Verbreitete Gerichtssaal-Mythen über das Gedächtnis von Augenzeugen

Wenn es mehrere AugenzeugInnen gibt, unterliegen deren Berichte denselben äußeren Einflussfaktoren wie die von einzelnen Augenzeugen. Hinzu kommt, dass sie sich auch gegenseitig beeinflussen können. In Großbritannien berichteten 88 % der befragten AugenzeugInnen von der Anwesenheit weiterer ZeugInnen. Mehr als die Hälfte davon hatte sich über Details zur Tat und den TäterInnen miteinander ausgetauscht (Skagerberg & Wright, 2008). Es ist verständlich, dass man nach einem verstörenden Ereignis mit anderen über das Gesehene sprechen möchte. Die Schwierigkeit solcher Unterhaltungen liegt in der gegenseitigen Beeinflussung des Erinnerten. Erfährt man als ZeugIn, was andere gesagt haben, können diese Details unbewusst in die eigene Erinnerung integriert werden oder dafür sorgen, dass andere wichtige Details weggelassen werden (Merckelbach, van Roermund & Candel, 2007). MitzeugInnen können dadurch (versehentlich) eine gemeinsame Version des Geschehens entwickeln – oft in Anlehnung an die Version des Zeugen oder der Zeugin, der/die am sichersten wirkte (Wright, Self & Justice, 2000).

Wir neigen dazu, Informationen aus mehreren (scheinbar) unabhängigen Quellen stärker vertrauen (Harkins & Petty, 1987). So betonen Staatsanwälte gerne, dass das Aufrufen mehrerer AugenzeugInnen eine besonders starke Beweisgrundlage bilde (Garrett, 2011). Wie wir gesehen haben, ist die Existenz mehrerer AugenzeugInnen mit gleichen Berichten an sich jedoch noch kein Nachweis für deren Richtigkeit. Mehrere Augenzeugenberichte vermitteln im Ermittlungsverfahren ein Gefühl von Sicherheit. Dies ist jedoch nur dann gerechtfertigt, wenn die Berichte unabhängig voneinander und unbeeinträchtigt von Einflussfaktoren entstanden sind. Die Zuverlässigkeit jedes einzelnen Berichts muss daher genauso sorgsam geprüft werden, als wenn es nur eine/-n Zeugen/in gäbe.

Mythos #5 Das ist doch alles nur gesunder Menschenverstand

Psychologie wird oft als die Wissenschaft vom gesunden Menschenverstand (common sense) bezeichnet. So verzichten RichterInnen häufig darauf, PsychologInnen als Sachverständige auf dem Gebiet des Augenzeugengedächtnisses anzuhören, mit der Begründung, dass sie außer gesundem Menschenverstand nichts zum Verfahren beitragen könnten (z. B.  State v. Coley, 2000). Falls man Medienberichten und Gerichtsurteilen Glauben schenken kann, dann ist das Wissen um die Unzuverlässigkeit von AugenzeugInnen bereits Teil des gesunden Menschenverstands. Umfragen deuten aber darauf hin, dass Laien im Allgemeinen nicht begründen können, warum sie dem Gedächtnis nicht vertrauen oder welche Faktoren die Zuverlässigkeit des Gedächtnisses beeinflussen. In einer amerikanischen Umfrage unter möglichen Geschworenen glauben nur 41 %, dass Instruktionen bei Gegenüberstellungen die Zuverlässigkeit des Identifizierungs-Ergebnisses beeinflussen können. Nur 50 % wussten, dass die Sicherheit mit der eine Zeugenaussage gemacht wird, von äußeren Einflüssen abhängt (im Gegensatz zu 98 % und 95 % der GedächtnisexpertInnen für Instruktionen bzw. Sicherheit; Benton, Ross, Bradshaw, Thomas & Bradshaw, 2006). Ähnlich abweichende Meinungen gibt es zwischen Laien und ExpertInnen, wenn es um den Einfluss des Vorhandenseins einer Waffe bei einer Tat oder die Rolle der ethnischen Zugehörigkeit bei einer Identifizierung geht (Houston, Hope, Memon & Read, 2013). Ein pauschales Misstrauen gegenüber unserem Gedächtnis ist nicht hilfreich. Der renommierte Gedächtnisforscher Endel Tulving schrieb hierzu: “Vieles in der Wissenschaft beginnt mit der Erforschung des gesunden Menschenverstands. Und vieles in der Wissenschaft […] wird doch zumindest weit über ihn hinausgehen” (2003, S. 1505). Gesunder Menschenverstand ist bequem – aber ungeeignet als Basis für Gerichtsurteile mit weitreichenden Konsequenzen für die Betroffenen.

Fazit

Was Medienberichte oder das Fernsehen auch suggerieren – Zeugenaussagen sind nicht weg zu denken. Sie sind im Kontext einer Vielzahl von Einflussfaktoren zu sehen. Diese müssen in jeder Phase der Ermittlungen und der Gerichtsverhandlung sorgfältig geprüft werden. Es ist das Ziel von WissenschaftlerInnen, an der Rechtsprechung beteiligte Personen für diese Einflussvariablen zu sensibilisieren. Dies soll dabei helfen, die Zuverlässigkeit von Beweismitteln zu beurteilen und verlässliche Beweismittel zu erlangen. Findet diese Auseinandersetzung nicht statt, sind bedauerliche Fälle wie der von Anderson vorprogrammiert; Fälle denen Unschuldige verurteilt und StraftäterInnen auf freiem Fuß bleiben und weitere Straftaten begehen können. An der Schnittstelle von Gedächtnis und Justizsystem ist die Berücksichtigung wissenschaftlicher Expertenmeinung im Prinzip nichts anderes als gesunder Menschenverstand.


Referenzen

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