Trainier dein Gehirn schlank! Eine kognitive Vorgehensweise zum Abzunehmen

In einer damit zusammenhängenden Forschungsreihe unseres Labors haben wir auch ein anderes Training getestet, das sich an eine weitere Exekutivfunktion richtet: das Arbeitsgedächtnis (Dassen, Houben, van Breukelen & Jansen, 2017). Das Arbeitsgedächtnis spielt unter anderem eine wichtige Rolle in der Regulierung von Aufmerksamkeit und Emotionen sowie in der Kontrolle von Essimpulsen. Es hilft uns dabei, unsere Langzeitziele aktiv zu halten (Hofmann, Gschwendner, Friese, Wiers & Schmitt, 2008). In einem Training wurden einzelne anspruchsvolle Arbeitsgedächtnisaufgaben an einem Computer geübt. Ein Beispiel für eine Trainingsaufgabe ist, sich eine Zahlenreihe zu merken und diese in umgekehrter Reihenfolge wiederzugeben. Das Training ist adaptiv: Gibt jemand zwei Mal hintereinander die richtige Antwort, werden die Zahlenreihen länger. Macht jemand zwei Mal hintereinander einen Fehler, werden die Zahlenreihen kürzer. Jede Testperson wird bei Studienbeginn per Zufall in die Trainings- oder die aktive Kontrollgruppe eingeteilt. Die Trainingsgruppe wird anschließend mit der Kontrollgruppe verglichen, die die gleichen Aufgaben auf einem einfachen und nicht schwerer werdenden Niveau ausführt. Dadurch trainiert die Kontrollgruppe das Arbeitsgedächtnis nicht.

In einer ersten Studie zum Thema Arbeitsgedächtnistraining und Abnehmerfolg wurden erste vielversprechende Ergebnisse gefunden: Testpersonen gaben an, dass sie nach Ende des Trainings weniger über Essen, Gewicht und ihren Körper grübelten und seltener aßen, um negative Emotionen zu auszugleichen (Houben, Dassen & Jansen, 2016). Bei den sogenannten gezügelten EsserInnen, die chronisch Diät halten, wurde eine Veränderung im Naschverhalten sichtbar: In einem Geschmackstest aßen Testpersonen, die das Training erhalten hatten, durchschnittlich weniger Snacks als die Testpersonen in der Kontrollgruppe. Demnach schien das Arbeitsgedächtnistraining den Testpersonen beim Abnehmen zu helfen. Jedoch konnte kein Gewichtsverlust festgestellt werden. Man benötigt zusätzlich ausreichende Kenntnisse über einen gesunden Lebensstil und darüber, welches Verhalten kontrolliert werden muss. In einer Folgestudie wurde das Arbeitsgedächtnistraining darum in Kombination mit Tipps für einen gesünderen Lebensstil durchgeführt. Wir erwarteten, dass die Experimentalgruppe mehr Gewicht verlieren und den Gewichtsverlust länger würde halten können, weil das Training dabei helfen sollte, die Tipps im Alltag besser umzusetzen. Darüber hinaus war die Trainingsaufgabe in der vorangegangenen Studie zeitraubend und langweilig. Sie basierte auf kognitiven Aufgaben aus der Forschungswelt und war dadurch schwer durchzuhalten. Eine vielversprechende Alternative ist, diese Aufgaben im Spielformat „ernsthaftes Spielen“ anzubieten (Lumsden, Edwards, Lawrence, Coyle & Munafò, 2016). Durch das Spielformat bleibt der wissenschaftliche Wert des Trainings erhalten, jedoch wird die Ausführung durch die hinzugefügten Spielelemente attraktiver. Ein Ziel des „ernsthaften Spielens“ ist es, die langweiligen und sich wiederholenden Aufgaben attraktiver zu gestalten. Dadurch erhöht sich auch die Motivation der Testpersonen, das Training abzuschließen. Frühere Forschung zeigte außerdem, dass kognitive Aufgaben erfolgreich ins Spielformat umgesetzt werden können, ohne dass der wissenschaftliche Wert verloren geht (Lumsden et al., 2016).

In einer Folgestudie wurden die langweiligen Trainingsaufgaben in ein „ernsthaftes Spiel“ umgewandelt. Die Aufgaben veränderten sich inhaltlich nicht, wurden aber attraktiver präsentiert. Die Testpersonen waren ManagerInnen ihres eigenen Restaurants (die Spielumgebung). Nach jeder abgeschlossenen Runde wurden neue Stilrichtungen und Gegenstände freigeschaltet, mit denen sie ihr Restaurant einrichten konnten. Testpersonen, die an dem Training teilgenommen hatten, aßen nach Ende des Trainings durchschnittlich weniger Snacks als die Testpersonen in der Kontrollgruppe. Das Training führte jedoch zu keinem gesteigerten Gewichtsverlust. Es wurde in beiden Gruppen ein geringer Gewichtsverlust gemessen. Außerdem gab sowohl die Trainingsgruppe als auch die Kontrollgruppe an, weniger über Essen, ihr Gewicht und ihren Körper nachzudenken und weniger emotional zu essen. Ein wichtiges Ergebnis war jedoch, dass die Verbesserungen im Arbeitsgedächtnis der Trainingsgruppe nach sechs Monaten verschwanden. Genau wie bei Übungen, die die Muskeln stärken, scheint es, dass erhöhte Kapazität wieder abnimmt, wenn man mit den Übungen aufhört. Möglicherweise nimmt auch die Selbstkontrolle wieder ab und kehrt auf das Ursprungsniveau zurück. Abnehmen kostet jedoch Zeit und passiert nicht innerhalb weniger Wochen. Darüber hinaus brachen einige Testpersonen das Training ab, weil sie es als zu zeitraubend empfanden; der Einbau der Spielelemente konnte die Anzahl der Studienausstiege also nicht verringern. Aktuell überlegen wir, wie wir das Training verbessern können. Ein Ansatzpunkt ist, die Trainingsaufgabe selbst spezifisch auf Ernährung auszurichten. Möglicherweise ist es zur Erzielung von Abnehmerfolgen notwendig, genau wie bei dem vorher genannten Inhibitionstraining, ein Arbeitsgedächtnistraining entwickeln, das auf Ernährung ausgerichtet ist, anstelle eines allgemeinen Trainings des Arbeitsgedächtnisses (zum Beispiel durch das Merken von Zahlen).

Fazit: Helfen diese kognitiven Trainingseinheiten tatsächlich, um abzunehmen?

Alles in allem wird in diesem Moment noch viel mehr Forschung benötigt, um Schlussfolgerungen ziehen zu können. Es bleibt die Frage, inwieweit eine Verallgemeinerung des Trainings hin zum alltäglichen Leben stattfindet oder ob Testpersonen einzig in der eigentlichen Trainingsaufgabe besser werden (Diamond & Ling, 2016). Anscheinend müssen wir die Exekutivfunktionen nicht allgemein trainieren, sondern das Training speziell auf Essverhalten und Abnehmen ausrichten (zum Beispiel Inhibition mit Essensbildern trainieren). Wir wissen außerdem noch nicht, was die langfristigen Auswirkungen sind. Es scheint, dass Verbesserungen der Exekutivfunktionen von kurzer Dauer sind und Testpersonen fortwährend trainieren müssten, um die Verbesserungen beizubehalten. Andererseits kann der neue gesunde Lebensstil mit der Zeit zu einer Gewohnheit werden, wodurch das bewusste Kontrollsystem weniger benötigt wird.

Zudem dürfen wir nicht die andere Komponente eines gesunden Lebensstils und erfolgreichen Abnehmens vergessen: Bewegung. Testpersonen eine Stunde pro Tag vor einen Computer zu setzen, um sie ein kognitives Training absolvieren zu lassen, ist wiederum eine Stunde, die vergleichsweise inaktiv verbracht wird. Es gibt einige Anhaltspunkte dafür, dass mehr Bewegung zu einer Verbesserung der Exekutivfunktionen führt (Smith et al., 2010). Und Training der Exekutivfunktionen macht es durch die Verbesserung der Selbstkontrolle leichter, sich zu bewegen. Moderne Spielekonsolen wie die Xbox-Kinect oder Nintendo Wii bieten die interessante Option, in der Zukunft kognitives Training im Spielformat mit Bewegung zu kombinieren. Diese Optionen müssen jedoch erst noch detailliert im Labor untersucht werden, bevor sie bei Zielgruppen angewandt werden können. Das vorher beschriebene Go/No Go-Training wird derzeit in der ganzen Welt in diversen Laboren getestet. Öffentliche Anwendungen für ein breites Publikum, zum Beispiel Apps, sind derzeit in Entwicklung.

Um verführerische Schokolade öfter ablehnen zu können, können wir, neben dem Aufstellen von Diätzielen, möglicherweise unsere Exekutivfunktionen trainieren. Nachweise für die Wirksamkeit solcher Trainings sind jedoch bislang rar und der Weg bis in die klinische Praxis ist noch weit. Allerdings bietet das Training von Exekutivfunktionen eine vielversprechende und leicht anwendbare Ergänzung zu der bestehenden Behandlungspraxis. Es kann in jedem Fall nicht schaden, ab und zu ein kognitives Spiel zu spielen. Allerdings können wir nicht versprechen, dass man dadurch abnimmt.

Literaturverzeichnis

Allan, J. L., Johnston, M., & Campbell, N. (2010). Unintentional eating. What determines goal-incongruent chocolate consumption? Appetite, 54(2), 422-425.

Allom, V., Mullan, B., & Hagger, M. (2016). Does inhibitory control training improve health behaviour? A meta-analysis. Health Psychology Review, 10(2), 168-186.

Dassen, F. C. M., Houben, K., Van Breukelen, G. J., & Jansen, A. (2017). Gamified working memory training in overweight individuals reduces food intake but not body weight. Appetite.

Diamond, A., & Ling, D. S. (2016). Conclusions about interventions, programs, and approaches for improving executive functions that appear justified and those that, despite much hype, do not. Developmental cognitive neuroscience, 18, 34-48.

Fitzpatrick, S., Gilbert, S., & Serpell, L. (2013). Systematic review: are overweight and obese individuals impaired on behavioural tasks of executive functioning? Neuropsychology review, 23(2), 138-156.

Friese, M., Hofmann, W., & Wänke, M. (2008). When impulses take over: Moderated predictive validity of explicit and implicit attitude measures in predicting food choice and consumption behaviour. British Journal of Social Psychology, 47(3), 397-419.

Friese, M., Hofmann, W., & Wiers, R. W. (2011). On taming horses and strengthening riders: Recent developments in research on interventions to improve self-control in health behaviors. Self and Identity, 10(3), 336-351.

Gunstad, J., Paul, R. H., Cohen, R. A., Tate, D. F., Spitznagel, M. B., & Gordon, E. (2007). Elevated body mass index is associated with executive dysfunction in otherwise healthy adults. Comprehensive psychiatry, 48(1), 57-61.

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