Wird in unserer Kindheit der Grundstein für Untreue im Erwachsenenalter gelegt? Was der individuelle Bindungsstil über sexuelle Untreue verrät

In ihren Forschungsarbeiten konzeptualisierten DeWall et al. (2011) Bindung anhand der Dimensionen Angst und Vermeidung, ohne die vier Stile konkreter zu betrachten. In einer Studie mit zwei Erhebungszeitpunkten im Abstand von sechs Wochen stellte sich heraus, dass vergangene Untreue und eine vermeidende Bindung die Untreue der TeilnehmerInnen zum zweiten Messzeitpunkt vorhersagen konnten. In einer weiteren, ähnlich angelegten Studie erweiterten die AutorInnen ihre Befunde: Sie konnten zeigen, dass der Einfluss von vermeidender Bindung auf Untreue nicht direkt ist, sondern über das Commitment vermittelt wird. Unter Commitment ist dabei die Bindung der Person an die Partnerschaft (nicht den/die PartnerIn!) und die Motivation zur Aufrechterhaltung derselben zu verstehen (Rusbult, Drigotas & Verette, 1994). Eine vermeidende Bindung verringert dabei das Commitment, was wiederum untreues Verhalten begünstigt (siehe Abbildung 2). Eine hohe Ausprägung auf der Angst-Dimension von Bindung hingegen hatte bei DeWall et al. überhaupt keinen Einfluss auf Untreue. Eine besondere Stärke der Arbeit von DeWall et al. ist, dass die AutorInnen über mehrere Studien hinweg ihre Ergebnisse bestätigen und erweitern konnten. Problematisch ist hier, dass es sich bei den Stichproben überwiegend um junge Studierende in Dating-Beziehungen (das sind Beziehungen, in denen die PartnerInnen regelmäßig miteinander ausgehen, aber bspw. nicht zusammenwohnen) handelte.

In einer anderen, etwas aktuelleren Studie wurden 207 frischverheiratete Paare über einen Zeitraum von mehreren Jahren begleitet und während dieser Zeit mehrfach von den WissenschaftlerInnen befragt (Russell, Baker & McNulty, 2013). Im betrachteten Zeitraum von ca. vier Jahren gaben insgesamt 22 TeilnehmerInnen an, untreu gewesen zu sein, was etwas mehr als 5 % entspricht. Insbesondere eine hohe Ausprägung auf der Angst-Dimension von Bindung sagte Untreue der TeilnehmerInnen vorher. Die AutorInnen erklären sich dieses Ergebnis so, dass bindungsängstliche Personen zwar das Bedürfnis nach Nähe haben, es in ihrer primären Partnerschaft aber nicht befriedigen können. Folglich versuchen sie, es in außerpartnerschaftlichem Sex zu stillen. Interessanterweise war aber nicht nur die eigene Bindungsangst, sondern auch die der PartnerInnen mit der eigenen Untreue assoziiert: Wenn die PartnerInnen der TeilnehmerInnen stark bindungsängstlich waren, sagte dies die Untreue der TeilnehmerInnen ebenfalls vorher. Ein Befund, mit dem die AutorInnen so nicht gerechnet hatten, war, dass PartnerInnen von Personen mit hohen Werten auf der Vermeidungsdimension von Bindung seltener untreu waren. Interessanterweise scheint also diese eigentlich dysfunktionale Art der Bindung bezüglich Untreue des/r romantischen Partners/In protektiv zu wirken. Die AutorInnen fanden zudem heraus, dass niedrig Bindungsängstliche nur dann seltener untreu waren, wenn ihr/e PartnerIn ebenfalls niedrig bindungsängstlich war.

Während DeWall et al. (2011) also einen scheinbar robusten Effekt der Vermeidungsdimension aufdecken, finden Russell et al. (2013) diesen nicht, dafür aber einen Effekt der Angstdimension auf Untreue. Letztere vermuten, dass die Stichproben diese Unterschiede erklären können: Während DeWall et al. Studierende Anfang 20 in Dating-Beziehungen untersuchten, basieren die Ergebnisse von Russell et al. auf Frisch-Verheirateten Mitte 20. Endgültig klar ist also noch nicht, ob nur eine Bindungsdimension (und wenn ja, welche) oder beide mit Untreue zusammenhängen.

Fazit

Die im Titel gestellte Frage lässt sich mit einem vorsichtigen Ja beantworten: Der Bindungsstil, dessen Grundlagen in der frühen Kindheit gelegt werden, hängt psychologischen Forschungsbefunden zufolge mit späterer Untreue im Erwachsenenalter zusammen.

Die Ergebnisse der oben vorgestellten Studien lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Sicher gebundene Personen sind am zufriedensten mit ihren Partnerschaften und  am seltensten untreu.
  • Unsicher gebundene Personen (ob ängstlich-ambivalent, ängstlich-vermeidend oder gleichgültig-vermeidend) sind tendenziell weniger glücklich in ihren Partnerschaften und  häufiger untreu.
  • Auch die Bindungsangst des/der romantischen Partners/Partnerin scheint die eigene Untreue zu beeinflussen
  • Inwieweit aber die verschiedenen unsicheren Bindungsdimensionen bzw. -stile unterschiedliche Zusammenhänge zu Untreue zeigen, wird zukünftige Forschung zeigen müssen.

Wichtig bei der Einordnung der oben aufgezeigten Befunde ist weiterhin, dass der Bindungsstil lediglich eine Variable aus einem ganzen Strauß verschiedener möglicher Variablen ist, die Untreue bis zu einem gewissen Anteil erklären können: So gibt es Studien, die einen Zusammenhang zwischen Eigenschaften der Partnerschaft (z. B. Dauer, Zufriedenheit, Status: verheiratet vs. zusammenlebend vs. dating) und Untreue aufzeigen. Ebenso hängen manche Persönlichkeitseigenschaften mit Untreue zusammen. Andere Studien wiederum weisen den Einfluss gewisser situativer Faktoren („Gelegenheiten zu Untreue“) beim Auftreten von sexueller Untreue nach. Auch evolutionspsychologische und sogar genetische Einflüsse scheint es zu geben. Zudem werden immer wieder Unterschiede zwischen den Geschlechtern – Männer sind etwas häufiger untreu als Frauen – beobachtet. Schließlich sind auch interkulturelle Häufigkeitsunterschiede bekannt: Während in Nordamerika die Zahlen niedriger sind als in Mitteleuropa, liegen sie in Osteuropa mitunter deutlich höher. Es werden daher auch Geschlechterrollen und kulturelle Eigenheiten als mögliche Erklärungsvariablen diskutiert (für einen Überblick siehe Kröger, 2010).

Wie kann ich erfahren, welchen Bindungsstil ich habe?

Es gibt grundsätzlich verschiedene Möglichkeiten, den Bindungsstil bei Erwachsenen zu erfassen – die populärsten Methoden sind:

  • Interview-Verfahren sowie
  • Selbstbeurteilungs-Fragebogen-Verfahren.

Allen Verfahren gemein ist, dass ihre Anwendung und Auswertung meist auf ausgebildete PsychologInnen und TherapeutInnen zugeschnitten sind. Damit sind sie für LaiInnen im Selbsttest eher schwierig anzuwenden.

Eine Ausnahme bildet das ältere „Adult Attachment Styles“-Verfahren von Hazan und Shaver (1987), mit dem man sich einem der ursprünglichen drei Bindungsstile nach Ainsworth, Blehar, Waters und Wall (1978) zuordnen kann (Main, Kaplan und Cassidy erweiterten die drei Stile erst 1985 um den vierten Stil). Hier gibt es zwar lediglich einen vermeidenden Bindungsstil – neuere Verfahren splitten diesen Stil in 2 Stile: gleichgültig-vemeidend und ängstlich-vermeidend auf – als grobes Maß lässt sich dieses Verfahren aber dennoch einem schnellen Selbsttest anwenden.

Der Test

Es geht nachfolgend um Ihre Erfahrungen in festen Partnerschaften. Bitte lesen Sie zunächst die folgenden drei Beschreibungen aufmerksam durch und kreuzen Sie dann die Alternative an, die am ehesten beschreibt, wie Sie sich in romantischen Partnerschaften fühlen.

A.    Ich mag es nicht, anderen sehr nahe zu sein. Ich finde es schwierig, anderen vollkommen zu vertrauen und abhängig von anderen zu sein. Ich werde nervös, wenn jemand mir zu nahe kommt und oft wollen PartnerInnen intimere Beziehungen mit mir als mir lieb ist.

B.    Ich finde es relativ leicht, anderen nahe zu sein. Ich mag es, wenn ich von anderen abhänge und sie von mir. Ich mache mir keine Sorgen darüber, von anderen verlassen zu werden oder dass mir andere zu nahe kommen.

C.     Ich finde, dass andere zögern, mir so nahe zu kommen, wie ich es möchte. Ich mache mir oft Sorgen, dass mein/e PartnerIn mich nicht wirklich liebt oder nicht bei mir bleiben will. Ich möchte mit einer anderen Person vollkommen verschmelzen und dieser Wunsch verscheucht Leute manchmal.

Die Auswertung

Exam von Alberto G. via Flickr (https://www.flickr.com/photos/albertogp123/5843577306), CC (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)

Nun können Sie, abhängig davon, welche Alternative Sie gewählt haben, auf Ihren Bindungsstil schließen:

A = Sie haben einen vermeidenden Bindungsstil.

B = Sie haben einen sicheren Bindungsstil.

C = Sie haben einen ängstlich-ambivalenten Bindungsstil.

 

Bitte beachten Sie dabei, dass es sich bei diesem Verfahren zwar um ein sehr häufig (vor allem in den Jahren direkt nach seiner Entwicklung) eingesetztes Verfahren in der psychologischen Bindungsforschung handelt, es aber den heutigen methodischen Ansprüchen eigentlich nicht mehr gewachsen ist. Zum einen wird in der Formulierung recht deutlich, welche die „gute“ (Antwort B) und welche „schlechtere“ (Antworten A und C) Antworten sind. Das führt beispielsweise dazu, dass sich über dieses Verfahren weit mehr Personen als sicher gebunden einschätzen, als wenn ihr Bindungsstil mit einem anderen Verfahren erfasst wird (von Sydow, 2001).

Vielleicht ist es Ihnen ja sogar schwergefallen, sich einer Alternative zuzuordnen – das verwundert auch nicht, denn bei den Beschreibungen handelt es sich gewissermaßen um Bindungsprototypen in Reinform. Mischformen sind aber nach der Überzeugung mancher ForscherInnen genauso möglich – dies wiederum lässt sich besser mit Fragebogenverfahren erfassen, die aus mehr Fragen bestehen und Bindung nicht kategorial (d. h., es gibt vier eindeutig abgrenzbare Stile) sondern eher dimensional (d. h., Bindung lässt sich auf den beiden Dimensionen Angst und Vermeidung abbilden) auffassen. 

Eine, leider nur englischsprachig verfügbare, Alternative zum Kurztest von Hazan und Shaver (1987) ist die Online-Messung des Bindungsstils mittels des „Experiences in Close Relationships-Revised“-Verfahrens von Fraley, Waller und Brennan (2000). Dabei handelt es sich um das aktuell anerkannteste Selbstbeurteilungsverfahren in der Erwachsenen-Bindungsforschung. Sie beantworten direkt online einige Fragen und bekommen am Ende des Fragebogens eine Rückmeldung über Ihren individuellen Bindungsstil. Das Ausfüllen des Online-Fragebogens dauert lediglich fünf Minuten. Sie finden den Online-Fragebogen unter folgendem Link:

http://www.web-research-design.net/cgi-bin/crq/crq.pl

 

 

Literatur Artikel

Ainsworth, M. D. S., Blehar, M. S., Waters, S. & Wall, S. (1978). Patterns of attachment: A psychological study of the strange situation. Hillsdale, NJ: Lawrence Erlbaum.

Allen, E. S. & Baucom, D. H. (2004). Adult attachment and patterns of extradyadic involvement. Family Process, 43, 467-488.

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