Vom Leben im Schlaraffenland: Wie unsere Umwelt unsere Ernährung beeinflusst

Klein ist fein

„Wenn Du Deinen Teller leer isst, gibt es morgen schönes Wetter.“ Mit diesem Spruch werden auch heute noch viele Kinder dazu angehalten, den Teller leer zu essen, und das mit Erfolg: 92 % des Essens, das auf unserem Teller landet, wird gegessen (Wansink & Johnson, 2015). Dieser Befund kann dadurch erklärt werden, dass Portions- und Verpackungsgrößen eine Konsumnorm vorgeben, die anzeigt, wie viel man normalerweise von dieser Speise isst oder essen sollte. Vorgefertigte Portionen in der Kantine und im Restaurant oder die Packung Gummibärchen werden dementsprechend aufgegessen, oft unabhängig von Sättigungssignalen des Körpers. Um dieses Phänomen zu untersuchen, verteilte die Forschergruppe um Brian Wansink (Wansink & Kim, 2005) in einer Studie Popcorn an 158 KinobesucherInnen in Philadelphia. Die Teilnehmenden, die vom Studienteam eine große Tüte Popcorn erhielten, aßen im Durchschnitt 45 % mehr als die Teilnehmenden mit einer kleinen Tüte. Dieser Effekt war auch dann zu beobachten, wenn die Teilnehmenden 14 Tage altes, wenig schmackhaftes Popcorn bekamen. Die Teller- und Portionsgrößen vermitteln unbewusst Normen für den Konsum. Von kleineren Tellern oder aus kleineren Packungen wird deswegen weniger gegessen. Bild von Security via pixabay ( https://pixabay.com/de/teller-tasse-bunt-gedeck-geschirr-526603/), CC0 (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Studie zeigt also, dass sich die Konsumnorm, die den Teilnehmenden unbewusst durch die Verpackungsgröße vorgegeben wurde, stärker auf den Verzehr auswirken kann, als der Geschmack.

Die Auswirkungen von Portionsgrößen auf Gewicht und Gesundheit demonstrierten der Psychologe Paul Rozin und seine KollegInnen (2003), indem sie Portionsgrößen verschiedener Lebensmittel zwischen Frankreich und den USA verglichen. Während ein normaler Joghurtbecher in Frankreich 125 Gramm fasste, war er in den USA fast doppelt so groß. Ähnlich sah es mit vielen anderen Produkten im Supermarkt und in Fast Food Restaurants aus. So ist es nicht verwunderlich, dass die französische Bevölkerung im Schnitt einen geringeren BMI aufweist und seltener an Herz-Kreislauf-Erkrankungen stirbt als US-AmerikanerInnen.

Trick Nr. 3: Um weniger Kalorien zu sich zu nehmen, kann es ratsam sein, im Supermarkt statt der XXL-Variante eine kleinere Packung zu wählen. Zuhause kann man ungesunde Speisen auf kleinen Tellern anrichten – beim Gemüse darf es aber gerne weiterhin die größere Schüssel sein.

Wie lassen sich Umwelteinflüsse dazu nutzen, sich gesund zu ernähren? Ein Fazit und Ausblick

Eine Umwelt, in der gesunde Nahrungsmittel einfach ausgewählt werden können, könnte ein Schlüssel zur Reduktion von Übergewicht sein. Vorschläge, wie Umweltveränderungen für die Förderung eines gesünderen Lebensstils genutzt werden können, lieferten der Ökonom Richard Thaler und der Jurist Cass Sunstein (2008). Sie prägten den Begriff Nudge, unter dem verschiedene Veränderungen der Umwelt zusammengefasst werden, die sich positiv auf das Verhalten von KonsumentInnen auswirken sollen.

Ein Beispiel dafür ist der Default-Effekt, der besagt, dass Menschen sich meist für die vorgegebene Option (Default) entscheiden, auch wenn sie die Möglichkeit hätten, andere Optionen auszuwählen. Der Effekt kann darauf zurückgeführt werden, dass durch die Wahl der Default-Option Zeit und Energie gespart werden kann, die im Falle weiterer Überlegungen aufgewendet werden müssten. Überträgt man diesen Effekt beispielsweise auf Firmenkantinen, könnten ArbeitgeberInnen ihre MitarbeiterInnen bei der Auswahl gesunder Nahrungsmittel unterstützen, indem Salat statt Pommes frites zur neuen Standardbeilage ernannt wird. Ein Salat als Beilage hat weniger Kalorien als eine Portion Pommes frites und führt deswegen weniger schnell zu einer Gewichtszunahme. Bild von RitaE via pixaybay (https://pixabay.com/de/salat-gemischt-beilage-tomaten-848089/), CC0 (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Für das Konzept des Nudgings ist es aber wichtig, dass andere Wahlalternativen trotzdem bestehen bleiben, um den Menschen eine freie Wahl zu ermöglichen. Die MitarbeiterInnen müssen also weiterhin die Möglichkeit haben, Pommes frites auszuwählen, wenn sie das möchten. Studien zeigen, dass solche Umweltveränderungen das Verhalten durchaus für einige Tage oder Wochen beeinflussen können. Ob die positiven Auswirkungen des neuen Defaults allerdings über Monate oder Jahre bestehen bleiben, ist zurzeit noch Gegenstand der Forschung (Marteau, Ogilvie, Roland, Suhrcke, & Kelly, 2011).

Problematisch ist weiterhin, dass sich der Effekt der Veränderung möglicherweise nicht automatisch auf andere Situationen überträgt. In unserem Beispiel heißt das, dass die MitarbeiterInnen in der Kantine zwar häufiger zum Salat greifen, zuhause aber weiterhin Frittiertes essen. Hier ist es also jeder bzw. jedem selbst überlassen, die Umwelt entsprechend der eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu gestalten. ForscherInnen rufen deswegen dazu auf, die Bevölkerung besser über psychologische Einflüsse zu informieren und sie mit einfachen Handlungsempfehlungen auszustatten (Grüne-Yanoff & Hertwig, 2016). Denn: Ist man sich der Einflüsse der Umwelt bewusst, kann jede(r) selbst einfache Tricks anwenden, um sich gesünder zu ernähren und dem Übergewicht den Kampf anzusagen.

Literaturverzeichnis

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Grüne-Yanoff, T., & Hertwig, R. (2016). Nudge versus boost: How coherent are policy and theory? Minds and Machines, 26(1-2), 149-183. http://dx.doi.org/10.1007/s11023-015-9367-9

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Mata, J. (2016). Fit and slender in the land of plenty: The potential of environmental factors – Fit und schlank im Schlaraffenland: Das Potential von Umweltfaktoren. Paper presented at the Summer Institute on Bounded Rationality 2016, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin.

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Wansink, B., & Kim, J. (2005). Bad popcorn in big buckets: portion size can influence intake as much as taste. Journal of Nutrition Education and Behavior, 37(5), 242-245. http://dx.doi.org/10.1016/S1499-4046(06)60278-9

Wansink, B., Painter, J. E., & Lee, Y.-K. (2006). The office candy dish: proximity's influence on estimated and actual consumption. International Journal of Obesity, 30(5), 871-875. http://dx.doi.org/10.1038/sj.ijo.0803217

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