Respekt für Geflüchtete und von Geflüchteten: Herausforderungen eines gleichberechtigten Miteinanders

Respekt als Wegbereiter einer gemeinsamen, übergeordneten Identität

Wie bereits ausgeführt ist es für die Integration von Vorteil, wenn alle Beteiligten eine gemeinsame, soziale Identität entwickeln. Die psychologische Forschung konnte zeigen, dass gleichheitsbasierter Respekt in der Lage ist, eine solche gemeinsame Identität auch über vormals trennende Gruppengrenzen hinweg anzustoßen. In einer Studie von Simon, Mommert und Renger (2015) wurden Versuchsteilnehmer/innen in ein Computerlabor eingeladen und in zwei Arbeitsgruppen eingeteilt. Im Verlauf der Studie erhielten sie dann per Computer eine Rückmeldung (scheinbar aus der jeweils anderen Gruppe), in der ihnen mitgeteilt wurde, wie sie in einer anschließenden Gruppendiskussion behandelt werden sollten. Einem Teil der Versuchsteilnehmenden wurde dabei mitgeteilt, ihre Meinung sollte gleichberechtigt diskutiert werden (respektvolle Behandlung), während andere die Rückmeldung erhielten, ihre Meinung sollte nicht gleichberechtigt diskutiert werden (respektlose Behandlung). Anschließend wurden alle Versuchspersonen gefragt, ob sie die beiden Arbeitsgruppen eher als eine gemeinsame oder als zwei getrennte Gruppen sähen. Es zeigte sich, dass in der Bedingung mit respektloser Behandlung nur 16 % der Teilnehmenden angaben, es handle sich um eine gemeinsame Gruppe, während in der Bedingung mit respektvoller Behandlung knapp 48 % angaben, es handle sich um eine gemeinsame Gruppe (Simon et al., 2015, Experiment 1). Insgesamt erleichtert eine gemeinsame Identität, induziert durch Respekt als Gleiche/r, gemeinsames Handeln und das Verfolgen gemeinsamer Ziele.
Nun stellt sich die Frage, wie eine gemeinsame Identität inhaltlich aussehen müsste. Aufbauend auf den Forschungsergebnissen von Berry (2005) sollte eine solche Identität sowohl auf der ursprünglichen Identität der aufnehmenden Gesellschaft basieren als auch Identitätsaspekte der neu hinzukommenden Menschen aufnehmen. Dass gerade gegenseitiger gleichheitsbasierter Respekt hierfür förderlich ist, soll im nächsten Abschnitt beleuchtet werden.

Ein Gegenseitigkeitsmodell des Respekts

Wie bereits erwähnt haben verschiedene Wissenschaftsdisziplinen übereinstimmend herausgearbeitet, dass die Respekterfahrung aus der Behandlung als gleichberechtigte Person resultiert. Bei Respekt ist es von enormer Wichtigkeit, dass dieser auf Gegenseitigkeit beruht. Wer sich von einer anderen Gruppe respektiert fühlt, hegt weniger Vorurteile gegenüber dieser Gruppe und ist eher bereit, Respekt zu erwidern. In der bereits erwähnten Studie von Simon und Grabow (2014) wurden Schwule und Lesben auch nach ihrer Einstellung gegenüber Muslim/innen in Deutschland gefragt. Sie sollten angeben, welcher Prozentsatz der hier lebenden Muslim/innen ihrer Meinung nach bereit sei, Homosexualität und andere sexuelle Orientierungen zu respektieren. Da Homosexualität gerade von streng religiösen Muslim/innen häufig als etwas Negatives betrachtet wird, handelt es sich hier um gesellschaftliche Gruppen, zwischen denen es zu Konflikten kommen kann. Es zeigte sich, dass die Befragten weniger negative Einstellungen gegenüber Muslim/innen berichteten, wenn sie sich von der muslimischen Community respektiert fühlten.
Angewandt auf die derzeitige Situation bedeutet ein Gegenseitigkeitsmodell des Respekts auf der einen Seite, dass die aufnehmende Gesellschaft den Geflüchteten, die langfristig bleiben werden, Gehör schenken und ihre Meinungen ernst nehmen sollte Abbildung 3: Raimond Spekking (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Drehscheibe_K%C3%B6ln-Bonn_Airport_-_Ankunft_Fl%C3%BCchtlinge_27._September_2015-0075.jpg?uselang=de), „Drehscheibe Köln-Bonn Airport - Ankunft Flüchtlinge 27. September 2015-0075“, (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de)Abbildung 3: Raimond Spekking (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Drehscheibe_K%C3%B6ln-Bonn_Airport_-_Ankunft_Fl%C3%BCchtlinge_27._September_2015-0075.jpg?uselang=de), „Drehscheibe Köln-Bonn Airport - Ankunft Flüchtlinge 27. September 2015-0075“, (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de). Geflüchtete sollten aktiv einbezogen werden, wenn darüber gesprochen wird, wie die Integration in Deutschland funktionieren soll, wie Menschen in den Arbeitsmarkt integriert werden können, welche Probleme es bei der Integration gibt etc. Langfristig sollten denjenigen, die dauerhaft bleiben, gleiche Mitspracherechte bei der Gestaltung und Weiterentwicklung der Gesellschaft gewährt werden. Andere als gleichberechtigte Interaktionspartner/innen anzuerkennen, bedeutet demnach auch, dass sich langfristig gesellschaftliche Veränderungen einstellen werden, wenn die neuen Gesellschaftsmitglieder ihre ursprüngliche Identität beibehalten sollen und sie somit in die Gesellschaftsentwicklung einfließen lassen. Auf der anderen Seite müssen neu hinzukommende Personen den anderen Gesellschaftsmitgliedern gegenüber Respekt zeigen – zum Beispiel, indem sie die im Grundgesetz festgeschriebenen Rechte anderer wahren, aber auch, indem sie sich aufgeschlossen gegenüber deutschen Werten und der deutschen Kultur zeigen. Dies bezieht sich beispielsweise auf eine angemessene (gleiche) Behandlung der Geschlechter und von Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung, Religion etc.
Wenn ein respektvolles Miteinander im Sinne einer gegenseitigen Betrachtung als gleichwertige Interaktionspartner/innen gelingt, dann fördert dies, dass Menschen auf einer höheren, übergeordneten Ebene als gleich und gleichberechtigt gesehen werden können („Wir alle als Bürger/innen eines multiethnischen Deutschlands“), während auf der unteren Ebene (kulturelle) Unterschiede bestehen bleiben können („Wir als Bürger/innen syrischer Herkunft“).

Was kann passieren, wenn Respekt vorenthalten wird?

Wenn Geflüchteten Respekt und Gleichbehandlung vorenthalten werden, kann dies ernste negative Konsequenzen nach sich ziehen. Das Vorenthalten von Mitbestimmung und Mitsprache kann zu sozialem Ausschluss führen und es wurde empirisch gezeigt, dass dies die Auftretenswahrscheinlichkeit von unethischem Verhalten erhöht. In einer Studie von Renger, Mommert, Renger und Simon (2016) erhielten Versuchsteilnehmer/innen in einem ersten Schritt entweder eine respektvolle oder eine respektlose Behandlung durch andere Gruppenmitglieder, das heißt sie erhielten die gleiche Möglichkeit, ihre Meinung kundzutun und ihre Stimme wurde gezählt, oder aber ihre Meinung und Stimme wurden nicht berücksichtigt. In einem zweiten Schritt wurden die Versuchsteilnehmer/innen dann gebeten, sich in eine Situation hineinzuversetzen, in der sie in einem Geschäft einkaufen und dann beim Verlassen feststellen, dass sie an der Kasse zwei Euro zu viel Wechselgeld erhalten haben. Die Teilnehmer/innen wurden anschließend gefragt, wie richtig bzw. falsch sie es finden, das Geld zu behalten. Es zeigte sich, dass Personen, die im Vorfeld respektlos behandelt wurden, es eher als richtig ansahen, das Geld zu behalten, als jene, die respektvoll behandelt wurden.
Dass solche experimentell gewonnenen Befunde zum Zusammenhang zwischen Respekt und (un)ethischem Verhalten auch auf reale Prozesse generalisiert werden können, legt eine Analyse von Moghaddam (2005) nahe. Der Autor zeigt auf, dass das Vorenthalten von vollen und gleichen Mitsprachemöglichkeiten auch Radikalisierungstendenzen begünstigen kann. Laut Moghaddam (2005) erhöhen ein Mangel an Möglichkeiten, seine Meinung zu äußern, sowie eingeschränkte Aufstiegsmöglichkeiten in einer Gesellschaft die Bereitschaft, sich an terroristischen Aktivitäten zu beteiligen.

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