Soziale Ausgrenzung und Mobbing – Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei Mädchen und Jungen

Eine Szene aus dem Alltag: Lisa ist als einzige nicht in den “Fun”-Klassenchat aufgenommen worden. Sie hört, wie sich einige Klassenkameradinnen auf dem Schulweg immer wieder über den Chat unterhalten, auf ihre Handys schauen, die Köpfe zusammenstecken, kichern und ihr Blicke zuwerfen.
Soziale Ausgrenzung im Allgemeinen und Mobbing im Spezifischen spielen eine wichtige Rolle im Alltag vieler Menschen und stellen besonders bei Kindern und Jugendlichen ein hoch relevantes Thema dar. Dabei gibt es erstaunlich viele Gemeinsamkeiten zwischen Jungen und Mädchen, aber auch einige wichtige Unterschiede. In diesem Text geht es um beides.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. In der Steinzeit war es von Vorteil, Bindungen mit anderen Menschen einzugehen, um bessere Überlebenschancen zu haben. So bildete sich im Laufe unserer Stammesgeschichte ein starkes soziales Motiv heraus (Baumeister & Leary, 1995). Soziale Eingebundenheit, d. h. die Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder Gemeinschaft, hat sich zu einem grundlegenden menschlichen Bedürfnis entwickelt. Sie stellt einen wichtigen Aspekt für Wohlbefinden und Gesundheit dar. Dementsprechend kann das Erleben von sozialer Ausgrenzung, vor allem wenn sie regelmäßig und systematisch stattfindet, schwerwiegende Folgen für die körperliche und geistige Gesundheit nach sich ziehen. Vom akuten Leid der Betroffenen abgesehen kann sich soziale Ausgrenzung nachteilig auf das Denkvermögen, das emotionale Erleben und das Verhalten von Menschen auswirken (DeWall, Maner & Rouby, 2009). Beispiele dafür sind ein erhöhtes Stressempfinden und Depressionsrisiko, größere Ängstlichkeit, schlechtere Leistungsfähigkeit oder verstärkte Aggressivität. Im Kindes- und Jugendalter stellt soziale Ausgrenzung – für Mädchen wie für Jungen – eine ganz besondere Herausforderung dar, da die FreundInnen zunehmend an Bedeutung gewinnen und spätestens in der Pubertät neben der Familie die wichtigste Bezugsgruppe darstellen (Youniss & Smollar, 1985).

.Soziale Ausgrenzung unter Jugendlichen: Gerade im Jugendalter ist Ausgrenzung durch Gleichaltrige besonders schmerzhaft. Bild: Eigentum von Marcus Rauschenbach.Soziale Ausgrenzung unter Jugendlichen: Gerade im Jugendalter ist Ausgrenzung durch Gleichaltrige besonders schmerzhaft. Bild: Eigentum von Marcus Rauschenbach.

Beide Geschlechter erleben Ausgrenzung als eine Bedrohung des Grundbedürfnisses nach Zugehörigkeit und somit sind Jungen wie Mädchen von den oben genannten den Folgen sozialer Ausgrenzung betroffen (Williams, 2009). Jedoch unterscheiden sich Jungen und Mädchen bei der Beurteilung von sozialer Ausgrenzung sowie in ihrem konkreten Ausgrenzungsverhalten (Exklusions- bzw. Inklusionsentscheidungen). So sind Mädchen tendenziell inklusiver als Jungen: Sie lehnen Ausgrenzung stärker ab, verurteilen sie stärker, bewerten sie stärker als unmoralisch (weil es unfair ist oder jemand damit geschädigt wird) und neigen weniger dazu, andere auszuschließen (z. B. Horn, 2003; Underwood, Scott, Galperin, Bjornstad & Sexton, 2004).

Woher kommen die Unterschiede?

Eine mögliche Erklärung für die genannten Unterschiede könnte in der unterschiedlichen Erziehung und Sozialisation von Jungen und Mädchen liegen und den damit verbundenen unterschiedlichen Geschlechterrollen.

Unter Geschlechterrollen versteht man die gesellschaftlich geteilten Erwartungen, wie weibliche oder männliche Personen typischerweise sein sollten oder sich zu verhalten haben. So wird von Mädchen beispielsweise erwartet, dass sie freundlich und umgänglich sind, sich um andere sorgen und großen Wert auf Gemeinschaft legen, wogegen von Jungen größere Unabhängigkeit, Stärke und Kompetenz erwartet wird (Eagly & Wood, 1991; Zahn-Waxler, 2000). Auch wenn in den westlichen Gesellschaften in den letzten Jahrzehnten ein Wandel der sozialen Rollen von Männern und Frauen stattgefunden hat, bestehen die genannten unterschiedlichen Erwartungen an Mädchen und Jungen nach wie vor zu großen Teilen (Troche & Rammsayer, 2011).

An Mädchen und Jungen werden auch heute noch unterschiedliche Erwartungen gestellt. Bild: links: Mann via Pixabay (https://pixabay.com/de/armdrücken-strand-stark-kinder-176645/, CC:https://pixabay.com/de/service/license/). rechts: platinumportfolio via Pixabay (https://pixabay.com/de/schwestern-baby-liebe-neugeborene-3464613/, CC:https://pixabay.com/de/service/license/)./An Mädchen und Jungen werden auch heute noch unterschiedliche Erwartungen gestellt. Bild: links: Mann via Pixabay (https://pixabay.com/de/armdrücken-strand-stark-kinder-176645/, CC:https://pixabay.com/de/service/license/). rechts: platinumportfolio via Pixabay (https://pixabay.com/de/schwestern-baby-liebe-neugeborene-3464613/, CC:https://pixabay.com/de/service/license/).Es ist davon auszugehen, dass Unterschiede im sozialen Verhalten von Mädchen und Jungen, zumindest zum Teil, darauf zurückzuführen sind, dass Menschen – häufig unbewusst – die Tendenz haben, sich entsprechend ihrer Geschlechterrollen zu verhalten (Eagly & Wood, 1991). Dies überträgt sich auch auf die Erziehung von Jungen und Mädchen. Eltern legen in der Erziehung von Mädchen viel mehr als bei Jungen Wert auf das Ausdrücken von Emotionen oder das Verständnis für die Perspektive und die Gefühle von Anderen; bei Jungen hingegen fördern Eltern stärker wettbewerbsorientierte Aktivitäten und greifen weniger in Streitigkeiten oder Rangeleien ein als bei Mädchen (Leaper & Farkas, 2014; Zahn-Waxler, 2000). Auch bei der Einbindung in häusliche Tätigkeiten spiegeln sich die Rollenerwartungen wieder: Mädchen werden viel stärker als Jungen in die Beaufsichtigung oder Versorgung jüngerer Geschwister eingebunden, während Jungen eher außerhäusliche Aufgaben übertragen werden, die mehr Freiraum und Unabhängigkeit bieten (Leaper & Farkas, 2014). Es ist davon auszugehen, dass diese geschlechtsspezifischen Erziehungsweisen in Kombination mit den generellen Geschlechtsrollenerwartungen dazu führen, dass Mädchen stärker nach Gemeinschaft, Kooperation und Bindung streben und eine stärkere Präferenz für enge soziale Bindungen und Beziehungen ausbilden als Jungen (Feingold, 1994; Zahn-Waxler, 2000). Mädchen neigen dementsprechend stärker dazu, sich durch die persönlichen Beziehungen zu anderen Personen zu definieren, während Jungen größeren Wert auf Eigenständigkeit, Selbstschutz, Selbstbehauptung und Selbstentfaltung legen (Feingold, 1994; Leaper & Farkas, 2014). Vor diesem Hintergrund, dass von Mädchen erwartet wird, dass sie großen Wert auf Gemeinschaft und Bindungen legen, während Jungen eher lernen sich von anderen abzusetzen und nach Individualität und Selbstbehauptung zu streben, ist die stärkere weibliche Inklusivität leicht nachzuvollziehen.

Darüber hinaus diskutieren WissenschaftlerInnen darüber, ob biologische Faktoren wie beispielweise Unterschiede in den männlichen und weiblichen Hormonen zusätzlich eine Rolle für Unterschiede im Ausgrenzungsverhalten spielen. Da diese Zusammenhänge noch nicht so gut erforscht sind wie die sozialen Faktoren, wollen wir hier nicht weiter darauf eingehen. Im Folgenden widmen wir uns dem Thema Mobbing, bei dem Ausgrenzung auch eine wichtige Rolle spielen kann.

Wo Ausgrenzung und Mobbing sich treffen

Ein Bereich des sozialen Lebens von Kindern und Jugendlichen, in dem Ausgrenzung eine große Rolle spielt, ist die Schule. Dort lernen und arbeiten sie in nicht selbst gewählten Gruppen in einem hierarchischen Gefüge. Anders als bei der hierarchisch geprägten Beziehung zwischen Lehrkräften und SchülerInnen zeichnen sich Beziehungen unter SchülerInnen dadurch aus, dass sie auf Gleichwertigkeit basieren (z. B. Youniss & Smollar, 1985). Dadurch stellen sie eine wichtige Basis für die geistige, emotionale sowie soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen dar. In der Fachwelt wird der Begriff “Peerbeziehungen” verwendet (“peer” = gleichrangig, ebenbürtig). Peerbeziehungen ermöglichen soziale Erfahrungen, welche im Kontext von Beziehungen mit Erwachsenen nicht möglich sind, z. B. das Aushandeln von Spielregeln auf Augenhöhe. Von den Peers ausgegrenzt, ausgeschlossen zu werden, gefährdet das elementare Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Anschluss.

Menschen haben ein intuitives Verständnis davon, was Ausgrenzung bedeutet und dass sie für die ausgegrenzte Person nicht angenehm ist. Jedoch ist nicht jede Ausgrenzung gleich Mobbing. Während es in einzelnen Situationen legitim sein kann, jemanden einmal nicht “mitmachen” zu lassen, ist es etwas völlig anderes, jemanden systematisch auszugrenzen und dieser Person zu signalisieren, dass sie schon grundsätzlich nicht dazugehört.

Was ist Mobbing?

Geschieht Ausgrenzung immer wieder und richtet sie sich jeweils gegen dieselbe Person (manchmal Personen), liegt möglicherweise Mobbing vor. Mobbing bezeichnet das gezielte, absichtliche, systematische und wiederholte Schädigen Anderer unter Ausnützung eines Machtungleichgewichts, wobei oft Aspekte von Demütigung enthalten sind (Alsaker, 2016). Während Konflikte um einer Sache willen ausgetragen werden, die Parteien einander ebenbürtig sind und nach einer Lösung des Konflikts wieder Ruhe einkehrt, besteht bei Mobbing ein Machtgefälle. Letzteres ergibt sich u. a. daraus, dass die ganze Gruppe in irgendeiner Form beteiligt ist (MitläuferInnen, ZuschauerInnen), während das Opfer oft alleine dasteht und selten UnterstützerInnen hat. So auch bei unserer Lisa aus der Einleitung, die ganz alleine ihrer kompletten Klasse gegenübersteht.

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