„Rainer, the people are dancing on the wall“: Ein biografisches Interview mit Professor Rainer K. Silbereisen

MO: …in Bezug auf die Biografien der Drogenabhängigen?
 
  • RKS: Nein, bezüglich der Angebotsstrukturen, der Verführungsstrukturen, der Obstruktion von Lebensläufen, der sozialen Ungleichheit. So geriet ich dann einerseits an die berühmten Entwicklungsforscher Urie Bronfenbrenner und andererseits an Glen Elder, die beide nach jungen Forscherinnen und Forschern suchten, die das damals Unerhörte taten, nämlich nicht Piaget zu studieren, sondern heiße gesellschaftliche Themen und dies mit harten interdisziplinären Herangehensweisen.

4. Die Wendezeit

MO: Warst du eigentlich auch zur Wende in Berlin – dem Epizentrum der Wende im Herbst 1989?

  • Zur Zeit der Öffnung der Berliner Mauer im November 1989, Lear 21 at English Wikipedia [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons. https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AThefalloftheberlinwall1989.JPGRKS: Zur Wende war ich zu Besuch in Portugal. Wissenschaft zu betreiben, heißt, wirklich hart zu arbeiten: Während die anderen irgendwas machten, saß ich im Hotelzimmer und habe mangels Papier auf Hotelprospekten ein Manuskript geschrieben. Plötzlich klopfte es, eine portugiesische Kollegin kam herein und sagte: „Rainer, the people are dancing on the Wall.“ Ich habe aber im ersten Moment nichts verstanden. „You have to switch on the TV“ – und da sah ich dann diese berühmten Szenen und mir war durchaus blümerant zumute. Man muss da meinen Hintergrund verstehen: Ich war schon zu Westberliner Zeiten immer wieder in den damals sogenannten sozialistischen Ländern, habe da geforscht und bin des Öfteren eingeladen worden. In der Psychologie in der DDR war Jahre vor der Wende vor allem durch Friedhart Klix, einem führenden ostdeutschen Psychologieprofessor, ein Bedürfnis nach Weltoffenheit zu spüren. Ich kannte sowohl die Situation wie auch die Leute von beiden Seiten und es war mir damals schon relativ klar, dass die Wiedervereinigung und der ganze Prozess dahinter schwieriger, komplexer und härter sein würde, als das den Anschein machte. Darum also das blümerante Gefühl damals vor dem Fernseher in Portugal.

MO: Hat die Wende auch deine Forschung beeinflusst?

  • RKS: Ja, grundlegend. Ich habe mich bis heute stark dem Thema des sozialen Wandels zugewandt. Wir haben bereits damals zum Beispiel ganz schnell mit der Shell-Stiftung und dann 1992 mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft eine der ersten deutsch-deutschen Jugendstudien gemacht. Die Entwicklung von Jugendlichen im sich wandelnden gesellschaftlichen Kontext, das hat mich damals wie heute sehr interessiert.

MO: In dieser Jugendstudie damals ging es also um einen wissenschaftlichen Vergleich zwischen ostdeutschen und westdeutschen Jugendlichen in der Wende bzw. Nachwendezeit?

  • RKS: Ja. Und das damals schon fundamentale Resultat war, dass, sich Ost und West in Bezug auf biologische Aspekte, zum Beispiel den Zeitpunkt der Pubertät, nicht unterschieden. Im Westen herrschte damals ja die naive Vorstellung, dass Unterschiede zum Beispiel wegen der schlechten Ernährungslage im Osten entstehen sollten. Während wir zu solchen Aspekten kaum Unterschiede fanden, entdeckten wir überall dort, wo die Entwicklung durch unterschiedliche soziale Institutionen getaktet wurde, bedeutsame Unterschiede. Beispielsweise unterschied sich der Zeitpunkt der ersten beruflichen Orientierung. Interessanterweise genügten dann aber bereits fünf Jahre, um direkt nach 1989 noch bestehende Unterschiede aufzuheben. Wir fanden es auch ganz interessant, dass sowohl bei Jugendlichen als auch bei jungen Erwachsenen im Osten keine Abnahme von Kollektivismus, wohl aber eine Zunahme an Individualismus erfolgte.

MO: Du hast dann aber Deutschland mehr oder weniger den Rücken gekehrt und bist als Professor an die Pennsylvania State University in den USA berufen worden. Dort wolltest du eigentlich für immer bleiben. Warum bist du dann 1994 wieder zurück nach Deutschland gekommen?

  • RKS: Die Motivation war, an einem wahrscheinlich einzigartigen Ereignis in Deutschland teilzuhaben – dem Zusammenwachsen von Ost- und Westdeutschland. Ich hatte damals das Gefühl, in einer Situation wie zum Beispiel Ernest Hemingway zu sein, der nach Spanien zur Zeit des Bürgerkriegs ging. Es hat mich gereizt, einfach den Finger an den Puls der Zeit zu legen. Da bin ich nicht zum finanziell besten Angebot gegangen, sondern zum wissenschaftlich spannendsten. Und das fand sich im Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie in Jena mit einem exzellenten Kanzler und einem beeindruckenden Rektor. Ich habe das Nachwende-Jena damals eingesogen. Ich habe mich bemüht, nicht der „Besserwessi“ zu sein – ich glaube, mit einigem Erfolg. Wir haben dann ein sehr erfolgreiches psychologisches Institut aufbauen können.

MO: …das heute zu den führenden in Deutschland gehört. Dieses Institut gab es aber auch schon vor der Wende, richtig?

  • RKS: Ja, aber mit einer ganz anderen Ausrichtung und nahezu vollständig anderem Personal.

MO: Was waren denn vor der Wende die großen Unterschiede zum Westen?

  • RKS: Ich habe noch viele Leute, Professorinnen, Professoren und Studierende, von vor der Wende kennengelernt. Ich bin dann mit einer Kohorte von 20 Jenaer Studierenden für drei Wochen nach Amerika gegangen. Sie haben den „Klassenfeind“ besucht und waren schwer beeindruckt. Denn die Ausbildung zu DDR-Zeiten war Naturwissenschaften-nahe und Disziplinen wie die allgemeine Psychologie waren, glaube ich, absolut konkurrenzfähig im internationalen Vergleich. Das erkannte man daran, dass der Unterschied zwischen der Vorlesung vor der Wende und nach der Wende an sich nur aus zwei Seiten Papier bestand. Diese beiden Seiten habe ich dann später als Institutsdirektor entsorgt, denn das hätte peinlich sein können.

MO: Die beiden Seiten behandelten politische Sachen…

  • RKS: Ja, sicher. Das war erforderlich zu DDR-Zeiten. Und ich habe in meinen Funktionen immer versucht, Augenmaß zu bewahren und hatte auch einen Kanzler an der Uni Jena, der sich darauf einließ. Ich habe mir damals vorgestellt, was gewesen wäre, wenn ich in diesem Land aufgewachsen wäre als neugieriger, aufstiegsorientierter junger Mensch.

5. Der Forscher Rainer K. Silbereisen

MO: Was würde deine Forschung im Rückblick am besten beschreiben. Worum ging es dir insbesondere?Rainer Silbereisen sitzt vor dem eigenen Terminal zum Hauptrechner der TU Berlin (Foto: privat)

  • RKS: Herausforderungen zu meistern. Mit den Herausforderungen ist es ja so: Gelegenheiten gibt es da draußen genügend, aber eine Herausforderung entsteht erst dadurch, dass ich sie mir selber schaffe. Ich als Person muss Herausforderungen definieren und mich ihnen stellen. Herausforderungen müssen auf etwas aufbauen, das andere kalt lässt, und etwas sein, das einen anspricht. In diesem Sinn habe ich dann das Prinzip „Development as Action in Context“ geschaffen. So hieß ein Buch, das wir bei einer unserer ersten Tagungen in Berlin als junge Hochschullehrende gemacht haben. Die Idee war, dass es ein Wechselspiel von der Person und der Lebenswelt gibt, in der sie sich befindet. Dass sich die Person ändert, war mir als Entwicklungspsychologe klar, dass sich diese Umwelt ändert, wurde mir vor allem durch den amerikanischen Psychologen und Soziologen Glen Elder klar, der Veränderungen der Menschen in der Weltwirtschaftskrise untersucht hat. Wenn eine Familie einen massiven Einkommensverlust hat, dann ändert sich alles Mögliche, also die Stimmung der Eltern ändert sich, die finanzielle Lage ändert sich, die Hypotheken platzen, das Schulbrot wird dünner und so geht es weiter. Glen Elder erkannte dann zum Beispiel sehr früh die wichtige Rolle der Persönlichkeit. Er fand also, dass gleiche Herausforderungen zu durchaus Unterschiedlichem führen, je nach Selbstwirksamkeit, als der individuellen Überzeugung, Dinge meistern zu können. Diese Themen haben mich nie verlassen. Ganz früh schon bei den Drogen, dann beim Vergleich von Westberlin und Warschau, dann deutsch-deutsch und dann bei unserer Integrationsforschung – es geht immer um das!

MO: Du hast rund 30 Bücher (mit-)herausgegeben und über 350 wissenschaftliche Manuskripte publiziert. Was ist eigentlich dein persönlicher Reiz am Forschen?

  • RKS: Darüber haben wir jüngst mal in meiner Familie gesprochen. Ich meine, es ist ganz bestimmt Neugier. Und meine Neugier rührt in der Regel von Themen her, die ich selbst erlebe oder erlebt habe. Zum Beispiel war die Kernfrage in meiner Generation zur Zeit des Vietnamkrieges: Warum geht es mir so gut und anderen so schlecht? Darüber gab es lange nur Theorien und kaum Forschung.

MO: Wessen Schicksal hat Dich dabei besonders beschäftigt?

  • RKS: Die Jugendlichen in Vietnam, die Jugendlichen in Südamerika. Woher kam dieses unfassbare Wohlstandsgefälle – das war die Frage, die mich schon als Schüler beschäftigt hat. Was mir das Studium beigebracht hat, beginnend in Münster und später in Berlin und dann vor allem meine Erfahrung als Post-Doc in Saarbrücken, war, dass Psychologinnen und Psychologen das Handwerkszeug haben, solche Fragen in einer systematischen Weise anzugehen und sozusagen gegen falsche Erklärungen abzusichern. Also ich habe Wissenschaft als ein Verfahren verstanden, das unangemessene Behauptungen entlarven kann, Hypothesen auf ihre Plausibilität abklopft und relative Wahrheiten durch systematische Variation in Experimenten identifizieren kann.

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