Verbreitete Gerichtssaal-Mythen über das Gedächtnis von Augenzeugen

In Laboruntersuchungen zeigen PsychologInnen, wie scheinbar harmlose Unterschiede in der Konstruktion einer Gegenüberstellung Einfluss darauf haben können, ob jemand den oder die Verdächtige/-n identifiziert – unabhängig davon, ob es sich bei diesem/-er um den Täter oder die Täterin handelt oder nicht. Die Fairness einer Gegenüberstellung kann durch das Urteil von Personen, denen die Identität des/-r Täters/-in unbekannt ist, beurteilt werden. Diese bekommen eine Täterbeschreibung und müssen dann die Person aus der Gegenüberstellung wählen, auf welche die Beschreibung am besten zutrifft (Doob & Kirshenbaum, 1973). Bei einer fair konstruierten Gegenüberstellung sollte sich die Auswahl gleichmäßig auf die Personen in der Gegenüberstellung verteilen. Diese Art von Untersuchung wurde von einer Forschungsgruppe (Eyewitness Ohne Hintergrundinformationen oder die Dokumentation der Gegenüberstellung selbst (Fotos, Videoaufnahmen) kann die Zuverlässigkeit einer Identifizierungsentscheidung nicht beurteilt werden. Bild: Mike Mozart via flickr: (https://www.flickr.com/photos/jeepersmedia/10428716214/in/photolist-gTxTZY-b4yZek-21PhScY-58hZ5H-87g5BW-jpVpW-iwB2YE-L4Li4-c4wSBf-bmhpkH-iKa4z-iwB7Sp-dFjZvr-9Dmneh-4PWed8-89w6DA-syKEK-SX7Bvs-c4wL15-7rSB2w-765vEj-syKgn-7rSi8b-bCqhR4-c4wU9Y-Tiu4Bq-bCqiAv-SXg5X5-9VekKT-9VejJH-bCqhHt-9Veo2M-9Vh9oG-bCqhWH-9Vhceb-bpvniA-bCqi8t-ay7s5R-9Vh1Jo-bCqide-bpvnCL-bmKeHQ-Tiu5uY-9VhbtN-Tiu51S-9Vhc17-c4wUX9-9Vef9H-9Vh1wy-9Veatv, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)Ohne Hintergrundinformationen oder die Dokumentation der Gegenüberstellung selbst (Fotos, Videoaufnahmen) kann die Zuverlässigkeit einer Identifizierungsentscheidung nicht beurteilt werden. Bild: Mike Mozart via flickr: (https://www.flickr.com/photos/jeepersmedia/10428716214/in/photolist-gTxTZY-b4yZek-21PhScY-58hZ5H-87g5BW-jpVpW-iwB2YE-L4Li4-c4wSBf-bmhpkH-iKa4z-iwB7Sp-dFjZvr-9Dmneh-4PWed8-89w6DA-syKEK-SX7Bvs-c4wL15-7rSB2w-765vEj-syKgn-7rSi8b-bCqhR4-c4wU9Y-Tiu4Bq-bCqiAv-SXg5X5-9VekKT-9VejJH-bCqhHt-9Veo2M-9Vh9oG-bCqhWH-9Vhceb-bpvniA-bCqi8t-ay7s5R-9Vh1Jo-bCqide-bpvnCL-bmKeHQ-Tiu5uY-9VhbtN-Tiu51S-9Vhc17-c4wUX9-9Vef9H-9Vh1wy-9Veatv, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)Identification Research Laboratory) an der Universität von Texas (El Paso) durchgeführt. Hierbei wurde in der Gegenüberstellung nach einem Täter gesucht, der wie folgt beschrieben wurde: Afro-Amerikaner, männlicher Teenager mit langem, geflochtenen Haar. Obwohl die Gegenüberstellung aus sechs afro-amerikanischen Teenagern bestand, konnten 95 % der unwissenden Personen den Tatverdächtigen ‚erkennen‘ – denn nur er hatte geflochtenes Haar. Eine korrekte Identifizierung zeigt in diesem Fall lediglich, dass AugenzeugInnen die wahrscheinlichste Alternative leicht erkennen können. Leider sehen RichterInnen und Geschworene oftmals nur das Endergebnis einer polizeilichen Gegenüberstellung. Ohne Hintergrundinformationen oder die Dokumentation der Gegenüberstellung selbst (Fotos oder Videoaufnahmen), kann die Zuverlässigkeit einer Identifizierungsentscheidung nicht beurteilt werden. (Informationen darüber, worauf Sie achten müssen, wenn Sie einmal Zeuge werden und eine Gegenüberstellung vorgelegt bekommen, finden Sie diesem In-Mind Artikel von Sauerland und Krix, 2017).

In Fällen wie dem von Osagiede ist es offensichtlich, dass wichtige Einflussfaktoren, die die Identifizierungsaussage beeinflussen können, nicht berücksichtigt wurden. Noch beunruhigender ist, wenn solche Einflussfaktoren den RichterInnen oder Geschworenen nicht mitgeteilt werden oder diese im Gerichtsurteil nicht berücksichtigt werden. Vielleicht stimmt es ja, dass „jede/-r weiß“, dass AugenzeugInnen falsch liegen können. Im polizeilichen und gerichtlichen Entscheidungsprozess kann dieses Wissen jedoch leicht in Vergessenheit geraten.

Mythos #3 Konstanz ist das Gütesiegel von verlässlichen AugenzeugInnen

Bei Ermittlungen und im Gerichtssaal gilt Konstanz über mehrere Augenzeugenberichte hinweg als unverzichtbares Instrument zur Beurteilung der Glaubwürdigkeit von Aussagen. PolizeibeamtInnen misstrauen ZeugInnen, wenn sich deren Aussagen, die bei verschiedenen Vernehmungen gemacht wurden, voneinander unterscheiden (Krix, Sauerland, Lorei & Rispens, 2015). AnwältInnen nutzen mangelnde Konstanz zur Diskreditierung von ZeugInnen (Fisher, Brewer & Mitchell, 2009). In den USA werden die Geschworenen sogar dazu angehalten, die Glaubwürdigkeit von AugenzeugInnen anhand der Konstanz ihrer Aussagen zu beurteilen. Eine gewisse Variation ist jedoch unumgänglich, wenn wir uns auf unser Gedächtnis verlassen. Sie ist also nicht zwangsläufig ein Zeichen für Betrug oder Mangelnde Zuverlässigkeit.

Im Frühjahr 2011 musste die 6-jährige Vicky1 den Mord an ihrer Mutter miterleben (Brackmann, Otgaar, Sauerland & Jelicic, 2015). Als die Polizei, alarmiert durch einen Notruf der Nachbarn, am Tatort ankam, öffnete Vicky den BeamtInnen die Tür und äußerte spontan, dass ihr Vater „es“ getan habe. Sie wurde noch am selben Tag polizeilich angehört und beschuldigte erneut ihren Vater. Zwei Monate später wurde sie wiederum angehört. Wieder nannte sie ihren Vater als Täter, und lieferte gleichzeitig neue Details zum Tathergang und zur Tatwaffe, einem Messer. Da der Vater die Tat bestritt, wurde Vicky zur Hauptzeugin.

Man stelle sich nun vor, dass Vicky von der Verteidigung ins Kreuzverhör genommen wird. Basierend auf der Auffassung, dass inkonstante Aussagen mit einem Mangel an Glaubwürdigkeit einhergehen, könnten AnwältInnen die zusätzlich berichteten Details gegen Vicky verwenden. Man könnte argumentieren, dass Vicky unzuverlässig sei, die zusätzlichen Details aus einer dritten Quelle an sie herangetragen wurden, oder dass Es ist nicht unüblich, dass zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedliche Informationen erinnert werden.Bild: 12019 via Pixabay (https://pixabay.com/de/gerichtssaal-b%C3%A4nke-sitze-gesetz-898931/, CC:https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Es ist nicht unüblich, dass zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedliche Informationen erinnert werden.Bild: 12019 via Pixabay (https://pixabay.com/de/gerichtssaal-b%C3%A4nke-sitze-gesetz-898931/, CC:https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)sie die ganze Geschichte erfunden habe, um den Tod ihrer Mutter zu verarbeiten. Wenn man allerdings mehrmals von einem bestimmten Ereignis berichtet - so wie es bei AugenzeugInnen der Fall ist – ist es normal, dass man zu unterschiedlichen Zeitpunkten unterschiedliche Informationen oder Details erinnert.

Mit inkonstanten Aussagen werden drei verschiedene Situationen beschrieben: a) die Beschreibung von bestimmten Details über Augenzeugenberichte hinweg verändert sich (Widerspruch), b) die Beschreibung bestimmter Details fehlt in späteren Augenzeugenberichten (vergessen oder weggelassen), oder c) die Beschreibung bestimmter Details erfolgt erst zu einem späteren Zeitpunkt; nicht bei der ersten Vernehmung (reminiszent). Allgemein werden inkonstante Details als ein Zeichen von Unzuverlässigkeit gesehen. Tatsächlich sind reminiszente und vergessene Details jedoch fast genauso häufig richtig wie konstante (Krix et al., 2015; Oeberst, 2012). Variationen über mehrere Aussagen hinweg stehen zudem nicht im Zusammenhang mit der Richtigkeit der Gesamtaussage (Smeets, Candel & Merckelbach, 2004).

Variationen oder Unstimmigkeiten beim Erinnern von Informationen über mehrere Vernehmungen hinweg können durch unterschiedliche Faktoren zustande kommen. Dazu gehört beispielsweise, ob sich die gestellten Fragen in der ersten und zweiten Vernehmung voneinander unterscheiden (Fisher et al., 2009) oder ob die gleichen Fragen mehrmals gestellt werden (z. B. Erdelyi & Becker, 1974). Im Gerichtssaal mag Konstanz hochgeschätzt sein. Werden ZeugInnen aber aufgrund inkonstanter Details nicht berücksichtigt, ignoriert man damit natürliche Variationen, die beim Abrufen von Erinnerungen regelmäßig vorkommen.

Mythos #4 Je mehr, desto besser! Wenn mehrere ZeugInnen dasselbe berichten, dann muss es stimmen

Kirk Bloodsworth war der erste Mann, der in den USA zum Tode verurteilt und später freigesprochen wurde. Er wurde 1984 für die Vergewaltigung und den Mord eines Kindes verurteilt. Die Verurteilung basierte auf den Aussagen von fünf AugenzeugInnen (Junkin, 2004). Auch der gebürtige Nigerianer Osagiede wurde durch die Identifizierungsaussage von zwei Opfern belastet. Beide Fälle basierten ausschließlich auf den Aussagen von mehreren ZeugInnen, die sich ihrer Identifizierungen absolut sicher waren. Und doch mussten die Urteile später aufgehoben werden, was zumindest teilweise den unzuverlässigen Identifizierungen geschuldet war.

Das Vertrauen in die Aussagen von Augenzeugen steigt, wenn deren Berichte oder Identifizierungen von mehreren AugenzeugInnen bestätigt werden. Das Gedächtnis einer einzelnen Person mag ja fehlerhaft sein, aber würden fünf ZeugInnen wirklich dasselbe berichten, wenn es unwahr wäre? Übereinstimmende Berichte mehrerer AugenzeugInnen sind jedoch kein Garant für deren Richtigkeit. So zeigte eine Übersicht der Protokolle von 190 später freigesprochenen Personen, dass 36 % der zu Unrecht Verurteilten von mehreren AugenzeugInnen identifiziert wurden (Garrett, 2011). Das Gedächtnis von AugenzeugInnen ist anfällig für äußere Einflüsse, ganz egal wie viele ZeugInnen es in einem Fall auch geben mag. Im Fall Bloodsworth hatten zwei Jungen beobachtet, wie der Täter mit dem Opfer davonging. Einer der beiden identifizierte Bloodsworth sofort bei der ersten polizeilichen Gegenüberstellung. Der zweite Junge identifizierte jedoch zunächst einen anderen Mann. Zwei Wochen später meldete sich die Mutter des Jungen und gab an, dass dieser Angst gehabt habe, Bloodsworth als den Täter zu identifizieren. Andere ZeugInnen hatten Bloodsworth unabhängig voneinander noch vor der Gegenüberstellung gesehen, nämlich als er am Vorabend in Handschellen in den Nachrichten gezeigt wurde. Die fünf ZeugInnen kamen auf unterschiedliche Weise zu dem Schluss, dass es sich Bloodsworth um den Täter handelte, und es gab keine Anzeichen für eine gegenseitige Beeinflussung. Dennoch könnten sie alle durch äußere Faktoren in ihrer Entscheidung beeinflusst worden sein, wodurch sie letztendlich alle (fälschlicherweise) den von der Polizei Verdächtigten identifizierten. So bildeten sie eine überzeugende Grundlage für Bloodsworths strafrechtliche Verfolgung.

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