Wie Menschenrechte uns den Weg zum Frieden weisen - psychologische Hilfen und Fallstricke

Diese Beispiele zeigen, dass massive Menschenrechtsverletzungen auch in und durch westliche/n Staaten begangen werden. Dennoch zeigen empirische Studien in Deutschland, dass der eigene Staat (und dazugehörige Staaten, etwa EU) eher als Hüter der Menschenrechte dargestellt wird und es vor allem andere Staaten sind, die Menschenrechte verletzen. Dies hat eine wichtige psychologische Funktion: Durch die (implizite und explizite) Betonung, dass Menschenrechte im eigenen Land verwirklicht, aber durch fremde Regierungen verletzt werden, wird der kollektive Selbstwert erhöht: Die eigene Nation kann im Vergleich zu anderen Nationen somit positiv hervorgehoben werden. Entsprechend wird der Teil des Selbstkonzepts, der an die Zugehörigkeit zur eigenen Nation geknüpft ist, ebenfalls positiv gestaltet. Dies wertet den eigenen Selbstwert auf. Auf der Makroebene wird dadurch zudem indirekt das eigene gesellschaftliche System stabilisiert („Wir sind die Guten“; Überlegenheit der Staatsform der westlichen Demokratien).

Zudem wurde gezeigt, dass autoritäre Persönlichkeitsstrukturen und Nationalismus zwei psychologische Faktoren sind, die besonders stark mit einer verzerrten Wahrnehmung von Menschenrechtsverletzungen einhergehen. Es sind besonders hochautoritäre als auch stark nationalistisch eingestellte Personen, die bereit sind, Menschenrechtsverletzungen durch die eigene Regierung zu tolerieren. Weitere wichtige Persönlichkeitsmerkmale sind die soziale-Dominanzorientierung sowie eine „Identifikation mit der gesamten Menschheit“ (McFarland, 2015, vgl. auch Cohrs, Maes, Moschner & Kielmann, 2007).

III. Missbrauch von Menschenrechten

Menschenrechte können nicht nur verletzt, sie können auch für eigene Interessen missbraucht werden. Dieser bislang kaum thematisierte Aspekt des Missbrauchs ist von dem der Verletzungen zu unterscheiden. Folgende Strategien des Missbrauchs können zumindest für den westlichen Kulturkreis benannt werden (vgl. Sommer & Stellmacher, 2009):

(1) Selektive Darstellung von Menschenrechten („Halbierung“) In deutschen Medien und bei gesellschaftlich relevanten Persönlichkeiten werden Menschenrechte bewusst auf wenige bürgerliche und politische Rechte reduziert, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte werden kaum als Menschenrechte diskutiert. Damit wird gegen die Unteilbarkeit von Menschenrechten verstoßen; dies führt aus psychologischer Sicht zu einer verzerrten Darstellung von Menschenrechten.

(2) Selektive Kritik bei Menschenrechtsverletzungen

Menschenrechtsverletzungen im eigenen Land oder der dazugehörigen politischen und militärischen „Wertegemeinschaft“ werden kaum thematisiert oder als bedauerliche Ausnahmen verstanden – Selbstkritik ist somit wenig vorhanden. Wegen Verletzung von Menschenrechten werden insbesondere solche Staaten kritisiert, die nicht der eigenen Wertegemeinschaft angehören (in Deutschland z. B. China, Russland, Syrien und Kuba). Dadurch werden Feindbilder konstruiert, die zum einen von inneren Problemen ablenken und zum anderen zur Verschärfung von außenpolitischen Konflikten beitragen können.

Des Weiteren zeigen empirische Studien, dass Menschenrechtsverletzungen durch die eigene Regierung von Befragten eher toleriert werden als dieselben Menschenrechtsverletzungen durch fremde Regierungen (vgl. Sommer & Stellmacher, 2009). Hier wird gegen das Prinzip der Universalität verstoßen; dies zeigt, dass psychologische Mechanismen bei der Wahrnehmung und Bewertung von Menschenrechtsverletzungen eine Rolle spielenSoldaten im Krieg. Bild: Defence-Imagery via pixabay (https://pixabay.com/de/soldaten-milit%C3%A4r-usa-waffen-krieg-1002/; CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de).Soldaten im Krieg. Bild: Defence-Imagery via pixabay (https://pixabay.com/de/soldaten-milit%C3%A4r-usa-waffen-krieg-1002/; CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de).

(3) (Vermeintliche) Menschenrechtsverletzungen als Begründung für Kriege

Nach Ende des Ost-West-Konfliktes wurden von westlichen Staaten reale oder behauptete Menschenrechtsverletzungen durch andere Staaten als wesentliche Begründung für Kriege herangezogen. Der gezielte Vorwurf von Menschenrechtsverletzungen diente insbesondere dem Aufbau bzw. der Intensivierung von Feindbildern. Besonders relevant sind dabei der Jugoslawien-Kosovo-, der Libyen- und der Syrien-Krieg (z. B. Lüders, 2017; Sommer, 2001). Bei genauerer Analyse von Argumenten und Dokumenten aber wird deutlich, dass andere Motive mindestens so bedeutsam waren wie der „Schutz der Menschenrechte“: Dazu gehören u. a. ökonomische, z. B. Sicherung von Rohstoffen, Märkten und Handelswegen (z. B. deutsche Verteidigungspolitischen Richtlinien seit 1992) oder geopolitische, z. B. „Regimewechsel“ oder Schwächung von Staaten, die westliche Interessen stören (könnten).

Kriege aber verhindern meist nicht Menschenrechtsverletzungen, sondern verletzen sie in aller Regel in einem besonders hohen Ausmaß. Dies soll exemplarisch am dritten Golfkrieg (Irakkrieg, 2003 bis 2010) verdeutlicht werden (Sommer, 2008). Dieser völkerrechtswidrige Krieg wurde mit Fehlinformationen der USA „begründet“. Wie in Kriegen üblich, wurde das Recht auf Leben massiv verletzt: Es starben etwa 4.400 US-SoldatInnen, 10.000 irakische SoldatInnen und PolizistInnen sowie 200.000 bis 900.000 ZivilistInnen (IPPNW, 2013). Darüber hinaus entwickelten 500.000 US-SoldatInnen psychische Störungen, insbesondere Depressionen, Posttraumatische Belastungsstörungen und Abhängigkeiten. Zu vergleichbaren Problematiken in der Zivilbevölkerung liegen keine verlässlichen Daten vor. Das Verbot von Folter wurde tausendfach verletzt (bekannt wurde u. a. das Zentralgefängnis Abu Ghraib in Bagdad; Neskovic, 2015). Sterblichkeit, psychische Störungen und Analphabetismus bei Kindern nahmen erheblich zu, so dass auch wichtige Rechte des Kindes (UN, 1989) verletzt wurden. Dieses Beispiel zeigt, dass militärische Interventionen, die mit dem Argument des Schutzes von Menschenrechten geführt werden, zu noch weitaus umfangreicheren Menschenrechtsverletzungen führen können.

IV. Menschenrechtsbildung

Eine fundierte Menschrechtsbildung ist notwendig, damit Menschen ihre Rechte kennen, sich für deren Verwirklichung einsetzen und Verletzungen sowie Missbrauch von Menschrechten wahrnehmen und sich ihnen widersetzen.Einsatz für Menschenrechte. Bild: typographyimages via pixabay (https://pixabay.com/de/menschenrechte-menschliche-rechte-1898841/; CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de).Einsatz für Menschenrechte. Bild: typographyimages via pixabay (https://pixabay.com/de/menschenrechte-menschliche-rechte-1898841/; CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de).

Es gibt drei zentrale Komponenten von Menschenrechtsbildung: die Vermittlung von Wissen über Menschenrechte, Menschenrechts-Dokumente und Menschenrechtsprinzipien, die Förderung von positiven Einstellungen zu Menschenrechten und negativen zu Menschenrechtsverletzungen sowie die Förderung von Handlungskompetenz und Handeln zur Durchsetzung von Menschenrechten. Mit diesen Komponenten wird die Relevanz von Psychologie offensichtlich. Existierende Ansätze zur Menschenrechtsbildung sind vielversprechend (Benedek, 2009; Druba, 2006; Sommer & Stellmacher, 2009, Stellmacher & Sommer, 2016). Folgende generelle Aspekte halten wir für die Menschenrechtsbildung für besonders wichtig:

• Menschenrechtsbildung muss in Schulen konsequent implementiert werden; zudem sind Berufsgruppen, die besonderen Bezug zu Menschenrechten haben, gezielt zu unterrichten, u. a. Polizei, Justiz, Verwaltung und Gesundheitsberufe.

• Bei Menschenrechtsbildung ist die ganze Breite von Menschenrechten zu lehren, also bürgerliche, politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle.

• Dem Missbrauch von Menschenrechten ist vorzubeugen, insbesondere mit Verweis auf die grundlegenden Prinzipien von Universalität und Unteilbarkeit. Aber auch Aspekte wie die Verletzung von Menschenrechten durch Kriege und ungerechte Wirtschaftsordnungen sowie eine kritische Reflexion von Menschenrechtsverletzungen im eigenen Land sind zu thematisieren.

• Menschenrechtsbildung muss systematisch evaluiert und wissenschaftlich begleitet werden. Empirische Studien zeigen, dass Menschenrechtsbildung nicht nur effektiv sein kann (Sommer & Stellmacher, 2009), sondern auch die Funktion hat, autonomes und kritisches Denken sowie universalistische Einstellungen in einer Gesellschaft zu fördern (vgl. McFarland, 2015; Cohrs, Maes, Moschner & Kielmann, 2007).

Fazit

Menschenrechte können als anzustrebendes Ideal bezeichnet werden mit dem Ziel, für alle Menschen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Psychologie kann dazu beitragen, Menschenrechte durchzusetzen, Menschenrechtsverletzungen zu erkennen und dem Missbrauch von Menschenrechten entgegenzutreten.

 

Literatur

Benedek, W. (2009). Manual zur Menschenrechtsbildung, Menschenrechte verstehen. Berlin: Berliner Wissenschafts-Verlag. (Aktualisierte Fassungen, unterschiedliche Sprachen und didaktische Hilfen unter www.etc-graz.at)

Boehnke, K., Christie, D. J., & Anderson, A. (2004). Psychologische Beiträge zu einer Kultur des Friedens. In G. Sommer & A. Fuchs (Hrsg.), Krieg und Frieden: Handbuch der Konflikt- und Friedenspsychologie (S. 31-43). Weinheim: Beltz.

Cohrs, C., Maes, J., Moschner, B., & Kielmann, S. (2007). Determinants of human rights attitudes, and behavior: A comparison and integration of psychological perspectives. Political Psychology, 28, 441-469.

Druba, V. (2006). Menschenrechte in Schulbüchern. Frankfurt: Peter Lang. FIAN (2014). G8 new alliance for food security and nutrition in Africa: A critical analysis from a human rights perspective. Retrieved August 15, 2018 from, https://www.fian.org/fileadmin/media/publications_2015/2014_G8NewAllianc...

Galtung, J. (1975). Strukturelle Gewalt. Reinbek: Rowohlt. IPPNW (2013). Body Count. Retrieved August 15, 2018 from, http://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Frieden/Body_Count_Maerz2013.pdf

Lüders, M. (2017). Die den Sturm ernten. München: C.H. Beck.

McFarland, S. (2015). Culture, individual differences, and support for human rights: A general review. Peace and Conflict: Journal of Peace Psychology, 21, 10-27.

Neskovic, V. (2015). Der CIA-Folterreport. Frankfurt: Westend Verlag.

Sommer, G. (2001). Menschenrechtsverletzungen als Legitimationsgrundlage des Jugoslawien-Kosovo-Krieges? In J. M. Becker & G. Brücher (Hrsg.), Der Jugoslawienkrieg – eine Zwischenbilanz (S. 81-92). Münster: LIT.

Sommer, G. (2008). Menschenrechtsverletzungen im dritten Golfkrieg. In J. M. Becker & H. Wulf (Hrsg.), Zerstörter Irak - Zukunft des Irak? (S. 85-103). Münster: LIT.

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