiker/-innen dieses Konzepts argumentierten hingegen, dass Kriminalität kein Wesensmerkmal der Persönlichkeit sei, sondern lediglich eine Verhaltenskonsequenz, die aus bestimmten Persönlichkeitsausprägungen (wie der Psychopathie) folgen könne (Skeem & Cooke, 2010). Dieser Auffassung nach besteht Psychopathie aus den beiden Kernbereichen Furchtlose Dominanz und Egozentrische Impulsivität (Benning, Patrick, Hicks, Blonigen & Krueger, 2003): Furchtlose Dominanz steht dabei eher mit gesellschaftlichem, sozialem und beruflichem Erfolg in Verbindung, wohingegen Egozentrische Impulsivität in der Regel mit unterschiedlichen sozialen Problemen einhergeht.

Auf der Suche nach dem „erfolgreichen Psychopathen“

Hinter dem Begriff der Furchtlosen Dominanz verbergen sich Persönlichkeitsmerkmale wie geringe Ängstlichkeit, Charme und soziale Dominanz, von denen angenommen wird, dass sie in unterschiedlichen Bereichen mit Erfolg im Zusammenhang stehen können. Insbesondere im wirtschaftswissenschaftlichen Kontext kann die Suche nach dem erfolgreichen Psychopathen auf eine vergleichsweise lange Tradition zurückblicken (Mensch & Rettenberger, 2015). In einer viel beachteten Studie von Lilienfeld et al. (2012) wurden die US-amerikanischen Präsidenten (wie am Publikationsdatum erkennbar ist, noch ohne Donald J. Trump) auf ihre Psychopathie- Werte hin eingeschätzt und die diagnostischen Ergebnisse mit ihrer politischen Leistung in Verbindung gesetzt. Dabei stand der Faktor Furchtlose Dominanz mit der Leistungsbewertung der Präsidentschaft, seiner Überzeugungskraft, der Qualität seines Krisenmanagements, Durchsetzungsstärke, Gerechtigkeitsstreben und der Qualität seiner politischen Beziehungen in Verbindung. Die höchsten Werte erzielten dabei Theodore Roosevelt, John F. Kennedy und Franklin D. Roosevelt.
Auch im Wirtschaftskontext wurde seit längerer Zeit angenommen, dass Personen mit ausgeprägten psychopathischen Zügen äußerst erfolgreich agieren können. Robert D. Hare selbst wird das folgende Zitat zugeschrieben: „Wenn ich Psychopathen nicht im Gefängnis untersuchen würde, würde ich es an der Börse tun“. In der Tat konnten empirische Untersuchungen zeigen, dass Manager sogar höhere Werte bei oberflächlichem Charme, Egozentrizität, Mangel an Empathie und Überzeugungskraft besaßen als psychiatrische Patienten und Straftäter (Board & Fritzon, 2005). In einer eigenen Untersuchungen konnten wir zeigen, Berufsgruppen mit besonders hoher bzw. niedriger Ausprägung psychopathischer Merkmale. Bild: Martin RettenbergerBerufsgruppen mit besonders hoher bzw. niedriger Ausprägung psychopathischer Merkmale. Bild: Martin Rettenbergerdass Studierende der Wirtschaftswissenschaften höhere Psychopathie- Werte aufwiesen als Studierende anderer Fächer (Krick et al., 2016). Babiak et al. (2010) berichteten, dass hohe Werte in der PCL-R zwar einerseits mit zwischenmenschlichen Problemen am Arbeitsplatz im Zusammenhang stehen, aber andererseits auch mit Kreativität, strategischem Denken und Kommunikationsfähigkeiten. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen untersuchte Dutton (2012) in welchen Berufsgruppen die höchsten Psychopathie- Werte vorliegen und in welchen Berufsfeldern besonders gering ausgeprägte psychopathische Persönlichkeitszüge gemessen werden können (die Ergebnisse sind in Abbildung 3 zusammengefasst).

Was können wir von Psychopathen lernen?

Die bisherigen Ausführungen zeigen, dass – je nach Definition und individueller Ausprägung – Psychopathie entweder mit sozialer Abweichung und Kriminalität oder mit besonders herausragenden beruflichen und kreativen Leistungen im Zusammenhang stehen kann. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass besonders kreatives oder heroisches Verhalten zunächst immer eine Abweichung vom konventionellen Verhaltensmuster voraussetzt, kann in Teilaspekten der Psychopathie ein Schlüssel zum Verständnis von Helden- und Märtyrertum, künstlerischem Genius und Revolutionsführern liegen. Während die egozentrische Impulsivität sicherlich eher negative Konsequenzen mit sich bringt, kann furchtlose Dominanz bei ausreichender Verhaltenskontrolle eine äußerst effektive soziale Erfolgsstrategie darstellen. Dutton (2012) empfiehlt deshalb einzelne psychopathische Merkmale wie Rücksichtslosigkeit, Charme, mentale Robustheit oder Furchtlosigkeit in das eigene Verhaltensrepertoire zu übernehmen, um auf diesem Weg erfolgreicher durch das Leben gehen zu können. Vielleicht kann in diesem Zusammenhang Psychopathie wie ein Medikament verstanden werden: In der richtigen Dosis kann sie in schwierigen Situation durchaus hilfreich und heilend sein, bei Überdosierung werden jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit negative Konsequenzen und unerwünschte Nebenwirkungen auftreten.

Literaturverzeichnis

Babiak, P., Neumann, C. S. & Hare, R. D. (2007). Corporate psychopathy: Talking the walk. Behavioral Sciences and the Law, 28, 174-193.

Benning, S. D., Patrick, C. J., Hicks, B. M., Blonigen, D. M. & Krueger, R. F. (2003). Factor structure of the Psychopathic Personality Inventory: Validity and implications for clinical assessment. Psychological Assessment, 15, 340-350.

Board, B. J. & Fritzon, K. (2005). Disorderd personalities at work. Psychology, Crime and Law, 11, 17-32.

Dutton, K. (2012). The Wisdom of psychopaths: What saints, spies, and serial killers can teach us about success. London: Arrow.

Galang, A. J. R. (2010). The prosocial psychopath: Explaining the paradoxes of the creative personality. Neuroscience and Biobehavioral Reviews, 34, 1241-1248

Hare, R. D. (2003). Hare Psychopathy Checklist-Revised (2. Aufl.). Toronto: Multi-Health Systems.

Hare, R. D. (2005). Gewissenlos: Die Psychopathen unter uns. Berlin: Springer.

Hervé, H. (2007). Psychopathy across the ages: A history about the Hare psychopath. In: H. Hervé & J. C. Yuille (Hrsg.), The Psychopath: Theory, research, and practice (S. 31-55). Mahwah: Routledge.

Krick, A., Tresp, S., Vatter, M., Ludwig, A., Wihlenda, M. & Rettenberger, M. (2016). The relationships between the Dark Triad, the moral judgment level and the students’ disciplinary choice: Self-selection, indoctrination, or both? Journal of Individual Differences, 37, 24-30.

Leake, J. (2010). Der Mann aus dem Fegefeuer: Das Doppelleben des Serienkillers Jack Unterweger. München: Heyne.

Lilienfeld, S. O., Waldman, I. D., Landfield, K., Watts, A. L., Rubenzer, S. & Faschingbauer, T. R. (2012). Fearless dominance and the U.S. Presidency: Implications of psychopathic personality traits for successful and unsuccessful political leadership. Journal of Personality and Social Psychology, 103, 489-505.

Mensch, M. & Rettenberger, M. (2015). Die Bedeutung des Psychopathy-Konstrukts für die kriminologische und psychologische Erforschung von Wirtschaftskriminalität und abweichendem Verhalten im Arbeitskontext – eine systematische Literaturübersicht. Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform, 98, 16-34.

Michaud, S. G. & Aynesworth, H. (2000). Ted Bundy: Conversations with a killer (the death row interviews). Texas: Authorlink.

Mokros, A. (2013). PCL-R/PCL:SV – Psychopathy Checklist-Revised/Psychopathy Checklist: Screening Version. In: M. Rettenberger & F. von Franqué (Hrsg.), Handbuch kriminalprognostischer Verfahren (S. 83-107). Göttingen: Hogrefe.

Rice, M. E., Harris, G. T. & Cormier, C. A. (1992). An evaluation of a maximum security therapeutic community for psychopaths and other mentally disordered offenders. Law and Human Behavior, 16, 399-412.

Skeem, J. L. & Cooke, D. J. (2010). Is criminal behavior a central component of psychopathy? Conceptual directions for resolving the debate. Psychological Assessment, 22, 433-445.

Unterweger, J. (1992). Fegefeuer oder die Reise ins Zuchthaus (2. Aufl.). München: Heyne.

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