"Ich muss einen Politiker nur sehen, schon weiß ich, ob er wegen seiner Kompetenz eine Wahl gewinnt oder nicht! “

Stellen Sie sich Folgendes vor: Sie sehen kurz nacheinander mehrere Paare von Gesichtern von Politikerinnen oder Politikern. Diese Gesichter zeigen jeweils die beiden Bürgermeisterkandidatinnen oder -kandidaten in Gegenden, die weit von Ihrem Wohnort entfernt sind. Meinen Sie, Sie könnten durch ein simples Urteil, wer von beiden der kompetentere Politiker ist, besser als der Zufall vorhersagen, wer die Wahl gewinnen wird?

Psychologische Forschung legt genau dies nahe. In den USA haben Alexander Todorov und seine Kolleginnen und Kollegen nämlich insgesamt über 600 Versuchspersonen Gesichter von Politikerinnen und Politikern präsentiert und unter anderem um ein Urteil der vermuteten größeren politischen Kompetenz dieser Politiker gebeten. In fünf verschiedenen Studien haben durchschnittlich ca. 70 % dieser Kompetenzbeurteilungen die Sieger von Wahlen vorhersagen können. Da es sich immer um zwei Kandidaten handelte, hätten zufällige Zuschreibungen höherer politischer Kompetenz gerade einmal 50 % Treffer bedeutet. Hierbei ist es wichtig zu betonen, dass die Versuchspersonen (genauso wie Sie in dem fiktiven Beispiel in der Einleitung) die Kandidaten für politische Ämter allesamt nicht kannten.

Im Jahr 2006 haben Janine Willis und Alexander Todorov fünf weitere Studien zu einer ähnlichen Thematik veröffentlicht. Sie haben herausgefunden, dass bereits 100 Millisekunden ausreichen, damit Menschen Schlussfolgerungen aus ersten Eindrücken eines Gesichtes ziehen, die mit denjenigen in hohem Maße übereinstimmen, die Versuchsteilnehmende in der Abwesenheit zeitlicher Begrenzungen zogen. Die Zuversicht in die Gültigkeit spontaner Schlussfolgerungen über Persönlichkeitseigenschaften aus auf Fotos präsentierten Gesichtern stieg allerdings an, wenn die Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer mehr Zeit hatten, die Gesichter zu betrachten.

Eine Schlussfolgerung aus diesen Studien könnte sein, dass wir ruhig auch mal auf erste Eindrücke vertrauen können. Auf der anderen Seite ist es sicher auch nicht immer falsch, eine gewisse Offenheit beizubehalten, gegebenenfalls erste Eindrücke über spätere Erfahrungen mit anderen Personen revidieren zu können.

Quellen:

Todorov, A., Mandisodza, A. N., Goren, A., & Hall, C. C. (2005). Inferences of competence from faces predict election outcomes. Science, 308, 1623–1626.

Willis, J., & Todorov, A. (2006). First impressions: Making up your mind after a 100-ms exposure to a face. Psychological Science, 17, 592-598.

 

Artikelautor(en)

Newsletter

Abonnieren Sie unseren Newsletter, um über neue In-Mind Artikel, Blog Beiträge und vieles mehr informiert zu sein.

Facebook