Wie verständigen wir uns eigentlich in Alltagssituationen?

Eine dritte und äußerst interessante Entdeckung besteht darin, dass man aus der Zugehörigkeit des/r GesprächspartnerIn zu einer bestimmten Gemeinschaft unverzüglich Rückschlüsse hinsichtlich der gemeinsamen Grundlage zieht. Die Zuordnung eines/r GesprächspartnerIn zu einer bestimmten Kategorie oder Gruppe (z. B. Staatsangehörigkeit, Alter, Geschlecht oder Beruf) evoziert ein Stereotyp, auf dessen Grundlage man relativ gesicherte Rückschlüsse ziehen kann, was der/die GesprächspartnerIn weiß oder glaubt. Wenn zwei fremde Menschen sich treffen, versuchen sie sofort, einander einzuschätzen und allgemeine Rückschlüsse in Bezug auf das Wissen des/r anderen zu ziehen. Auf der Grundlage des Erscheinungsbildes (Polizistin, Mann mit teurem Anzug, kleines Kind) oder der Situation, in der sich der/die GesprächspartnerIn befindet (am Postschalter, in einem Fußballstadion), ziehen die GesprächspartnerInnen unmittelbare Rückschlüsse. Basierend auf diesen Annahmen passen die GesprächspartnerInnen ihre Äußerungen an. Wir wissen ganz einfach, dass wir PostbotInnen nichts über Briefmarken erklären müssen; zwei MuttersprachlerInnen des Englischen können davon ausgehen, dass sie beide mit dem Wortschatz des Englischen vertraut sind und wir können durchaus annehmen, dass PolizistInnen sich mit der Straßenverkehrsordnung auskennen. Der Student in meinem oben angesprochenen Beispiel ging davon aus, dass ich sein Dozent sei, weil ich vor dem Hörsaal stand. Deshalb schlussfolgerte er, ich könne seine Fragen über das kursbegleitende Buch beantworten.

Je nachdem, welche unmittelbaren Rückschlüsse wir in Bezug auf das gemeinsame Wissen mit unseren GesprächspartnerInnen ziehen, passen wir also unsere Äußerungen dementsprechend an. Dass dies mitunter mehr oder weniger unbewusst und auf der Grundlage subtiler Hinweise vonstatten geht, wird in einem klassischen Feldexperiment von Douglas Kingsbury (1968) gezeigt. Kingsbury fragte auf der Straße in Boston zufällig ausgewählte PassantInnen nach dem Weg zu einem mehrere Straßenzüge entfernten Kaufhaus. Jedoch stellte er die Frage entweder im Bostoner Dialekt oder in dem Dialekt, der im ländlichen Missouri gesprochen wird und der in der Innenstadt Bostons kaum zu hören ist, oder er stellte seiner Frage den Satz „Ich bin nicht von hier“ voran. Fragte er im Missouri-Dialekt nach dem Weg, fiel die Wegbeschreibung wesentlich länger und detaillierter aus, als wenn er dies im einheimischen Bostoner Dialekt tat. Die Wegbeschreibung, die er erhielt, wenn er im Missouri-Dialekt sprach, glich in der Tat auch der Wegbeschreibung, die er erhielt, wenn er explizit darauf verwies, dass er nicht aus Boston käme. Allem Anschein nach gingen die Leute allein aufgrund seines in Boston nicht bekannten Dialekts davon aus, dass er kaum über Ortskenntnisse verfüge und dementsprechend Zusatzinformationen benötige. Diese und andere Forschung zeigt in aller Deutlichkeit, dass der/die GesprächspartnerIn aufgrund subtiler Merkmale einer bestimmten Kategorie zugeordnet wird. Auf diese Weise ist man dazu in der Lage zu schließen, über welche Kenntnisse der/die GesprächspartnerIn wohl verfügt, um eine Botschaft zu formulieren, die dementsprechend gut verständlich ist.

In Bezug auf GesprächspartnerInnen, die wir sehr gut kennen, verlassen wir uns auf Informationen hinsichtlich deren Wissen und Erfahrungen, die wir mit ihnen teilen. Wenn Sie beispielsweise mit Ihrem Ehemann oder Ihrer Ehefrau schon seit Jahren zusammenleben, gehen Sie davon aus, dass die gemeinsam verbrachten Reisen, Lieblingsspeisen, Meinungsverschiedenheiten und Insiderwitze gegenseitig bekannt sind und somit problemlos thematisiert werden können.

Es sollte deutlich geworden sein, dass die gemeinsame Grundlage zwischen GesprächspartnerInnen gewaltige Auswirkungen auf ihre Äußerungen und den Verlauf ihres Gesprächs hat. Menschen passen ihre Äußerungen je nach der gemeinsamen Grundlage an. Diese gemeinsame Grundlage ist jedoch nicht statisch; sie verändert sich von Gesprächssituation zu Gesprächssituation. Wenn sich ein Gespräch entwickelt, spricht man über neue Themen und selbst die Umgebung oder der Gesprächskontext können sich ändern. Ob etwas bereits zur gemeinsamen Gesprächsgrundlage gehört oder nicht, hat einen Einfluss darauf, wie wir darüber sprechen.

Ein einfaches Beispiel: Mit zunehmender gemeinsamer Grundlage geht man von weniger genauen Bezügen (wie z. B. „ein Anwalt“ oder „ein paar Häuser“) über zu spezifischeren Bezügen (wie z. B. „der Anwalt“ bzw. „diese Häuser“; Linde & Labov, 1975). Erwähnt man etwas zum ersten Mal, wenn es noch nicht Teil der gemeinsamen Grundlage ist, tut man dies, indem man häufig unbestimmte Artikel verwendet (ein, eine). Wenn zu einem späteren Zeitpunkt ein Thema als bekannt vorausgesetzt werden kann (vgl. Clark & Brennan, 1991), werden spezifische Bezüge verwendet. Dies zeigt sich auch darin, wie man Geschichten aufzieht: „Diese Geschichte handelt von einem Mädchen. Das Mädchen lebte in einem großen Schloss.“

Ebenso neigt ein/e SprecherIn für gewöhnlich dazu, eine vorsichtige bzw. provisorische Konzeptualisierung des Gesagten anzubieten und dabei relativierende Ausdrücke wie „in etwa“, „so wie“ zu verwenden (z. B. „der Typ, der in etwa so sprach wie Mr. Bean, weißt Du?“), wenn er/sie zu erklären versucht, worüber er/sie spricht. Sobald die GesprächspartnerInnen sich auf eine Form der Konzeptualisierung geeinigt haben, verzichten sie auf relativierende Ausdrücke und verwenden stattdessen spezifischere Beschreibungen (wie z. B. „dieser Mr. Bean-Typ“; Brennan & Clark, 1996; Clark & Bangerter, 2004).

In Zusammenhang damit steht eine weitere Erkenntnis, dass nämlich das Gespräch in dem Maße an Effizienz gewinnt, in dem die gemeinsame Grundlage ausgebaut wird. Dann kommen die GesprächspartnerInnen mit weniger Worten aus, mit weniger Gesprächsanteilen und mit weniger Zeit, um sich zu einem bestimmten Thema gut zu verständigen (Wilkes-Gibbs & Clark, 1992). Es besteht eben keine Notwendigkeit, dem Ehemann oder der Ehefrau die ganze Geschichte über die gemeinsame Frankreichreise detailreich zu erzählen. Wenn man Bezug auf diese gemeinsam erlebte Reise nimmt, genügt es zu sagen „so wie in Frankreich“ und der Ehemann oder die Ehefrau wird es verstehen. Mit anderen Worten: Mit zunehmender gemeinsamer Gesprächsgrundlage versteht man leichter, was der/die andere sagen möchte (Schober & Brennan, 2003).

Missverständnisse und Herstellen einer gemeinsamen Basis

So wie das Vorhandensein einer gemeinsamen Gesprächsgrundlage von enormer Bedeutung ist, um sich gegenseitig gut zu verstehen, sind viele Formen des Missverständnisses das Ergebnis einer fälschlicherweise angenommenen gemeinsamen Gesprächsgrundlage. Verlässt man sich auf Faustregeln bei der Beurteilung der gemeinsamen Gesprächsgrundlage, führt dies eventuell zu Fehlern. Zum ersten ist der Verlass auf die physische und linguistische Kopräsenz noch keine Garantie für ein korrektes Urteil. Der/Die GesprächspartnerIn hat unter Umständen den/die Passanten/in gar nicht bemerkt oder er/sie hat das, was man ihm/r bereits mitgeteilt hat, vergessen oder gar nicht beachtet. In ähnlicher Weise können wir nicht immer davon ausgehen, dass die Zugehörigkeit zur selben Gruppe automatisch Wissen über ein Thema impliziert. Allgemeine Erwartungen, die auf der Zuordnung zu einer Kategorie oder einer Gruppe basieren (nämlich Stereotype), werden nicht immer dem Einzelfall gerecht. Wir haben Vorstellungen hinsichtlich typischer Eigenschaften älterer Leute. Dies bedeutet jedoch nicht, dass jeder einzelne ältere Mensch diese Eigenschaften aufweist. Dies kann zur Folge haben, dass man eine ältere Frau mit lauter Stimme anspricht, selbst wenn sie nicht schwerhörig ist. In ähnlicher Weise mag es durchaus vorkommen, dass jemand mit einem ausländischen Akzent spricht und trotzdem seit zehn Jahren in Ihrer Heimatstadt lebt – und somit auch keine ausführlichen Hinweise braucht, wie er oder sie zum Supermarkt kommt.

Andere Arten von Missverständnissen entstehen, wenn aus schierem Egozentrismus heraus die Perspektive des/der GesprächspartnerIn schlicht und ergreifend missachtet wird. In der Alltagskonversation spricht man häufig von Dingen, die einem gerade mal so in den Kopf schießen (zum Beispiel von einem/r SängerIn, den/die man im Radio hört). Man ist sich jedoch nicht der Tatsache bewusst, dass man den/die GesprächspartnerIn noch nicht über den Themenwechsel informiert hat. Sich in die Perspektive des/r anderen hineinzuversetzen, erfordert aber auch das dementsprechende Wissen, die dementsprechende Fähigkeit und den dementsprechenden Antrieb, was man mitunter nicht hat (Horton & Keysar, 1996; Schober & Brennan, 2003). Der Student in dem Beispiel mit dem kursbegleitenden Buch konnte ganz einfach nicht wissen, dass ich einen anderen Kurs unterrichte, weil er seinen Dozenten noch nicht gesehen hatte.

Zum Glück können GesprächspartnerInnen, je nach Kommunikationskanal, Missverständnisse sofort aufklären, sobald sie zutage getreten sind. In der direkten Kommunikation geben wir uns gegenseitig Rückmeldung darüber, ob die Nachricht verstanden wurde oder nicht. Und nötigenfalls können wir sofort die richtige Zusatzinformation nachliefern. Feedback in der Form sprachlicher (z. B. „aha“, „jaja“, „ok“) und nicht-sprachlicher (z. B. nicken, lächeln oder die Stirn runzeln) Signale sind unumgänglich, wenn wir eine reibungsfreie Verständigung anstreben. (Clark & Brennan, 1991; Clark & Krych, 2004; Clark & Wikles-Gibbs, 1986). Dieser Vorgang, bei dem der/die HörerIn den/die SprecherIn über den Grad der Verständlichkeit unterrichtet, spielt sich größtenteils automatisch und unbewusst ab. Dennoch sind diese subtilen nicht-sprachlichen Reaktionen äußerst wichtig und selbst in Situationen, in denen eine Person spricht und die andere Person lediglich zuhört, beobachtet der/die SprecherIn konstant den/die GesprächspartnerIn und ändert seine/ihre Äußerungen je nachdem, wie die Reaktionen des/r HörerIn ausfallen (Bavelas, Coates & Johnson, 2000; Beukeboom, 2009; Kraut, Lewis & Swezey, 1982).

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