Glaube an den freien Willen beeinflusst die Beurteilung anderer Personen

Wer an den freien Willen glaubt, schreibt die Ursache von Verhalten eher persönlichen Faktoren als situativen Faktoren zu.

 ankreuzbare Kästchen: Yes, No, Maybegeralt via pixabay (https://pixabay.com/de/ja-zustimmung-abgehakt-k%C3%A4stchen-238371/,CC:https://pixabay.com/de/service/terms/#usage)Die meisten Menschen glauben, dass sie nach freiem Willen handeln (Nahmias, Morris, Nadelhoffer & Turner, 2005). Ob freier Wille aber tatsächlich existiert, ist eine Frage über die PhilosophInnen seit geraumer Zeit debattieren. Eine klare Antwort wurde bis heute noch nicht gefunden. Seit führende WissenschaftlerInnen in den Bereichen Neurologie und Genetik vor ein paar Jahren anfingen, die Existenz des freien Willens zu bezweifeln, kam neuer Schwung in die Debatte (Wegner, 2002). Als der Zweifel am freien Willen in populärwissenschaftlichen Zeitschriften en vogue wurde, mischten sich auch PsychologInnen in die Debatte ein und warfen die Frage auf: „Was passiert eigentlich, wenn wir Menschen plötzlich anfangen zu glauben, dass es den freien Willen nicht gibt?“

Um dieser Frage weiter nachzugehen, haben wir in einer kürzlich erschienen Studienreihe untersucht, wie sich der Glaube an den freien Wille auf die Beurteilung von Verhalten auswirkt (Genschow, Rigoni & Brass, 2017). In sechs Studien haben wir Versuchspersonen gebeten, verschiedene Verhaltensweisen (z. B. lügen oder Geld spenden) zu beurteilen. In allen Studien fanden wir, dass die ProbandInnen das Verhalten anderer Menschen stärker dispositionalen Faktoren (z. B. Persönlichkeitseigenschaften) als äußeren Faktoren (z. B. situative Einflüssen) zuschrieben. Diese sogenannte Korrespondenzverzerrung war umso stärker ausgeprägt, je mehr die Versuchspersonen an den freien Willen glaubten. Mehr noch: Je stärker der Zusammenhang zwischen dem Glauben an den freien Willen und der Korrespondenzverzerrung war, desto eher waren die Versuchspersonen bereit, positives Verhalten zu belohnen und negatives Verhalten zu bestrafen.

Diese Ergebnisse haben insbesondere für unser Rechtssystem Auswirkungen, in dem die Verurteilung von Straftaten von dem Maß der Intentionalität einer Handlung abhängt. So könnte ein starker Glaube an den freien Willen dazu führen, dass StraftäterInnen härter bestraft werden. Oder anders ausgedrückt: Wenn Menschen aufhören, an den freien Willen zu glauben, könnten Straftaten weniger stark bestraft werden.

Quellen:

Genschow, O., Rigoni, D., & Brass, M. (2017). Belief in free will affects causal attributions when judging others’ behavior. Proceedings of the National Academy of Sciences, 114, 10071-10076.

Nahmias, E., Morris, S., Nadelhoffer, T., & Turner, J. (2005). Surveying freedom: Folk intuitions about free will and moral responsibility. Philosophical Psychology, 18, 561-584.

Wegner, D. (2002). The Illusion of Free Will. Cambridge: MIT Press.

 

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