"Wir sind bereit, voranzuschreiten!" Ein Interview mit Daniel Lakens und Klaus Fiedler über die aktuellen Herausforderungen in der psychologischen Forschung.

Kann man der psychologischen Forschung noch vertrauen? In-Mind unterhielt sich mit Daniel Lakens und Klaus Fiedler - zwei der prominentesten Stimmen in der Debatte darüber, wie die psychologische Wissenschaft verbessert werden kann. In diesem Interview offenbaren sie ihren persönlichen Blick zur aktuellen Lage der psychologischen Forschung, wie sich die Psychologie verändert hat und wie sie es in Zukunft tun sollte. Sie beschreiben, warum sie sich in der Debatte engagieren und wie sich diese auf ihre eigene Arbeit ausgewirkt hat.

Das Misstrauen gegenüber der Wissenschaft nimmt zu. Ob es um Klimawandel oder Kreationismus geht, Politiker wie Donald Trump oder Recep Erdoğan, aber auch andere Persönlichkeiten scheinen Überzeugungen wissenschaftlichen Daten vorzuziehen. Eine wachsende Skepsis gegenüber der Wissenschaft mag sich aus Bestrebungen ergeben, unerwünschte Forschung als ideologisch motiviert darzustellen. Zunehmende Zweifel kommen aber auch aus der Wissenschaft selbst: Die Flut neuer Erkenntnisse scheint manchmal zu schön, um wahr zu sein. Der starke Druck Neues zu veröffentlichen, kann zu verzerrten Ergebnissen führen. Vor einigen Jahren wurden diese Zweifel durch schockierende Enthüllungen von Datenbetrug und Schwierigkeiten bei der Replikation früherer Befunde noch verstärkt. Befindet sich die psychologische Forschung also in einer Vertrauenskrise? Oder sind Fehlschläge, frühere Befunde zu replizieren, ein gesundes Element einer selbstkorrigierenden Wissenschaft? Was kann die psychologische Wissenschaft besser machen?

In-Mind Interview. Von links nach rechts: Daniel Lakens, Jan Crusius, Oliver Genschow, Klaus Fiedler (Bild von Alex Koch)In-Mind Interview. Von links nach rechts: Daniel Lakens, Jan Crusius, Oliver Genschow, Klaus Fiedler (Bild von Alex Koch)Während des Cologne Social Cognition Meetings (CSCM 2017)  hatten Jan Crusius und Oliver Genschow vom In-Mind Magazin die besondere Gelegenheit, zwei der prominentesten Stimmen in der Debatte über die Verbesserung der psychologischen Wissenschaft zu interviewen. Daniel Lakens von der Technischen Universität Eindhoven (Niederlande) betont die Notwendigkeit besserer Methoden, von Forschungstransparenz und rigoroser Wissenschaft. Klaus Fiedler von der Universität Heidelberg (Deutschland) ist überzeugt, dass vor allem bessere Theorien die psychologische Forschung voranbringen werden.

In-Mind: Können wir der psychologischen Forschung noch vertrauen?

  • Fiedler: Auf jeden Fall. Es gibt so viele Fragen über menschliche Probleme die nur durch VerhaltensforscherInnen, wie es zum Beispiel PsychologInnen sind, beantwortet werden können. Ich könnte viele Beispiele nennen. Hier ist nur eines: Wie können Schülerinnen und Schüler am effektivsten in der Schule lernen? Die psychologische Forschung untersucht den optimalen Zeitpunkt für das Lernen. Sie hat uns gelehrt, dass man am besten lernt, wenn Inhalte über die Zeit verteilt und sogenannte Konsolidierungsperioden, wie z. B. Pausen eingelegt werden. Wenn in großen Blöcken unterrichtet wird, lernen SchülerInnen viel weniger effektiv, als wenn der Unterricht auf fünfzehn kleinere Sitzungen über drei Monate verteilt wird. Natürlich gibt es noch viele andere Fragen, die nur VerhaltensforscherInnen beantworten können — unabhängig davon, was Donald Trump denkt.
  • Lakens: Es ist auch sehr wichtig, wie psychologisches Wissen und wissenschaftliche Fakten an die breite Öffentlichkeit gelangen. Menschen erfahren von unseren Erkenntnissen vielfach über die Medien. Es gibt jedoch einen großen Filter, der beschränkt, was weitergegeben wird. Häufig werden psychologische Befunde als lustige Tatsachen dargestellt. Die Psychologie untersucht jedoch wesentlich grundlegendere Fragen, die eine große Bedeutung für die Gesellschaft haben. Ein relevantes Thema betrifft beispielsweise, wie Menschen die Umwelt schützen können. Wir Menschen schauen oft auf kurzfristige Interessen und vernachlässigen langfristige Ziele wie den Umweltschutz. Psychologinnen und Psychologen arbeiten daran, wie die Perspektive von kurz- zu langfristigen Interessen verschoben werden kann, um Menschen langfristig zum Umweltschutz zu motivieren.

In-Mind: Aus Ihren Antworten könnte man den Eindruck gewinnen, dass es der psychologischen Forschung gut geht und dass die Medien nur ein falsches Bild vermitteln. Gibt es keinen Verbesserungsbedarf?

  • Lakens: Natürlich gibt es Verbesserungsbedarf. Es wäre töricht zu glauben, dass wir bereits die bestmögliche Wissenschaft betreiben und dass im Jahr 2100 die Menschen zurückblicken werden und sagen: "Wir konnten uns damals nicht verbessern! Schon im Jahr 2018 war alles perfekt." Das wird nicht passieren. Also, in diesem Sinne: Können wir es besser machen? Ja! Werden wir es besser machen? Natürlich.
  • Fiedler: Es ist sehr wichtig, dass es nie ein letztes Wort gibt. Ein gutes Beispiel für den psychologischen Fortschritt ist die rechtspsychologische Debatte darüber, wie man eine Gegenüberstellung durchführt. Wir kennen solche Gegenüberstellungen aus Filmen, in denen ein Augenzeuge den Mörder unter sechs Personen identifizieren muss. Psychologisch gesehen handelt es sich hier um einen Multiple-Choice-Erkennungs-Test. In den letzten vierzig Jahren haben wir viel darüber gelernt, wie wir diese Art von Tests verbessern können. Zuerst fand man heraus, dass Augenzeugen oft die Falschen identifizieren. Deswegen landeten viele Unschuldige im Gefängnis. Als Abhilfe wurden strengere und weniger fehleranfällige Identifizierungsmethoden entwickelt. So wurde zum Beispiel die Anzahl der Personen in einer Gegenüberstellung erhöht. Augenzeugen müssen nun mögliche Täter nicht mehr gleichzeitig, sondern sequentiell identifizieren. Und einige Jahre später fand man heraus, dass wenn man Augenzeugen einschätzen lässt, wie sicher sie sich bei der Identifizierung sind, sich die Qualität des Verfahrens zusätzlich erhöht. Im Laufe der Jahre haben sich die Empfehlungen, wie man eine Gegenüberstellung macht, immer wieder geändert. Ein einziger Forschungsbefund war nie das letzte Wort. Ich bin sicher, dass es in zwanzig, dreißig, oder vierzig Jahren wieder neue Erkenntnisse geben wird, die dieses Verfahren weiter verbessern. So funktioniert das einfach. Es ist eine ständige Aktualisierung des neuesten Stands. Das ist es, worum es in der Wissenschaft geht.

In-Mind: Die Psychologie befindet sich also überhaupt nicht in einer Krise....

  • Fiedler: Ich mag das Wort "Krise" nicht, wenn es sich auf meinen Lieblingsfußballverein bezieht und ich mag das Wort "Krise" in der Wissenschaft nicht. Natürlich machen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler manchmal Fehler, zum Beispiel in der Art und Weise, wie sie ihre Daten analysieren und wie sie die Ergebnisse interpretieren. Aber ich wage zu behaupten, dass andere Disziplinen wie die Verhaltensökonomie, die Medizin oder die Zellbiologie — um nur einige Beispiele zu nennen — ebenso häufig voreilige Schlüsse ziehen und die Öffentlichkeit zu früh informieren. Ich würde nicht sagen, dass die Psychologie im Vergleich zu anderen Disziplinen zu unvorsichtig agiert. Das sollte uns natürlich nicht daran hindern, neue Methoden und Verfahren zur Verbesserung der Wissenschaft zu entwickeln.
  • Lakens: Einige sagen, dass Wissenschaft sich dadurch auszeichnet, in einer andauernden Krise zu sein. Ich denke, da ist viel Wahres dran. Wir erkennen jetzt, dass einige Dinge schiefgegangen sind. Neben den wissenschaftlichen Methoden, die wir anwenden, Bild von Alex Kochstellen wir nun auch soziale Aspekte des wissenschaftlichen Handelns in Frage. Zum Beispiel, ob die Anreize für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, ständig neue und überraschende Ergebnisse zu veröffentlichen, schädliche Auswirkungen haben können. Es ist unsere Aufgabe als Psychologinnen und Psychologen  genau diese sozialen Einflüsse zu untersuchen. Da wir uns mit solchen Einflüssen wie keine andere Disziplin auskennen, können wir an der Verbesserung der Wissenschaft fachübergreifend mitwirken.

In-Mind: Sie beide waren an der Debatte darüber, wie psychologische Forschung verbessert werden kann, sehr aktiv beteiligt. Was hat Sie dabei persönlich motiviert?

  • Lakens: Für mich gab es zwei wichtige Ereignisse. Zuerst kontaktierte jemand mein Forschungsteam und bezweifelte unsere Ergebnisse. Anfangs haben wir die Kritik nicht richtig verstanden. Irgendwann schrieb die Person: "Ihre Ergebnisse sind zu gut, um wahr zu sein. Dafür könnte es verschiedene Gründe geben: Die Daten könnten gefälscht sein; es könnte sein, dass Sie Ihre Daten ‚massiert‘ haben, dass Sie Ihre Daten falsch analysiert haben, oder es könnte sein, dass Sie nicht alle Ihre durchgeführten Studien berichtet haben.“ Wir waren wegen der komplizierten statistischen Dinge, die die Person erwähnte nervös und begannen, unsere Ergebnisse selbst in Frage zu stellen. Wir stellten fest, dass wir uns tatsächlich selektiv für manche Studien entschieden hatten. Wir hatten nur jene berichtet, die für unsere Hypothese sprachen, ohne Rücksicht auf diejenigen, die – aus welchen Gründen auch immer – keine oder andere Ergebnisse zeigten. Daraufhin veröffentlichten wir die zusätzlichen Daten auf einer Online-Plattform, um den Stand der Wissenschaft zu korrigieren. Später wurde ich in das sogenannte Reproducibility Project eingebunden und plante eine Replikationsstudie. Mir wurde klar, dass ich bei vielen wichtigen Fragen, zum Beispiel in Bezug auf die Berechnung der erforderlichen Teilnehmerzahl für die Studie, keine Ahnung hatte, wie ich das machen sollte. Wie kann ich als promovierter Wissenschaftler nicht wissen, wie man eine ordentliche Studie entwirft? Ich wurde nicht gut genug ausgebildet, um gute Wissenschaft zu machen. Der zweite Grund, warum ich mich so sehr für die Debatte interessiere, ist deshalb die Motivation, mich selbst und andere weiterzubilden.
  • Fiedler: Ich bin an dieser Debatte interessiert, weil ich glaube, dass die Art und Weise, wie sie sich im letzten Jahrzehnt entwickelt hat, kontraproduktiv war. Sie schädigte das Ansehen der Psychologie in der Öffentlichkeit und untergrub das Selbstvertrauen unserer jungen WissenschaftlerInnen und Studierenden. Außerdem hat der Stil der Debatte meine Neigung zur Widerrede provoziert. Wenn mir jemand sagt, dass es eine Krise gibt, möchte ich belegen, dass es keine Krise ist. Dann denke ich darüber nach, was dagegenspricht. Ich will widersprechen. Vor Beginn der Debatte war ich nicht so sehr motiviert, mich mit positiven Aspekten der Forschung zu befassen, sondern war eher motiviert Ergebnisse kritisch zu hinterfragen. Aber seit Beginn der Debatte habe ich meine Meinung geändert, indem ich die Position eines Verteidigers einnehme. Ich bin überzeugt, dass es lehrreicher ist, positive Aspekte der Wissenschaft herauszuheben, als sich über schlechte Beispiele zu beschweren.

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