Geisterfahrer und andere Verwirrte – Der blinde Fleck für eigene Urteilsverzerrungen bei politischen Diskussionen

Sie kennen wahrscheinlich den Witz von dem Autofahrer, der im Radio die Warnung vor einem Geisterfahrer hört und bei sich denkt: „Einer? Hunderte!“. Wenn wir von etwas fest überzeugt sind, würden wir manchmal eher allen anderen Verblendung unterstellen, als uns einzugestehen, dass unsere eigene Sichtweise nicht frei von Verzerrungen ist. Wie kommt es, dass wir Urteilsverzerrungen bei anderen so leicht erkennen, aber nicht bei uns selbst? 

Stop für GeisterfahrerStop Falsch von Andrikkos via Wikimedia (Bild und CC Attributet-Share Alike 3.0 Unported Lizenz: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:STOP_FALSCH.svg)Bei politischen Diskussionen kann man dieses Phänomen, das in der Forschung bias blind spot genannt wird, sehr gut beobachten. Kopfschüttelnd nehmen wir etwa wahr, wie DiskussionspartnerInnenArgumente ignorieren und Fakten verdrehen, um ihre Sichtweise zu verteidigen, halten aber unsere eigene Position für absolut vernünftig angesichts der nüchternen Betrachtung der Sachlage, die wir vorgenommen haben. Während wir Quellen von Urteilsverzerrungen bei anderen Menschen ausgesprochen gut erkennen und mit Genugtuung offenlegen, scheinen wir blind dafür zu sein, wie unsere eigenen Urteile von ihnen beeinflusst werden. Die Forscherin Emily Pronin (2007), die sich ausgiebig mit dem Phänomen beschäftigt hat, nennt drei Erklärungen dafür: 

Die erste Erklärung ist recht naheliegend. Sie besagt, dass das Abstreiten eigener Urteilsverzerrungen Ausdruck unseres Bedürfnisses ist, ein positives Selbstbild aufrechtzuerhalten. Aus dem gleichen Grund erklären wir auch unsere Erfolge durch Können und unsere Misserfolge durch Pech oder geben an, überdurchschnittlich gute AutofahrerInnen, LiebhaberInnen oderZuhörerInnenzu sein. In diesem Zusammenhang deuten Forschungsergebnisse darauf hin, dass wir oft nicht nur behaupten, bei etwas überdurchschnittlich gut zu sein, sondern es auch wirklich glauben (Williams & Gilovich, 2008). 

Die zweite Erklärung besagt, dass wir unterschiedliche Arten von Informationen heranziehen,wenn wir bei eigenen oder bei fremden Urteilen nach verzerrenden Einflüssen suchen. Bei uns selbst denken wir, dass introspektiv zugängliche Informationengut geeignet sind, um zu erklären, wie bestimmte Urteile entstanden sind. Das heißt, wir schenken eigenen Motiven („Ich bemühe mich immer, objektiv zu sein.“) oder Gefühlen („Ich konnte keine verzerrenden Einflüsse bemerken.“) viel Bedeutung. Auf dieser Informationsgrundlage können wir keine Hinweise auf Verzerrungen erkennen. Da wir dabei vernachlässigen, dass unsere Urteile oft von Prozessen beeinflusst werden, die unbewusst ablaufen, spricht man von einer Introspektionsillusion. Bei anderen achten wir hingegen mehr auf beobachtbares Verhalten (z.B. ein Experte, der eine abweichende Meinung vertrat, wurde abgewertet) und generelles Wissen über die menschliche Psyche (z.B. „Menschen sehen oft nur das, was sie sehen wollen.“). Hier erscheinen Urteilsverzerrungen dann sehr viel wahrscheinlicher. 

Die dritte Erklärung besagt, dass es für unser Wohlbefinden wichtig ist, das Gefühl zu haben, dass wir einigermaßen zutreffende Vorstellungen von den Dingen in der Welt haben. Ein gewisses Maß an Ungewissheit halten wir aus, aber Dinge, die unsere Sichtweise in Frage stellen, sind potenziell bedrohlich. Wir tendieren deshalb dazu, zu glauben, dass wir die Welt so sehen, wie sie tatsächlich ist. Dieser naive Realismus impliziert, dass auch alle anderen Menschen mit gesundem Verstand die Dinge im Großen und Ganzen so sehen sollten wie wir. Wie gehen wir dann aber damit um, dass andere Menschen bei wichtigen Themen anderer Meinung sind als wir? Zunächst einmal vermuten wir, dass ihre Meinung auf unvollständigen Informationen basiert. Sie können es nicht besser wissen oder haben sich nicht die Mühe gemacht, sich richtig zu informieren. Was aber, wenn wir merken, dass Andersdenkende über das Thema mindestens so gut informiert sind, wie wir selbst? Dann müssen ihre Urteile aus anderen Gründen verzerrt sein, zum Beispiel weil sie von einer Ideologie verblendet sind, versteckte persönliche Interessen verfolgen oder von fremden Mächten manipuliert werden. Forschung hat gezeigt, dass wir anderen Menschen umso mehr Verzerrung unterstellen, je mehr ihre Meinung von der unsrigen abweicht und dass wir uns anderen gegenüber umso unkooperatiververhalten, je mehr wir ihre Meinung als verzerrt wahrnehmen. Je unkooperativer wir uns verhalten, desto verzerrter erscheint unsere Meinung in den Augen anderer, woraufhin diese sich mit größerer Wahrscheinlichkeit ihrerseits unkooperativ verhalten, woraufhin wir… (Kennedy & Pronin, 2008). 

In Zeiten, da sich politische Einstellungen polarisieren und politische Debatten rauer werden, erscheinen uns Andersdenkende oft wie jener Geisterfahrer, der es nicht wahrhaben will. Anders als im Straßenverkehr ist bei politischen Debatten allerdings oft nicht eindeutig zu sagen, wer hier eigentlich Geisterfahrer ist und wer auf der richtigen Spur, denn die eine objektiv richtige Sichtweise gibt es hier meist nicht. Wir sollten uns hin und wieder klarmachen, dass auch unsere eigenen Urteile – egal wie sehr wir uns um Objektivität bemühen – oft nicht ganz so unvoreingenommen sind, wie es uns erscheint. 

Quellen:

Kennedy, K. A. & Pronin, E. (2008). When disagreement gets ugly: Perceptions of bias and the escalation of conflict.Personality and Social Psychology Bulletin, 34, 833-848. 

 

Pronin, E. (2007). Perception and misperception of bias in human judgment.Trends in Cognitive Sciences,  11, 37-43. 

 

Williams, E. F. & Gilovich, T. (2008). Do people really believe they are above average?Journal of Experimental Social Psychology,  44, 1121-1128. 

 

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