Roboter im Gruselgraben: Warum uns menschenähnliche Maschinen oft unheimlich sind

Erste Forschungsbefunde zum Uncanny Valley

In den historischen Essays von Jentsch (1906), Freud (1919) und Mori (1970) finden wir Einverständnis darüber, dass allzu menschenähnliche Maschinen auf Ablehnung stoßen können. Diese theoretischen Annahmen spiegeln sich nun auch in ersten empirischen Forschungsergebnissen wider. Fotos des androiden Telenoid (Abb. 2) wurden von TeilnehmerInnen eines Online-Experiments beispielsweise als wesentlich unheimlicher eingestuft als Bilder anderer Roboter, die zwar ebenfalls Kopf, Rumpf und Arme besaßen, durch ihr eindeutig mechanisches Design aber weit weniger realistisch wirkten (Mara & Appel, 2015a). In einem Vergleich verschiedener Videoclips, die einen Bogen vom Staubsauger-Roboter bis zum androiden Kopf spannten, erzielten sehr menschenähnliche Roboter ebenfalls die höchsten Gruselwerte (Ho & MacDorman, 2010). Damit verwandte Studienreihen untersuchten die Wirkung von Gesichtern, die entweder als Foto einer realen Person, als computergenerierter Avatar oder als eine von vielen dazwischenliegenden Mischformen präsentiert wurden. Auch hier wurden die Hybrid-Bilder in der Regel am negativsten bewertet (Burleigh, Schoenherr & Lacroix, 2013; Yamada, Kawabe & Ihaya, 2013). Trotzdem muss aber festgehalten werden: Als gesichertes Phänomen darf die von Mori aufgestellte „Uncanny Valley“-Hypothese heute noch nicht gelten. Dafür mangelt es in diesem sehr jungen Forschungsfeld noch an weiteren strukturierten und vor allem gut miteinander vergleichbaren Studien. Insbesondere über die Prägnanz der beiden Kurven, mit denen Mori das unheimliche Tal ursprünglich umrissen hat (Abb. 3), herrscht noch Unklarheit. So könnte sich das „Valley“ aufgrund neuer Daten noch in ein Grübchen (Burleigh et al., 2013; Rosenthal-von der Pütten, Grabenhorst, Maderwald, Brand & Krämer, 2014) oder steiles Kliff (Bartneck, Kanda, Ishiguro & Hagita, 2007) wandeln.

Unheimlich ja, aber warum eigentlich?

Wie auch immer die Vermessung von Moris Kurven-Topografie ausgehen wird – fast noch spannender ist ja eigentlich die Frage, warum uns annähernd lebensechte Androide oft solch einen Schrecken einjagen. Was steckt dahinter? Auch dazu gibt es erste Forschungsergebnisse. Frühere Auseinandersetzungen mit dem Uncanny Valley verfolgten oft einen evolutionsbiologischen Ansatz. Demnach wären androide Roboter vor allem deswegen abstoßend, weil wir sie automatisch als unattraktive oder gar kranke Menschen ansehen. Dies könnte etwa passieren, wenn sie ihre Gliedmaßen zu steif bewegten oder weil das linke Auge nicht im Gleichtakt mit dem rechten zwinkert. Unbewusst kämen wir zum Schluss, dass dieser Roboter eine potenzielle Gefährdung für die eigene Gesundheit wäre. Schlimmer noch könnte uns der scheinbar „kranke“ Menschenklon unwillkürlich an die eigene Sterblichkeit erinnern ( Mortalitätssalienz) – und damit noch stärkere Abneigung in uns auslösen (vgl. MacDorman, 2005; MacDorman & Ishiguro, 2006).

Jüngere empirische Untersuchungen zu Wirkmechanismen hinter dem unheimlichen Tal docken vielmehr an Jentsch (1906) an, der die „psychische Unsicherheit“ als Hauptauslöser für Gruselgefühle beschrieb. So zeigen Studien, dass wir im Angesicht des Androiden in ein Schubladen-Dilemma geraten. Passt die Kreatur eher zur Kategorie Mensch oder zur Kategorie Maschine (Cheetham, Suter & Jäncke, 2011; Ramey, 2005; Yamada et al., 2013)? Was ist von ihr zu erwarten? Geht Bedrohung von ihr aus? Experimente deuten auf eine Verbindung zwischen Unsicherheit bei der kategorialen Einordnung menschenähnlicher Roboter und der Unheimlichkeits-Reaktion hin: Wenn Versuchspersonen mit digitalen Mensch- Avatar-Hybriden oder mit Videos androider Roboter – solchen, die zwar menschlich aussehen, sich aber mechanisch bewegen – konfrontiert waren, brauchten sie überdurchschnittlich lange dafür, zu entscheiden, ob es sich bei der gesehenen Figur um einen realen Menschen handelte oder nicht. Mittels bildgebender medizinischer Verfahren wie der Magnetresonanz-Tomographie konAbbildung 5. Unheimlich menschlich? Der Roboter iCub, entwickelt am italienischen IIT, ist einem Kleinkind nachempfunden und kann autonom Objekte greifen, am Boden krabbeln und mit Menschen interagieren. (Fotocredit: Martina Mara)nte während solcher Kategorisierungs-Aufgaben auch eine erhöhte Hirnaktivität im Gyrus fusiformis, der Amygdala oder der Inselrinde nachgewiesen werden – Hirnareale, die unter anderem mit Gesichtserkennung, Kategorien-Verarbeitung und Unsicherheit assoziiert werden (vgl. Cheetham et al., 2011; Rosenthal-von der Pütten et al., 2014; Saygin, Chaminade, Ishiguro, Driver & Frith, 2012). Je schwerer uns die Zuordnung einer solchen Figur in eine Kategorie fällt, je mehr Unsicherheit sie ins uns entfacht, desto unheimlicher wird sie dann auch empfunden (Burleigh et al., 2013; Ramey, 2005; Yamada et al., 2013). Und selbst wenn sich Versuchspersonen einmal für eine Zuordnung der „Mischkreatur“ entweder in die Kategorie „menschlich“ oder „nicht-menschlich“ entschieden hatten, blieb Skepsis über die Korrektheit der eigenen Entscheidung erhalten (Cheetham et al., 2011) – und damit wohl auch das, was Jentsch (1906) mit seinen „halbbewussten secundären Zweifel“ meinte: Wir wissen nun, es ist ein Computer. Doch regt sich im Augenschein des Androiden nicht auch ein kleiner Funke Geist?

Der gleiche Roboter ist nicht immer gleich unheimlich

Bis dato haben wir auf unserer Reise in den Gruselgraben die Gestalt des Roboters als alleinige Quelle der Unheimlichkeit betrachtet. Ursache-Wirkungs-Geflechte setzen sich meist aber aus vielen verschiedenen Fäden zusammen. Manche Menschen finden Androide beispielsweise grundsätzlich unheimlicher als andere. Das könnte mit ihrem Alter, ihrem kulturellen Hintergrund oder ihrer Liebe zur Technik zusammenhängen. Erste empirische Studien zum Einfluss von Persönlichkeitsfaktoren auf das „Uncanny Valley“-Erleben deuten darauf hin, dass Menschen, die zu Perfektionismus oder Neurotizismus neigen, menschenähnliche Roboter als besonders unheimlich empfinden. Auch Personen, die sehr religiös sind oder unter Stress stehen, zeigen sensiblere Reaktionen (MacDorman & Entezari, 2015).

Neben solchen individuellen Unterschieden dürfen auch situative Aspekte nicht unterschätzt werden. Lernen wir eine neue Person kennen, kann unsere Sympathie von den Umständen der Begegnung abhängen oder eventuell auch davon, was wir über denjenigen zuvor schon im Web recherchiert haben. Ähnliche Aspekte beeinflussen auch unsere Wahrnehmung androider Roboter. Ein Feldexperiment konnte etwa zeigen, dass ein 5-Minuten-Gespräch mit dem Telenoid (Abb. 2) im Durchschnitt als weniger unheimlich empfunden wurde, wenn Personen davor eine kurze Science-Fiction-Geschichte gelesen hatten, in der Schilderungen zu Einsatz und Funktionsweise des Roboters Teil der Erzählung waren. Menschen, denen vor der Interaktion keine Information oder ein gleich langer, rein faktenbasierter Text zur Verfügung gestellt wurde, fanden den Telenoid deutlich schauriger (Mara & Appel, 2015b). Eine fiktionale Geschichte hat es hier geschafft, den Versuchspersonen die Roboterfigur auf intuitive Weise vertraut zu machen. Die bildhaften Szenen der Erzählung haben der Kreatur Bedeutung verliehen (vgl. auch Heine, Proulx & Vohs, 2006).

Wird ein vormals schauriges Objekt erst einmal als „bekannt-selbstverständlich“ wahrgenommen, ist es nicht mehr unheimlich, schrieb Jentsch (1906, S. 196). Könnte dieser Zustand der Vertrautheit auch durch schiere Gewöhnung ( Habituation) eintreten? Das würde bedeuten, dass es vielleicht nur eine Frage der Zeit ist, bis das unheimliche Tal überwunden wäre. Wenn wir uns erst mal an die Maschinenmenschen gewöhnt hätten, wenn unser Gehirn für die Kategorie „Android“ eine eigenständige Schublade parat hätte, dann würden wir uns vor den Robotern vielleicht gar nicht mehr so gruseln. Wie in der TV-Serie Echte Menschen könnten androide Haushaltshilfen dem Großvater dann Diätkost servieren oder unseren Kindern Märchen vorlesen, ohne dabei jemals zu ermüden. Masahiro Mori, der heute 87-jährige Erdenker des „Uncanny Valley“, hält davon jedoch nicht viel. Er empfiehlt Technik-DesignerInnen, auf der linken Seite des Tals zu verweilen – dort, wo Roboter wie Roboter aussehen (Kageki, 2012).

Wenn wir uns zum Schluss noch eine Kleinigkeit dazuwünschen dürfen, dann vielleicht einen deutlich sichtbaren Ausschaltknopf. Nur zur Sicherheit.

Literaturverzeichnis

Bartneck, C., Kanda, T., Ishiguro, H. & Hagita, N. (2007). Is the uncanny valley an uncanny cliff? In IEEE (Ed.), 16th IEEE International Conference on Robot and Human Interactive Communication (pp. 368-373).

Burleigh, T. J., Schoenherr, J. R. & Lacroix, G. L. (2013). Does the uncanny valley exist? An empirical test of the relationship between eeriness and the human likeness of digitally created faces. Computers in Human Behavior, 29, 759-771.

Cheetham, M., Suter, P. & Jäncke, L. (2011). The human likeness dimension of the “uncanny valley hypothesis”: behavioral and functional MRI findings. Frontiers in Human Neuroscience, 5, 126.

Freud, S. (1919). Das Unheimliche. Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften, V, 297-324.

Heine, S. J.; Proulx, T. & Vohs, K. D. (2006). The meaning maintenance model: On the coherence of social motivations. Personality and Social Psychology Review, 10, 88-110.

Ho, C. & MacDorman, K. F. (2010). Revisiting the uncanny valley theory: Developing and validating an alternative to the Godspeed indices. Computers in Human Behavior, 26, 1508-1518.

Jentsch, E. (1906). Zur Psychologie des Unheimlichen. Psychiatrisch-neurologische Wochenschrift, 8, 195-198, 203-205.

Kageki, N. (2012, Juni). An uncanny mind: Masahiro Mori on the uncanny valley and beyond. Verfügbar unter http://spectrum.ieee.org/automaton/robotics/humanoids/an-uncanny-mind-ma...

Mara, M. & Appel, M. (2015a). Effects of lateral head tilt on user perceptions of humanoid and android robots. Computers in Human Behavior, 44, 326-334.

Mara, M. & Appel, M. (2015b). Science fiction reduces the eeriness of android robots: A field experiment. Computers in Human Behavior, 48, 156-162.

MacDorman, K. F. (2005). Mortality salience and the uncanny valley. In IEEE (Ed.), 5th IEEE-RAS International Conference on Humanoid Robots (pp. 399-405).

MacDorman, K. F. & Entezari, S. (2015). Individual differences predict sensitivity to the uncanny valley. Interaction Studies, IS-D-13-00026R2.

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