Wut: Eine prosoziale Emotion?

Eine andere Studie, in der unser Wissen über Wut zum Einsatz kam, beinhaltete eine Analyse des Spendenverhaltens von (wütenden) TeilnehmerInnen. Insbesondere wurde untersucht, ob Wut zu prosozialem Verhalten in Form von Spenden für Wohltätigkeitsorganisationen führen kann, wenn man mit dieser Spende ein Unrecht ausgleichen kann. In dieser Studie wurde Wut durch eine Gedächtnisaufgabe hervorgerufen. Im AnschlussEs wurde untersucht, ob Wut zu prosozialem Verhalten in Form von Spenden führen kann. Bild: zhrefch via flickr (https://www.flickr.com/photos/zhrefch/22421245132/in/photolist-AahK2W, CC: https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/) wurden die TeilnehmerInnen gefragt, inwieweit sie bereit seien, Geld an zwei verschiedene Wohltätigkeitsorganisationen zu spenden. Diese Wohltätigkeitsorganisationen unterschieden sich in dem Beitrag, den sie mit dem gesammelten Geld leisten konnten. Eine dieser Organisationen hatte eine speziell kompensierende Funktion: Mit der Spende würden weibliche Opfer von Menschenhandel unterstützt, um ihnen so den Start in ein neues Leben ermöglichen zu können. Eine andere Organisation hatte eine weniger kompensierende Funktion: Mit der Spende würden weibliche Opfer von Naturkatastrophen unterstützt, die sich zurzeit in Krisenzentren aufhielten. Die zuletzt genannte Organisation konzentrierte sich nicht auf eine konkrete Entschädigung der Leidtragenden, sondern hatte das Ziel, eine weitere Verschlechterung der Lage für diese Menschen zu verhindern. Auch in diesem Fall ist denkbar, dass Geld eher aus empathischer Fürsorge als aus Wut gespendet wurde. Darum wurde auch hier das Einfühlungsvermögen der TeilnehmerInnen als alternative Erklärung für ihr Spendenverhalten untersucht. Die Ergebnisse zeigten, dass wütende Personen mehr Geld spendeten, wenn die Spende eine kompensierende Funktion hatte, als wenn sie keine kompensierende Funktion hatte. TeilnehmerInnen, die keine Wut empfanden, spendeten gleich hohe Beträge an die Wohltätigkeitsorganisationen mit und ohne kompensierende Funktion. In Übereinstimmung mit früheren Ergebnissen führte Wut also nur zu prosozialem Verhalten, wenn dadurch ein Unrecht ausgeglichen werden kann. Der Effekt von Wut auf das Spendenverhalten entsteht unabhängig von Empathie.

Fazit

Bereits jetzt kann zusammenfassend festgehalten werden:

(1) Wut wird in First-Person-Situationen ebenso oft erlebt wie in Third-Person-Situationen;

(2) Verhalten, das zur Behebung von Unrecht führt, kann sowohl negativ (wie etwa die Bestrafung eines Täters oder einer Täterin) als auch prosozial (wie etwa die Entschädigung eines Opfers) sein;

(3) Wut führt eher zu prosozialem Verhalten, wenn man dadurch Unrecht beheben kann;

(4) die Wiederherstellung von Gerechtigkeit durch prosoziales Verhalten wird der Bestrafung der TäterInnen vorgezogen;

(5) prosoziales Verhalten, das aus Wut entsteht, kann zu höheren Spenden für gute Zwecke führen, wenn die Spende die Funktion hat, ein Unrecht wiedergutzumachen.

Der Nachweis, dass Wut nicht nur zu negativem und aggressivem Verhalten führen kann, und die Analyse der Bedingungen, unter denen Wut andere Reaktion hervorruft, erlauben eine neue Perspektive auf Wut.

Warum Menschen lieber kompensieren als bestrafen kann noch nicht eindeutig beantwortet werden und erfordert weitergehende Forschung. Eine mögliche Erklärung wäre, dass Strafen im Prinzip zwar die Gerechtigkeit wiederherstellen, aber das Opfer nicht aus seiner nachteiligen Situation befreien. Allgemeiner gesagt könnten die Menschen Entschädigungen bevorzugen, weil sie ein sichereres Ergebnis als Strafen bieten. Das bedeutet, dass man durch eine Entschädigung sicher ist, dass dem Opfer tatsächlich geholfen wurde. Bei Bestrafungen hingegen kann man nicht sicher sein, dass die TäterInnen auch weiterhin auf dem rechten Weg bleiben.

In der aktuellen Untersuchung waren keine der Ungerechtigkeiten besonders schwerwiegend. Es handelte sich um unfaire Geldeinteilungen, Diebstahl oder sinnlose Gewalt. Für zukünftige Forschungen wäre es interessant, die Verhaltenspräferenzen von wütenden Menschen in Third-Person-Situationen im Falle eines schwereren Verbrechens zu betrachten. Zwei mögliche Ergebnisse sind denkbar. Einerseits ist es möglich, dass die Kompensationspräferenz nur in Fällen von Delikten mit mittlerem Schweregrad vorliegt und dass Bestrafungen im Falle schwerer Straftaten bevorzugt werden. So zeigt eine Studie, dass Menschen im Falle schwerer Straftaten (jemanden gewaltsam aus dem Auto ziehen, um dieses zu stehlen) im Vergleich zu weniger schweren Straftaten (Geld aus einem Geldautomaten stehlen) eher gewillt sind, den Täter oder die Täterin zu bestrafen (Rucker, Polifroni, Tetlock & Scott, 2004). Andererseits bedeutet eine schwerwiegendere Straftat oft auch, dass ein Opfer zu höherem Schaden kommt. Darum könnte die Präferenz einer Entschädigung weiterhin vorhanden sein. Des Weiteren kann manches Unrecht nicht wieder gut gemacht werden, wodurch Bestrafung zur einzigen praktikablen Option wird. Selbst in solchen Fällen kann es jedoch geschehen, dass Menschen motiviert sind, dem Opfer zu helfen, wenn auch nicht durch Entschädigung. Zum Beispiel zeigt die oben genannte Studie, dass Menschen es akzeptabel finden, den für das Opfer entstandenen Schaden zu berücksichtigen, wenn das Strafmaß für den Täter oder die Täterin bestimmt wird (Lens, Van Doorn, Pemberton & Bogaerts, 2014).

Welche Implikationen sehe ich für die Gesellschaft? Ich bemerke eine Diskrepanz zwischen dem, was BeobachterInnen bevorzugen, nämlich die Entschädigung der Opfer, und dem, worauf sich unser Rechtssystem konzentriert, nämlich die Bestrafung der TäterInnen. Hierdurch kann womöglich teilweise die vorherrschende öffentliche Unzufriedenheit mit dem Niederländischen Bestrafungssystem (De Keijser, Van Koppen & Elffers, 2007) erklärt werden: Die Bestrafung des Täters oder der Täterin befreit ein Opfer nicht aus seiner misslichen Lage.

Da Bestrafen für viele Menschen nicht die bevorzugte Art ist, Gerechtigkeit zu schaffen, ist Entschädigung in einigen Fällen die bessere Alternative. Das soll nicht heißen, dass die Menschen nicht wollen, dass VerbrecherInnen bestraft werden oder dass die Gesellschaft nicht mehr über Bestrafungen informiert werden soll. Ein Vorschlag, der aus diesen Erläuterungen folgt, ist, dass die Gesellschaft stattdessen besser über die Entschädigung der Opfer informiert werden sollte; Informationen, die die Öffentlichkeit momentan nicht erreichen. Ein Teil der öffentlichen Unzufriedenheit über Bestrafungen kann womöglich dadurch gemindert werden, dass die Gesellschaft besser über Kompensationen informiert wird. Es gibt in den Niederlanden verschiedene Möglichkeiten, Opfer zu entschädigen. Das Erbringen einer Entschädigung stellt also nicht so sehr das Problem dar, sondern eher die Kenntnis, die die breite Öffentlichkeit hiervon hat.

Kurz gesagt kann Wut zwar womöglich nicht als prosoziales Gefühl klassifiziert werden, aber die Annahme, dass Wut in jeder Hinsicht eine negative Emotion darstellt, ist eine Fehleinschätzung.

Dieser Artikel basiert auf folgender Publikation:

Van Doorn, J. (2014). On anger and prosocial behavior. Ridderkerk: Ridderprint.

Literaturverzeichnis

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De Keijser, J. W., Van Koppen, P. J., & Elffers, H. (2007). Bridging the gap between judges and the public? A multi-method study. Journal of Experimental Criminology, 3, 131–161. doi:10.1007/s11292-007-9031-3

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Lens, K. M. E., Van Doorn, J., Pemberton, A., & Bogaerts, S. (2014). You shouldn’t feel that way! Extending the emotional victim effect through the mediating role of expectancy violation. Psychology, Crime & Law, 20, 326–338. doi:10.1080/1068316X.2013.777962

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Van Doorn, J., Zeelenberg, M., & Breugelmans, S. M. (2014). Anger and prosocial behavior. Emotion Review, 6, 266-273. doi:10.1177/1754073914523794

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