Wie verständigen wir uns eigentlich in Alltagssituationen?

Wie stark der/die HörerIn den/die SprecherIn beeinflussen kann, zeigt sich in einem Experiment, bei dem die TeilnehmerInnen angewiesen wurden, einem/r anderen TeilnehmerIn eine Geschichte zu erzählen, bei der um Haaresbreite etwas Schreckliches passiert wäre (Bavelas et al., 2000). Die Hälfte der TeilnehmerInnen konnte sich ganz normal verhalten. Bei der anderen Hälfte wurden die HörerInnen dadurch abgelenkt (was die SprecherInnen nicht wussten), dass sie die Aufgabe bekamen, die Anzahl des Buchstaben t in der Geschichte des/r SprecherIn zu zählen. Aufgrund dieser Ablenkung war es den HörerInnen praktisch unmöglich, die zu erwartenden Hörerreaktionen zu zeigen. Somit konnten die ForscherInnen testen, ob dadurch das Verhalten der SprecherInnen beeinflusst wird. Interessanterweise hatte das Ausschalten der Hörerreaktionen einen starken Einfluss auf die Art und Weise, in der die SprecherInnen die Geschichte erzählten. Die erzählerische Qualität der Geschichte der SprecherInnen ließ nach, insbesondere wenn es sich um ein hochdramatisches Ende handelte. Der Schlussteil wurde abrupt und holprig erzählt, die SprecherInnen schweiften vom Thema ab oder erzählte den Schluss mehr als einmal. Überdies neigten die SprecherInnen dazu, das zentrale Problem mehrfach zu erzählen, irrelevante Fakten zu erwähnen und den Handlungsstrang zusätzlich zu erläutern oder gar zu rechtfertigen. Diese Forschungsergebnisse legen nahe, dass Unterhaltungen eine gemeinsame Aktivität darstellen, bei der die GesprächspartnerInnen in jedem Augenblick miteinander interagieren, um gegenseitiges Verstehen zu gewährleisten.

Wenn wir die verschiedenen Mechanismen untersuchen, derer sich die Leute in Gesprächen bedienen, dann wird uns klar, dass es eine absolut bemerkenswerte Leistung darstellt, dass wir uns normalerweise problemlos verstehen. Im Allgemeinen denken wir nicht darüber nach, wie wir das eigentlich tun. Wir erfahren jedoch durchaus, ob ein Gespräch reibungsfrei und angenehm verläuft oder eben nicht. Interessanterweise steht die Fähigkeit der GesprächspartnerInnen, gegenseitiges Verstehen zu erreichen, in eindeutigem Zusammenhang mit der Art und Weise, in der die Interaktion zwischen den GesprächsteilnehmerInnen wahrgenommen wird. Man ist stets bemüht, Verständnis mit möglichst geringem Aufwand herbeizuführen (Prinzip des geringsten gemeinsamen Aufwands; Clark & Brennan, 1991) und wir erfahren im Allgemeinen gern eine Art der Zustimmung bzw. eine Bestätigung hinsichtlich unserer Äußerungen ( „preference agreement“ nach Pomerantz, 1984).

Folglich sind angenehme Unterhaltungen Gespräche, bei denen beide Seiten sehr schnell verstehen, was der oder die andere sagen möchte und bei denen potenzielle Missverständnisse elegant aus dem Weg geräumt werden. Es ist ein angenehmes Gefühl, über eine gemeinsame Grundlage mit dem/r GesprächspartnerIn zu verfügen. Im Gegensatz dazu wird es als ärgerlich empfunden, wenn man Schwierigkeiten hat, diese gemeinsame Grundlage zu schaffen, wenn man ständig anderer Meinung ist bzw. wenn man wortreiche Erklärungen beisteuern muss, damit der/die GesprächspartnerIn versteht, was man ihm/r sagen möchte. Eine Minute lang in Bezug auf ein Buch aneinander vorbeizureden, ist wohl ganz einfach deswegen ärgerlich, weil es eine Verschwendung von Energie ist. Die besten Gespräche sind wahrscheinlich die, bei denen man sich ohne Worte versteht. Nehmen Sie dies aber bitte nicht wörtlich.

Literaturverzeichnis

Austin, J. L. (1962). How to do things with words. Cambridge, UK: University Press.

Bavelas, J. B., & Chovil, N. (2000). Visible acts of meaning. An integrated message model of language use in face-to-face dialogue. Journal of Language and Social Psychology, 19, 163-194.

Bavelas, J. B., Coates, L., & Johnson, T. (2000). Listeners as co-narrators. Journal of Personality and Social Psychology, 79, 941-952.

Beukeboom, C. J. (2009). When words feel right: How affective expressions of listeners change a speaker's language use. European Journal of Social Psychology, 39, 747-756.

Brennan, S. E., & Clark, H. H. (1996). Conceptual pacts and lexical choice in conversation. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition, 22, 1482-1493.

Clark, H. H. (1996). Using language. Cambridge, UK: University Press.

Clark, H. H., & Bangerter, A. (2004). Changing conceptions of reference. In I. Noveck, & D. Sperber (Eds.), Experimental pragmatics (pp. 25-49). Basingstoke, England: Palgrave Macmilla.

Clark, H. H., & Brennan, S. E. (1991). Grounding in communication. In L. B., Resnick, J. M., Levine, & S. D. Teasley (Eds.), Perspectives on socially shared cognition (pp. 127-149). Washington, DC: American Psychological Association.

Clark, H. H., & Krych, M. A. (2004). Speaking while monitoring addressees for understanding. Journal of Memory and Language, 50, 62-81.

Clark, H. H., & Wilkes-Gibbs, D. (1986). Referring as a collaborative process. Cognition, 22, 1-39.

Grice, H. P. (1975). Logic and conversation. In P. Cole, & J. Morgan (Eds.), Syntax and semantics (pp. 41-58). New York, NY: Academic Press.

Holtgraves, T. M. (2002). Language as social action: Social psychology and language use. Mahwah, NJ: Erlbaum.

Horton, W. S., & Keysar, B. (1996). When do speakers take into account common ground? Cognition, 59, 91-117.

Kingsbury, D. (1968). Manipulating the amount of information obtained from a person giving directions. Unpublished Honors Thesis, Department of Social Relations, Harvard University.

Krauss, R. M., & Fussell, S.R. (1991). Perspective-taking in communication: Representations of others' knowledge in reference. Social Cognition, 9, 2-24.

Kraut, R. E., Lewis, S. H., & Swezey, L. W. (1982). Listener responsiveness and the coordination of conversation. Journal of Personality and Social Psychology, 43, 718-731.

Linde, C., & Labov, W. (1975). Spatial networks as a site for the study of language and thought. Language, 51, 924-939.

Pomerantz, A. M. (1984). Agreeing and disagreeing with assessment: Some features of preferred/dispreferred turn shapes. In J. M. Atkinson, & J. Heritage (Eds.), Structure of social action: Studies in conversation analysis (pp. 57-101). Cambridge, UK: University Press.

Searle, J. (1969). Speech acts. Cambridge, UK: University Press.

Schober, M. F., & Brennan, S. E. (2003). Processes of interactive spoken discourse: The role of the partner. In A. C. Graesser, M. A. Gernsbacher, & S. R. Goldman (Eds.), Handbook of discourse processes (pp. 123-164). Hillsdale, NJ: Lawrence Erlbaum.

Wilkes-Gibbs, D., & Clark, H. H. (1992). Coordinating beliefs in conversation. Journal of Memory and Cognition, 31, 183-194.

Artikelautor(en)

Newsletter

Abonnieren Sie unseren Newsletter, um über neue In-Mind Artikel, Blog Beiträge und vieles mehr informiert zu sein.

Facebook