Starke Frauen, schöne Männer? Inhalte und Konsequenzen von Geschlechterstereotypen in den Medien

Wenn beispielsweise Frauen mit geschlechterstereotyper Werbung konfrontiert werden, kann dies Stereotype Threat hervorrufen. Inhalt und Gestaltung der Werbung geben in der Situation Hinweise darauf, dass Frauen aufgrund ihres Geschlechts (und ihrer damit zusammenhängenden sozialen Identität) abschätzig beurteilt oder herabgewürdigt werden. Eine Reihe von Experimenten von Davies und Kollegen (Davies et al., 2002, 2005; beschrieben in Appel & Weber, 2017) konnte zeigen, dass Frauen nach dem Sehen geschlechterstereotyper Werbung (im Vergleich zu neutraler Werbung) Leistungseinbußen in einem Mathetest und weniger Interesse an Führungspositionen zeigten. Männer blieben von diesen Effekten verschont, da genderstereotype Darstellungen nur auf die jeweils betroffenen Gruppen einen negativen Einfluss haben. Für Männer zeichnet sich einer weiteren Meta-Analyse (Appel & Weber, 2017) über 12 verschiedene Studien zufolge sogar eher ein gegenläufiger Effekt ab, der sogenannte Stereotype Lift Effekt: Die mediale Konfrontation mit negativen Stereotypen gegenüber einer anderen Gruppe (in diesem Fall: Frauen) führt zu besserer Leistung und stärkerer Identifikation mit der entsprechenden Domäne. Männer schneiden folglich sogar etwas besser ab, wenn sie vor einer Lern- oder Testsituation Mediendarstellungen von inkompetenten Frauen sehen. 

Normativer Einfluss: Wer schön sein will, muss dünn sein?

Medienvermittelte Geschlechterstereotype können nicht nur die individuelle Leistung, sondern auch Wohlbefinden und Gesundheit beeinflussen. Schlankheit ist zentraler Bestandteil des westlichen Schönheitsideals: Frauen in Magazinen, Film und Fernsehen sind im Mittel deutlich dünner als in der Normalbevölkerung. Die wiederholte Konfrontation mit diesen Körperbildern führt bei vielen Frauen und Mädchen zu Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Dieser Effekt konnte auch in experimentellen Studien gezeigt werden, was bedeutet, dass sich die Unzufriedenheit zumindest teilweise auch ursächlich auf die mediale Konfrontation zurückführen lässt. Schon im Alter von nur sieben Jahren sagen US-amerikanische Mädchen, dass sie mit ihrem Körper unzufrieden sind. Dies stellt einen Risikofaktor für Essstörungen, geringeres Selbstwertgefühl und Depressionen dar (einen meta-analytischen Überblick geben Grabe, Ward & Hyde, 2008).Wer schön sein will, muss dünn sein? Bild: PublicDomainPictures via Pixabay (https://pixabay.com/de/bauch-körper-kalorien-diät-übung-2354/, CC: https://pixabay.com/de/service/license/).Wer schön sein will, muss dünn sein? Bild: PublicDomainPictures via Pixabay (https://pixabay.com/de/bauch-körper-kalorien-diät-übung-2354/, CC: https://pixabay.com/de/service/license/).

Auch an Männern gehen Schönheitswahn und Körperkult nicht spurlos vorüber. Sie werden ebenfalls durch die Darstellung von stereotyp männlichen Körpern (athletisch, muskulös) beeinflusst und streben nach dem medialen „Idealbild“. Eine Studie konnte zeigen: Je höher der Konsum von Männerzeitschriften, in denen männliche Körper sehr muskulös dargestellt werden (z. B. Men’s Health), desto negativer die Gefühle zum eigenen Körper. Nicht nur das eigene Körperbild, sondern auch das Bild, das wir von anderen haben, kann durch die mediale Darstellung stereotyper Körper beeinflusst werden. Je intensiver Männer solche Medien konsumierten, desto mehr befürworteten sie Schlankheit bei Frauen (Hatoum & Belle, 2004).

Die Objectification Theory (Fredrickson & Roberts, 1997, erklärt in Karsay, Knoll & Matthes, 2017) gibt Aufschluss über diese wissenschaftlichen Befunde. Sie besagt, dass die Konfrontation mit sexueller Objektifizierung, unter anderem in den Medien, dazu führt, dass man diese Perspektive auf den eigenen Körper übernimmt und ihn eher als Gegenstand ansieht. Man betrachtet sich selbst aus der Perspektive einer dritten Person und achtet (nahezu chronisch) auf die eigene optische Erscheinung (= Selbstobjektifizierung). Dies wiederum kann zu geringerem Selbstwertgefühl, weniger Zufriedenheit mit dem eigenen Körper, depressiver Symptomatik und gestörtem Essverhalten führen. Eine Meta-Analyse von Karsay und Kollegen (2017) über 50 Studien zeigte, dass sexualisierte Darstellungen in den Medien einen signifikanten Einfluss auf die Selbstobjektifizierung von Frauen und Männern haben. Dieser Effekt war noch stärker bei Videospielen und Online Medien im Vergleich zu TV-Konsum.

Die positive Seite der Medaille: Rollenvorbilder in den Medien

Auch wenn, wie eingangs dargelegt, Geschlechterstereotype in den Medien dominieren, gibt es durchaus einen Nischenmarkt für Darstellungen, die gängige Geschlechterdarstellungen kritisch thematisieren, herausfordern und diesen ein diverseres Geschlechterbild entgegensetzen. Eigenständige und selbstbewusste Disney-Heldinnen (z. B. Elsa in Frozen), beruflich erfolgreiche Frauen (z. B. in der Serie The Good Wife oder der Reihe CSI), Superheldinnen (z. B. der Blockbuster Wonder Woman oder Marvel’s Jessica Jones; in beiden Produktionen führen übrigens ausschließlich Frauen Regie), und Frauen, die auch im hohen Alter noch ein erfülltes Leben führen (z. B. in der Serie Grace und Frankie) – mediale Darstellungen, die mit geschlechterstereotypen Erwartungen brechen, können positive Auswirkungen darauf haben, welche Zukunft Mädchen und Frauen für sich sehen.

Unterhaltungsformate wie Serien, Filme und Literatur erscheinen besonders geeignet, Geschlechtervorstellungen herauszufordern: Zum einen wenden sich Menschen Unterhaltungsformaten mit anderer Motivation zu als Formaten mit in erster Linie informativem Zweck, wodurch alternativen Vorstellungen von der Welt weniger skeptisch begegnet wird (Moyer-Gusé, 2008). Zum anderen haben die Figuren einer Geschichte Vorbildcharakter. Mitunter zeigen sich hier besonders prominente Effekte, wie der sogenannte „CSI-Effekt“ Anfang der 2000er in den USA, als die TV-Serie „CSI: Crime Scene Investigation“ insbesondere beim weiblichen Publikum einen unerwarteten Zuschauererfolg erzielte. Die Neuartigkeit der Serie bestand darin, starke weibliche Figuren in für Frauen damals ungewöhnlichen Berufen – als Forensikerinnen und Kommissarinnen – in Hauptrollen zu präsentieren. Die forensischen Studiengänge US-amerikanischer Universitäten erfuhren daraufhin einen enormen Frauenzuwachs. So wurde ein vormals von Männern dominiertes Berufsfeld zu einer Wonder Woman – ein Vorbild für starke Frauen? Bild:ErikaWittlieb via Pixabay (https://pixabay.com/de/wonder-woman-superman-superhelden-552109/, CC: https://pixabay.com/de/service/license/).Wonder Woman – ein Vorbild für starke Frauen? Bild:ErikaWittlieb via Pixabay (https://pixabay.com/de/wonder-woman-superman-superhelden-552109/, CC: https://pixabay.com/de/service/license/).Frauendomäne (Esch & Falkenroth, 2011).

Anekdotische Evidenz solcher starken Medieneffekte soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Genderstereotype zwar prinzipiell veränderlich sind, aber kontra- stereotype Mediendarstellungen von Frauen nicht immer einen inspirierenden und motivierenden Effekt haben. Mitunter können sie selbstwertbedrohliche Aufwärtsvergleiche auslösen, bei welchen aus dem sozialen Vergleich mit vermeintlich überlegenen Medienfiguren eine verzerrte Bewertung der eigenen Person resultiert. In der Folge können Frauen sich selbst durch die Konfrontation mit medialen Vorbildern noch stereotyper wahrnehmen, d. h. sich selbst verstärkt genderstereotype Eigenschaften zuschreiben (Hoyt & Simon, 2011). Unter welchen Umständen kontra- stereotype Geschlechterdarstellungen inspirierend und unter welchen sie demotivierend wirken, ist noch nicht abschließend geklärt.

Fazit

Die dargelegten wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Einfluss von medialen Geschlechterstereotypen sind nur ein kleiner Ausschnitt eines größeren Forschungsfeldes. Trotzdem wird deutlich: Stereotype Mediendarstellungen von Frauen und Männern schränken ein – unsere Leistung und Motivation, unser Wohlbefinden, Selbstbewusstsein und die Zukunftsperspektiven, die wir für uns sehen. Gleichzeitig sind traditionelle Genderstereotype derartig verinnerlicht, dass wir an ihrer Reproduktion und Vervielfältigung sogar mitwirken: Genderstereotype „Selfies“ sind ein Beispiel dafür, dass trotz des gesellschaftlichen Wandels die Ungleichheit der Geschlechter noch kein Thema der Vergangenheit ist. Und dafür, dass es eine Herausforderung ist, Geschlechterstereotype in den Medien zu verändern – denn auch in unseren Köpfen halten sie sich hartnäckig (Eckes, 2008). Und doch können wir durch die Konfrontation mit alternativen Genderdarstellungen auch positiv beeinflusst werden.

An einer aktiven Herausforderung stereotyper Geschlechterbilder in den Medien führt kein Weg vorbei: Indem die Beteiligung von Frauen und damit das Einbringen ihrer Perspektiven in der Medienproduktion gefördert wird. Indem Medienschaffende das von ihnen mitgezeichnete Bild einer Welt, in welcher noch immer überwiegend Männer bestimmen und Frauen jung, passiv und romantisch sind, überdenken. Indem sie ihre Verantwortung beim Gestalten einer diverseren, freieren Welt ernst nehmen: Weniger „Frau Renate“, mehr „Wonder Woman“. Die Media Watchdog Gruppe „Common Sense Media“ hat sich beispielsweise zur Aufgabe gemacht, Filme und TV-Shows unter anderem darauf zu überprüfen, ob traditionelle Geschlechterstereotype infrage gestellt werden. Und zu guter Letzt: Indem wir unsere eigene Mediennutzung reflektieren und alternative Darstellungen nachfragen. Welche Rollen haben Frauen und Männer in Ihrer Lieblingsserie? Wie wollen Sie sich in Zukunft in sozialen Netzwerken selbst darstellen? Der CSI-Effekt macht Hoffnung – aber er war erst der Anfang!

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