„Willkommen in Deutschland“ – Motivationen der Flüchtlingshilfe und deren Folgen

Dieser Prozess lässt sich spiegelbildlich auf die Ergebnisse der vorliegenden Studie übertragen. Ein von äußeren Einflüssen, also extrinsisch motiviertes Engagement zur Flüchtlingshilfe konnte keine tiefgreifende Veränderung in den Einstellungen zu Geflüchteten hervorrufen. Denn: Es ließ sich offenbar ohne Dissonanz vereinen, von anderen zur Flüchtlingshilfe motiviert zu werden und gleichzeitig eine negativere Einstellung zu Geflüchteten aufrechtzuerhalten, da das Motiv zur Flüchtlingshilfe extern zu rechtfertigen war. Dagegen führte eine intrinsisch motivierte Flüchtlingshilfe auch zu einer konsistent positiveren Einstellung zu Abbildung 3: Prominente Sprecher für die Flüchtlingshilfe. Urheber: JCS via Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Deutscher_Fernsehpreis_2012_-_Joko_Winterscheidt_-_Klaas_Heufer-Umlauf.jpg?uselang=de), CC-BY-SA-3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)Geflüchteten – Gegensätzliches hätte in den Helfenden auch kognitive Dissonanz hervorgerufen, weil keine ausreichende externe Rechtfertigung für ihr Hilfeverhalten vorlag. Genauso zeigte sich in früheren Forschungsarbeiten von Batson und MitarbeiterInnen (1997), dass Menschen, die einer notleidenden Person Hilfe anboten, auch positivere Gefühle gegenüber der Gruppe aufbauten, zu der diese Person gehörte. Dies zeigt, dass die Bemühungen der prominenten MeinungsmacherInnen im Herbst 2015, die Menschen allgemein zu einer höheren Compliance mit der Willkommenskultur zu bemühen, zwar in gewisser Weise erfolgreich waren. Allerdings verblieb diese Compliance nur oberflächlich: Diese Form der Zustimmung zur Flüchtlingshilfe zog keine darüber hinausgehenden Konsequenzen nach sich. 

Einbettung der Studienergebnisse in Theorien des Hilfeverhaltens

Die vorliegenden Befunde lassen sich in ein größeres Modell des Helfens einordnen. Nach den Sozialpsychologen Bibb Latané und John Darley (1976) bedarf es bestimmter Prüfsteine, die unbeteiligte ZeugInnen mit großer Wahrscheinlichkeit zum Helfen motivieren: Sie müssen ein Ereignis wahrnehmen, eine Notlage erkennen, die persönliche Verantwortlichkeit bejahen und sich dann für eine bestimmte Art der Hilfe entscheiden. Zwei psychologische Prozesse wirken oft hemmend auf diese Prüfsteine des Hilfeverhaltens: pluralistische Ignoranz und Verantwortungsdiffusion. Pluralistische Ignoranz würde sich im Fall der Flüchtlingshilfe darin äußeren, dass der einzelne Bürger bzw. die einzelne Bürgerin in Anbetracht der Notlage der Geflüchteten auf eine orientierende Reaktion seiner MitbürgerInnen hofft, sich jedoch alle potenziell Helfenden aus Angst vor einer öffentlichen Blamage in ihrer Reaktion zurückhalten. Weil niemand entsprechend reagiert, würden alle folgern, dass wohl keine Notlage vorliegt. Verantwortungsdiffusion geschähe, wenn so viele BürgerInnen ZeugInnen der Notlage der Geflüchteten würden, dass alle potenziell Helfenden die subjektive Verantwortung abgäben – denn andere könnten ja helfen. Der Prüfstein der Entscheidungsphase kann dann problematisch werden, wenn es dem bzw. der Helfenden an Wissen oder Kompetenz zum Hilfeverhalten mangelt (Frey, Neumann, & Schäfer, 2001).

Im Falle unserer WillkommenheißerInnen kann davon ausgegangen werden, dass sie alle Prüfprozesse erfolgreich meistern konnten: Sie nahmen die Notlage der Geflüchteten wahr und fühlten sich trotz der großen Anzahl an Helfenden verantwortlich und fähig zur Hilfeleistung. Nicht so die Nicht-Helfenden: Da sie sich zur Flüchtlingshilfe weniger moralisch verpflichtet sahen, scheiterte ihr Hilfeverhalten womöglich daran, selbst Verantwortung für die Ankommenden zu übernehmen.Abbildung 4: Übernahme von Verantwortung über Ländergrenzen hinweg. Urheber: jamboo7809 via Pixabay (https://pixabay.com/de/fl%C3%BCchtling-gl%C3%BCcklich-gruppe-1244692/), CC0 (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de)

Einbettung der Studienergebnisse in Theorien geplanten und innovativen Verhaltens

Die Ergebnisse der Studie am Hauptbahnhof München sind auch in einem weiteren Kontext interpretierbar. Die FlüchtlingshelferInnen in München handelten nicht spontan, sondern – im Hinblick auf ihre moralische Abwägung – eher geplant. Dass ihre im Vorfeld gebildete Absicht zu helfen sie tatsächlich zur Begrüßung der Geflüchteten aktivierte, ist gemäß der Theorie des geplanten Verhaltens (Fishbein & Ajzen, 1975) auf drei Faktoren zurückzuführen: Zum einen hatten die FlüchtlingshelferInnen offenbar nicht nur eine vage Idee, sondern eine sehr spezifische Vorstellung davon, sich einzusetzen und nicht nur BeobachterInnen zu sein. Zum Zweiten unterstützte die aktuelle subjektive Norm, also die von ihnen wahrgenommene, grundsätzlich positive Einstellung zur Unterstützung der Geflüchteten in großen Teilen der Bevölkerung, ihr Verhalten. Zum Dritten sahen sich die WillkommenheißerInnen in ihrem Hilfeverhalten vermutlich nicht blockiert. In dieser Selbstwirksamkeit, also dem Gefühl, helfen – und damit die Gesellschaft gestalten – zu können, unterschieden sich wahrscheinlich die Helfenden von den Nicht-Helfenden: Denn nur sie fühlten sich in besonderer Form moralisch verpflichtet zu helfen.

Abbildung 5: Selbstwirksamkeit und die Wahrnehmung von veränderbaren Welten als Voraussetzung für tatsächliche Flüchtlingshilfe. Urheber: Sage Ross via Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Health_care_reform_supporter _3_at_town_hall_meeting_in_West_Hartford, _Connecticut,_2009-09-02.jpg), CC-BY-SA-3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)Dass die WillkommenheißerInnen tatsächlich in dieser neuartigen (psychologischen) Form von Hilfe aktiv wurden, lässt sich auch dadurch erklären, dass sie Defizite in der aktuellen Situation in Deutschland wahrnahmen und gleichzeitig diese Situation als veränderbar betrachteten (Gebert, 2006) – ganz im Sinne des Obama‘schen „Yes we can!“.

Quintessenz

Was bedeuten nun unsere Befunde für die Zukunft der Flüchtlingshilfe? Um eine langfristige Willkommenskultur zu gestalten, ist es notwendig, die Menschen nicht nur auf extrinsische Art und Weise zu motivieren: Beiträge von MeinungsmacherInnen können zwar eine oberflächliche Zustimmung forcieren, nicht aber zu soliden Einstellungsänderungen führen. Wirksam ist vor allem, dass potenzielle HelferInnen zu der Erkenntnis gelangen, dass die Flüchtlingshilfe für unser Zusammenleben in Deutschland wichtig und richtig ist. Das tatsächliche Einfordern moralischer Wertvorstellungen – insbesondere von Menschenwürde und damit dem, was im Grundgesetz für selbstverständlich gehalten wird – erfordert jedoch Verantwortung und Engagement eines jedes bzw. einer jeden Einzelnen.

Referenzen

Batson, C. D., Sager, K., Garst, E., Kang, M., Rubchinsky, K. & Dawson, K. (1997). Is empathy-induced helping due to self-other merging? Journal of Personality and Social Psychology, 73(3), 495-509. doi: 10.1037/0022-3514.73.3.495

Festinger, L. & Carlsmith, J. M. (1959). Cognitive consequences of forced compliance. Journal of Abnormal and Social Psychology, 58(2), 203-210. doi: 10.1037/h0041593

Fishbein, M. & Ajzen, I. (1975). Belief, attitude, intention, and behavior: An introduction to theory and research. Reading, UK: Addison-Wesley.

Frey, D., Neumann, R. & Schäfer, M. (2001). Determinanten von Zivilcourage und Hilfeverhalten. In H.-W. Bierhoff & D. Fetchenhauer (Hrsg.), Solidarität: Konflikt, Umwelt und Dritte Welt (S. 93-122). Opladen: Leske + Budrich.

Gebert, D. (2006). Psychologie der Innovationsgenerierung. In D. Frey & L. von Rosenstiel (Hrsg.), Enzyklopädie Wirtschaftspsychologie (S. 779-804). Göttingen: Hogrefe.

Karakayali, S. & Kleist, J. O. (2015). EFA-Studie: Strukturen und Motive der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit (EFA) in Deutschland. Berlin: Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM).

Latané, B. & Darley, J. M. (1976). Help in a crisis: Bystander response to an emergency. Morristown, NJ: General Learning Press.

Schmitt, M., Baumert, A., Fetchenhauer, D., Gollwitzer, M., Rothmund, T. & Schlösser, T. (2009). Sensibilität für Ungerechtigkeit. Psychologische Rundschau, 60(1), 8-22. doi: 10.1026/0033-3042.60.1.8

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