Wer wird denn nun bei den Noten benachteiligt – Mädchen oder Jungen?

Schulnoten geben nicht nur SchülerInnen Rückmeldung über ihren aktuellen Leistungsstand, sie bestimmen auch die Chancen auf Studienplätze sowie den Erfolg von Bewerbungen. Die Frage, ob Lehrkräfte unabhängig vom Geschlecht bewerten, ist daher sehr wichtig. Traditionell stehen beim Thema Geschlechterfairness meist Benachteiligungen von Mädchen im Vordergrund. In den letzten Jahrzehnten wurde in den Medien jedoch viel diskutiert, ob das Schulsystem Jungen benachteilige. Dieser Artikel fasst den Stand der Forschung, ob Schulleistungen von Mädchen und Jungen unterschiedlich benotet werden, zusammen.Schulnoten sind wichtig für den Erfolg – wie fair sind sie? (https://www.flickr.com/photos/dirkvorderstrasse/18879265103; © Dirk Vorderstraße, CC Lizenz mit Namensnennung)Schulnoten sind wichtig für den Erfolg – wie fair sind sie? (https://www.flickr.com/photos/dirkvorderstrasse/18879265103; © Dirk Vorderstraße, CC Lizenz mit Namensnennung)

Der Kampf für Gleichberechtigung und Gleichbehandlung der Geschlechter ist traditionell geprägt vom Bestreben, Benachteiligungen von Frauen und Mädchen abzubauen. Aktuell verdienen Frauen im Durchschnitt immer noch weniger und haben seltener gesellschaftliche Machtpositionen als Männer. Traditionellen Geschlechterrollen entsprechend gelten Männer als kompetenter, Frauen hingegen als wärmer im sozialen Sinne (Eckes, 2002). Beeinflussen solche Stereotype (d.h. allgemeine Annahmen über Gruppen) womöglich bereits die Noten in der Schule, so dass Mädchen, basierend auf geringeren Erwartungen von Kompetenz, als systematisch schlechter bewertet werden?

In den Medien sind in den letzten Jahrzehnten allerdings eher Beiträge zu finden, die nahe legen, dass unser Bildungssystem Jungen massiv benachteilige und diese inzwischen die eigentlichen Bildungsverlierer seien. Eine große internationale Metaanalyse (d.h. eine Zusammenfassung vieler Studien) bestätigt, dass Mädchen im Durchschnitt etwas bessere Schulnoten bekommen (Voyer & Voyer, 2014). Heißt das also, dass Lehrkräfte Jungen bei der Notengebung benachteiligen?

Sieht man sich Geschlechterstereotype in Bezug auf die Fähigkeiten genauer an, wird klar, dass beide möglichen Vorhersagen wohl nach Schulfach differenziert werden müssen. Hohe Fähigkeiten werden Jungen vor allem im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich zugeschrieben. Sprachliche Fähigkeiten, zum Beispiel Lesekompetenz, werden hingegen eher bei Mädchen vermutet. Beeinflussen diese Annahmen über Geschlechtergruppen also die Benotung von einzelnen SchülerInnen abhängig vom Fach?

In diesem Artikel soll es deshalb um die Frage gehen, ob Mädchen und Jungen für die gleiche Leistung unterschiedliche Noten bekommen. Es geht dagegen nicht um die Frage, ob Mädchen oder Jungen tatsächlich unterschiedliche Fähigkeiten haben. Stereotype über die Geschlechter können auf realen oder eingebildeten durchschnittlichen Unterschieden beruhen; so oder so sollten Lehrkräfte jede individuelle Leistung bewerten, ohne sich von stereotypen Erwartungen beeinflussen zu lassen. Grundsätzlich ist anzunehmen, dass die Mehrheit der Lehrkräfte bestrebt ist, alle Schülerinnen und Schüler fair zu behandeln und bei der Bewertung mit gleichem Maß zu messen. Doch das Verteilen fairer Noten ist keine einfache Aufgabe – es bestehen oft Ermessensspielräume. Dadurch können auch mit entsprechender Ausbildung und Erfahrung unbewusste, stereotype Erwartungen und äußere Merkmale das Urteil beeinflussen. Die Frage, die an dieser Stelle beantwortet werden soll, ist: Gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, ob Schulleistungen je nach Geschlecht des Schulkindes unterschiedlich bewertet werden, und wenn ja, werden Mädchen oder Jungen benachteiligt?

Mädchen bekommen bessere Noten und bleiben seltener sitzen als Jungen; https://www.flickr.com/photos/66536212@N07/6992640202/; © Woodapple (CC Lizenz mit Namensnennung)Mädchen bekommen bessere Noten und bleiben seltener sitzen als Jungen; https://www.flickr.com/photos/66536212@N07/6992640202/; © Woodapple (CC Lizenz mit Namensnennung)

Was spricht dafür, dass Mädchen schlechter bewertet werden?

In einer Reihe von Experimenten wurde direkt untersucht, ob Mädchen und Jungen für die gleiche Leistung unterschiedliche Noten bekommen: Lehrkräften wurden ein oder mehrere Schularbeiten zur Korrektur vorgelegt. Bei der Hälfte der Lehrkräfte stand ein männlicher, bei der anderen Hälfte ein weiblicher Name über derselben Arbeit. Im Anschluss wurden die Noten verglichen. Da sich die Schularbeiten nur im Geschlecht der AutorInnen unterschieden, können systematische Unterschiede in der Bewertung ausschließlich darauf zurückzuführen sein. Die Schularbeiten bestanden dabei aus durchschnittlichen Aufsätzen oder Erklärungen aus dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Leistungsbereich. Die meisten der Studien dieser Art deuten darauf hin, dass Arbeiten von vermeintlichen Mädchen schlechter bewertet wurden als von vermeintlichen Jungen, vor allem wenn die Lehrkräfte noch wenig Erfahrung hatten (Hofer, 2015; Spear, 1984).

Weitere Studien beschäftigten sich bereits vor über 30 Jahren in ähnlicher Weise mit Texten im außerschulischen Kontext. Auch hier fand man, dass identische Aufsätze von weiblichen Autorinnen in Bereichen, die nicht als typisch weiblich gelten, ein bisschen schlechter eingeschätzt wurden als die von männlichen Autoren (Swim, Borgida, Maruyama & Myers, 1989).

Berechtigterweise muss man jedoch die Frage stellen, ob diese Befunde auch heute noch aktuell sind. Schließlich ist ein großer Teil dieser Studien schon mehrere Jahrzehnte alt. Die erwähnte Studie von Hofer ist die einzige, die darauf hindeutet, indem sie die Benachteiligung von Mädchen in Physik auch noch im Jahr 2015 zeigte.Die meisten Machtpositionen werden von Männern gehalten; https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AHeads_of_the_2014_G-20_member_state_delegations%2C_invited_nations_and_international_organisations_%284%29.jpg; © Agência Brasil; CC Lizenz mit NamensnennungDie meisten Machtpositionen werden von Männern gehalten; https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AHeads_of_the_2014_G-20_member_state_delegations%2C_invited_nations_and_international_organisations_%284%29.jpg; © Agência Brasil; CC Lizenz mit Namensnennung

Geht man von den klassischen Geschlechterstereotypen aus, wäre außerdem plausibel anzunehmen, dass Jungen in Mädchendomänen (z. B. im sprachlichen Bereich), ebenfalls schlechter benotet werden. Es mangelt jedoch an experimentellen Studien zu dieser Frage.

Was spricht dafür, dass Jungen schlechter bewertet werden?

Experimente wie die oben genannten haben den Vorteil, dass sie direkt den kausalen Effekt des Geschlechts zeigen können und andere Einflüsse auf die Note sorgfältig ausschließen. Dafür betreffen sie meist eher spezifische und kleinere Stichproben von einzelnen Bewertungen. Eine andere Art von Studien greift auf tatsächliche SchülerInnendaten aus repräsentativen Datensätzen zurück. Dabei werden die Noten, die Lehrkräfte in der Schule vergeben haben, mit objektiven Schulleistungstests in Zusammenhang gebracht.

Generell ist dabei auffällig, dass der größere Erfolg der Mädchen in der Schule sich nicht durchgängig durch einen vergleichbar größeren Erfolg bei Leistungstests wie PISA abzeichnet. Da solche Leistungstests ohne Kenntnis des Geschlechts standardisiert ausgewertet werden, können sie herangezogen werden, um zu überprüfen ob Schülerinnen und Schüler des gleichen Leistungsniveaus gleiche Noten von Lehrkräften bekommen. So kann zwar nicht direkt ein kausaler Zusammenhang des Geschlechts überprüft werden, aber indirekt auf die Rolle des Schülergeschlechts für Noten geschlossen werden – über andere wichtige Einflussfaktoren hinaus.

Auswertungen einer Reihe von großen Datensätzen aus verschiedenen westlichen Ländern zeigen, dass bei Berücksichtigung der objektiven Schulleistung Mädchen in Mathematik und zum Teil auch in anderen Fächern bessere Noten als Jungen erhielten (z. B. Cornwell, Mustard & Van Parys, 2013; Lindahl, 2016). Insofern kann daraus auf die Benachteiligung von Jungen geschlossen werden. Dies ist auf den ersten Blick überraschend, da Mathematik als stereotyp männliche Domäne gilt. Die Unterschiede in der Benotung sind allerdings offenbar vor allem dadurch zu erklären, dass Lehrkräfte bei der Benotung auch das Verhalten (z. B. die Mitarbeit, Lernstrategien) mit einbeziehen, und dass sie Mädchen – dem Stereotyp entsprechend – als fleißiger, motivierter und braver wahrnehmen (Cornwell u. a., 2013).

Der zwiespältige Bonus für die Mitarbeit von Mädchen

Doch ganz so leicht lässt sich das Argument der Bevorzugung von Mädchen nicht aufrechterhalten: Eine Neuanalyse des Datensatzes von Cornwell und Kollegen (2013) bestätigte, dass Lehrkräfte in die Leistungsbewertung in Mathematik das Lernverhalten mit miteinbeziehen. Dieses schätzen sie bei Mädchen besser ein, so dass sie bei gleicher Testleistung bessere Noten bekommen als Jungen. Wenn aber Mädchen und Jungen mit gleicher objektiver Testleistung und gleichem Verhalten verglichen wurden, bekamen die Mädchen schlechtere Mathenoten als die Jungen (Robinson-Cimpian, Lubienski, Ganley & Copur-Gencturk, 2014; s. auch Kuhl & Hannover, 2012).

Die Lehrkräfte hielten Mädchen zudem für weniger mathematisch kompetent, obwohl sie ihnen bessere Noten gaben. Je weniger Kompetenz die Lehrkräfte den Mädchen zuschrieben, umso mehr fielen deren Leistungen hinter die von Jungen zurück. Die AutorInnen verweisen in diesem Zusammenhang darauf, dass die Erfolge von Mädchen häufig mit ihrem Verhalten begründet würden, aber nicht mit ihren Fähigkeiten. Dies führe langfristig dazu, dass Mädchen sich weniger zutrauen (Robinson-Cimpian u. a., 2014).

Im sprachlichen Bereich, der als typisch weibliche Domäne gilt, scheinen Mädchen wie in Mathematik bei gleicher Leistung bessere Noten zu bekommen als Jungen. Die Noten unterscheiden sich aber nicht, wenn das Verhalten durch die Lehrkräfte gleich eingeschätzt wurde (Kuhl & Hannover, 2012).

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