Radikalisierung der Aufnahmegesellschaft: Die Rolle von Medienberichten

Epauletted Fruit Bad von Beranrd Dupont via flickr, https://www.flickr.com/photos/berniedup/32673513643/in/faves-150308918@N02/; CC: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/Um die sozialpsychologischen Auswirkungen dieser medialen Repräsentation zu untersuchen, haben wir in einem zweiten Schritt eine Befragung in einer Stichprobe von 218 Deutschen durchgeführt. Der verwendete Fragebogen erfasste sowohl Variablen, die mit der Furcht vor Ansteckung in Verbindung stehen, als auch Variablen, die mit dem Gefühl der symbolischen Bedrohung durch afrikanische Immigrant/innen in Verbindung stehen. Zudem wurde die Akzeptanz der medialen Repräsentation, die die Vorstellung kultureller Verschiedenheit verstärkte, erfasst, indem die Befragten gebeten wurden, den Wahrheitsgehalt von entsprechenden Aussagen aus Medienberichten einzuschätzen (z. B. „Verzehr von Flughundefleisch als Ursache“). Abschließend gaben die Befragten ihre Unterstützung für unterschiedliche, öffentlich diskutierte und radikale gesundheitspolitische Maßnahmen an (z. B. Zwangsquarantäne von neu ankommenden afrikanischen Immigrant/innen, die Schließung der nationalen Grenzen für Immigrant/innen und Geflüchtete).

Die Auswertungen bestätigten die Annahme, dass die soziale Repräsentation von Ebola als Legitimierung für radikale Maßnahmen der Ausgrenzung aufgrund kultureller Verschiedenheit dient (siehe Abb. 1). Obwohl Variablen, die mit der Furcht vor Ansteckung in Verbindung stehen, einen statistisch signifikanten Beitrag zur Erklärung der Unterstützung restriktiver gesundheitspolitischer Maßnahmen leisten, war der Erklärungsbeitrag durch Variablen, die mit dem Gefühl der symbolischen Bedrohung durch Immigration in Verbindung standen, um ein Vielfaches höher. Die Akzeptanz der in den Medien verbreiteten kulturellen Erklärung der Ebola-Epidemie verstärkte, wie erwartet, den Einfluss symbolischer Bedrohung auf die Unterstützungsbereitschaft restriktiver Maßnahmen (Zwangsquarantäne, Grenzschließung).Gegen Willkommenswahnsinn Grenzen schützen von JouWatch via Flickr, https://www.flickr.com/photos/95213174@N08/21631435524/in/faves-150308918@N02/; CC:https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Studie 2: Mediale Repräsentationen und Reaktionen auf die Übergriffe in der Silvesternacht in Köln 2016

Unser zweites Forschungsbeispiel untersucht die Zusammenhänge zwischen medialen Repräsentationen und Reaktionen auf die Übergriffe in der Silvesternacht 2015/16 in Köln. Während der Silvesternacht zum Jahr 2016 wurden in Köln hunderte Frauen Opfer von Diebstahl-, Raub- und Sexualdelikten. Laut Polizeiangaben waren die Täter Teil einer Menge von bis zu 1000 Personen, dem äußeren Anschein nach überwiegend arabischer oder nordafrikanischer Herkunft, die sich auf dem Bahnhofsvorplatz des Kölner Hauptbahnhofs sowie dem angrenzenden Domplatz versammelt hatten. Zum Zeitpunkt der Durchführung unserer Studie (ca. 14 Tage nach der Silvesternacht) waren viele Fragen zu den Tätern und dem Tathergang offen (z. B. Handelte es sich um Mitglieder polizeibekannter lokaler Banden oder um neuangekommene Geflüchtete? Waren die Übergriffe geplant oder entwickelten sie sich spontan im Schutz der Masse?). Trotz dieser Ungewissheiten präsentierten sowohl liberale als auch konservative Medien im Anschluss an die Ereignisse in der Silvesternacht bereits ein relativ klar konturiertes Bild, in dem die Täter als ein Mob von bis zu 1000 muslimischen Immigrant/innen und Geflüchteten beschrieben wurden. Die Süddeutsche Zeitung beispielsweise – eine der einflussreichsten links-liberalen Publikationen in Deutschland – illustrierte einen Artikel ihrer Wochenendausgabe am 9. Januar mit einem schwarzen Arm, der zwischen die gespreizten Beine einer Frau greift. In dem Artikel wird ein Psychologe mit der Aussage zitiert: „Viele junge Muslime können nicht entspannt dem anderen Geschlecht begegnen. Das sind jedesmal hochsexualisierte Situationen. Auch das ist der Boden für den Exzess von Köln.“ (Dobrinski, 2016, 9. Januar). Der konservative FOCUS – eines der auflagenstärksten deutschen Wochenmagazine – zeigte auf seiner Titelseite am 9. Januar 2016 das Bild einer nackten blonden Frau, deren Körper von den Abdrücken schwarzer Hände überzogen ist. Die Titelschlagezeile lautete: „Frauen klagen an – Nach den Sex-Attacken von Migranten: Sind wir noch tolerant oder schon blind?“.

Aus Sicht der Theorie sozialer Repräsentationen lässt sich die in medialen Repräsentationen hergestellte Verbindung zwischen den sexuellen Übergriffen und dem Islam folgendermaßen interpretieren: Zum einen verankert dieser Verweis die sexuellen Übergriffe in bereits vorherrschenden Stereotypen, die den Islam als gänzlich unvereinbar mit westlichen Wertvorstellungen charakterisieren. In den Illustrationen der Süddeutschen Zeitung und des FOCUS wird auch explizit auf rassistische Vorurteile angespielt: das Bild des gefährlichen schwarzen Mannes, der die weiße Frau bedroht. Zum Zweiten wecken die Bilder der Ausschreitungen auf dem Kölner Domplatz Assoziationen zu den Bildern von Aufständen in Ägypten, Syrien oder dem Irak, wodurch das abstrakte Konzept der Immigration in das konkrete Bild einer kulturellen Invasion überführt wird.

Um die sozialpsychologischen Auswirkungen dieser medialen Repräsentation zu untersuchen, haben wir mit unserer Kolleginnen im Januar 2016 – während des Höhepunkts der medialen Aufarbeitung der Übergriffe – 444 Deutsche befragt (Stürmer, Rohmann, Fröhlich, & van der Noll, 2016). Die Variablen, die wir erfassten, waren die gleichen wie in unserer Studie zu den Auswirkungen der Repräsentationen von Ebola, nur dass sie an den Kontext der Silvesterübergriffe angepasst waren. In Bezug auf radikale Positionen erfassten wir zum Beispiel die Unterstützung der Bildung von Bürgerwehren zum Schutz vor Geflüchteten oder Unterstützung für Selbstbewaffnung zum Schutz vor Geflüchteten.

Die Ergebnisse der Untersuchung bestätigen die Ergebnisse der Studie zu Ebola in einem anderen Kontext. Variablen, die mit der Furcht vor Kriminalität in Verbindung standen, leisteten zwar einen signifikanten Beitrag zur Erklärung der Unterstützung radikaler Positionen. Der Erklärungsbeitrag durch Variablen, die mit gefühlter symbolischer Bedrohung durch muslimische Immigration in Verbindung standen, war jedoch um ein Vielfaches höher. Die Akzeptanz der in den Medien verbreiteten kulturellen Erklärungen für die Übergriffe verstärkte den Einfluss symbolischer Bedrohung auf die Unterstützungsbereitschaft radikaler Maßnahmen.

Zusammenfassung und Fazit

Unsere Studien belegen, dass die Zuschreibung der Ursachen von sozialen Problemen auf die Kultur einer Fremdgruppe die Legitimation von radikalen Maßnahmen im Umgang mit der Fremdgruppe befördern (Kruglanski & Webber, 2014). Die Rechtfertigung radikaler Mittel leitet sich unmittelbar daraus ab, dass die problemverursachenden Merkmale der Gruppe (ihre Kultur) relativ unveränderbar sind. Ausschluss, Zurückweisung und gewaltsame Vertreibung verbleiben damit vermeintlich als einzige Möglichkeiten, einer dauerhaften Bedrohung entgegenzutreten. Mediale Repräsentationen, die kulturelle Andersartigkeit in das Zentrum von Analysen sozialer Ereignisse stellen, erleichtern Radikalisierungsprozesse, indem sie Personen, die sich bereits durch kulturell Fremdes bedroht fühlen, eine Rechtfertigung für dieses Gefühl (und den daraus resultierenden radikalen Lösungsansätzen) liefern.

Unser Beitrag sollte als eine psychologische Analyse und nicht als Medienschelte verstanden werden. Unsere Idee der Legitimierung des Einsatzes radikaler Mittel durch mediale Repräsentationen bedeutet auch nicht, dass diese Repräsentationen gezielt für politische Zwecke entworfen wurden. Wir möchten unseren Beitrag dennoch mit einer eher politischen Bemerkung schließen. Soziale Repräsentationen sind kein Naturphänomen, sondern ein sozial-kulturelles Produkt. Genauso wie sich die Ursprünge von Ebola auf geografisch-ökologische (statt kulturelle) Faktoren zurückführen lassen, so ließen sich die Übergriffe in Köln durch die Kriminalität einiger (statt durch Auswüchse der muslimischen Kultur insgesamt) erklären. Aufgrund der Implikationen sozialer Repräsentationen im Zusammenhang mit Immigration sollten wir daher besonders wachsam gegenüber medialen Repräsentationen sein, die einen „clash of cultures“ beschwören.

Literaturverzeichnis

Deaux, K., & Philogène, G. (2001). Representations of the social: Bridging theoretical traditions. Malden, MA: Blackwell Publishing.

Dobrinski, M. (2016, 09. Januar). Psychologe: Übrig bleibt das Macho-Gehabe. Süddeutsche Zeitung.

Gamson, W. A., & Modigliani, A. (1989). Media discourse and public opinion on nuclear power: A constructionist approach. American Journal of Sociology, 95(1), 1-37. doi: 10.1086/229213

Joffe, H., & Haarhoff, G. (2002). Representations of far-flung illnesses: The case of Ebola in Britain. Social Science & Medicine, 54(6), 955-969. doi: 10.1016/S0277-9536(01)00068-5

Jost, J. T., & Ignatow, G. (2001). What we do and don't know about the functions of social representations. In K. Deaux, G. Philogène (Eds.), Representations of the social: Bridging theoretical traditions (pp. 190-198). Malden, MA: Blackwell Publishing.

Kießler, A., & Frischlich, L. (2015). Vom rechten Rand auf Seite 1 – Wie die Medien unsere Meinung über Rechtsextremismus und Einwanderer beeinflussen. Das In-Mind Magazin, 5. Verfügbar unter http://de.in-mind.org/article/vom-rechten-rand-auf-seite-1-wie-die-medie...

Kruglanski, A .W., & Webber, D. (2014). The psychology of radicalization. Zeitschrift für Internationale Strafrechtsdogmatik, 9,379-388.

Saéz, A. M., Weiss, S., Nowak, K., Lapeyre, V., Zimmermann, F., Düx, A., ... & Leendertz, F. H. (2015). Investigating the zoonotic origin of the West African Ebola epidemic. EMBO molecular medicine, e201404792. doi: 10.15252/emmm.201404792

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