„Rainer, the people are dancing on the wall“: Ein biografisches Interview mit Professor Rainer K. Silbereisen

  • RKS: Naja, spaßig gesagt ist es so: Diejenigen, denen ich heute Gutes tue, sind die einzigen, die später mein Lob singen oder auch das Gegenteil. Aber wer sich wissenschaftlich qualifizieren und zum Beispiel Hochschullehrerin oder Hochschullehrer werden möchte, muss sich einem strengen, täglichen Regime unterwerfen, das überwiegend selbstgesetzt ist. Man muss viele Entbehrungen auf sich nehmen und braucht dafür einerseits die Gewissheit, dass jemand da ist, der oder die das unterstützt und andererseits, der oder die glaubhaft machen kann, dass es sich am Ende lohnen wird, zumindest aber lohnen kann. Das ist der Generationsvertrag. Ich habe das sehr ernst genommen in meiner Arbeit.

MO: Wer waren denn deine wichtigsten Förderer?

  • RKS: Der wichtigste Förderer war gar kein Professor, sondern mein Biologielehrer auf einem naturwissenschaftlichen Gymnasium. Der hat mich nämlich Experimente machen lassen in der Art von Jugend forscht, aber das gab es damals noch nicht. Ich habe die Metamorphose von Fröschen unter dem Einfluss von Hormonen untersucht. Das war damals etwas ganz Neues. Der Lehrer hat uns Anfang der 1960er nach Crick und Watson schon von DNA erzählt und hat wissenschaftliches Interesse gefördert.

MO: Und wer waren die wichtigsten Professorinnen und Professoren für deine Entwicklung als Wissenschaftler?

  • RKS: Da kann ich Namen nennen wie Urie Bronfenbrenner, Glen Elder und weitere, wobei das alles Leute waren, die eine interessante Herkunft und einen ungewöhnlichen Bildungsweg hatten. Wir haben später ein Buch gemacht über Autobiografien in der Entwicklungspsychologie und das ist wirklich erstaunlich, da gibt es fast keine lineare Karriere – so ähnlich wie bei mir.

7. Die Digitale Revolution

MO: Als psychologischer Forscher arbeitet man viel mit Daten, das wird auch in den 1980er Jahren so gewesen sein. Wie hast du das damals erlebt mit der Computerisierung? Gab es damals schon eine Apple-Mania?

  • RKS: Meine ersten statistischen Analysen noch als Student haben wir mit der Monroe gemacht. Das war eine sehr große, sehr komplizierte Rechenmaschine, mit der man durch allerhand Tricks aus der Zahlentheorie Korrelationen berechnen konnte, indem man nämlich die Quadratsumme X, Quadratsumme Y und die Produktsumme in einem Gang jeweils kumuliert hat.

Monroe Rechenmaschine Dave Russ [CC BY-SA 2.0 uk (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/uk/deed.en)], via Wikimedia Commons. https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ABLW_Mechanical_Calculator_(1).jpg

MO: Wann war das?

  • RKS: Das war 1968. Dann kam die Olivetti Programma, ich rede von einem typischen psychologischen Institut damals. Das war eine Art Tischrechner. Parallel dazu hat man an den Großrechner des Deutschen Rechenzentrums in Darmstadt Daten geschickt. Das war relativ umständlich damals, aber wir haben schon früher Computer genutzt, ja.

Die Olivetti Programma 101 (BJ. 1965-1971), der erste kommerzielle, programmierbare Desktop Computer der Welt, Bild von AlisonW (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)], via Wikimedia Commons. https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AOlivettiunderwood_programma101.jpg

MO: Wie wurden die Daten denn verschickt? Heute würde man wohl einen USB-Stick verwenden, aber damals?

  • RKS: Das ging über die normale Post als Karten oder Bänder. Dann gab es die kleineren IBM-Maschinen, die schon so klein waren, dass sie einem Institut gehörten, da hat man sich über Nacht oder über das By Martin Skøtt (Flickr: IBM 1130) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons. https://en.wikipedia.org/wiki/IBM_1130#/media/File:IBM_1130_concole.ms.jpgWochenende bei den Ingenieurwissenschaften oder in der Biostatistik einschließen lassen, um dann an deren Rechner arbeiten zu können. Da habe ich erst an der IBM 1620 und dann an der IBM 1130 gearbeitet. Dann kam auf einmal Apple und ich hatte einen der ersten Apple, dann kamen die Desk Computer von IBM, dann der IBM AT und dann wurden die Speichermedien immer leistungsfähiger. Als ich gerade in Berlin Professor geworden war und dieses große Drogenprojekt gemacht habe, hat uns die TU Berlin ein eigenes Terminal hingestellt, das war also sozusagen ein Zugriff auf den Großrechner – ungewöhnlich für Psychologie, zumindest damals und in Berlin.

MO: Weißt du noch, wie leistungsfähig dieser Großrechner damals war?

  • RKS: Das war eben ein Großrechner! Das waren viele Räume, das war das Recheninstitut der TU Berlin, zu dem man Zugang hatte. Das war das Größte, was es damals gab. Also eine Platte für die IBM 1130 war schon drei- bis fünfmal so groß wie eine Diskusscheibe. Und dann kam das Statistikprogramm BMDP als SPSS-Vorläufer, wo man wirklich was verstehen musste. Später kam der PC, bis hin zur uneingeschränkten Verfügbarkeit von Informationstechnologie, wie wir sie heute kennen.

MO: Was sind für die heutige Psychologie die Herausforderungen der digitalen Revolution?

  • RKS: Also vom Forschungsthema her ist das natürlich Big Data. Wir besitzen völlig andere, früher zwar auch teils vorhandene, aber niemals erschlossene Massendaten über institutionelles Handeln und über das Handeln der Menschen, dokumentiert etwa in sozialen Medien.

MO: Und für Promovierende der Psychologie, die heute in diese Welt erst hineinwachsen?

  • RKS: Dafür gibt es wiederum internationale Bemühungen für Big Data, dazu gibt es Sommerakademien. Als ich angefangen habe, entwickelte man ein Interesse und dann musste man darin selbst Fachmann oder Fachfrau werden, denn die Unterstützungsmöglichkeiten waren relativ gering. Dafür hat man das, was man machte, besser verstanden und war besser vorbereitet als heute. Also der entscheidende Punkt ist der: Wenn ich mich für etwas interessiere, muss ich sehen, was angeboten wird. Ich muss schauen, wer publiziert da eigentlich, wer ist zentral. Wenn ich jung und hungrig bin, würde ich versuchen, dort ein Praktikum zu machen oder ein Stipendium zu bekommen um da hingehen zu können. Ein spannender Bereich liegt zum Beispiel in der Mikrogenetik – das ist völlig klar, weil diese Forschung erst jetzt erschwinglich geworden ist. Ich glaube, wichtig ist auch, sich theoretisch gut zu bewegen im Bereich der Kognition oder Neurowissenschaft. Ich begutachte selbst Forschungsanträge in verschiedenen Ländern und da kann man gut nachvollziehen, wie die Antragstellenden selbst in dieses Feld kamen. Das läuft meistens so: Es gibt eine kreative Idee und daraus entwickelt sich der Wille zu lernen, wie man das richtig erforscht. Heute gibt es dafür enorm viele Möglichkeiten und Angebote.

8. Die aktuelle Flüchtlingsdebatte

MO: Was denkt Rainer Silbereisen, der lange zum Thema Migration und Integration Jugendlicher in mehreren Ländern geforscht hat, eigentlich über die aktuelle Flüchtlingsdebatte in Deutschland?

  • RKS: Das ist eine äußerst komplexe Lage. Die „Willkommenskultur“ ist leider ein leerer Begriff, die derzeitige Opposition dazu geht aber auch fehl. Ich glaube, dass Deutschland erstens aus demografischen Gründen Immigration braucht. Zweitens benötigt Deutschland eine rationale Einwanderungspolitik, nicht jede und jeder ist geeignet für Deutschland und diese Freiheit muss man haben. Unabhängig davon gibt es drittens Asylgründe und dabei sollte man überhaupt keine Kompromisse eingehen. Eines ist klar, wer Einwanderer hat, muss sie auch integrieren und befähigen, in Deutschland erfolgreich zu sein – jenseits aller Eigenständigkeit und des Bewahrens von eigenen kulturellen Elementen. Das ist die Sprache, das ist die berufliche Entwicklung und das ist das Verständnis unserer demokratischen Institution und das kostet Zeit, das kostet Geld, das kostet Aufklärung. In unserer eigenen Forschung zu Migration fanden wir, dass eine Integration eine Generation dauert. Das konnte man damals erst nicht glauben. Auch heute scheinen mir viele Deutsche die umgehende Assimilation der Flüchtlinge zu erwarten. Aus der kulturvergleichenden Forschung weiß man aber, dass das keine gute Prognose hat.

MO: Kannst du noch mal genauer beschreiben, was du damit meinst?

  • RKS: Die Forderung nach Assimilation bedeutet, dass Einwanderer so schnell wie möglich so deutsch sein sollen, wie wir deutsch sind. Sie sollen ihre eigene kulturelle Identität vergessen. Insbesondere die Akkulturationsforschung in Ländern wie Kanada hat aber gezeigt, dass Integration richtiger ist. Dass man nämlich kulturell in beiden Welten leben kann. Unabdingbar sind dabei natürlich die Förderung von Sprache und beruflichen Fertigkeiten, sonst können Einwanderer in einer Leistungsgesellschaft nicht erfolgreich sein. Der größte Forschungsbedarf für uns als Psychologinnen und Psychologen besteht darin, evidenzbasiert zu untersuchen, welche Integrationsmaßnahmen nun wirklich greifen und welche nicht.

9. Die Millionenfrage

MO: Stell dir bitte vor, du hättest eine Millionen Euro für Forschung zur Verfügung. Wofür würdest du die einsetzen?

  • RKS: Also heute würde ich persönlich mit meinem Hintergrund als Thema ein Weltproblem nehmen wollen: Das sind Desaster, also überregionale, natürliche oder von Menschen gemachte Katastrophen) – beispielsweise sind in Asien und der der Pazifikregion Millionen Menschen davon betroffen, ungeheure Schäden treten auf. Das nimmt alles schon wegen der Verstädterung und der Klimaveränderung zu. Und du kannst Desaster verstehen als völlige Zusammenbrüche der sozialen Infrastruktur dritter Kräfte wegen. Das kann Terror sein, das kann Krieg sein, das können Naturkatastrophen sein wie Erdbeben. All das kann dann üble Folgen für die Menschen nach sich ziehen. Es wäre interessant und wichtig, das Wechselspiel von veränderten Lebensbedingungen und kulturellen wie genetischen Voraussetzungen zu untersuchen. Wovon wir früher nur geredet haben, kann man heute erforschen, wie Kulturen in die Köpfe der Menschen kommen oder sozusagen in ihre Seele und umgekehrt, wie die Menschen in ihre Kulturen kommen. Da gibt es Entwicklungspfade, die sich aus der Lebensumwelt ergeben. Das sind biologische Pfade, das sind Handlungspfade und das ist eine komplexe Wechselwirkung. Das wäre das Thema. Desaster zu erforschen, würde mein soziales Gewissen befriedigen. Einflüsse von Lebensumwelten und Biologie zu nehmen, würde meiner Erfahrung entsprechen, dass beides wichtig ist und dass es ein Wechselspiel gibt und dass wir verstehen müssen wie dies funktioniert… Eine Million Euro würde dafür übrigens nicht reichen.

10. Und zu guter Letzt…

MO: Und die letzte Frage: Wenn du auf eine einsamen Insel gehen müsstest und nur drei Dinge mitnehmen dürftest, welche wären das?

Newsletter

Abonnieren Sie unseren Newsletter, um über neue In-Mind Artikel, Blog Beiträge und vieles mehr informiert zu sein.

Facebook