„Zeig mir, was du hast!“ – Was steckt hinter dem Teilen von „sexy Selfies“ und welche Risiken und Chancen birgt das sogenannte Sexting unter Jugendlichen?

Dass sich Sexting als eine Spielart sexuellen Experimentierens herausgebildet hat, hat vermutlich auch mit der veränderten Medienlandschaft zu tun. Anders als vorherige Generationen wachsen Jugendliche heutzutage in einer Medienwelt auf, die von sexuellen Inhalten geprägt ist. Diese gesellschaftliche Entwicklung könnte Sexting begünstigen. Prominente und Models posten „sexy Selfies“ in den sozialen Medien, und populäre Jugendfernsehserien drehen sich häufig um Sex und Beziehungen. Darüber hinaus haben Jugendliche über das Internet direkten Zugang zu Pornografie (Van Ouytsel et al., 2014a). Gesteht man Prominenten, Models sowie anderen AkteurInnen in den Medien eine gewisse Vorbildfunktion zu, könnte Sexting im Sinne einer Nachahmung interpretiert werden, da „sexy Selfies“ auf unterschiedlichsten Plattformen in der heutigen Promi-Welt keine Ungewöhnlichkeit mehr dazustellen scheinen. Tatsächlich finden sich Zusammenhänge zwischen der Beteiligung an Sexting und dem Ansehen von Musikvideos (bei männlichen Jugendlichen) bzw. dem Konsum von pornografischem Material (sowohl bei männlichen als auch bei weiblichen Jugendlichen; Van Ouytsel et al., 2014a).

Die heutige mediale Welt hat vermutlich einen nicht unbedeutenden Einfluss darauf, welchen Erwartungen sich Jugendliche ausgesetzt fühlen, und das in einer Weise, die Sexting zu begünstigen scheint. Die Einhaltung solcher „sozialer Normen“ wird aus psychologischer Perspektive unter anderem durch den sogenannten „Gruppendruck“ forciert. Gruppendruck ergibt sich daraus, dass Menschen im Allgemeinen ein Bedürfnis nach Anerkennung und Akzeptanz innerhalb „ihrer“ Gruppe(n) haben. Die Einhaltung sozialer Normen wird von der Gruppe gewöhnlich mit Anerkennung belohnt. Abweichungen werden dagegen mit Missachtung oder gar Ausschluss aus der Gruppe bestraft. Je größer das Bedürfnis nach Anerkennung, desto größer ist im Allgemeinen auch der Gruppendruck (vgl. Akers & Jennings, 2009). Für den Einfluss von Gruppendruck auf Sexting spricht, dass Jugendliche, die sich (öfter) an Sexting beteiligen, ein erhöhtes Bedürfnis nach Anerkennung und Beliebtheit aufweisen (Vanden Abeele, Campbell, Eggermont & Roe, 2014) und einen stärkeren Gruppendruck für die Beteiligung an Sexting wahrnehmen (Lee et al., 2013). In weiteren Studien wurde mithilfe verschiedener Modelle herausgefunden, dass Sexting-Verhalten am besten vorhergesagt werden kann, wenn die Wahrnehmung sozialer Normen berücksichtigt wird (Walrave et al., 2014, 2015).

Der Zusammenhang zwischen Sexting und dem persönlichen Bedürfnis nach Anerkennung weist darauf hin, dass neben Gruppendynamiken und gesellschaftlichen Faktoren auch Eigenschaften der Person eine Rolle spielen. So wird Sexting vermehrt von impulsiveren Jugendlichen praktiziert (Temple et al., 2014) und von Jugendlichen, die ein erhöhtes Bedürfnis haben, aufregende und interessante Erlebnisse zu haben (sog. Sensation Seeking; Van Ouytsel et al., 2014b): Der Nervenkitzel von Sexting und die damit verbundene Erregung scheinen Verlockungen für manche Jugendliche zu sein.

Auch die sexuelle Orientierung scheint eine Rolle zu spielen. Jugendliche, die sich als homo- oder bisexuell identifizieren, sind häufiger in Sexting involviert als heterosexuelle Jugendliche. Möglicherweise bietet die Online-Welt einen Ort, an dem Angehörige sexueller Minderheiten einfacher und sicherer mit Menschen gleicher Orientierung in Kontakt treten können. Sie können in der Online-Welt romantisch intim werden, was in ihrer Umwelt abseits von Handy und Internet möglicherweise immer noch mit Schwierigkeiten verbunden ist (Ybarra & Mitchell, 2014).

Sexuelle Identitätsentwicklung, gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die Wahrnehmung sozialer Normen, Gruppendruck sowie Persönlichkeitseigenschaften und sexuelle Orientierung – Sexting wird von einer Vielzahl von Faktoren auf komplexe Art bedingt. Dabei sind noch viele Fragen offen: Für die Bestimmung von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen wären vermehrt Studien über längere Zeiträume (sog. Langzeitstudien) wünschenswert. Um das komplexe Zusammenwirken verschiedener Faktoren besser zu verstehen, könnte zudem in zukünftigen Studien die persönliche Lebenssituation umfassender einbezogen werden. Zum Beispiel könnte eine wichtige Rolle spielen, ob Jugendliche in einer festen Beziehung sind oder nicht. Wie schon zu Beginn erwähnt, würde die Sexting-Forschung zur besseren Vergleichbarkeit der Studienergebnisse zudem von einer einheitlichen Definition profitieren (Van Ouytsel et al., 2015).

Wohin soll die Reise gehen?

Auch wenn noch viele Fragen offen sind – Sexting ist ein relevantes Thema, das eine bedeutende Anzahl Jugendlicher betrifft. Wir haben den aktuellen Stand der Forschung zu Beweggründen und Einflussfaktoren sowie Zusammenhänge mitAufklärungskampagne "Sexting", Bild von Pro Juventute via flickr (https://flic.kr/p/htTs4f); CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/) anderen Verhaltensweisen vorgestellt. Sexting kann – wie von vielen Eltern befürchtet – mit negativen Konsequenzen verbunden sein. Tragische Einzelfälle können hier leicht dazu führen, undifferenzierte, durch wissenschaftliche Befunde nicht gestützte Schlüsse zu ziehen. Wir plädieren dafür, Sexting differenziert zu betrachten. So gehen mit Sexting zwar beispielsweise mit höherer Wahrscheinlichkeit reale sexuelle Kontakte einher, die – nach derzeitigem Forschungsstand – aber kaum riskanter ausgelebt werden.

Dementsprechend ist Sexting nicht per se als Problemverhalten zu verstehen. Vielmehr erfüllen Sexting-Verhaltensweisen als Spielart sexuellen Experimentierens möglicherweise wichtige Funktionen in der Entwicklung der Sexualität von Jugendlichen (Walrave et al., 2015). Besonders für Jugendliche mit einer religiös bedingten sexuell strikten Weltanschauung oder für Jugendliche, die sich mit einer sexuellen Minderheit identifizieren, könnte die Online-Welt eine wichtige Alternative darstellen, wenn sie ihre Sexualität „offline“ nur unter erschwerten Umständen ausleben können (Ybarra & Mitchell, 2014).

Sexting könnte auch wichtige Funktionen in der Entwicklung romantischer Beziehungen erfüllen. Wie andere Formen der Selbstenthüllung (etwa das Teilen von Geheimnissen) könnte Sexting dazu beitragen, die Intimität von Beziehung zu steigern. Eine Studie mit Erwachsenen gibt Anhaltspunkte dafür, dass Sexting (mit Texten oder Bildern) bei Paaren im Erwachsenenalter mit einer höheren Beziehungszufriedenheit einhergeht (Parker, Blackburn, Perry & Hawks, 2012). Zukünftige Studien müssen prüfen, ob sich diese Ergebnisse bestätigen und auf Beziehungen bei Jugendlichen übertragen lassen. Von der zukünftigen Forschung erhoffen wir uns außerdem wissenschaftlich fundierte Strategien und Maßnahmen, um potenzielle Gefahren von Sexting abzuwenden. Ansatzpunkte könnten beispielsweise die vorgestellten Persönlichkeitsmerkmale wie Sensation Seeking, Impulsivität oder Sensibilität für Aufklärungskampagne "Sexting", Bild von Pro Juventute via flickr (https://flic.kr/p/htToQ1); CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)Gruppendruck liefern, die besonders dazu beitragen, dass Jugendliche Sexting ausüben.

Einerseits ist Sexting mit Risiken, andererseits auch mit Chancen verbunden. Auf jeden Fall ist es eine Realität, mit der sich Jugendliche und ihre Bezugspersonen konfrontiert sehen. Auch wenn noch viele Fragen offen sind und wissenschaftlich fundierte Präventions- und Interventionsstrategien fehlen, müssen sie auch heute schon damit umgehen. Wie tun sie das am besten? Döring (2012, S. 21) hat Leitlinien entwickelt, die Jugendlichen dabei helfen sollen, sich mit geringerem Risiko am Sexting zu beteiligen. Demnach sollten Jugendliche Sexting nur dann betreiben, wenn sie wirklich einverstanden sind, die andere Person gut kennen und dieser vertrauen. Sexting sollte zudem auf Gegenseitigkeit beruhen, das heißt, beide Parteien sollten Bilder empfangen und verschicken. Explizit sexuelle Bilder sollten immer so weit wie möglich anonymisiert werden, um negativen Konsequenzen bei einer Weiterverbreitung entgegenzuwirken. Dazu ist es auch hilfreich, Bilder nicht komplett nackt, sondern etwa in Bade- oder Unterwäsche aufzunehmen. Werden diese Regeln beachtet, sollten negative Folgen verringert und mögliche positive Begleiterscheinungen von Sexting befördert werden können – nicht zuletzt die fast in Vergessenheit geratene Komponente Spaß.

Literaturverzeichnis

Akers, R. L., & Jennings, W. (2009). Social learning theory. In J. Miller (Hrsg.), 21st Century criminology: A reference handbook (pp. 323-332). Thousand Oaks: Sage.

Döring, N. (2012). Erotischer Fotoaustausch unter Jugendlichen: Verbreitung, Funktionen und Folgen des Sexting. Zeitschrift für Sexualforschung, 25, 4-25. doi: 10.1055/s-0031-1283941

Döring, N. (2014). Consensual sexting among adolescents: Risk prevention through abstinence education or safer sexting? Cyberpsychology: Journal of Psychosocial Research on Cyberspace, 8(article 1). doi: 10.5817/CP2014-1-9

Feierabend, S., Plankenhorn, T. & Rathgeb, T. (2015). Jugend, Information, (Multi-) Media. Basisstudie zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland. Stuttgart: Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs).

Lee, C.-H., Moak, S. & Walker, J. T. (2013). Effects of self-control, social control, and social learning on sexting behavior among South Korean youths. Youth & Society. doi: 10.1177/0044118x13490762

Lippman, J. R. & Campbell, S. W. (2014). Damned if you do, damned if you don't…if you're a girl: Relational and normative contexts of adolescent sexting in the United States. Journal of Children and Media, 8, 371-386. doi: 10.1080/17482798.2014.923009

Parker, T. S., Blackburn, K. M., Perry, M. S. & Hawks, J. M. (2012). Sexting as an intervention: Relationship satisfaction and motivation considerations. The American Journal of Family Therapy, 41, 1-12. doi: 10.1080/01926187.2011.635134

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