Wie Gerüche uns in vergessen geglaubte Zeiten versetzen: Das Proust-Phänomen

Wir haben kürzlich die Methoden, Ergebnisse und theoretischen Erklärungen des Proust-Phänomens analysiert und zusammengefasst (Hackländer, Janssen & Bermeitinger, 2018). Als Fazit lässt sich sagen, dass autobiographische Erinnerungen, die von Gerüchen hervorgerufen werden, irgendwie anders sind als Erinnerungen, die von anderen Reizen hervorgerufen werden. Dies zumindest scheint ein stabiler Befund zu sein. Einige Aspekte des Phänomens sind – auf verschiedenen Ebenen – jedoch noch unklar. Teilweise sind die verwendeten Methoden kritisierbar. Ist es beispielsweise eher so, dass bei den verwendeten Methoden die Gerüche im Moment des Abrufs die Erlebensqualität ändern, anstatt etwas darüber aussagen zu können, dass Gerüche besondere Erinnerungen hervorrufen? Manchmal sind auch die theoretischen Erklärungen fraglich oder sie fehlen ganz. Und teilweise sind die Ergebnisse nicht ganz so eindeutig und einheitlich, wie man es sich für definitive Aussagen wünschen würde. Beispielsweise finden wir in einer Mini- Meta-Analyse, dass die Ein Duft liegt in der Luft. Bild von Lee_seonghak via Pixabay (https://pixabay.com/de/rauch-rauchig-licht-duft-geruch-1830840/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Ein Duft liegt in der Luft. Bild von Lee_seonghak via Pixabay (https://pixabay.com/de/rauch-rauchig-licht-duft-geruch-1830840/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Lebhaftigkeit von Erinnerungen, die durch Gerüche ausgelöst werden, vermutlich doch nicht stärker ist im Vergleich zur Lebhaftigkeit von Erinnerungen, die durch andere Reize ausgelöst werden.

Insgesamt muss man festhalten, dass die Proust-Forschung noch in den Kinderschuhen steckt; im Moment liegen erst ein paar wenige Studien zu dem Phänomen vor und weitere Forschung ist in jedem Fall wünschenswert. Insbesondere ist Forschung nötig, die sich den Mechanismen, die diesen Unterschieden zugrunde liegen, widmet. Es gibt mehrere theoretisch interessante Fragen, die man zum jetzigen Zeitpunkt stellen kann (und stellen sollte). In den nächsten Abschnitten gehen wir auf eine Auswahl der (aus unserer Sicht) wichtigsten dieser Fragen ein.

Warum sind autobiographische Erinnerungen, die durch Gerüche ausgelöst werden, anders?

Wenn Geruchs-induzierte autobiographische Erinnerungen wirklich anders sind als Erinnerungen, die von anderen Reizen ausgelöst wurden, dann stellt sich die Frage, warum das so ist. Die möglichen Erklärungen lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen: anatomische/ physiologische Erklärungen und psychologische Erklärungen. Die anatomischen/ physiologischen Erklärungen haben bisher die meiste Aufmerksamkeit erfahren. Bei der Olfaktorik laufen die Nervenbahnen von der Nase über nur eine Schaltstelle direkt zu dem Teil des Gehirns, in dem Gerüche primär verarbeitet werden. Bei allen anderen Sinnen gibt es mehrere Schaltstellen zwischen den jeweiligen Sinneszellen und dem entsprechenden primären Verarbeitungsbereich im Gehirn; unter anderem ist bei allen anderen Sinnen ein Teil des Gehirns, der mit Bewusstsein verbunden wird, früh in der Verarbeitung involviert. Außerdem liegt der primäre Verarbeitungsbereich für Gerüche im Gehirn sehr nah an Regionen, die für emotionale Verarbeitung relevant sind (z. B. Saive, Royet & Plailly, 2014). Manche AutorInnen gehen nun davon aus, dass diese räumliche anatomische Nähe Emotionen zu einem besonders wichtigen Merkmal von Gerüchen macht (Yeshurun & Sobel, 2010) und dass die enge Verknüpfung zum schnellen Abruf hochgradig emotionaler Erinnerungen führt, wenn ein Duft mit einer Erinnerung verknüpft ist und diese auslöst (Larsson et al., 2014; Saive et al., 2014).

Die zweite Gruppe von Erklärungen ist stärker psychologisch. Bei diesen Ansätzen ist die Idee, dass Personen bestimmte Gerüche mit bestimmten Erinnerungen in Verbindung bringen. Dem zugrunde liegt, dass unsere Erfahrungen mit Gerüchen teilweise anders sind als unsere Erfahrungen mit anderen Reizen. Beispielsweise nehmen wir Gerüche seltener bewusst wahr als andere Reize (was u. a. an der speziellen neuronalen Verschaltung liegen könnte, siehe oben) und wir schenken Gerüchen oft nicht viel Aufmerksamkeit. Dadurch kann es sein, dass die Gerüche, denen wir Aufmerksamkeit schenken, dann mit nur wenigen Ereignissen assoziiert sind (im Vergleich zu anderen, stärker und häufiger beachteten Reizen und damit assoziierten – anzahlmäßig mehr – Ereignissen). Des Weiteren spielt bei dieser Gruppe von Erklärungen eine Rolle, dass Gerüche in jüngeren Lebensjahren besonders wichtig sind (z. B. Schaal, 1988). Dies würde wiederum dazu führen, dass Gerüche in der Kindheit per se häufiger und insbesondere häufiger gemeinsam mit den erlebten Ereignissen abgespeichert werden. Mit zunehmendem Alter fokussieren wir (zumindest in westlichen Kulturen) immer weniger auf Gerüche (z. B. Classen, Howes & Synnott, 1994), weshalb diese immer seltener mit Ereignissen assoziiert und abgespeichert werden.

Es gibt also mehrere mögliche theoretische Erklärungen für das Proust-Phänomen und eventuell wirken auch mehrere Mechanismen zusammen.

Wie viele Proust-Phänomene gibt es eigentlich?

Abbildung 1: Unabhängige vs. abhängige Effekte, Abbildung von © Ryan P. Hackländer und Christina Bermeitinger.Abbildung 1: Unabhängige vs. abhängige Effekte, Abbildung von © Ryan P. Hackländer und Christina Bermeitinger.

Gibt es nur ein Proust-Phänomen oder mehrere? Anders gesagt: Sind die verschiedenen Effekte, die man im Zusammenhang mit Geruchs-induzierten Erinnerungen findet, abhängig voneinander oder sind sie unabhängig und haben verschiedene zugrundeliegende Ursachen? Zumeist werden die verschiedenen Effekte des Proust-Phänomens (also dass Erinnerungen, die durch Gerüche ausgelöst werden, alt, lebhaft, emotional und selten sind) wie im LOVER-Akronym als separate Effekte dargestellt, die sich nicht gegenseitig beeinflussen oder hervorrufen (siehe linke Seite in Abbildung 1). Diese Annahme erscheint jedoch u. a. aufgrund logisch erschließbarer möglicher Zusammenhänge als eher unwahrscheinlich. Stattdessen ist plausibler, dass die Effekte abhängig voneinander sind: Ein Geruch führt zu einem ersten Effekt, welcher wiederum weitere Effekte auslöst und/ oder mit weiteren Effekten zusammenhängt (siehe rechte Seite in Abbildung 1 für Beispiele möglicher [Kaskaden-]Modelle).

Warum werden die Erinnerungen als besonders emotional erlebt?

Eine nicht triviale Frage lautet, wodurch die Erinnerungen, die durch Gerüche ausgelöst werden, eigentlich so emotional sind. Resultiert die hohe Emotionalität aus den ursprünglichen Erlebnissen, die mit den Erinnerungen verknüpft sind – bestand also z. B. ein Unterschied dahingehend, dass sehr emotionale Erlebnisse wahrscheinlicher abgespeichert werden und später damit wahrscheinlicher wieder abgerufen werdenRiechen - und Wohlfühlen. Bild von PublicDomainPictures via Pixabay (https://pixabay.com/de/erwachsene-schönheit-gesicht-19033/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)Riechen - und Wohlfühlen. Bild von PublicDomainPictures via Pixabay (https://pixabay.com/de/erwachsene-schönheit-gesicht-19033/, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de) können? Oder ist der Effekt zurückzuführen auf den Moment des Wiedererlebens? Obwohl ein Hauptbestandteil des Proust-Phänomens ja gerade ist, dass Gerüche (sehr) emotionale Erinnerungen hervorrufen, gibt es eine alternative Erklärung: Die Emotion könnte durch den Geruch zum Zeitpunkt des Abrufs ausgelöst werden und die Versuchspersonen führen diese Emotion fälschlicherweise wiederum auf die Erinnerung zurück, weshalb sie dann angeben, dass das damalige Ereignis sehr emotional gewesen sei. Denkbar ist auch ein Mischmodell, bei welchem die Gerüche emotional passende Erinnerungen hervorrufen, also beispielsweise könnte ein positiver Duft als ein Abrufreiz für eine positive Erinnerung wirken. Bisher gibt es erste Evidenz gegen diese sogenannte Cue-Effekt Hypothese (Chu & Downes, 2002; Willander & Larsson, 2007), aber die Frage ist aufgrund methodischer Probleme noch offen (Hackländer et al., 2018), weshalb keine abschließende Antwort möglich ist.

Nach unserer Einschätzung stellen diese und weitere Fragen relevante (und spannende) Bereiche dar, zu denen bisher jedoch nur sehr wenig Forschung vorliegt. Eine Neuausrichtung der Forschung zum Proust-Phänomen auf diese und ähnliche Fragen würde das Feld auf eine solidere theoretische Basis stellen. Neben dem Gewinn für eine theoretische Fundierung von Geruchs-induzierten autobiographischen Erinnerungen kann eine theoretisch ausgerichtete Proust-Forschung einen Einfluss auf die Theoriebildung zu autobiographischen Erinnerungen und allgemeinen, übergreifenden Theorien zum Gedächtnis haben. Darüber hinaus könnte solcherart Forschung auch Forschung und Theorien zu olfaktorischer Kognition (z. B. zur Frage danach, wie Gerüche überhaupt kognitiv repräsentiert sind oder welchen Einfluss Gerüche z. B. auf die Verarbeitung visueller/ auditiver Reize haben) insgesamt inspirieren.

Und schließlich ist das Phänomen im Alltag und in der psychologischen Anwendung hochgradig relevant. Beispielsweise werden Gerüche gezielt eingesetzt, um bei Personen bestimmte Erinnerungen zu wecken, unter anderem bei ZeugInnen in Strafprozessen oder auch bei Alzheimer-PatientInnen (z. B. El Haj, Gandolphe, Gallouj, Kapogiannis & Antoine, 2018). Das Phänomen spielt zudem bei der Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen eine Rolle, da traumatisierende Ereignisse, die mit Gerüchen verbunden sind, die Betroffenen später in besonderem Maße beeinträchtigen (Woodward, Kahn, Ball, & Sizemore, 2017). Dies muss man wissen und berücksichtigen, um dann in der Therapie damit arbeiten zu können und ggf. Gerüche gezielt einzusetzen.

Literaturverzeichnis

Arshamian, A., Iannilli, E., Gerber, J. C., Willander, J., Persson, J., Seo, H. S., Hummel, T., & Larsson, M. (2013). The functional neuroanatomy of odor evoked autobiographical memories cued by odors and words. Neuropsychologia, 51, 123-131.

Buñuel, L. (1985). Mein letzter Seufzer: Erinnerungen. Frankfurt/Main: Ullstein.

Chu, S., & Downes, J. J. (2000). Long live Proust: The odour-cued autobiographical memory bump. Cognition, 75, B411B50.

Chu, S., & Downes, J. J. (2002). Proust nose best: Odors are better cues of autobiographical memory. Memory & Cognition, 30, 511-518.

Classen, C., Howes, D., & Synnott, A. (1994). Aroma: The cultural history of smell. London: Routledge.

El Haj, M., Gandolphe, M. C., Gallouj, K., Kapogiannis, D., & Antoine, P. (2018). From nose to memory: The involuntary nature of odor-evoked autobiographical memories in Alzheimer’s disease. Chemical Senses, 43, 27-34.

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