Werden wir durch multikulturelle Erfahrungen kreativer? Und falls ja, wie?

Kontakte mit mehreren Kulturen kann die Leichtigkeit der Entwicklung kreativer Ideen fördern. Bild: Marco Verch via flickr (https://www.flickr.com/photos/149561324@N03/38113606416/in/faves-150308918@N02/, CC:https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)Zusammenfassend zeigen diese Ergebnisse, dass der Kontakt mit mehreren Kulturen die Leichtigkeit der Entwicklung kreativer Ideen fördern kann. Im Experiment wurden diese kreativen Zugewinne in Kreativitätsaufgaben beobachtet, die kein Vorwissen über die Kulturen, denen die Versuchspersonen ausgesetzt waren, verlangten. Darüber hinaus blieben die positiven Effekte bestehen, wenn Kreativität noch einmal mehrere Tage nach der kulturellen Begegnung gemessen wurde. Es ist anzunehmen, dass dieser Kontakt zu Entwicklung von kognitiven Fähigkeiten (z. B. eine spontane Tendenz dazu, das Gedächtnis ausführlich nach unkonventionellen Lösungen zu durchsuchen) geführt hat, die der kreativen Leistung zugrunde liegen. Zudem führte der Kontakt mit mehreren Kulturen nur dann zu kreativen Zugewinnen, wenn beide, die amerikanische und die chinesische Kultur, gleichzeitig dargeboten wurden. Dieser Befund stützt die Annahme, dass die kognitive Gegenüberstellung von zwei scheinbar nicht zusammenpassenden Ideen aus zwei Kulturen dazu motiviert, kreative Konzepterweiterung zu betreiben. Hierbei handelt es sich um einen kognitiven Prozess, von dem man weiß, dass er kreative Leistung fördert.

Ähnliche Ergebnisse konnten in Studien erzielt werden, in denen das Ausmaß an multikultureller Begegnung eher gemessen als manipuliert wurde. Amerikanische Studierende europäischen Ursprungs verfügen über ein unterschiedliches Ausmaß an multikulturellen Erfahrungen. So haben manche bereits außerhalb ihres Heimatlandes gelebt, sprechen eine Fremdsprache, haben Eltern, die nicht in den USA geboren wurden, haben enge FreundInnen aus anderen Kulturen und mögen die Musik oder die Küche anderer Kulturen. Diese Studierenden tendierten dazu, weniger Probleme beim Generieren unkonventioneller Ideen zu haben verglichen mit Studierenden, welche weniger multikulturelle Erfahrungen hatten (Leung & Chiu, 2008).

Im Einklang mit der Idee, dass multikulturelle Erfahrungen dazu führen, dass man verstärkt nach unkonventionellen Lösungsmöglichkeiten sucht, zeigte eine andere Studie (Leung & Chiu, 2010, Studie 2), dass sich Versuchspersonen mit mehr multikultureller Erfahrung im Vergleich zu Versuchspersonen mit weniger multikultureller Erfahrung eher unkonventionelle Geschenkideen ausdachten, wenn man sie nach einer Geschenkidee für eine befreundete Person fragte.

Engstirnigkeit ist ein Hindernis für Kreativität. Im Vergleich zu aufgeschlossenen Personen sind engstirnige Personen weniger motiviert, in ihrem Gedächtnis nach kulturell fremden Ideen zu suchen (Ip, Chen & Chiu, Alexas_Fotos via pixabay (https://pixabay.com/en/different-nationalities-children-1743392/, https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.en)2006), und sie sind auch weniger kreativ (Rietzschel, De Dreu & Nijstad, 2007). Kann Offenheit für Erfahrungen erlernt werden? Führen multikulturelle Erlebnisse dazu, dass Menschen offener für Ideen aus anderen Kulturen werden? In einer Studie mit amerikanischen Studierenden europäischen Ursprungs (Leung & Chiu, 2010, Studie 3) wurde herausgefunden, dass die Studierenden, welche umfangreiche multikulturelle Erfahrungen hatten, eher Ideen aus dem ostasiatischen Raum und des mittleren Ostens heranzogen, wenn man sie darum bat, aus einer gewöhnlichen Idee (z. B. „Menschen mit mehr FreundInnen sind glücklicher“) eine kreative zu entwickeln.

Jedoch ist Aufgeschlossenheit ein Gemütszustand. Werden Menschen von zu viel Unsicherheit in ihrem Umfeld überwältigt, so heißen sie klare Antworten willkommen und verzichten auf unbekannte Ideen. Wenn dies geschieht, sinkt die Motivation dazu, Ideen aus anderen Kulturen zu berücksichtigen – dies gilt selbst für solche Personen mit umfangreichen multikulturellen Erfahrungen (Leung & Chiu, 2010, Studien 4 und 5).

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die zunehmende globale Vernetzung in den heutigen Gesellschaften neue Möglichkeiten für multikulturelle Erfahrungen geschaffen hat. Es scheint nicht überraschend, dass PsychologInnen immer mehr erkennen, dass es notwendig ist, den Zusammenhang dieser multikulturellen Erfahrungen mit intellektueller Entwicklung zu untersuchen (Chiu & Hong, 2005). Eine der größten Forschungsfragen im Bereich der Forschung zu multikulturellen Kompetenzen befasst sich mit den potentiellen positiven Effekten multikultureller Erfahrungen auf Kreativität und kognitive Flexibilität. Bisher hat die Forschung drei mögliche Wege identifiziert, wie multikulturelle Erfahrungen Kreativität steigern können. Erstens wird angenommen, dass diese Erfahrungen dazu führen, dass sich Menschen von ihren mentalen Einstellungen lösen können, da sich ihnen intellektuelles Material und Möglichkeiten zu kreativer Konzepterweiterung darbieten. Zweitens können sie die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten, welche kreative Leistung fördern, verbessern. Und zuletzt können sie die Zugänglichkeit von Personen für Ideen aus anderen Kulturen erhöhen.

Literaturverzeichnis

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