Werde ich das schaffen? Unter- und Überschätzung der eigenen Fähigkeiten im Alltag

Eigentlich wolltest du dich auf das interessante Jobangebot bewerben, weil du dich im aktuellen Job nicht allzu wohl fühlst. Allerdings wäre der neue Job mit sehr viel mehr Verantwortung verbunden. Gleichzeitig rückt die Deadline für die endgültige Abgabe Deiner Steuererklärung immer näher. Damit wirst Du Dich wohl am Wochenende beschäftigen müssen. ... Solche Situationen erfordern eine angemessene Einschätzung der eigenen Fähigkeiten und ein realistisches Zeitmanagement. Dieser Beitrag beschäftigt sich mit der Frage, warum uns dies im Alltag oft so schwerfällt.

Im Leben kommen wir immer wieder in Situationen, in denen wir einschätzen müssen, ob wir einer bestimmten Aufgabe tatsächlich gewachsen sind. Dies betrifft richtungsweisende Entscheidungen wie die Festlegung auf einen bestimmten Ausbildungsberuf oder ein Studium nach Ende der Schulzeit. Aber auch im Alltag sind viele Entscheidungen dieser Art zu treffen: Schaffe ich es heute zeitlich noch, vor meinem Sportkurs schnell einkaufen zu gehen? Wie kann ich die Hausarbeit in den Semesterferien trotz meines Nebenjobs erfolgreich zu Ende bringen? Und wird es mir dieses Jahr gelingen, die Steuererklärung rechtzeitig abzugeben?

Schaff ich das?  Bild: Gemalt von Giovanna Cerasari.Schaff ich das? Bild: Gemalt von Giovanna Cerasari.

In solchen Entscheidungssituationen geht es mitunter auch darum, seine eigenen Fähigkeiten mit denen anderer Personen zu vergleichen. Häufig fällt dieser Vergleich jedoch unrealistisch positiv aus, wie eine Studie von Kruger und Dunning (1999) eindrucksvoll belegt. Die Autoren testeten die Fähigkeiten einer großen Gruppe von CollegestudentInnen mit standardisierten Tests in den Bereichen Grammatikwissen, Logik, und Humorverständnis. Nachdem die ProbandInnen den jeweiligen Test bearbeitet hatten, sollten sie einschätzen, wie gut sie im Vergleich zu den anderen TestteilnehmerInnen wohl abschneiden werden, und wie hoch die jeweilige Fähigkeit generell bei ihnen ausgeprägt ist. Sie sollten sich bei dieser Einschätzung an Prozenträngen orientieren. Wer sich selbst einen Prozentrang von 30 zuteilt, geht davon aus, dass 30 Prozent der anderen schlechter abschneiden, und 70 Prozent besser als man selbst. Ein Prozentrang von 1 steht also für die schlechteste, und ein Prozentrang von 100 für die beste Leistung in Relation zur Referenzgruppe. Im Durchschnitt gaben die ProbandInnen Werte zwischen dem 60. und 70. Prozentrang an. Diese Einschätzung war in allen Leistungsgruppen zu finden, auch bei denjenigen, die sich mit ihren Leistungen im schlechtesten Viertel der Verteilungen befanden. Bei einer realistischen Selbsteinschätzung hätten sie also Werte zwischen 0 und 25 angeben müssen, wichen aber dramatisch in die positive Richtung ab. Interessanterweise zeigte sich bei den ProbandInnen des leistungsstärksten Viertels (tatsächliche Leistungs-Prozentränge zwischen 75 und 100) ein Trend dahingehend, dass sie ihre Leistungen eher unterschätzten. Sie ordneten sich in ihrer Selbsteinschätzung ebenfalls nur zwischen dem 60. und 70. Prozentrang ein. Kruger und Dunning (1999) interpretierten die Befunde so, dass leistungsschwächere ProbandInnen auch schlechtere metakognitive Urteile fällen. Sie erkennen weniger gut, welche Probleme sie selbst beim Lösen der Aufgaben hatten. Die leistungsstarken ProbandInnen gehen hingegen davon aus, dass die korrekte Lösung der Testaufgaben den anderen wohl ähnlich leichtgefallen sein dürfte wie ihnen selbst. In einer Erweiterung der ursprünglichen Studie luden Kruger und Dunning die ProbandInnen des schlechtesten und des besten Viertels der Verteilung noch einmal ein und ließen sie fünf exemplarische Tests anderer ProbandInnen ansehen, welche die gesamte Palette möglicher Leistungen abdeckten. Im Anschluss daran sollten die ProbandInnen die eigene Leistung erneut in Relation zu den anderen einschätzen. Die leistungsschwächeren ProbandInnen schätzten sich daraufhin sogar noch positiver ein (obwohl ihnen ja unter anderem auch deutlich bessere Testleistungen als die eigenen vorgelegt worden waren). Die leistungsstärkeren ProbandInnen korrigierten die Einschätzung der eigenen Leistung hingegen nach oben, wodurch sie realistischer wurde. In einem weiteren Schritt konnte gezeigt werden, dass leistungsschwächere ProbandInnen zu realistischeren Einschätzungen kommen, wenn sie trainiert werden. Sie erhielten eine Erklärung, mit welchem Prinzip die zuvor bearbeiteten Logikaufgaben zu lösen sind. Danach waren auch die leistungsschwächeren ProbandInnen besser in der Lage, ihre Fehler zu erkennen. Die Einschätzung ihrer eigenen Leistung wurde etwas realistischer, auch wenn sie sich immer noch überschätzten. Zynisch gesprochen ist die Annahme, man sei in einer bestimmten Aufgabe „sicher überdurchschnittlich gut“ also leider nicht ausreichend, um tatsächlich gute Leistungen zu erbringen.

Neuere Forschung zum Dunning-Kruger Effekt konnte zeigen, dass Personen, die sich selbst für ExpertInnen auf bestimmten Wissensgebieten halten, leicht dazu gebracht werden können, nicht existente Phänomene aus diesen Bereichen für wahr zu halten (Atir, Rosenzweig & Dunning, 2015). Lernende in komplexen Wissensbereichen tendieren dazu, sich in einer ersten Lernphase bereits sehr schnell kompetent zu fühlen, ohne es tatsächlich zu sein (Sanchez & Dunning, 2018). Die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten scheint auch durch wiederholte objektive Rückmeldungen nicht unbedingt gedrosselt zu werden. So wurden die Vorhersagen künftiger Leistungen bei Bridge-SpielerInnen, die fortlaufend objektive Rückmeldungen über ihre bisherigen Leistungen erhielten, nicht realistischer (Simons, 2013). Dies geschah, obwohl ihnen rückgemeldet wurde, dass sie sich in der Vergangenheit bereits mehrfach zu optimistisch eingeschätzt hatten.

Sind wir also generell damit überfordert, unsere Fähigkeiten akkurat einzuschätzen? Es sollte berücksichtigt werden, dass die Einschätzung und die tatsächlich erbrachte Leistung schon in der Originalarbeit von KrugerScheitern. Foto: Van Duinen / Anefo via  WikimediaCommons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Concours_Hippique_Rotterdam,_eerste_dag,_Bestanddeelnr_906-6949.jpg ,CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.en).Scheitern. Foto: Van Duinen / Anefo via WikimediaCommons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Concours_Hippique_Rotterdam,_eerste_dag,_Bestanddeelnr_906-6949.jpg ,CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.en). und Dunning (1999) korrelierten: Personen, die besser abschnitten, schätzten sich auch besser ein. Wenn Personen in bestimmten Wissensbereichen eine fundierte Ausbildung durchlaufen haben, können sie ihren Kenntnisstand in diesen Bereichen recht genau und fundiert einschätzen (Ackerman, Beier & Bowen, 2002). Je genauer und präziser die Einordung der eigenen Fähigkeiten erfolgen soll, desto größer wird in der Regel auch die Übereinstimmung zwischen subjektiver Einschätzung und der tatsächlichen Fähigkeit.

Bei vielen Alltagsentscheidungen kommt es auch darauf an, den Zeitbedarf für bestimmte Aktivitäten realistisch einzuschätzen. Kann ich noch schnell einkaufen gehen oder ein Telefonat erledigen, bevor der nächste Termin ansteht? Und in welchen Zeitfenstern kann ich im Alltag an der überfälligen Steuererklärung arbeiten? Auch was diese Prozesse angeht, hat die Forschung einige eher ernüchternde Befunde zutage gefördert. Buehler, Griffin und Ross (1994) baten Studierende, einzuschätzen, wann sie eine Hausarbeit abgeben würden. Die Studierenden sollten eine möglichst realistische Einschätzung ihres Abgabetermins formulieren, und zusätzlich noch eine sehr optimistische und eine sehr pessimistische Einschätzung. Für die Abgabe der Arbeit gab es eine Deadline. Viele ProbandInnen gaben zu Beginn des Semesters an, dass sie die Arbeit früher abgeben würden, bis hin zu mehreren Wochen vor der Deadline. Tatsächlich gelang eine deutlich vor der Deadline liegende Abgabe allerdings nur sehr wenigen ProbandInnen. Die realistische Einschätzung lag im Durchschnitt drei Wochen vor dem tatsächlichen Abgabedatum, und selbst die pessimistische Einschätzung lag immer noch fast eine Woche vor der tatsächlichen Abgabe. Warum fällt es Menschen so schwer, ein sinnvolles Zeitmanagement zu betreiben? Buehler und Kollegen hatten die ProbandInnen gebeten, laut zu denken, als sie am Anfang des Semesters ihre Prognosen abgaben. Interessanterweise beschäftigen sich die meisten Aussagen (71 Prozent) mit konkreten Plänen für die Zukunft (z. B. „Ich werde übernächste Woche drei Tage zu meinen Eltern fahren, und dort kann ich ungestört die Arbeit schreiben.“ oder „Ich werde mich immer Montagsnachmittags nach dem Seminar mit dem Thema befassen.“). Zwar wurde auch in 15 Prozent der Äußerungen die Deadline thematisiert (z. B. „Wenn die Arbeit am 15.3. abgegeben werden muss, werde ich sie wohl erst am Tag davor zu Ende schreiben.“). Aber eigene Erfahrungen mit ähnlichen Aufgaben in der Vergangenheit oder relevante Persönlichkeitseigenschaften wurden nur äußerst selten genannt (zusammen ca. 3 Prozent; beispielsweise „Letztes Semester habe ich die Hausarbeit erst am Tag der Deadline abgegeben.“ oder „Ich neige dazu, solche Aufgaben lange aufzuschieben, also werde ich wohl auch dieses Mal erst am Tag der Deadline abgeben.“). Auch in der Zukunft liegende mögliche Probleme wurden nur in 3 Prozent der Äußerungen angesprochen (z. B. „Wenn ich dann auch noch für die Klausur lernen muss, könnte es knapp werden mit der Zeit, die ich in die Hausarbeit investieren kann.“). Buehler und Kollegen bezeichnen dieses Denken in optimistischen Zukunftsszenarien und das Ausblenden möglicher zukünftiger Probleme und der eigenen Erfahrungen als planning fallacy, also als eine Art Planungs-Trugschluss. Die Vorhersagen der ProbandInnen wurden realistischer, wenn man sie explizit dazu aufforderte, ihre Erfahrungen mit ähnlichen Situationen der Vergangenheit zu berücksichtigen. Vergangene Probleme wurden dann allerdings häufig solchen Ursachen zugeschrieben, die sehr spezifisch für die damalige Situation waren, und die nur vorübergehend vorlagen (z. B. „Ich war dann sehr spät dran mit der Abgabe, aber ich hatte auch Pech mit dem alten Computer meiner Eltern, der drei Tage vorher den Geist aufgegeben hatte.“). Durch diese Art der Ursachenzuschreibung kann der Selbstwert trotz allem aufrecht gehalten werden („An meinen mangelnden Fähigkeiten lag es nicht, die Umstände waren schuld.“).

Interessanterweise trat keine Fehleinschätzung auf, wenn die Studierenden gebeten wurden, vorherzusagen, wann andere ihre Arbeiten abgeben würden. Ich konnte den Planungs-Trugschluss mit Studierenden der Universität Leipzig in Bezug auf den Abgabetermin ihrer Hausarbeiten sehr gut replizieren. Der Planungs-Trugschluss ist laut Buehler et al. (1994) auch mit dafür verantwortlich, dass architektonische Großprojekte zeitlich und finanziell oft komplett aus dem Ruder laufen.

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