Sind Blondinen wirklich dumm?

Bild von Jo-B via Pixabay (https://pixabay.com/de/frau-m%C3%A4dchen-blond-portr%C3%A4t-792872/), CCO (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Bei Betrachtung der letzen Experimente im Rahmen der Forschung von Devine wird das Problem mit dem unschuldigen Witz über den armen und aggressiven schwarzen Typen oder über die dumme Blondine offensichtlich. Selbst wenn wir nicht ausdrücklich an ein Stereotyp glauben, wissen wir trotzdem über das Stereotyp Bescheid. Die Begegnung mit einem Mitglied aus dieser stereotypisierten Gruppe, wie beispielsweise schwarze Menschen, führt zur Aktivierung dieses Stereotyps. Da die Aktivierung zumeist nicht bemerkt wird, besteht keine Möglichkeit, dem Stereotyp entgegenzuwirken. Dann empfinden wir die Person auf der gegenüberliegenden Straßenseite als aggressiv, einfach nur deshalb, weil sie schwarz ist. Zudem besteht die Möglichkeit, dass wir uns dieser Person gegenüber unbewusst feindseliger als normalerweise verhalten, weil die Aktivierung stereotyper Gedanken auch unser eigenes Verhalten beeinflusst. Dabei wird deutlich, dass diese Umstände mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung führen: Die schwarze Person, die wir als aggressiv erachten, reagiert genauso, wie wir sie behandeln, nämlich aggressiv.

Aber wie verhält es sich mit anderen Stereotypen? Frauen können kein Mathe, aber sind gut in Sprachen. Warum sollte man sich darüber beschweren, wenn es sich doch nur um einen Geschlechterunterschied handelt? Ryan Brown und Robert Josephs von der Universität von Texas in Austin (1999) beleuchteten diese angeblichen Geschlechterunterschiede. In einem Experiment stellten sie einen Mathetest so dar, dass er entweder über sehr geringe oder über außergewöhnlich hohe Fähigkeiten Aufschluss geben würde. In dem Test schnitten Frauen nur dann ganz besonders schlecht ab, wenn er so dargestellt wurde, dass er Aufschluss über geringe Fähigkeiten geben würde. Hingegen ergab sich ein umgekehrtes Bild für die Männer. Letztere schnitten dann schlechter ab, wenn sie dachten, dass der Test Aufschluss über hohe Mathefähigkeiten geben würde. Nach der Stereotypbedrohungs-Theorie ( Stereotype Threat Theory) von Claude Steele und Joshua Aronson (1995) stellt der Gedanke daran, ein negatives Stereotyp über einen selbst zu bestätigen oder dem Stereotyp entsprechend behandelt zu werden, eine Bedrohung dar. Das Erleben einer solchen Bedrohung wiederum verursacht, dass man weniger gut funktioniert und schlechter abschneidet, als man eigentlich könnte – ein Teufelskreis! Es gibt zwei Gründe für eine solche Minderleistung, die durch die Stereotypbedrohung verursacht wird. Zum einen könnte der andauernde Gedanke daran, etwas nicht zu tun, wie zum Beispel schlecht in einem Mathetest abzuschneiden, genau dieses Verhalten fördern. Zum anderen ziehen die Gedanken, die dazu aufgewendet werden, das Stereotyp nicht zu bestätigen, kognitive Kapazitäten von der eigentlichen Aufgabe ab. Es ist naheliegend, dass dies wiederum eine Quelle für eine sich selbst erfüllende Prophezeiung darstellt. Sie sollten also noch einmal gut darüber nachdenken, wenn Sie das nächste Mal einen Blondinenwitz zum Besten geben wollen, bevor Ihre (blonde) Freundin einen Mathetest hat.

Zusammenfassend legt die Forschung zu Stereotypen nahe, dass es viele Vorgänge gibt, mit denen die Stereotype in unser tägliches Leben geraten. Stereotypisieren, also die Aktivierung von Informationen, die in Einklang mit dem Stereotyp stehen, scheint in täglichen Situationen unausweichlich zu sein. Durch die Aktivierung von diesem kategoriebasierten Wissen werden unsere Gedanken und Verhaltensweisen beeinflusst. Das wiederum führt zu einer andauernden Bestätigung des Stereotyps, weil wir fast automatisch bestimmte Verhaltensweisen hervorrufen, indem wir sie von anderen erwarten. Wenn Mitglieder einer stereotypisierten Gruppe befürchten, die negativen Stereotype zu bestätigen, könnten sie zudem der Stereotypbedrohung unterliegen und daher eine Minderleistung zeigen. Um auch einen positiven Aspekt zu nennen, sind Stereotype natürlich nicht immer schlecht. In vielen Situationen vereinfacht kategoriebasiertes Wissen tatsächlich die Welt für uns. Wir müssen nicht jedes noch so kleine Stückchen an Information einzeln verarbeiten. Durch die Anwendung von Kategorien und Stereotypen wird unsere Informationsverarbeitung stark vereinfacht. Einige – selbst negative – Stereotype können sogar hilfreich sein und wir wollen sie gar nicht loswerden. Wenn wir beispielsweise eine Gruppe von Männern mit kahlrasierten Köpfen vor uns sehen, könnte es eine gute Idee sein, die Straßenseite zu wechseln, um eine mögliche gefährliche Situation mit einer Gruppe Skinheads zu vermeiden. Trotzdem lehrt uns die Forschung, dass wir uns der Stereotype, die wir selbst haben und denen wir begegnen, sehr bewusst sein müssen. Einfach nur zu denken „Ich glaube doch sowieso nicht daran“, führt nicht zum gewünschten Ergebnis. Wir müssen uns stattdessen andauernd in Erinnerung rufen, die Stereotype zu bekämpfen. Sie glauben mir nicht? Sie sind davon überzeugt, dass Sie andere nur stereotypisieren, wenn Sie das möchten? Schauen Sie sich Hidden Bias (Deutsch: versteckte Voreingenommenheit; http://www.tolerance.org/Hidden-bias) an und machen Sie einen Test von Project Implicit (Deutsch: Projekt Implizit; https://implicit.harvard.edu/implicit/), um Ihre versteckten Vorurteile aufzudecken. Sie werden überrascht sein, dass Sie mehr Vorurteile haben, als Sie dachten!

Referenzen

Bargh, J. A., Chen, M. & Burrows, L. (1996). Automaticity of social behavior: Direct effects of trait construct and stereotype activation on action. Journal of Personality and Social Psychology, 71, 230-244.

Brown, R. P. & Josephs, R. A. (1999). A burden of proof: Stereotype relevance and gender differences in math performance. Journal of Personality and Social Psychology, 76, 246-257.

Devine, P. G. (1989). Stereotypes and prejudice: Their automatic and controlled components. Journal of Personality and Social Psychology, 56, 5-18.

General Protection Fault (March 7, 2005). Comic retrieved June 11, 2007 from GPF Comics.

Steele, C. M. & Aronson, J. (1995). Stereotype threat and the intellectual test performance of African Americans. Journal of Personality and Social Psychology, 69, 797-811.

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