Respekt für Geflüchtete und von Geflüchteten: Herausforderungen eines gleichberechtigten Miteinanders

Herausforderungen eines respektvollen, gleichberechtigten Miteinanders

Vor dem Hintergrund dieser Forschungsergebnisse scheint es angemessen, die Gegenseitigkeit von gleichheitsbasiertem Respekt als wichtige Voraussetzung für Integration zu betonen. Dies kann für beide Seiten eine enorme Herausforderung darstellen. Wie schwer Gegenseitigkeit von Respekt sein kann und wie schnell die Stimmung kippen kann, zeigte sich eindrücklich nach den Geschehnissen in der Silvesternacht 2015 in Köln. Nach dem mutmaßlichen respektlosen Verhalten einiger Geflüchteter wurde in den Medien oftmals das Bild vermittelt, Geflüchtete hätten generell keine Achtung vor den Werten oder den Institutionen der deutschen Gesellschaft. Auch wenn sich solche Berichte auf Einzelfälle beziehen, so kann es schnell passieren, dass sie generalisiert werden und somit als Rechtfertigung für Vorurteile und für das Vorenthalten von Respekt gegenüber allen Geflüchteten dienen. In Deutschland gibt es zahlreiche Gruppierungen (wie z. B. PEGIDA), die gezielt solche Generalisierungen aufgreifen und damit Angst in der Bevölkerung schüren, um zu erreichen, dass Geflüchteten Respekt vorenthalten wird. Wie bereits ausgeführt kann ein Vorenthalten von Respekt allerdings zu weitreichenden negativen Konsequenzen für die/den einzelne/n Geflüchtete/n und die Gesellschaft führen.

Ist eine Integrationspflicht respektvoll?

Wie ist die von der Bundesregierung 2016 beschlossene Integrationspflicht vor dem Hintergrund des Gegenseitigkeitsmodells des Respekts zu bewerten? Maßnahmen, die dazu beitragen, Geflüchtete mit grundlegenden Fähigkeiten zur Partizipation auszustatten, können als positiv bewertet werden. Hierzu zählt beispielsweise die Verpflichtung zur Teilnahme an Sprachkursen. Sprachkenntnisse stellen eine wichtige Voraussetzung dafür dar, die eigene Meinung ausdrücken und somit gesellschaftlich einbringen zu können, und sind darüber hinaus für die Beteiligung am Arbeitsmarkt unumgänglich. Andere Maßnahmen des Integrationsgesetzes, wie zum Beispiel Geflüchteten einen Wohnort zuzuweisen, können hingegen die Entscheidungsfreiheit, Selbstbestimmung und Autonomie der betroffenen Personen einschränken und als Ausdruck von mangelnder Gleichberechtigung aufgenommen werden (Jakob, 2015, TAZ-Online). Hier muss der Staat großes Fingerspitzengefühl beweisen, wenn er demonstrieren möchte, dass auch solche Maßnahmen einem höheren längerfristigen Ziel dienen, beispielsweise die Selbstabschottung von Geflüchteten und somit die Bildung von Parallelgesellschaften zu verhindern. Aus sozialpsychologischer Sicht können diese Maßnahmen nur dann erfolgreich sein, wenn sie dazu beitragen, die Geflüchteten in Wohnsituationen und Kontexte zu bringen, in denen sie gesamtgesellschaftliche Anerkennungserfahrungen machen können. Diese Anerkennungserfahrungen, die sie in einer Parallelgesellschaft nur sehr eingeschränkt machen könnten, ermöglichen dann langfristig die Partizipation als vollwertiges Gesellschaftsmitglied.

Alle staatlichen Maßnahmen können und sollten daraufhin geprüft werden, inwieweit sie dazu beitragen, eine gemeinsame Identität zu schaffen. In diesem Beitrag haben wir gleichheitsbasierten Respekt als eine vielversprechende Voraussetzung einer solchen Identität vorgestellt. Sie kann die Basis schaffen, eine leistungsfähige Gesellschaft und die Gesundheit der/des Einzelnen auch in Zukunft sicherzustellen, wenn der demografische Wandel die Renten und den Wohlstand in Deutschland gefährden würde.

Literaturverzeichnis

Berry, J. W. (2005). Acculturation: Living successfully in two cultures. International Journal of Intercultural Relations, 29(6), 697-712. doi:10.1016/j.ijintrel.2005.07.013

Honneth, A. (1994). Kampf um Anerkennung: Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Jakob, C. (2015, 14. August). Ein Sofa ist gut, Respekt ist besser. Taz.de. Retrieved from http://www.taz.de/!5220027/

Moghaddam, F. M. (2005). The staircase to terrorism: A psychological exploration. American Psychologist, 60(2), 161-169. doi:10.1037/0003-066X.60.2.161

Renger, D., Mommert, A., Renger, S., & Simon, B. (2016). When less equal is less human: Intragroup (dis)respect and the experience of being human. The Journal of Social Psychology. 156, 553-563. doi:10.1080/00224545.2015.1135865

Renger, D., Renger, S., Miché, M., & Simon, B (2017). A social recognition approach to autonomy: The role of equality-based respect. Personality and Social Psychology Bulletin, 43(4), 479-492. doi: 10.1177/0146167216688212

Renger, D., & Simon, B. (2011). Social recognition as an equal: The role of equality-based respect in group life. European Journal of Social Psychology, 41(4), 501-507. doi:10.1002/ejsp.814

Simon, B., & Grabow, H. (2014). To be respected and to respect: The challenge of mutual respect in intergroup relations. British Journal of Social Psychology, 53(1), 39-53. doi:10.1111/bjso.12019

Simon, B., Mommert, A., & Renger, D. (2015). Reaching across group boundaries: Respect from outgroup members facilitates re-categorization as a common group. British Journal of Social Psychology, 54, 616-628. doi:10.1111/bjso.12112

Simon, B., & Stürmer, S. (2003). Respect for group members: Intragroup determinants of collective identification and group-serving behavior. Personality and Social Psychology Bulletin, 29(2), 183-193. doi:10.1177/0146167202239043

 

 

 

Artikelautor(en)

Newsletter

Abonnieren Sie unseren Newsletter, um über neue In-Mind Artikel, Blog Beiträge und vieles mehr informiert zu sein.

Facebook