Feind oder Freund? Warum Normen und Gruppenzugehörigkeit über Krieg und Frieden mitentscheiden

Konflikte zwischen nationalen, ethnischen oder religiösen Gruppen dominieren die internationalen Schlagzeilen und halten die Welt in Atem. Jeder dieser Konflikte hat vielschichtige Gründe. Psychologische Forschung lässt vermuten, dass das menschliche Bewusstsein um ihre eigene Sterblichkeit kriegerische Handlungen anstacheln, aber auch vermindern kann. Wie lässt sich das erklären und wovon hängt die Wirkung des Wissens um die eigene Sterblichkeit ab?

stillerfriese_blog1_byjayelaheramviaflickr.pngWar and Peace von Jayel Aheram via Flickr (https://www.flickr.com/photos/aheram/283162678), cc (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)Menschen wissen, dass sie einmal sterben werden. Das scheint auf den ersten Blick nichts Besonderes zu sein. Forschung zur Terror Management Theorie legt jedoch nahe, dass dieses Bewusstsein eine psychologische Bedrohung darstellt, auf die Menschen unter anderem mit vermehrter Verteidigung ihrer Kultur und Weltsicht reagieren. Den Auswirkungen dieses Phänomens auf Fragen von Krieg und Frieden hat sich das Autorenteam um Daniela Niesta gewidmet (Niesta, Fritsche & Jonas, 2008).

Die Verteidigung der eigenen Weltsicht kann sich in Vorurteilen gegenüber Fremden, Aggression  und einer größeren Unterstützung für kriegerische Handlungen äußern. Allerdings führen diese kriegerischen Handlungen die eigene Sterblichkeit umso stärker vor Augen, sodass Gewaltkreisläufe entstehen und sich fortsetzen können. Im Gegensatz dazu kann die Erinnerung an den eigenen Tod aber auch zu mehr Kompromiss- und Hilfsbereitschaft gegenüber anderen führen. Unsoziales und soziales Denken und Handeln werden also zu einem Teil durch unser Sterblichkeitsbewusstsein vermittelt.

Wovon hängt ab, ob dieses Bewusstsein eher zu sozialem, hilfsbereitem oder unsozialem, kriegerischem Handeln führt? Wenn Menschen mit ihrem Tod konfrontiert werden, dann halten sie an zentralen, dominanten Normen und Werten ihrer (Sub-)Kultur fest und verteidigen diese. Legen diese Normen und Werte eine notfalls auch aggressive Verteidigung der eigenen Kultur nahe, fördert dies konfliktträchtiges Denken und Handeln. Legen sie aber Toleranz, Wohlwollen und ein friedliches Zusammenleben nahe, dann kann die Erinnerung an den eigenen Tod auch auf die entgegengesetzte Weise wirken und zu mehr Kompromiss- und Hilfsbereitschaft führen.

Wie lässt sich dieses Wissen nutzen, um Gewaltkreisläufe zu durchbrechen und stattdessen Verhandlungsgrundlagen für ein friedliches Zusammenleben zu schaffen? Laut der Terror Management Theorie sollte erstens die Bedeutung jener Normen und Werte gestärkt werden, die den Frieden unterstützen. Zweitens sollte Politik versuchen zu verdeutlichen, auf welche Weise Konfliktparteien einer gemeinsamen übergeordneten Gruppe angehören, um eine gemeinsame soziale Identität zu fördern. Eine Erinnerung an die eigene Sterblichkeit sollte dann zu einem Festhalten an den friedlichen Normen führen und Toleranz für Fremde nahelegen, statt auf Vorurteile und in Aggression zu verfallen. Auch wenn offensichtlich ist, dass das nicht in allen Auseinandersetzungen einfach erreichbar ist, bietet die bestehende Forschung nach Ansicht der Autoren Anlass zum Optimismus: So könnten durch friedensorientierte Normen und Werte Konflikte verhindert und eine positive Grundlage für Verhandlungen geschaffen werden.

Quelle:

Niesta, D., Fritsche, I. & Jonas, E. (2008). Mortality salience and its effects on peace processes. A review. Social Psychology, 49, 48-58.

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