"Wir sind bereit, voranzuschreiten!" Ein Interview mit Daniel Lakens und Klaus Fiedler über die aktuellen Herausforderungen in der psychologischen Forschung.

In-Mind: Worin liegen die größten Herausforderungen für psychologische Wissenschaft?

  • Fiedler: Ich glaube, wenn wir unsere Probleme wirklich bewältigen wollen, wenn wir zum Beispiel die statistischen Probleme, die Daniel gerade erwähnt hat, angehen  wollen, dann brauchen wir andere Wege. Ich habe das Gefühl, dass wir uns dafür Beispiele für die beste Forschung in unserem Fach ansehen müssen, Forschung auf die wir stolz sein können. Dann können andere diesen Forschungsarbeiten nacheifern und einen positiven Schneeballeffekt erzeugen. Vielleicht sollten wir eine Art „Hall of Fame“ für wirklich exzellente Projekte einrichten. Dieses Vorgehen  erfüllt alle Kriterien, die Daniel Lakens im Sinn hat, und wird andere Forscherinnen und Forscher motivieren. So könnten  wir die negativen Überbleibsel der weniger exzellenten Forschung hinter uns lassen.
  • Lakens: In diesem Punkt bin ich wohl anderer Meinung. Ich denke, dass Publikationsverzerrung und nicht vertrauenswürdige Ergebnisse in der vorhandenen wissenschaftlichen Literatur sehr problematisch sind. Publikationsverzerrung bedeutet, dass nur Ergebnisse berichtet werden, die "funktionierten", aber dass man nichts über die fehlgeschlagenen Studien erfährt. Oft hört man in den Nachrichten, dass Menschen, die Schokolade essen oder Wein trinken eher an Krebs erkranken. Zwei Wochen später liest man in der gleichen Zeitung das Gegenteil. Diese widersprüchlichen Befunde sind genau auf diese Publikationsverzerrung zurückzuführen. Die Ergebnisse werden durch den Zufall bestimmt und an den Extremen findet man „signifikante“ Ergebnisse. Wenn man aber alle Daten aller Studien zusammen betrachtet, dann gibt es gar keinen Zusammenhang. Als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen wir uns dieses Problems bewusst sein und lernen, wie wir unsere Erkenntnisse der Öffentlichkeit vermitteln.

In-Mind: Was kann man denn gegen diese Probleme tun?

  • Lakens: Meiner Meinung nach sind mindestens zwei Dinge wichtig. NachwuchswissenschaftlerInnen können oft nicht richtig wissen auf welche früheren Befunde, die in der Literatur berichtet wurden, sie bauen können. Wenn immer nur extreme Ergebnisse berichtet werden, wissen sie nicht, wie wahrscheinlich es ist, dass eine Replikation der gleichen Studie gelingt. Wenn sie es nicht schaffen, die Ergebnisse anderer zu replizieren, dann ist es schwierig, diese Ergebnisse zu publizieren und die Publikationsverzerrung verstärkt sich. Neben diesem entscheidenden Thema ist für mich auch die Ausbildung ausschlaggebend. Wir brauchen eine bessere Ausbildung, die den Nachwuchs lehrt , was die bestmögliche Wissenschaft auszeichnet. Aus irgendeinem Grund haben wir da in der Vergangenheit nicht die beste Arbeit geleistet. Ich sage nicht, dass wir alle echte StatistikerInnen werden müssen. Aber das Erlernen der Grundlagen ist sehr wichtig.
  • Fiedler: Man kann Daniel in diesem Punkt nur zustimmen. Ich finde das Ziel, die Problematik der Publikationsverzerrung anzugehen, sehr gut. Und ja, NachwuchswissenschaftlerInnen müssen sich auf frühere Erkenntnisse verlassen können. Aber sie brauchen auch Anleitung durch ihre Doktormütter und Doktorväter, die ihnen Orientierung geben. Deshalb gefällt mir auch der Gedanke, dass wir unsere Ausbildung verbessern müssen. Wenn es jedoch darum geht, die Qualität der psychologischen Forschung zu verbessern, bin ich weniger geneigt zu glauben, dass wir bessere statistische Methoden brauchen. Die Statistik ist nie besser als das Forschungsdesign. Wenn ein Experiment nicht gut konzipiert ist, wenn das ausgewählte Forschungsmaterial, die Tests und die Messungen fehlerhaft sind, dann kann auch die beste Statistik das nicht ausgleichen.

In-Mind: Wie wichtig sind gute Theorien in dieser Hinsicht?

  • Fiedler: Eine gute Theorie ist wichtiger als das Forschungsdesign. Eine gute Theorie ist wichtiger als alles andere. Wenn die Theorie, die Sie testen, schwach oder logisch fehlerhaft ist, können die besten Designs, Methoden und Statistiken Ihre Vorhersagen undKlaus Fiedler erklärt die Bedeutung guter Theorien (Bild von Alex Koch). Fragestellungen auch nicht beantworten. Was wirklich zählt, ist eine starke theoretische Argumentation. Wir sollten uns immer bewusst sein, welche theoretischen Einschränkungen die Hypothese bestimmen, die getestet werden, und man sollte beim Testen einer Hypothese immer Gegenargumente in Betracht ziehen. Du musst diesen Selbstzweifel annehmen. Diese selbstkritische Haltung auf der Ebene der theoretischen Argumentation ist wichtiger als technisches Wissen.
  • Lakens: Ich stimme vollkommen zu. Aber ich denke nun mal, dass Statistik das einfachste ist, was man unterrichten kann (für Online-Kurse von Daniel Lakens siehe hier). Statistik ist nicht so schwierig und einfach in großen Gruppen zu unterrichten. Ich stimme also zu, dass Theorie wichtig ist, aber man sollte die Statistikausbildung nicht vernachlässigen. Wenn man das falsch macht, kann man sich schnell selbst etwas vormachen. Und das kann sich dann negativ auf die Bildung von Theorien auswirken. Wenn wir unsere Theorie auf Erkenntnissen aufbauen, die auf schlechten Statistiken beruhen, können wir auch keine präzisen theoretischen Vorhersagen ableiten.
  • Fiedler: George Kelly (1955) schrieb über den kreativen Zyklus, der sich auf unsere Debatte, aber auch auf Evolution, Therapie und viele andere Themen anwenden lässt. Kelly stellt die Idee eines Wechsels zwischen Lockerungs- und Straffungsphasen vor. Während Lockerungsphasen muss man kreativ sein und sich neue, vielleicht seltsame Ideen einfallen lassen. Dazu muss man mutig sein. Darauf folgt eine Straffungsphase, in der man verschiedene Hypothesen mit harter Statistik streng gegeneinander testet. Wir müssen sowohl Lockerungs- als auch die Straffungsphasen willkommen heißen und ernstnehmen. Zwischen beiden Phasen zu wechseln ist die ultimative Kunst, gute Wissenschaft zu betreiben.
  • Lakens: Ich bringe all meinen Studierenden  die Idee des Lockerns und der Straffung bei. Ich denke, das kennzeichnet, wie die Wissenschaft funktioniert und wie sie voranschreitet. Ich unterrichte sogar Klaus Fiedlers Artikel (2004), in dem er sich auf den kreativen Zyklus der Wissenschaft bezieht (schmunzelt).

In-Mind: Wie hat die Debatte Ihre eigene wissenschaftliche Arbeit verändert?

  • Lakens: Was ich gelernt habe, ist, dass die Wissenschaft selbst kein statisches System ist. Sie ist dynamisch. Für mich ist das sehr schön, denn das Nachdenken über diese Idee kann die eigene Forschung verbessern. Die Idee eines wandelbaren Systems zwingt einen dazu, sich immer wieder die Frage zu stellen: Was mache ich? Mache ich es auf die bestmögliche Art und Weise? Beispielsweise haben die neuen Technologien es ermöglicht, unsere Arbeit viel transparenter zu gestalten. Als ich die Schule abschloss, konnte ich gerade mal meine erste E-Mail-Adresse anlegen und jetzt haben wir die Technologie, die es mir erlaubt, meine Forschungsmethoden und Daten ganz einfach mit Anderen im Internet zu teilen. Das gefällt mir sehr gut und ich habe es in meine tägliche Routine als Wissenschaftler aufgenommen.
  • Fiedler: In der Debatte um die Reproduzierbarkeit von Forschung ist der freie Austausch von Daten und Wissen zur Selbstverständlichkeit geworden. Es ist so einfach und kostengünstig geworden. Ich finde es gut, dass wir uns nicht mehr in den alten Zeiten befinden, in denen die gemeinsame Nutzung von Daten etwas Ungewöhnliches war. Ich finde das so offensichtlich, so selbstverständlich wertvoll. Darüber hinaus hat die Debatte meinen Blick auf statistische und methodische Fragen geschärft. Ich muss sagen, dass ich die meisten Dinge schon vorher angewendet habe. Aber ich habe es nie so deutlich gesehen, wie ich es jetzt sehe.

In-Mind: Was stimmt Sie optimistisch, dass sich die Psychologie als Wissenschaft in die richtige Richtung bewegt?

    • Lakens: Klaus Fiedler erwähnte Studierende, die sich Sorgen um unsere Wissenschaft machen und desillusioniert sind. Vor kurzem unterrichtete ich in Zürich und machte eine ähnliche Beobachtung. Jemand äußerte sich sehr negativ über das Feld und sagte: Daniel Lakens erklärt die Vorteile von Kooperationen (Bild von Alex Koch)."Was wissen wir über Psychologie? Es gibt im Grunde nichts Gültiges, was in den Lehrbüchern steht!" Ich ließ dann jeden der fünfzehn Teilnehmenden eine Theorie oder Erkenntnis erwähnen, die ihrer Meinung nach solide und gut belegt ist. Es war erstaunlich zu sehen, wie viele Erkenntnisse erwähnt wurden. Ich denke, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, die negative Sichtweise zur Seite zu legen. Ich habe es satt, um ehrlich zu sein. Ich denke, wir sind bereit, uns zu verändern. Und ich denke, wir haben schon viele Schritte nach vorne gemacht. In diesem Zusammenhang gefällt mir besonders gut, wie die Debatte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler enger zusammenführt und vermehrt zu länder- und disziplinübergreifenden Kooperationen beiträgt.

  •  Fiedler: Kooperationen werden unser Feld sicher verbessern. Genauso wie die neuen Bestrebungen zum freien Teilen von Daten. Transparenz über die Hypothesen  und eine Präregistrierung dessen, was Sie in einer Studie erwarten, werden mit Sicherheit dabei helfen, das Feld voranzubringen. Sie werden es nicht glauben, aber ich bin tatsächlich an dieser Bewegung beteiligt. Allerdings auf eine etwas andere Art und Weise (lacht). Ein Kollege von mir mag Turniere. So kamen wir auf die Idee, Turniere für WissenschaftlerInnen auszuschreiben. Wenn es unterschiedliche Erklärungen für ein bestimmtes Phänomen gibt, wollen wir verschiedene wissenschaftliche Modelle und ForscherInnen miteinander konkurrieren lassen. Die Forschung, die das Phänomen am besten erklärt und vorhersagt, gewinnt das Turnier. Auf diese Weise wären Kooperationen nicht nur motivierend, sondern auch aufschlussreich, da sie helfen, Dinge zu finden, die man alleine nicht herausgefunden hätte. Außerdem wäre es unterhaltsam und inspirierend.


In-Mind: Wie kann die Psychologie angesichts dieser Herausforderungen mit der Öffentlichkeit kommunizieren?

  • Lakens: Laien  haben oft keine gute Vorstellung davon, wie Wissenschaft funktioniert. Deshalb denke ich, dass man das schon in der Schule lernen sollte. Dann wären die Leute nicht so einfach verwirrt, wenn sie in den Nachrichten von Forschungsergebnissen hören. Darüber hinaus müssen wir als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler lernen, unsere Ergebnisse und deren Einschränkungen so darzustellen, dass Menschen sie auch ohne spezifische wissenschaftliche Details leicht verstehen können.

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