Würden Sie den Täter wiedererkennen? – Was sollten Sie wissen, wenn Sie jemanden in einer Gegenüberstellung identifizieren sollen

Gegenüberstellungsinstruktionen

Wenn ZeugInnen die Gegenüberstellung vorgelegt wird, erhalten sie eine Instruktion. Diese Instruktion sollte die Warnung beinhalten, dass der Täter oder die Täterin sich möglicherweise nicht unter den gezeigten Personen befindet (Steblay, 1997). Diese Maßnahme soll Erwartungseffekten, einschließlich der Vermutungen, dass sich der/die echte TäterIn unter den gezeigten Personen befindet oder dass der Fall bereits beinahe aufgeklärt ist und nur noch die bestätigende Identifizierung durch die ZeugInnen fehlt, entgegenwirken. Obwohl die Verwendung einer solchen Instruktion die Anzahl der Treffer senken kann, senkt sie auch falsche Alarme und Identifizierungen von Vergleichspersonen (Brewer & Wells, 2006; Steblay, 1997). Unabhängig davon, ob oder wie die Instruktionen gegeben werden, sollten sich ZeugInnen immer darüber bewusst sein, dass es gestattet ist, die Gegenüberstellung zurückzuweisen oder mit „Ich weiß nicht“ zu antworten. ZeugInnen sollten sich vergegenwärtigen, dass nur sie das Wissen über den Tathergang und das Aussehen der TäterInnen haben. Daher liegt die Entscheidung, jemanden auszuwählen (oder auch nicht), ausschließlich bei den ZeugInnen.

Feedback

ZeugInnen, die eine Identifizierungsentscheidung gefällt haben, wünschen sich möglicherweise zu dieser Entscheidung eine Rückmeldung. Allerdings beeinflusst positives Feedback (z. B. „Gut, Sie haben den Verdächtigen identifiziert.“) die Erinnerung von ZeugInnen an Einzelheiten des Ereignisses. So schätzten Versuchspersonen, die positives Feedback erhalten hatten, ihre Erinnerungen als klarer ein als Versuchspersonen, die kein Feedback erhielten (Douglass & Steblay, 2002; Wells & Bradfield, 1998). Außerdem gaben Personen, die Feedback erhalten hatten, an, eine bessere Sicht auf die TäterInnen gehabt und mehr Aufmerksamkeit auf diese gerichtet zu haben. Weiterhin waren sich diese Versuchspersonen sicherer hinsichtlich der Richtigkeit ihrer Identifizierungsentscheidung. Negatives Feedback („Oh, der Verdächtige war Nummer xy.“) hatte einen umgekehrten Effekt, der jedoch nicht so ausgeprägt war und auch nicht bei allen der genannten Variablen auftrat. Offenkundig ist keiner der Effekte den polizeilichen Ermittlungen dienlich.

ZeugInnen, die nach einer Identifizierungsentscheidung positives Feedback erhalten haben, sind gut beraten, ein gewisses Maß an Misstrauen gegenüber ihren Erinnerungen an das Ereignis an den Tag zu legen. Darüber hinaus sollten sie berücksichtigen, dass das Feedback ihre Erinnerungen verändert haben könnte. Es wäre auch wichtig, vor Gericht auf die empfangene Rückmeldung hinzuweisen.

Kognitive Faktoren

Präsentation der Gegenüberstellung

Der Begriff Präsentation der Gegenüberstellung bezieht sich auf den Kontext, in dem der bzw. die Verdächtige gezeigt wird. Während eine Wahlgegenüberstellung den oder die Verdächtige zusammen mit mehreren Vergleichspersonen zeigt, besteht eine Einzelgegenüberstellung nur aus einer Person. Daher verrät eine Einzelgegenüberstellung sofort die Identität des bzw. der Verdächtigen und bietet weniger Schutz für unschuldige Verdächtige. In einer Meta-Analyse (Steblay, Dysart, Fulero & Lindsay, 2003) wurde die Identifizierungsleistung in Wahlgegenüberstellungen mit der in Einzelgegenüberstellungen verglichen. In den Bedingungen, in denen sich der Täter in der Gegenüberstellung befand, war die Trefferquote beider Gegenüberstellungsformen ungefähr gleich. In Einzelgegenüberstellungen gaben die Versuchspersonen häufiger als in Wahlgegenüberstellungen richtigerweise an, dass sich der Täter nicht in der Aufstellung befand (d. h. eine höhere Rate korrekter Zurückweisungen). Allerdings führten Einzelgegenüberstellungen auch zu einer höheren Rate falscher Identifizierungen, wenn Täter sich nicht in der Aufstellung befand.

Ein weiteres Ergebnis diskreditiert die Verwendung von Einzelgegenüberstellungen. Verdächtige, die in Einzelgegenüberstellungen gezeigt werden, werden oft verhaftet, nur weil sie sich in der Nähe des Tatorts aufhalten und ihr Äußeres grob mit der Täterbeschreibung übereinstimmt, einschließlich der Beschreibung der getragenen Kleidung. Dies kann ungünstige Folgen in denjenigen Fällen haben, in denen der oder die verhaftete unschuldige Verdächtige zufällig die gleiche oder ähnliche auffallende Kleidung trägt wie der wahre Täter oder die wahre Täterin (Dysart, Lindsay & Dupuis, 2006).

Bei Wahlgegenüberstellungen gibt es mindestens zwei verschiedene Möglichkeiten der Darbietung: In simultanen Gegenüberstellungen werden die Personen alle gleichzeitig gezeigt. Im Unterschied dazu werden in sequentiellen Gegenüberstellungen die Personen nacheinander gezeigt (Lindsay & Wells, 1985). Während sich viele ZeugInnen mit einer simultanen Gegenüberstellung wohler fühlen würden, legen theoretische Überlegungen nahe, dass die Identifizierungsrichtigkeit bei sequentiellen Gegenüberstellungen höher sein sollte. Lindsay und Wells (1985) legten dar, dass eine simultane Gegenüberstellung Vergleiche zwischen den verschiedenen Personen in der Gegenüberstellung erlauben. Dies kann zu einem sogenannten Relativurteil führen, wobei die ZeugInnen dazu neigen, diejenige Person aus der Gegenüberstellung auszuwählen, die dem Täter oder der Täterin am meisten ähnelt. Bei sequentiellen Gegenüberstellungen gelangen ZeugInnen hingegen eher zu einem Absoluturteil. Hierbei sehen ZeugInnen immer nur eine Person gleichzeitig und müssen für jede Person aufs Neue entscheiden, ob es sich hierbei um den Täter bzw. die Täterin handelt. Weil andere Vergleichsmöglichkeiten fehlen, wird so ein Vergleich zwischen der Erinnerung an den Täter bzw. die Täterin und der Person in der Gegenüberstellung erzwungen. Eine weitere Eigenschaft von sequentiellen Gegenüberstellungen ist, dass ZeugInnen die Entscheidung nicht ändern dürfen, nachdem eine positive Entscheidung bezüglich einer Person aus der Gegenüberstellung gefällt ist. Tatsächlich sind modifizierte Varianten der sequentiellen Gegenüberstellung, die erlauben, zu bereits betrachteten Bildern zurückzukehren oder zwei Bilder miteinander zu vergleichen, weniger effektiv als das ursprüngliche sequentielle Verfahren (Lindsay & Bellinger, 1999).

Im letzten Jahrzehnt herrschte Uneinigkeit zwischen ForscherInnen über die angenommene Überlegenheit der sequentiellen Gegenüberstellung (z. B. Lindsay, Mansour, Beaudry, Leach & Bertrand, 2009; McQuiston-Surrett, Malpass & Tredoux, 2006). Während das eine Lager behauptete, dass sequentielle Gegenüberstellungen zu einer signifikanten Reduzierung von falschen Alarmen führten (Lindsay, 1999; Steblay, Dysart, Fulero & Lindsay, 2001), betonte das andere Lager, dass sich dieser Effekt schlicht auf eine Reduzierung der Wahlrate zurückführen lasse (Ebbesen & Flowe, 2002), was die erhöhte Gefahr in sich berge, tatsächliche TäterInnen laufen zu lassen (Malpass, Tredoux & McQuiston-Surrett, 2009).

Eine Meta-Analyse mit den Daten von 13143 Versuchspersonen brachte Licht in die Sache (Steblay, Dysart & Wells, 2011). Die Ergebnisse zeigen, dass eine sequentielle Gegenüberstellung, obwohl sie weniger häufig mit der Identifizierung von Verdächtigen endet, trotzdem beweiskräftiger als eine simultane Gegenüberstellung für die Schuld der Verdächtigen ist. Versuchspersonen, denen eine sequentielle Gegenüberstellung vorgelegt wurde, machten in 8 % weniger Fällen eine richtige Identifizierung, aber in 22 % mehr Fällen eine richtige Zurückweisung als ZeugInnen, denen eine simultane Gegenüberstellung vorgelegt wurde.
Obwohl ZeugInnen intuitiv der Meinung sein mögen, dass eine simultane Gegenüberstellung sie in eine bessere Position bringt, erfordert eine sequentielle Gegenüberstellung eher ein Absoluturteil als eine simultane Gegenüberstellung. Dies wiederum erhöht die Wahrscheinlichkeit für eine richtige Entscheidung.

Mit welcher Wahrscheinlichkeit wird ZeugInnen eine Einzelgegenüberstellung oder eine bestimmte Variante der Wahlgegenüberstellung vorgelegt? Das hängt im Grunde davon ab, wo man lebt. Aktuell verändert sich die Präsentation von Gegenüberstellungen in einigen Rechtssystemen. In Großbritannien wurde vor kurzem die sogenannte VIPER-Gegenüberstellung (Video Identification Parade Electronic Recording; deutsch: elektronische Aufzeichnung der Videogegenüberstellung) eingeführt (Memon, Havard, Clifford, Gabbert & Watt, 2011). Diese Gegenüberstellung besteht aus mehreren kurzen Videoclips, die den ZeugInnen nacheinander gezeigt werden. Jeder Clip dauert ungefähr 15 Sekunden und zeigt eine Person aus der Gegenüberstellung, wobei Kopf und Schultern zu sehen sind. Das Gesicht wird frontal und im Profil im Winkel von 90 Grad gezeigt. Alle Clips werden in einer großen Datenbank gespeichert, welche die besten Übereinstimmungen mit einer Personenbeschreibung ausgibt. Hierauf basierend können die BeamtInnen, die die Gegenüberstellung durchführen, entscheiden, welche Clips in die Gegenüberstellung aufgenommen werden. Der Clip, der die verdächtige Person zeigt, wird normalerweise zusammen mit fünf bis acht Clips von Vergleichspersonen gezeigt. Obwohl es sich um eine sequentielle Gegenüberstellung handelt, gibt es dabei keine strikte Abbruchregel, wonach jede Person in der Gegenüberstellung nur einmal betrachtet werden darf und die Durchführung abgebrochen wird, sobald der Zeuge oder die Zeugin eine Person aus der Gegenüberstellung ausgewählt hat (Valentine, Darling & Memon, 2007). Der Grund hierfür liegt in der Gesetzgebung von England und Wales, wonach jeder Clip mindestens zweimal angesehen werden muss, bevor eine Entscheidung gefällt werden darf. Tatsächlich dürfen ZeugInnen einzelne Personen der Gegenüberstellung so oft betrachten, wie sie möchten.

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