Wie kann Versöhnung gefördert werden? – Das Bedürfnisbasierte Modell der Versöhnung

TäterInnen und Opfer zugleich? Erweiterung des Modells auf „duale“ Konflikte

Das Bedürfnisbasierte Modell ist in den letzten Jahren um verschiedene Aspekte erweitert worden, die seine Nützlichkeit für die Praxis noch erhöhen. So setzt das ursprüngliche Modell z. B. klare Täter- und Opferrollen voraus, die aber in langanhaltenden Konflikten, die häufig von Gewalt und Gegengewalt gekennzeichnet sind, meist nicht eindeutig gegeben sind. Darüber hinaus lehnen viele Menschen es ab, sich selbst als TäterInnen wahrzunehmen und sind eher motiviert, sich als Opfer darzustellen. Bemühungen, sich gegenüber Dritten als „wahre“ Opfer zu beschreiben, die mehr gelitten haben als die Gegenseite, werden auch als „competitive victimhood“ („Wettstreit um die Opferrolle“) bezeichnet (Noor, Shnabel, Halabi & Nadler, 2012). Als Gründe für diesen Wettstreit werden strategische (Opfer finden leichter Verbündete als TäterInnen) aber auch psychologische Motive (der Opferstatus rechtfertigt Gegengewalt als rechtmäßige Verteidigung) diskutiert. Um den Wettstreit zu vermeiden und eine Verbesserung der Beziehung zwischen den Gruppen zu erreichen, scheint die Betonung von Gemeinsamkeiten ein vielversprechender Ansatz zu sein (Shnabel, Halabi & Noor, 2013). In Studien mit jüdischen Israelis und PalistinänserInnen wurde ein verminderter Wettstreit um die Opferrolle festgestellt, nachdem darauf aufmerksam gemacht wurde, dass beide Seiten stark unter dem Israel-Palästina-Konflikt gelitten hatten (gemeinsame Opferrolle). Überraschend konnte auch gezeigt werden, dass die Lenkung der Aufmerksamkeit auf eine gemeinsame Täterrolle (wenn also deutlich gemacht wurde, dass beide Konfliktparteien gegen die Regeln eines moralischen Miteinanders verstoßen haben) den Wettbewerb um die Opferrolle ebenfalls verminderte. Im Einklang mit dem Modell verringerte sich bei gemeinsamer Opferrolle die Motivation, das moralische Bild der eigenen Gruppe zu verteidigen (und als Konsequenz auf dem alleinigen Opferstatus zu bestehen), während bei geteilter Täterschaft die wahrgenommene Handlungsfähigkeit der eigenen Gruppe erhöht war. Offenbar führen also mehrere Wege zu dem Ziel, dem Wettstreit um die Opferrolle zu begegnen.

Diese Befunde sind insbesondere für die Gestaltung von Interventionsmaßnahmen in Konfliktkontexten, die durch Gewalt und Gegengewalt gekennzeichnet sind, interessant. Begegnungen zwischen Konfliktgegnern könnten so gestaltet werden, dass die TeilnehmerInnen die Möglichkeit haben, sich gegenseitig ihre Kriegserfahrungen zu schildern (z. B. Erlebnisse von Verlust und Angst) und dabei zu der Einsicht zu gelangen, dass ihr Leid nicht exklusiv ist, sondern von Mitgliedern der anderen Gruppe geteilt wird. Zudem sollte eine urteilsfreie Umgebung geschaffen werden, in der sich beide Seiten kritisch mit den Vergehen der eigenen Gruppe auseinandersetzen können.

Vermittlung zwischen den Konfliktparteien durch Dritte – eine gute Alternative?

Als „Königsweg“ zu einem erfolgreichen Versöhnungsprozess wurde der Austausch zwischen Opfer- und Tätergruppen beschrieben. Was aber, wenn eine oder beide Parteien kein Interesse an einem Austausch haben? Durch Konflikte bilden sich häufig negative Vorurteile gegenüber der Gegenseite und man begegnet sich mit großem Misstrauen. Aufgrund dieser Einschränkungen ist die Forschung zum Bedürfnisbasierten Modell auch der Frage nachgegangen, inwiefern dritte Parteien als VermittlerInnen tätig werden können, um bei der Bedürfnisbefriedigung zu unterstützen und Versöhnung zu fördern.

Erste Ergebnisse (Shnabel, Nadler & Dovidio, 2014) zeigen, dass ermächtigende oder akzeptierende Nachrichten einer dritten, unbeteiligten Partei zwar Opfer und TäterInnen in ihrem positiven Selbstbild stärken können, jedoch nicht dazu beitrugen, dass sich das Vertrauensverhältnis zwischen den Gruppen verbesserte. Anders war dies bei Nachrichten, die direkt von der Gegenseite stammten und sowohl positiv auf der Bedürfnisebene als auch auf der Beziehungsebene wirkten. Das gesteigerte Vertrauen zwischen den Gruppen war wiederum eine wichtige Quelle für eine erfolgreiche Versöhnung.

Bedeuten diese Ergebnisse, dass Bemühungen Dritter die positiven Folgen eines unmittelbaren Dialogs und Austauschs nicht ersetzen können? Anders als man intuitiv vermuten könnte, zeigten Befunde einer weiteren Studienreihe (Harth & Shnabel, 2015), dass echte Unparteilichkeit nicht förderlich war. Stattdessen konnten Nachrichten von Dritten die Versöhnungsbereitschaft nur dann steigern, wenn diese Dritten Gemeinsamkeiten mit der Gegenseite aufwiesen. Beispielweise zeigten jüdisch-israelische TeilnehmerInnen gegenüber der Gruppe der PalästinenserInnen eine höhere Versöhnungsbereitschaft wenn eine Nachricht vermeintlich von JordanierInnen (die eine gemeinsame arabische Identität mit den PalästinenserInnen teilen) vorgetragen worden war, aber nicht, wenn dieselbe Nachricht von einem Vertreter der Vereinten Nationen stammte, die als nicht repräsentativ für den Konfliktpartner angesehen wurde. Dieses Ergebnismuster konnte auch in anderen Kontexten gezeigt werden.

Für die Praxis bedeutet das einerseits, dass die Möglichkeit einer unmittelbaren Begegnung immer geprüft werden sollte, da der persönliche Austausch die stärksten Effekte für die Förderung von Versöhnung hat. Wenn Drittparteien einbezogen werden, müssen sie als glaubwürdige VertreterInnen der anderen Konfliktpartei wahrgenommen werden.

Dies trifft allerdings nur auf den Teil des Friedensprozesses zu, bei dem es um Versöhnung und somit um die Wiederherstellung eines positiven Selbstbildes der eigenen Gruppe geht. Wenn es um die Verteilung von Land und anderen Ressourcen nach einer gewalttätigen Episode geht (Konfliktbeilegung, siehe oben), ist es hingegen notwendig, dass vermittelnde Parteien als neutral wahrgenommen werden. Ansonsten wird schnell ein Eigeninteresse der vermittelnden Partei unterstellt, was deren Kompetenz als Vermittler in Frage stellt und den Versöhnungsprozess behindert.

Fazit

Das Bedürfnisbasierte Modell der Versöhnung macht deutlich, dass gewalttätige Konflikte neben offensichtlichen Verletzungen (z. B. körperliche Versehrtheit) auch mit subtileren Verletzungen im Sinne von Selbstbild-Bedrohungen der beteiligten Parteien einhergehen, die ebenfalls berücksichtigt werden müssen, bevor ein Prozess in Gang gebracht werden kann, an dessen Ende echte Versöhnung steht. Das Modell betont weiterhin, dass die beteiligten Parteien deutlich unterscheidbare Bedürfnisse antreiben und dass einseitige Bedürfnisbefriedigung der Versöhnung im Weg steht. Stattdessen sollten Dialog und wechselseitige Bedürfnisbefriedigung das Ziel sein. Im Ergebnis steigt nicht nur die Bereitschaft zur Versöhnung, sondern es wird auch mehr Versöhnungsverhalten gezeigt (z. B. Spendenverhalten, SimanTov-NachliDiese Skulptur wurde in den Ruinen der Kathedrale St. Michaels in Coventry errichtet. Eine identische Skulptur wurde als Geschenk an die Bürgerinnen von Hiroshima in Japan übergeben.Bild: Martinvl via Wikimedia (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Reconciliation_by_Vasconcellos,_Coventry.jpg; CC BY SA: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en).Diese Skulptur wurde in den Ruinen der Kathedrale St. Michaels in Coventry errichtet. Eine identische Skulptur wurde als Geschenk an die Bürgerinnen von Hiroshima in Japan übergeben.Bild: Martinvl via Wikimedia (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Reconciliation_by_Vasconcellos,_Coventry.jpg; CC BY SA: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en).eli, Shnabel, Aydin & Ullrich, 2018).

Das Bedürfnisorientierte Modell ist nicht der einzige Ansatz zur Förderung von Versöhnung. Praktische Anwendungsversuche kombinieren daher die Erkenntnisse aus verschiedenen Forschungsrichtungen, was bereits zu vielversprechenden Verbesserungen im Verhältnis zwischen ehemaligen Konfliktgegnern führte (z. B. zwischen jungen Polen und Israelis, Bilewicz & Jaworska, 2013). Die ermutigenden Ergebnisse solcher Studien, aber auch die historischen Beispiele gelungener Versöhnung (z. B. zwischen den ehemaligen „Erzfeinden“ Frankreich und Deutschland) unterstreichen die Wichtigkeit sozialpsychologischer Konfliktforschung und geben Anlass zur Hoffnung auf eine friedvollere Zukunft.

Literatur

Allport, G. W. (1954). The nature of prejudice. Oxford, UK: Addison-Wesley

Bilewicz, M., & Jaworska, M. (2013). Reconciliation through the righteous: The narratives of heroic helpers as a fulfillment of emotional needs in Polish-Jewish intergroup contact. Journal of Social Issues, 69, 162-179. doi:10.1111/josi.12009

Gobodo-Madikizela, P. (2008). Transforming trauma in the aftermath of gross human rights abuses: Making public spaces intimate through the South African Truth and Reconciliation Commission. In A. Nadler, T. E. Malloy, & J. D. Fisher (Eds.), The social psychology of intergroup reconciliation (pp. 57-75). New York, NY, US: Oxford University Press.

Harth, N. S., & Shnabel, N. (2015). Third-party intervention in intergroup reconciliation: The role of neutrality and common identity with the other conflict party. Group Processes & Intergroup Relations, 18, 676-695. doi:10.1177/1368430215583151

Kelman, H.C. (2004). Reconciliation as identity change: A social-psychological perspective. In Y. Bar-Siman-Tov (Ed.), From conflict resolution to reconciliation (pp. 111-124). Oxford, England: Oxford University Press.

Landmann, H., Aydin, A. L., Van Dick, R. & Klocke, U. (2017). Die Kontakthypothese: Wie Kontakt Vorurteile gegenüber Geflüchteten reduzieren und Integration fördern kann. In-Mind. Abgerufen von http://de.in-mind.org/article/die-kontakthypothese-wie-kontakt-vorurteil...

Nadler, A., & Shnabel, N. (2015). Intergroup reconciliation: Instrumental and socio-emotional processes and the needs-based model. European Review of Social Psychology, 26, 93-125. doi:10.1080/10463283.2015.1106712

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