Das In-Mind WM-Special: Von links nach rechts- die Wahrnehmung eines Tores im Fußball als besonders ästhetisch

Wie wir ein Tor bewerten, kann vielleicht auch eine Frage der (Kamera-)Perspektive sein bzw. davon abhängen, wo wir während des Tores im Stadion sitzen: Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass zumindest wir BewohnerInnen eines westeuropäischen Landes ein Tor als schöner empfinden, wenn es von links nach rechts geschossen wurde.

FußballtorJe nachdem, ob sich etwas rechts oder links befindet bzw. rechts oder links positioniert wurde, beurteilen Menschen dieses Objekt oder diese Situation mehr (rechts) oder weniger (links) schön, gut, richtig etc. (siehe Glaser & Hellmann, 2017). Diese leichte Verzerrung nach rechts gibt es auch im Fußball: Wenn ein Tor von links nach rechts erzielt wurde, bewerteten es italienische Versuchspersonen als ästhetischer, als wenn es von rechts nach links gezeigt wurde (Maass, Pagani, & Berta, 2007).  Allerdings befanden ebenfalls italienische Versuchspersonen auch brutale Filmszenen als gewalttätiger, wenn sie von links nach rechts dargeboten wurden, als wenn die Präsentation andersherum dargeboten wurde. Generell scheint es eine Verzerrung zur rechten Seite hin zu geben, wenn es um Fußball geht: Nicholls, Loetscher und Rademacher (2010) haben beobachtet, dass Versuchspersonen einen Fußball von der Mitte aus tendenziell eher nach rechts schießen, obwohl die Anweisung lautet, ihn möglichst mittig zwischen zwei Torpfosten zu platzieren. Ebenfalls aus dem Bereich des Fußballs stammt der (vermeintliche) Befund, dass sich Torhüter häufiger auf die rechte Seite werfen, insbesondere dann, wenn sie unter Stress stehen (Roskes, Sligte, Shalvi, & DeDreu, 2011). Jedoch konnte das zuletzt erwähnte Ergebnis späteren Analysen der Daten nicht ohne Weiteres standhalten (Price & Wolfers, 2014).

Wie die allgemeinen Präferenzen für die rechte Seite im Fußball zustande kommen, ist meines Wissens noch nicht abschließend geklärt. Teilweise könnten sie durch Händigkeit und Füßigkeit bedingt sein, die einfach häufiger auf der rechten Seite auftreten, teilweise durch die spezifischen Merkmale der zumeist westlich orientierten Stichproben, die eine Ästhetik des Verstehens durch das erlernte Lesen von links nach rechts aufgesogen haben. Wenn die eigene Mannschaft bei der anstehenden WM ein Spiel mit hauchdünnem Vorsprung gewinnt, dürfte es den meisten Menschen allerdings zumindest vorerst ohnehin egal sein, ob sie nun das entscheidende Tor von links nach rechts oder von rechts nach links gesehen haben. Das Ganze ist dann wohl eher keine Frage der (Kamera-)Perspektive.

Quellen:

Glaser, T., & Hellmann, J. H. (2017). Heading right and judging harsher: Spatial orientation toward the right side and moral judgments. Social Psychology, 48, 253-264. doi:10.1027/1864-9335/a000316

Maass, A., Pagani, D., & Berta, E. (2007). How beautiful is the goal and how violent is the fistfight? Spatial bias in the interpretation of human behavior. Social Cognition, 25, 833-852. doi:10.1521/soco.2007.25.6.833

Nicholls, M. E. R., Loetscher, T., & Rademacher, M. (2010). Miss to the right: The effect of attentional asymmetries on goal-kicking. Plos One, 5, e12363. doi:10.1371/journal.pone.0012363

Price, J., & Wolfers, J. (2014). Right-oriented bias: A comment on Roskes, Sligte, Shalvi, and De Dreu (2011). Psychological Science. doi:10.1177/0956797614536738

Roskes, M., Sligte, D., Shalvi, S., & De Dreu, C. K. W. (2011). The right side? Under time pressure, approach motivation leads to right-oriented bias. Psychological Science, 22, 1403-1407. doi:10.1177/0956797611418677

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FelixMittermeier via pixabay: https://pixabay.com/photo-2101738/

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